Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Aktenzeichen 1 BvQ 19/​04 unbekannt

Sie sei der Mei­nung, »dass wir vie­les in die­sem Land … nicht wahr­ge­nom­men haben«, sag­te Bun­des­ju­stiz­mi­ni­ste­rin Chri­sti­ne Lam­brecht (SPD) nach dem rechts­ex­tre­mi­sti­schen Ter­ror­an­schlag von Hal­le. Was sie kon­kret mein­te, blieb offen. Wahr­schein­lich dach­te sie an den zuneh­men­den Anti­se­mi­tis­mus aus­ge­rech­net in dem Land, in dem einst die Syn­ago­gen brann­ten. Schlag­zei­le der Süd­deut­schen Zei­tung vom 24. Okto­ber auf der ersten Sei­te: »Jeder vier­te Deut­sche denkt antisemitisch«.

Was der Bun­des­ju­stiz­mi­ni­ste­rin wohl kaum bewusst gewe­sen sein dürf­te, ist eine Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts mit dem Akten­zei­chen 1 BvQ 19/​04, in der es um den Bau einer Syn­ago­ge in Bochum ging. Das Recht der NPD, gegen den Bau der Syn­ago­ge zu pro­te­stie­ren, wird dar­in unter Ver­weis auf die Mei­nungs­frei­heit über das Recht jüdi­scher Men­schen auf unge­stör­te Reli­gi­ons­aus­übung gestellt. Was wie eine sata­ni­sche Par­odie auf die jüng­sten Bekennt­nis­se zum Schutz der Syn­ago­gen wirkt, hat sich vor fünf­zehn Jah­ren abgespielt.

Im März 2004 woll­te der Lan­des­ver­band Nord­rhein-West­fa­len der NPD in Bochum zwei »Auf­zü­ge mit Kund­ge­bun­gen« gegen den Bau einer Syn­ago­ge in der Stadt. abhal­ten. »Stoppt den Syn­ago­gen­bau« lau­te­te das Mot­to. Die Ver­an­stal­tung wur­de vom Bochu­mer Poli­zei­prä­si­di­um ver­bo­ten. Die NPD leg­te dage­gen erfolg­reich Wider­spruch beim Ver­wal­tungs­ge­richt ein, schei­ter­te damit aber beim Ober­ver­wal­tungs­ge­richt. Eine rechts­ex­tre­mi­sti­sche Ideo­lo­gie wie der Natio­nal­so­zia­lis­mus, so das Gericht, las­se sich nicht unter Ver­weis auf die Mei­nungs­frei­heit legi­ti­mie­ren, weil sie grund­ge­setz­li­chen Wert­vor­stel­lun­gen zuwi­der lau­fe. Das Mot­to der Kund­ge­bung stel­le eine gegen die jüdi­schen Mit­bür­ger gerich­te­te Pro­vo­ka­ti­on beson­de­rer Art und Inten­si­tät dar.

Dar­auf­hin bean­trag­te die NPD beim Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt eine einst­wei­li­ge Anord­nung und kam damit durch. In einem Eil­rechts­ver­fah­ren ent­schied das höch­ste deut­sche Gericht: »Das Grund­recht der Mei­nungs­frei­heit ist ein Recht auch zum Schutz von Min­der­hei­ten; sei­ne Aus­übung darf nicht all­ge­mein und ohne eine tat­be­stand­li­che Ein­gren­zung, die mit dem Schutz­zweck der Grund­rech­te über­ein­stimmt, unter den Vor­be­halt gestellt wer­den, dass die geäu­ßer­ten Mei­nungs­in­hal­te herr­schen­den sozia­len oder ethi­schen Auf­fas­sun­gen nicht widersprechen.«

Beschrän­kun­gen der Ver­samm­lungs­frei­heit, so das Gericht wei­ter, dürf­ten nicht dar­auf gestützt wer­den, was in einer Ver­samm­lung mög­li­cher­wei­se gesagt wer­den wür­de. Zur Ver­mei­dung eines »schwe­ren Nach­teils« und wegen der »offen­sicht­li­chen Rechts­wid­rig­keit der Ver­bots­ver­fü­gung« erlaub­te der Erste Senat des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ein­stim­mig die Kund­ge­bung gegen den Syn­ago­gen­bau und des­sen finan­zi­el­le Unter­stüt­zung durch die Stadt Bochum. Eine Ent­schei­dung, von der der Direk­tor der Ber­li­ner Stif­tung Topo­gra­phie des Ter­rors, Andre­as Nach­a­ma, damals sag­te, sie stel­le einen gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Para­dig­men­wech­sel dar und wäre vor 20 Jah­ren undenk­bar gewesen.

Die­sem Wan­del dürf­te es wohl auch zuzu­schrei­ben sein, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt 2017 auch den zwei­ten Ver­such eines Ver­fas­sungs­or­gans abwies, die NPD zu ver­bie­ten. Ein­mal hat­te die Bun­des­re­gie­rung, das ande­re Mal der Bun­des­rat einen Ver­bots­an­trag gestellt. Das Gericht sah zwar bei der NPD eine »Wesens­ver­wandt­schaft mit dem Natio­nal­so­zia­lis­mus«, aber die recht­fer­ti­ge für sich genom­men nicht die Anord­nung eines Ver­bo­tes. Auch dass die NPD die Besei­ti­gung der frei­heit­lich demo­kra­ti­schen Grund­ord­nung anstre­be, ste­he zwar fest, es feh­le »jedoch an kon­kre­ten Anhalts­punk­ten von Gewicht, die es zumin­dest mög­lich erschei­nen las­sen, dass die­ses Han­deln zum Erfolg führt«.

Die Neo­na­zis durf­ten wei­ter­ma­chen. Inzwi­schen sitzt eine Par­tei wie die AfD, von der der CSU-Vor­sit­zen­de Söder die­ser Tage sag­te, sie sei »die neue NPD«, mit 91 Abge­ord­ne­ten im Bun­des­tag und stellt dort in Gestalt des Abge­ord­ne­ten Ste­phan Brand­ner den Vor­sit­zen­den des Rechts­aus­schus­ses. Brand­ner ver­brei­te­te nach dem anti­se­mi­ti­schen Ter­ror­an­schlag von Hal­le einen Tweet, in dem gefragt wur­de, war­um Poli­ti­ker nach dem Anschlag »mit Ker­zen in Moscheen und Syn­ago­gen rum[lungern]«, obwohl die bei­den Todes­op­fer doch Deut­sche gewe­sen sei­en. Spä­ter ent­schul­dig­te er sich dafür. War­um er den Tweet über­haupt ver­brei­te­te, sag­te er laut Süd­deut­scher Zei­tung vom 18. Okto­ber nicht.

Wahr­schein­lich wird der Vor­gang, so wie die skan­da­lö­se Syn­ago­gen-Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts aus dem Jah­re 2004, eines Tages zu den Din­gen gerech­net wer­den, von denen Justiz­mi­ni­ste­rin Lam­brecht jetzt bedau­ernd gesagt hat, sie sei­en nicht wahr­ge­nom­men wor­den. Unter­des­sen haben Bund und Län­der auf einer Son­der­kon­fe­renz beschlos­sen, den poli­zei­li­chen Schutz für jüdi­sche Ein­rich­tun­gen zu ver­bes­sern. Aber hier geht es nicht um ein poli­zei­li­ches Pro­blem, son­dern um ein gesamt­ge­sell­schaft­li­ches. Das zu begrei­fen, soll­te eigent­lich nicht schwer fallen.