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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Wort-Geschichten: Sexualisierte Gewalt

Man könn­te es ein­fach sexu­el­le Gewalt nen­nen, wenn ein Macht­ver­hält­nis aus­ge­nutzt wird, um sexu­el­le Gefü­gig­keit zu erzwin­gen. Jeder wüss­te sofort, was gemeint ist. Gera­de so aber nennt man den Vor­gang in der Regel nicht.

Medi­en und Poli­ti­ker haben sich dar­auf ver­stän­digt, lie­ber von sexua­li­sier­ter Gewalt zu spre­chen, wenn der Herr Pfar­rer sei­ne Mini­stran­ten oder Onkel Otto sei­ne klei­ne Nich­te miss­braucht, oder wenn der Musik­pro­fes­sor die Nach­wuchs­sän­ge­rin mit vagen Kar­rie­re-Zusa­gen dazu bringt, sich ver­ge­wal­ti­gen zu las­sen. Als sei da erst­mal ein Gewalt­akt gesche­hen, der dann nach­träg­lich auf geheim­nis­vol­le Wei­se »sexua­li­siert«, also aus etwas Nicht­se­xu­el­lem in etwas sexu­el­les umge­wan­delt wür­de. Wie aber könn­te eine sol­che Umwand­lung gesche­hen? Wer nimmt sie vor, und was ist ihr Zweck?

Bei Vor­fäl­len im wei­ten Raum der katho­li­schen Kir­che, die in der Öffent­lich­keit auf wesent­lich mehr Inter­es­se sto­ßen als die viel zahl­rei­che­ren im eng­sten Fami­li­en­kreis, mag man ver­sucht sein, das Wand­lungs­wun­der mit dem Begriff der »Trans­sub­stan­tia­ti­on« zu erklä­ren, der den Gläu­bi­gen ver­deut­licht, wie durch die rich­ti­gen Ein­set­zungs­wor­te aus dem Wein nicht nur sym­bo­lisch, son­dern phy­si­ka­lisch real das Blut des Erlö­sers wird. Womit dann auch die Fas­zi­na­ti­on des Sünd­haf­ten ange­tippt wäre, ohne dass man sich ernst­haft dar­auf ein­las­sen müsste.

Im Büro des Musik­hoch­schul­prä­si­den­ten dage­gen, in den Umklei­de­räu­men des Sport­ver­eins oder in Onkel Ottos Schlaf­zim­mer kommt man mit theo­lo­gi­schen Fan­ta­sie­übun­gen nicht weit. Dort hat man es ja auch nicht mit Tätern zu tun, die von Berufs wegen zu sexua­li­sier­ter Absti­nenz ver­pflich­tet sind, somit an per­ma­nen­ter sexua­li­sier­ter Fru­stra­ti­on lei­den und dar­um »natür­lich« nach Kin­der­po­pos süch­tig werden.

War­um aber benen­nen wir sexu­el­le Gewalt nicht als das, was sie ein­deu­tig ist? Am Ende gar, um die Opfer zu schüt­zen vor dem Vor­wurf, sie hät­ten viel­leicht durch auf­rei­zen­des Geha­be zu sexu­el­ler Annä­he­rung ver­führt – was leicht zu wider­le­gen ist, wenn das Ergeb­nis der angeb­li­chen Ver­füh­rung eine zunächst ja noch gar nicht sexua­li­sier­te Gewalt­hand­lung war? Oder sol­len wir nur leich­ter so tun kön­nen, als wüss­ten wir nicht, wor­um es geht, wenn von den myste­riö­sen Vor­gän­gen aus­wei­chend die Rede ist?

Zumin­dest bei dem Men­schen­ken­ner Shake­speare wuss­te schon der römi­sche Impe­ra­tor Juli­us Cae­sar, dass die Herr­schen­den Angst haben müs­sen vor Unter­ta­nen, die Bescheid wis­sen und nicht zu ein­fäl­tig oder zu faul sind, um sel­ber zu denken.