Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu
Close
Skip to content

Ein geschichtsträchtiges Harzstädtchen

Was kann eine Klein­stadt schon bie­ten? Das idyl­li­sche Blan­ken­burg hat eini­ge tou­ri­sti­sche Sehens­wür­dig­kei­ten vor­zu­wei­sen. High­light sind die Schloss­gär­ten, die mit ihrem 100 Hekt­ar gro­ßen Ensem­ble zu den »Histo­ri­schen Gär­ten und Parks in Sach­sen-Anhalt« gehö­ren. Dar­über hin­aus kann die Stadt am Nord­rand des Har­zes auf eine wech­sel­vol­le Geschich­te zurück­blicken, die untrenn­bar mit der Geschich­te des Schlos­ses ver­bun­den ist. So hat Blan­ken­burg sei­nen Namen von der Burg auf dem »blan­ken Stein« erhal­ten. Die Burg wur­de um 1123 als Castrum blan­ken­burch auf einem steil abfal­len­den Kalk­fel­sen von Lothar von Süpp­lin­gen­burg (Her­zog von Sach­sen und spä­te­rer Kai­ser Lothar III.) erbaut, der sie als mili­tä­ri­schen Stütz­punkt und für Gerichts­ta­ge nutz­te. Unter­halb der Burg wur­de dann plan­mä­ßig die Stadt errich­tet, die bereits im Jah­re 1305 durch eine beacht­li­che, 1550 Meter lan­ge Stadt­mau­er geschützt gewe­sen sein soll. Die älte­sten Gebäu­de der Stadt sind das Rat­haus und die Bar­tho­lo­mä­us­kir­che, bei­de im 13. Jahr­hun­dert erbaut. Die Bewoh­ner leb­ten vor­wie­gend von der Land­wirt­schaft und dem Hand­werk. Feu­da­le Feh­den (unter ande­rem mit dem deut­schen Kai­ser Fried­rich I. Bar­ba­ros­sa), die Ereig­nis­se des Bau­ern­krie­ges und die Wir­ren wäh­rend des Drei­ßig­jäh­ri­gen Krie­ges führ­ten zum Nie­der­gang der Wirt­schaft. Die Bevöl­ke­rung ver­arm­te. An die Beset­zung durch die Trup­pen Wal­len­steins erin­nern noch heu­te meh­re­re ein­ge­mau­er­te Kano­nen­ku­geln in der Fas­sa­de des histo­ri­schen Rat­hau­ses. Erst Anfang des 18. Jahr­hun­derts blüh­te die Stadt wie­der auf, als es zu einem Auf­schwung des Berg­bau- und Hüt­ten­we­sens kam.

Das Schloss war über vie­le Jahr­hun­der­te hin­weg Resi­denz der Gra­fen von Blan­ken­burg, ehe ab 1599 hier die Her­zö­ge von Braun­schweig-Lüne­burg resi­dier­ten. Die heu­te sicht­ba­ren Gebäu­de­tei­le stam­men über­wie­gend aus der Zeit zwi­schen 1705 und 1731. Kai­ser Joseph I. hat­te 1707 die Graf­schaft zu einem reichs­un­mit­tel­ba­ren Für­sten­tum erho­ben; dar­auf­hin ließ Her­zog Lud­wig Rudolph (1671–1735) nicht nur das Schloss zur barocken Resi­denz umbau­en, son­dern die gesam­te Anla­ge wur­de mit einem Fürst­li­chen Gar­ten­haus (spä­ter Klei­nes Schloss), einer Oran­ge­rie, einem Tee­haus und einem Fasa­nen­gar­ten für ein prunk­vol­les höfi­sches Leben erwei­tert. Damit ent­fal­te­te sich in dem klei­nen Harz­städt­chen eine üppi­ge Hof­hal­tung mit glän­zen­den Festen, Thea­ter­auf­füh­run­gen und pom­pö­sen Hofjagden.

Mit der Rück­ver­le­gung der Resi­denz 1731 nach Wol­fen­büt­tel und dem Tod des Her­zogs ver­sank das Schloss wie­der in der Bedeu­tungs­lo­sig­keit. Es dien­te danach nur noch gele­gent­lich zum Som­mer- oder Jagd­auf­ent­halt. Die Gar­ten­flä­chen erhiel­ten eine wirt­schaft­li­che Nut­zung, unter ande­rem wur­den auf den Ter­ras­sen Obst­bäu­me ange­pflanzt. Das Wild im Tier­gar­ten wur­de abgeschafft.

Ende des 18. Jahr­hun­derts rück­te das ver­schla­fe­ne Blan­ken­burg schließ­lich in den Fokus der Welt­ge­schich­te. Vom 24. August 1796 bis zum 10. Febru­ar 1798 weil­te ein gewis­ser Graf von Lil­le (Comte de Lil­le) in der Stadt. Das war kein Gerin­ge­rer als Lou­is Sta­nis­las Xavier (1755–1824), der jün­ge­re Bru­der des fran­zö­si­schen Königs Lud­wig XVI., der im Zuge der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on 1791 abdan­ken muss­te und am 21. Janu­ar 1793 hin­ge­rich­tet wur­de. Lou­is Sta­nis­las Xavier, auch Graf der Pro­vence, gelang dage­gen mit sei­ner Fami­lie die Flucht, die ihn über vie­le Sta­tio­nen bis nach Blan­ken­burg führ­te, wo er vor dem Zugriff Napo­le­ons ein siche­res Exil fand, denn das Für­sten­tum Braun­schweig-Wol­fen­büt­tel war ein Ort poli­ti­scher Neu­tra­li­tät. Sei­ne Hof­hal­tung in Blan­ken­burg soll rund drei­ßig Per­so­nen umfasst haben, dar­un­ter Sekre­tä­re, Leib­gar­di­sten, Ärz­te, Stall­mei­ster, Köche, Die­ner sowie wei­te­re Gefolgsleute.

Nach Zei­ten des Ver­falls wur­de das Blan­ken­bur­ger Schloss im 19. Jahr­hun­dert wie­der instand gesetzt und ent­wickel­te sich zu einem deut­schen Adels­treff. Die Kai­ser Wil­helm I. sowie Wil­helm II. zähl­ten dabei zu den pro­mi­nen­te­sten Schloss­gä­sten, wenn sie an den gro­ßen Jag­den teilnahmen.

Auch im 20. Jahr­hun­dert klopf­te die euro­päi­sche Geschich­te noch ein­mal mäch­tig an Blan­ken­burgs Tore. Frie­de­ri­ke Prin­zes­sin von Han­no­ver, 1917 im Schloss Blan­ken­burg gebo­ren, lern­te wäh­rend ihres Stu­di­ums in Ita­li­en den Kron­prin­zen Paul von Grie­chen­land ken­nen. Bei­de hei­ra­te­ten 1938 und flo­hen wäh­rend des Zwei­ten Welt­krie­ges vor der deut­schen Besat­zung ins süd­afri­ka­ni­sche Exil. Nach dem Tod sei­nes älte­ren Bru­ders Georg II. 1947 folg­te ihm Paul I. auf den grie­chi­schen Thron. Als Köni­gin von Grie­chen­land erwarb sich Frie­de­ri­ke viel Aner­ken­nung beim Auf­bau eines Sozi­al­wer­kes und von 51 Kin­der­dör­fern. Ihr Mann starb bereits 1964, sie selbst ging 1974 nach der Abschaf­fung der Mon­ar­chie in Grie­chen­land ins spa­ni­sche Exil, wo ihre älte­ste Toch­ter Sophia 1962 den spa­ni­schen Thron­fol­ger Juan Car­los gehei­ra­tet hat­te. Frie­de­ri­ke starb am 6. Febru­ar 1981 in Madrid, wur­de aber an der Sei­te ihres Gat­ten in der ehe­ma­li­gen könig­li­chen Resi­denz Tatoi in Grie­chen­land beigesetzt.

Eine wei­te­re histo­ri­sche Beson­der­heit führt ins Jahr 1945. Obwohl Blan­ken­burg (zu Braun­schweig gehö­rig) nach den Lon­do­ner Pro­to­kol­len von 1944 zunächst der bri­ti­schen Besat­zungs­zo­ne zuge­teilt wor­den war, wur­de der öst­li­che Teil des Land­krei­ses wegen der schlech­ten Ver­kehrs­an­bin­dung nach Braun­schweig im Zuge einer Grenz­kor­rek­tur im Juli 1945 der sowje­ti­schen Zone zuge­schla­gen, wäh­rend im »Aus­tausch« die Regi­on um Bad Sach­sa an die Bri­ten abge­tre­ten wurde.

Wer heu­te also Blan­ken­burg mit sei­nem Schloss und dem Barock­gar­ten besucht, wan­delt auch auf den Spu­ren euro­päi­scher Geschich­te. Schon am Gar­ten­ein­gang wird man von einer Bron­ze­sta­tue, einer Nach­bil­dung des Braun­schwei­ger Löwen, emp­fan­gen. Die Wel­fen­fa­mi­lie, die hier ab Anfang der 1930er Jah­re leb­te, ließ ihn 1945 zurück, als sie vor der sowje­ti­schen Besat­zungs­macht nach Nie­der­sach­sen floh. Nach der Wen­de for­der­te das Adels­haus Han­no­ver die zwei Meter hohe Löwen­skulp­tur auf­grund des Rück­ga­be­an­spruchs nach dem Aus­gleichs­lei­stungs­ge­setz zurück, was den vehe­men­ten Wider­stand der Blan­ken­bur­ger her­vor­rief. Sie haben demon­striert und Unter­schrif­ten gesam­melt für ihr Wahr­zei­chen – mit Erfolg: Per Leih­ver­trag bleibt der Löwe an sei­nem Platz.