Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Kolonialisierung und Deutsche Einheit

Man­che wer­den sich eini­ger bös-pro­phe­ti­scher Wor­te von Marx erin­nern. Der hat­te ein sehr kon­kre­tes Ver­ständ­nis von der kolo­nia­len Unter­wer­fung der Welt durch den Kapi­ta­lis­mus, aber auch die Vor­freu­de auf eine sozia­le Revo­lu­ti­on, die dies been­den kann. Denn »erst dann wird der mensch­li­che Fort­schritt nicht mehr jenem scheuß­li­chen heid­ni­schen Göt­zen glei­chen, der den Nek­tar nur aus den Schä­deln Erschla­ge­ner trin­ken woll­te«. (MEW 9/​226)

Wir wis­sen, die Revo­lu­ti­on ist aus­ge­blie­ben, oder genau­er: Sie konn­te nur weni­ge Jahr­zehn­te im »Jahr­hun­dert der Extre­me« in einem Teil der Welt, auch einem durch den ver­bre­che­ri­schen Krieg des deut­schen Faschis­mus und sei­ne ver­hee­ren­de Nie­der­la­ge zur Dis­po­si­ti­on gestell­ten Teil Deutsch­lands, ver­sucht wer­den. Trotz heh­rer Idea­le und des Enga­ge­ments Vie­ler schei­ter­te der Ver­such. Die Her­aus­for­de­run­gen waren zu groß, die Öko­no­mie zu schwach, der Druck von außen auf Dau­er nicht auf­zu­fan­gen. Vor allem: Im Inne­ren war die­ser Real­so­zia­lis­mus, der zwar eine nach­ka­pi­ta­li­sti­sche Gesell­schaft erprob­te, aber bei der sozia­li­sti­schen nie ankam, unfä­hig, die Wand­lun­gen der Welt, die Fol­gen der Tech­no­lo­gie­re­vo­lu­ti­on für Wirt­schaft, Sozi­al­struk­tur, System­kon­fron­ta­ti­on zu mei­stern. Die Gesell­schaft, die sich der Revo­lu­ti­on ver­schrie­ben hat­te, war nicht zur Reform fähig.

Erzwun­ge­ner Neuanfang

Gut 16 Mil­lio­nen DDR-Bür­ger muss­ten in die­ser Situa­ti­on ab 1989 im Schei­tern ihrer Gesell­schaft umler­nen. Sie muss­ten etwas Neu­es ver­su­chen, sich in einer Gesell­schaft ein­rich­ten, die sie meist nie erlebt hat­ten, nur als Feind­bild kann­ten. Deren Schat­ten­sei­ten und neu­en Zwän­ge ver­moch­ten vie­le zunächst hin­ter Glit­zer­fas­sa­den nicht zu erkennen.

Ja, sie erleb­ten poli­ti­sche Akteu­re, die wuss­ten und deut­lich mach­ten, dass sie die »Sie­ger der Geschich­te« waren und gebets­müh­len­ar­tig das »Ende der Geschich­te« prie­sen. Die »Sie­ger« woll­ten die posi­ti­ve Erin­ne­rung an die DDR aus­lö­schen, sie dele­gi­ti­mie­ren. Auf kei­nen Fall soll­te noch­mals ver­sucht wer­den, Betrie­be und Groß­grund­be­sitz den kapi­ta­li­sti­schen Eigen­tü­mern zu ent­wen­den. Sie sogen und sau­gen wohl auch noch heu­te den Nek­tar aus jenen Gesell­schaf­ten im Osten Deutsch­lands und in Ost­eu­ro­pa, die den System­wett­streit verloren.

Die­ser Nek­tar ist nahr­haft. Im Osten Deutsch­lands sorg­te die Treu­hand dafür, dass die volks-, staats­ei­ge­nen Betrie­be pri­va­ti­siert und markt­wirt­schaft­lich »ver­schlankt« wur­den. 85 Pro­zent der Unter­neh­men ver­schwan­den in der Hand west­deut­scher Eigen­tü­mer, knapp zehn Pro­zent erhiel­ten aus­län­di­sche Inve­sto­ren. Ost­deut­sche ergat­ter­ten nur fünf Pro­zent des Kuchens. Der Umbruch ab 1990 hat­te für jeden Ex-DDR-Bür­ger Kon­se­quen­zen. Hier sei nicht ein­mal von den poli­tisch moti­vier­ten Säu­be­run­gen die Rede, die gewe­se­ne Par­tei­funk­tio­nä­re, Sta­si­be­la­ste­te und – wie schön schwam­mig der Begriff – Staats­na­he aus ihrer Arbeit und Ver­ant­wor­tung dräng­ten. Sie waren in der DDR die Dienst­klas­se, die Ver­ant­wor­tungs­trä­ger, auch als wis­sen­schaft­li­che Intel­li­genz. Vier von fünf Beschäf­tig­ten ver­lo­ren in den ersten Jah­ren ihren Job, muss­ten sich neu ori­en­tie­ren. Min­de­stens jeder Fünf­te muss­te auf der Suche nach Arbeit zumin­dest zeit­wei­se und in der Regel in Rich­tung Westen sein Land ver­las­sen. Spät wur­den eini­ge indu­stri­el­le Ker­ne geret­tet, und das immer mehr von Men­schen ent­leer­te Land hat in der Tat »blü­hen­de Land­schaf­ten«, hier rau­chen kei­ne Schorn­stei­ne mehr.

Auch wenn gern davon gespro­chen wird, wie sehr der Westen dem Osten gehol­fen habe, wie­der auf die Bei­ne zu kom­men: Die Bilanz für vie­le Ost­deut­sche ist uner­freu­lich oder gar nega­tiv. Sie gewan­nen neue Frei­hei­ten, Rei­se­mög­lich­kei­ten, über­vol­le Rega­le. Selbst­ver­ständ­lich haben sich die mei­sten berap­pelt. Die »all­sei­tig ent­wickel­te sozia­li­sti­sche Per­sön­lich­keit« war viel­leicht nicht für die idea­le sozia­li­sti­sche Gesell­schaft gemacht. Aber sie war in der Lage, sich in ver­än­der­ten Situa­tio­nen zurecht­zu­fin­den, sich anzu­pas­sen und zu ler­nen, erfor­der­li­chen­falls auch ein gerüt­telt Maß Oppor­tu­nis­mus mit­zu­brin­gen. Vor allem war sie fähig, zu impro­vi­sie­ren und sich neu zu erfin­den. Aber für vie­le blieb und bleibt das Phä­no­men, dass ihre Chefs Wes­sis sind, dass die Poli­tik von Lan­des­po­li­ti­kern gemacht wird, bei denen auf den zwei­ten Blick erkenn­bar ist, dass in der ent­schei­den­den büro­kra­ti­schen zwei­ten Rei­he West­im­por­te domi­nie­ren. Selbst an Uni­ver­si­tä­ten und Hoch­schu­len über­wie­gen West­deut­sche und blie­ben nicht ein­mal mehr die ost­deut­schen, oft bür­ger­be­weg­ten Uni­ver­si­täts­rek­to­ren der Wendezeit.

Hier geht es nicht um jene, die sich 1990 oft selbst­los für die Eta­blie­rung neu­er, genau­er bewähr­ter, das heißt alter west­deut­scher Struk­tu­ren in den »neu­en Bun­des­län­dern« enga­gier­ten. Es geht nicht um die Ver­ur­tei­lung jener, die Beför­de­rungs­staus und man­geln­de Kar­rie­re­chan­cen in ihrer west­deut­schen Hei­mat mit dem Sprung ins Unge­wis­se über­win­den woll­ten. Dass weni­ger geeig­ne­te Aspi­ran­ten das nutz­ten wie auch jene, die mit kla­rem poli­ti­schem Auf­trag zur Säu­be­rung der Medi­en oder diver­ser, als staats­nah ange­se­he­ner Fakul­tä­ten antra­ten, das gehört dazu.

Nun regie­ren wir: Der Westen

Das Pro­blem besteht aller­dings dar­in, dass auch die anpas­sungs­fä­hig­sten Ex-DDR-Bür­ger mit­be­ka­men, dass nicht nur im Part­ner-Bun­des­land von Nord­rhein-West­fa­len, im Bran­den­bur­gi­schen, nun galt: NRW – »Nun regie­ren wir!« Die nun­meh­ri­gen Ost­deut­schen, die ehe­ma­li­gen DDR-Bür­ger, mer­ken trotz durch­aus akzep­ta­bler Bezah­lung, dass sie immer noch bei gut 85 Pro­zent der West­be­zü­ge ste­hen. Ande­re haben das Sagen – west­deut­sche Lands­leu­te. Es bleibt der scha­le Nach­ge­schmack und die Gewiss­heit, Bür­ger 2. Klas­se zu sein.

Das wird heu­te wie­der the­ma­ti­siert. Das liegt nicht nur an run­den Jah­res­ta­gen. Das Erstar­ken einer rechts-kon­ser­va­ti­ven, par­ti­ell faschi­sto­iden Par­tei, der AfD, sorgt dafür, dass der Fokus auf die­se Unzu­frie­den­heit gerich­tet wird. Es kann nicht gene­rell an einer schlech­ten sozia­len Lage, einer hohen Arbeits­lo­sig­keit, die es vor Jah­ren im Osten gab, lie­gen. Ein zah­len­mä­ßig nicht gerin­ger Teil Ost­deut­scher ist unzu­frie­den, ver­un­si­chert, fru­striert über den aus ihrer Sicht benach­tei­li­gen­den Umgang mit ihnen. Nicht weni­ge sind bereit, den Ein­peit­schern der Rech­ten zu fol­gen, die eine »Wen­de 2.0« ein­for­dern und das »System« gleich nach den »Aus­län­dern« für alle Mise­ren ver­ant­wort­lich machen.

Auf ein­mal ist wie­der das Wort von der »Kolo­nia­li­sie­rung« aus der Ver­sen­kung auf­ge­taucht, auch wenn sich nur weni­ge Gedan­ken machen, was damit gemeint ist und wie Mecha­nis­men einer sol­chen Fremd­be­stim­mung zu wes­sen Gun­sten und Nut­zen funk­tio­nie­ren. Dass in vie­len Dis­kus­sio­nen über den Rechts­trend über­se­hen wird, dass in abso­lu­ten Zah­len mehr West­deut­sche die extre­me Rech­te wäh­len und die wich­tig­sten Füh­rungs­köp­fe der AfD soli­de West­im­por­te sind, stört wenig. Da müss­te man sich mit der Geschich­te des Rechts­ex­tre­mis­mus und Neo­fa­schis­mus in der alten BRD aus­ein­an­der­set­zen und danach fra­gen, was es mit den sozia­len Ver­lie­rern West auf sich hat. Allein in der DDR nach Ver­sa­gens­mo­men­ten zu suchen hilft da wenig.

Zu erin­nern ist, dass Mit­te der 1990er Jah­re ost- und west­deut­sche kri­ti­sche Wis­sen­schaft­ler um Fritz Vil­mar von der Frei­en Uni­ver­si­tät und Wolf­gang Dümcke von der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät eine ver­nich­ten­de Bilanz der Ver­ei­ni­gungs­po­li­tik zogen. Nicht nur sie sahen, dass es mitt­ler­wei­le eine Ver­ei­ni­gungs­kri­se gab. Sie aber spitz­ten hef­tig ange­grif­fen zu: Die Ver­ei­ni­gung wird als struk­tu­rel­ler Kolo­nia­li­sie­rungs­pro­zess voll­zo­gen, so in ihrem Buch »Kolo­nia­li­sie­rung der DDR. Kri­ti­sche Ana­ly­sen und Alter­na­ti­ven des Eini­gungs­pro­zes­ses« von 1996. Ein Pro­zess, der weit umfang­rei­cher ist als jener, der heu­te auch von Ex-Bür­ger­recht­lern wie Tho­mas Krü­ger als »kul­tu­rel­le Kolo­nia­li­sie­rung« begrif­fen wird.

»Struk­tu­rel­le Kolo­nia­li­sie­rung« greift wei­ter aus: Die öko­no­mi­sche Zer­schla­gung und Über­nah­me der DDR-Wirt­schaft; die Aneig­nung der ost­deut­schen Märk­te, der radi­ka­le Eli­ten­aus­tausch, das Über­stül­pen einer pro­west­li­chen Geschichts­er­zäh­lung, das Zer­stö­ren der im letz­ten Jahr der DDR begon­ne­nen demo­kra­ti­schen Erneue­rung – in idea­ler Form in Gestalt der Run­den Tische, der basis­de­mo­kra­ti­schen Wahl der Chefs, geron­nen im Ver­fas­sungs­ent­wurf des Run­den Tisches. Schließ­lich auch das Ver­dikt für jene inno­va­ti­ven Kon­zep­te und Struk­tu­ren von den Poli­kli­ni­ken über die poly­tech­ni­schen Ober­schu­len eines ein­heit­li­chen Bil­dungs­sy­stems mit gro­ßer Pra­xis­nä­he bis zum SERO-System eines umwelt­freund­li­chen Recyclings.

Dabei ist es egal, ob nach einer Blau­pau­se für die­se Zer­stö­rung gesucht und zurück­ge­gan­gen wird auf Vor­ar­bei­ten des »For­schungs­bei­rats zu Fra­gen der Wie­der­ver­ei­ni­gung Deutsch­lands« ab 1952, der offi­zi­ell erst mit der Neu­en Ost­po­li­tik beer­digt wur­de. Oder ob rea­li­sti­scher­wei­se die strikt anti­kom­mu­ni­sti­sche Ideo­lo­gie und die Anbe­tung des Mark­tes den Ent­schei­dern 1989/​90 in Bonn die Hand geführt hat.

Die The­se von der Kolo­nia­li­sie­rung der Ex-DDR stößt auf zwei wesent­li­che Vor­be­hal­te: Zum einen ist ver­ständ­lich, dass die west­li­che Sei­te sich nicht in der Rol­le des Bösen, Ver­ein­nah­men­den sehen will. Sie betont ihre Selbst­lo­sig­keit und auf Jahr und Tag die maro­de DDR-Wirt­schaft, das geschei­ter­te ideo­lo­gi­sche System, Sta­si und Mau­er, um als wei­ßer Rit­ter dazu­ste­hen. Die Schat­ten­sei­ten der Trans­for­ma­ti­on wer­den erst jetzt ein­ge­stan­den – natür­lich eher als Kol­la­te­ral­schä­den, ver­zeih­li­che Irr­tü­mer in einer Aus­nah­me­si­tua­ti­on und als Werk eini­ger weni­ger Kri­mi­nel­ler, denen man damals nicht das Hand­werk legen konn­te. Typisch sind die dies­be­züg­li­chen Reak­tio­nen auf jüng­ste For­de­run­gen, die Treu­hand­pra­xis auf­zu­ar­bei­ten. Dass den hor­ren­den Trans­fer­zah­lun­gen des Westens die Über­nah­me einer mehr oder min­der intak­ten Wirt­schaft, das Erschlie­ßen eines gro­ßen Mark­tes und das Aus­schöp­fen eines qua­li­fi­zier­ten Arbeits­mark­tes gegen­über­stan­den, wird kaum berück­sich­tigt. Dass die Alli­anz-Ver­si­che­rung die Staat­li­che Ver­si­che­rung der DDR kom­plett erb­te, »Total« (zuge­ge­ben kein west­deut­scher Kon­zern) gro­ße Tei­le der Che­mie- und Erd­öl­in­du­strie bekam, die in der DDR fast wert­lo­sen Immo­bi­li­en rigi­de zu Beton­gold gemacht wer­den konn­ten, dass die Deut­sche Bank die Staats­bank der DDR über­neh­men konn­te (was die Bank letzt­lich auch nicht ret­te­te), wird unter den Tep­pich gekehrt.

Zum ande­ren stößt auf Unver­ständ­nis, dass Ost­deut­sche in ihrer Mehr­heit sich so ein­fach kolo­nia­li­sie­ren lie­ßen. Eine Mischung von unver­stell­ten Erwar­tun­gen an ein star­kes West­deutsch­land mit funk­tio­nie­ren­dem Sozi­al­staat, har­ter DM, Rei­se­frei­heit, der Hoff­nung, schnell und erfolg­reich Fuß zu fas­sen, hat­te offen­bar gewirkt. Hier ging es nicht um Glas­per­len, son­dern um die viel­fach auch erfüll­te Erwar­tung an ein mate­ri­ell bes­se­res Leben in einem kapi­ta­li­sti­schen Deutsch­land. Ein Reform­weg für eine erneu­er­te DDR schien zu stei­nig, die zu erbrin­gen­den Opfer nicht über­schau­bar. Die Kri­se von 1989 wur­de als Schei­tern begrif­fen, nicht nur einer hilf­lo­sen SED-Füh­rung, son­dern eines Wirt­schafts­sy­stems und vor allem einer einst so ver­hei­ßungs­vol­len Idee. Der Westen stand parat mit kon­kre­ten Ange­bo­ten, mit Bera­tern, als­bald mit einem System poli­ti­scher Struk­tu­ren, einer funk­tio­nie­ren­den, wenn auch ver­ein­nah­men­den Wirt­schafts­macht. Bei allem Beto­nen der Lasten der Ost­deut­schen muss aller­dings erin­nert wer­den – das sah der Osten auch –, dass sie eine »Beer­di­gung 1. Klas­se« erleb­ten im Ver­gleich zu dem, was in Ost­eu­ro­pa geschah. Hat­te nicht einst schon Imma­nu­el Kant sein Auf­klä­rungs­dik­tum als die Not­wen­dig­keit beschrie­ben, aus der »selbst­ver­schul­de­ten Unmün­dig­keit« aus­zu­bre­chen? Das Schick­sal der Ost­deut­schen (und auch der West­deut­schen) zeigt, wie schnell es geht, in eine sol­che Unmün­dig­keit zu fallen.

Neo­li­be­ra­les Erpro­bungs­ge­biet Ost

Nicht zuletzt war der Anschluss der DDR kein gemein­sa­mes Rin­gen um eine Ver­fas­sung, um das Beste aus bei­den Syste­men, son­dern die bedin­gungs­lo­se Über­nah­me des bun­des­deut­schen Systems durch einen Bei­tritt. Über­la­gert wur­de der Pro­zess durch den Sie­ges­zug des Neo­li­be­ra­lis­mus als einer beson­ders angriffs­lu­sti­gen, auf Pro­fit und Ver­wand­lung aller sozia­len Bezie­hun­gen in Geld­be­zie­hun­gen gerich­te­ten Vari­an­te des Kapi­ta­lis­mus. »Geiz ist geil« war nicht nur ein Wer­be­slo­gan, son­dern war und ist das domi­nie­ren­de Funk­ti­ons­prin­zip, das sich gegen die eher soli­da­ri­sche Grund­ein­stel­lung der Ost­deut­schen durch­setz­te. Die Neo­li­be­ra­len fan­den in der zu zer­stö­ren­den Wirt­schafts- und Sozi­al­struk­tur Ost­deutsch­lands jenes Expe­ri­men­tier­feld, das am Ende auf die gan­ze Bun­des­re­pu­blik über­tra­gen wer­den konn­te. Der Zer­fall gewerk­schaft­li­cher Gegen­macht, das Zurück­drän­gen der Betriebs­rä­te, die Flucht aus den Tarif­ver­trä­gen sind heu­te Kern­be­stand­tei­le des Gesell­schafts- und Wirt­schafts­sy­stems. Der Osten wur­de zum Tür­öff­ner einer ent­si­cher­ten Gesell­schaft, in der alle Gesell­schafts­be­rei­che, auch die Daseins­vor­sor­ge vom Gesund­heits­we­sen bis zum öffent­li­chen Nah­ver­kehr, Gewinn­zwän­gen unter­wor­fen sind. Die Wirt­schafts­kri­se ab 2007 ff. wie auch die Kli­ma­kri­se zei­gen die Gren­zen die­ses Systems auf, das nun wie­der als »Kapi­ta­lis­mus« ange­spro­chen wer­den darf. Aber die Angst vor dem »Sozia­lis­mus« scheint immer wie­der auf, egal, ob ein Juso-Chef Kon­zer­ne ver­ge­sell­schaf­ten will – und sicher nicht an ein VEB-Schild á la DDR denkt – oder ein R2G-Senat über Mie­ten­deckel und Bür­ger­initia­ti­ven über die Ent­eig­nung beson­ders gie­ri­ger Woh­nungs­un­ter­neh­men nachdenken.

Die deut­sche Ein­heit ist nicht voll­endet, es blei­ben zwei Gesell­schaf­ten in einem Land. Die eine ist die Benach­tei­lig­te, dar­an ändern weder eine ost­deut­sche Kanz­le­rin, geschick­te PR oder die mas­sen­haf­te Ver­ga­be von »Gol­de­nen Hen­nen« etwas. Wer mit der Anglei­chung der Lebens­ver­hält­nis­se nicht ernst macht, nicht aus­rei­chend ange­mes­sen bezahl­te Arbeit schafft, für erschwing­li­chen Wohn­raum, wür­di­ge Alten­pfle­ge und eine für alle Bür­ger in allen Lan­des­tei­len gesi­cher­te Gesund­heits­ver­sor­gung sorgt, der zemen­tiert die sozia­le Spaltung.

Die ist nun wahr­lich nicht allein mit der Kolo­nia­li­sie­rung eines Lan­des­teils erklärt, son­dern spal­tet die Gesell­schaft im gan­zen Land. Und nie­mand soll­te die Illu­si­on haben, dass die­se Fra­gen mit ein oder zwei Genera­tio­nen gelöst sind. Ein Blick nach Kata­lo­ni­en, Schott­land oder Que­bec soll­te alle eines Bes­se­ren beleh­ren. Marx‘ »Schä­del der Erschla­ge­nen« las­sen ver­ges­sen, dass die Unter­le­ge­nen nicht ganz tot sind, wie­der­auf­er­ste­hen und sich ein­mal weh­ren könn­ten. Aber nie­mand hat die Garan­tie, dass sie das nur für eine bes­se­re Gesell­schaft tun wer­den. Das Pro­blem soll­te ernst genom­men wer­den, die Zumu­tung bleibt.

Unser Autor ist einer der Orga­ni­sa­to­ren der Kon­fe­renz »Zwei­mal Deutsch­land – Sozia­le Poli­tik in zwei deut­schen Staa­ten – Her­aus­for­de­run­gen, Gemein­sam­kei­ten, getrenn­te Wege« des För­der­krei­ses Archi­ve und Biblio­the­ken zur Geschich­te der Arbei­ter­be­we­gung e. V., des Ber­lin-Bran­den­bur­ger Bil­dungs­werk e. V. mit sei­nem Zeit­ge­schicht­li­chen Archiv und des Hel­le Pan­ke e. V. – RLS Ber­lin am 4. Novem­ber 2019 ab 9.30 Uhr im »Kul­tur­Gut«, Alt-Mar­zahn 23, 12685 Ber­lin. Wei­te­re Infor­ma­tio­nen fin­den sich auf der Kon­fe­renz-Home­page www.deutschland1949.de.