Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Täuschungsmanöver

Ob ich Win­ter­rei­fen auf­ge­zo­gen habe, erkun­dig­te sich Saa­di auf dem Bei­fah­rer­sitz. Das war eine Fra­ge, die zu stel­len ange­sichts des Wet­ters durch­aus berech­tigt war. Wir fuh­ren durch eine Schnee­re­gen­sup­pe auf der Auto­bahn von Dres­den nach Chem­nitz, die Sicht reich­te viel­leicht fünf­zig Meter, und ich fuhr ver­mut­lich ein wenig zu schnell. Wir waren spät dran, denn der Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Andrej Hun­ko wür­de nicht mehr lan­ge im Chem­nit­zer Rot­haus e. V. beim »Ver­ein zur För­de­rung poli­ti­scher Kul­tur – Karl Chem­nitz« ver­wei­len, um 16.03 Uhr ging bereits sein Zug nach Aachen, wo er sein Wahl­kreis­bü­ro hat. Oleg Muzy­ka woll­te ihm jedoch unbe­dingt per­sön­lich sein soeben in deut­scher Spra­che erschie­ne­nes Buch über­ge­ben, denn Hun­ko – inzwi­schen selbst wie der ukrai­ni­sche Politemi­grant Muzy­ka von Kiew mit Ein­rei­se­ver­bot belegt – enga­gier­te sich sehr für die poli­tisch Auf­klä­rung und Behand­lung des Mas­sa­kers am 2. Mai 2014 in Odes­sa, das irre­füh­rend wie beschö­ni­gend als »Tra­gö­die« durch die Medi­en gei­stert. (sie­he Ossietzky 14/​2018)

In Dres­den hat­ten Muzy­ka und Isa­kov soeben im Gewerk­schafts­haus am Schüt­zen­platz das Buch vor­ge­stellt. Nach­dem eine Ver­an­stal­tung mit Muzy­ka am 16. Novem­ber von einem ande­ren Ver­an­stal­ter in Elb­flo­renz abge­sagt wur­de, weil die­sem per Mail aus Kiew gedroht wor­den war (sie­he Ossietzky 24/​2018), hat­te sie nun unter dem Dach des Dresd­ner Volks­hau­ses statt­ge­fun­den. Der Raum war bis auf den letz­ten Sitz gefüllt, mehr als ein hal­bes Hun­dert Dresd­ner nahm mit sicht­li­cher Betrof­fen­heit die Berich­te des Über­le­ben­den Muzy­ka zur Kennt­nis. Wie stets hat­te er auch den Doku­men­tar­film gezeigt, an der Wand hin­gen die Fotos von eini­gen Opfern des faschi­sti­schen Mobs. Die anschlie­ßen­de leb­haf­te Dis­kus­si­on lan­de­te dann sehr schnell in der Gegen­wart, denn aktu­ell roll­ten schon wie­der 400 Pan­zer und ande­re Mili­tär­fahr­zeu­ge durch Sach­sen, auf dem Trup­pen­übungs­platz Ober­lau­sitz soll­ten sie Sta­ti­on machen. Die US Army tausch­te ihre an der »Ost­flan­ke der NATO« ein­ge­setz­ten Trup­pen, die man dort »zur Abschreckung« und als Reak­ti­on auf die »rus­si­sche Anne­xi­on der Krim« in Polen und in den bal­ti­schen Staa­ten sta­tio­niert hat­te. Die­se Trup­pen­be­we­gung – Ope­ra­ti­on »Atlan­tic Resol­ve« gehei­ßen – war ein Manö­ver in der Tat, ein Täu­schungs­ma­nö­ver, denn da man sich der Öffent­lich­keit gegen­über ver­pflich­tet hat­te, in die­sen Län­dern nicht dau­er­haft US-Mili­tär zu sta­tio­nie­ren, rotie­ren seit­her die Trup­pen aller neun Monate.

Wo ist die Frie­dens­be­we­gung, frag­ten eini­ge in der Dis­kus­si­on. War­um schweigt sie zur Auf­kün­di­gung des INF-Ver­tra­ges? Ist sie nun end­gül­tig tot?

Ein Ehe­paar um die 80 berich­te­te über einen sehr spe­zi­el­len Fall deut­scher Russo­pho­bie: Ihm war durch einen gro­ßen Anbie­ter der Han­dy­ver­trag gekün­digt wor­den mit der Vor­hal­tung, es bestün­de der Ver­dacht der Spio­na­ge. Die bei­den hat­ten regel­mä­ßig mit ihren Ver­wand­ten in Russ­land tele­fo­niert und nach die­ser Unver­schämt­heit die Justiz ein­ge­schal­tet. In zwei Ver­fah­ren teil­te das Gericht die Auf­fas­sung des Anbie­ters, was die bei­den Rent­ner um die 700 Euro koste­te. Sie tele­fo­nie­ren seit­her in einem ande­ren Netz.

Die leb­haf­te Debat­te dau­er­te län­ger als geplant, danach signier­ten die Autoren Oleg Muzy­ka und Saa­di Isa­kov Bücher, von den mit­ge­brach­ten drei­ßig Exem­pla­ren muss­ten sie kei­nes wie­der ein­packen. Und dann jag­ten wir durchs Gebir­ge nach Chemnitz.

Klar, sag­te ich zu Saa­di, ich habe Win­ter­rei­fen drauf. Fürch­tet er, aus der Bahn gewor­fen zu werden?

Nee, sag­te Saa­di, er kom­me aus einem ande­ren Grun­de dar­auf zu spre­chen. Er sei doch, wie ich wis­se, zum Jah­res­wech­sel bei sei­ner jüdi­schen Ver­wandt­schaft erst in Kana­da und dann in den USA gewe­sen. Dabei habe er fol­gen­de Beob­ach­tung gemacht, als er sich einen Wagen mie­te­te: In Kana­da ist Win­ter­be­rei­fung gesetz­lich vor­ge­schrie­ben, in den USA nicht. Was machen also kana­di­sche Auto­ver­mie­ter in Grenz­nä­he? Sie las­sen ihre Autos in den USA zu und die­se mit ame­ri­ka­ni­schen Kenn­zei­chen über kana­di­sche Stra­ßen fah­ren. Kri­mi­nel­les Pack, sag­te Saadi.

Nee, sag­te ich, das gan­ze Gesell­schafts­sy­stem ist kri­mi­nell, da wird der Ein­zel­ne zwangs­läu­fig zum Kriminellen.

Na, sag­te Saa­di tadelnd, es gibt auch Aus­nah­men, und stöp­sel­te sich sein Head­set in die Ohren.

Wir erwisch­ten Hun­ko in Chem­nitz noch.

Oleg Muzyka/​Saadi Isa­kov: »Bren­nen­des Gewis­sen. Der 2. Mai 2014 in Odes­sa und die Fol­gen. Fünf Jah­re danach«, edi­ti­on ost und LITINWEST Netanja/​Israel, ISBN 978-3-947094-37-0, 146 Sei­ten, 15 €