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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Und Orpheus singt

Ach, ich habe sie verloren

Orpheus singt, erweicht die Götter

Und erweicht auch dich

All mein Glück ging nun

dahin. Hörst du nun, lange

vor­bei, in der Hafenkneipe

der Spe­lun­ke von Cuxhaven

lan­ge The­ke, Resopaltisch

Heu­te läuft im Fernsehen

die­se Oper, die von Gluck, Sie

ver­ste­hen, und die Frau

hin­ter der The­ke, faltiges

Gesicht, knall­ro­te Lippen

tie­fer Aus­schnitt, schüttelt

ungläu­big den Kopf

Was läuft heu­te? Eine Oper?

Könn­te ich die hier wohl

sehen? Eine Oper, lacht sie

hier in mei­ner Kneipe

so was hat­ten wir noch nie

Sie lacht lan­ge, nickt dann

plötz­lich. War­um nicht? Gibt

ver­mut­lich nie­mand mehr, der

sich das spä­ter noch mal wünscht

eine Oper. Und so läuft sie

in dem klei­nen Kasten in

der Ecke, singt Orpheus

nun in der Spelunke

und die Ker­le an der Theke

Tat­toos auf den Oberarmen

Klei­der­schrän­ke, vier sind

es, schau­en ver­wirrt zu mir

her­über. Wat is los hier?

Mach dat weg, wer will so

was hören? Doch die Wir­tin lacht

Lass ihn, ist doch mal was

Neu­es. Wenn er es doch gerne

hört. Einer woll­te grad zu dir

kom­men, stoppt die Schritte

geht lang­sam zurück zur Theke

Komi­scher Laden ist das hier

sagt er, wirk­lich komisch

aber lässt dich doch in Ruhe

trinkt sein Bier, genau wie du

Plötz­lich sind dann alle ruhig

auch die Wir­tin zapft kein

Bier mehr. Orpheus singt: Ach

ich habe sie verloren

Und erweicht die Götter

und erweicht auch dich

und dazu die Kerle

an der The­ke. All mein

Glück ist nun dahin. Dein

Glück aber kommt, kommt zu

dir durch den Gesang. Kommt

auch plötz­lich zu den Kerlen

ungläu­bi­ges Erstaunen

Schwei­gen, dann der Blick

zu dir, mild, fast dankbar

so was hat­ten wir noch nie

War­um bloß nicht, klang doch gut

das alles. Was hat er denn verloren

Klei­ner, fragt der eine von den

Vie­ren, komm, erklär das mal.

Kann wohl nur was Schö­nes sein

wenn der so trau­rig singt, ja, was

Schö­nes. Gibt es wohl noch in der

Welt, irgend­wo viel­leicht, weit weg.