Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Loblied auf einen Sammler

Er ist ein beses­se­ner Samm­ler, der ehe­ma­li­ge Che­mie­in­ge­nieur Gerd Gru­ber. Schon als er fünf­zehn Jah­re alt war, erwarb er sei­ne ersten Blät­ter, Gra­phi­ken von Lea Grun­dig, die ihn ermu­tig­te, immer wei­ter zu sam­meln. Nun ist er Rent­ner und bewahrt ein beein­drucken­des, umfang­rei­ches Kon­vo­lut von Arbei­ten aus aller Welt. Einen Teil sei­ner Schät­ze prä­sen­tiert er jetzt in Wit­ten­berg unter dem The­ma »Kunst nach 1945«. Die Aus­stel­lung befin­det sich an drei Stand­or­ten, die zu Fuß leicht erreich­bar sind: Im Alten Rat­haus erwar­ten den Besu­cher Wer­ke zum The­ma »Inter­na­tio­na­le Posi­tio­nen«. Im histo­ri­schen Cra­nach-Hof ent­deckt man Arbei­ten und Doku­men­te zum »Neu­en Bau­haus«. Den Schluss bil­det die Werk­schau »Pazi­fis­mus trifft Reli­gi­on« im Wit­ten­ber­ger Schloss, die er gemein­sam mit der Stif­tung »Christ­li­che Kunst in Wit­ten­berg« vor­be­rei­te­te. Gro­ße, hel­le Räu­me und eine gut durch­dach­te Hän­gung machen den Besuch zu einem umwer­fen­den Erlebnis.

In sei­nem Gruß­wort im Kata­log beton­te der Mini­ster­prä­si­dent von Sach­sen-Anhalt, Rei­ner Haseloff, dass die pri­va­te Samm­lung Gru­ber in das »Gesamt­ver­zeich­nis natio­nal wert­vol­len Kul­tur­gu­tes« auf­ge­nom­men wur­de. Die­ser Samm­ler ist eine Insti­tu­ti­on gewor­den. Bis­her 120 Aus­stel­lun­gen im In- und Aus­land ver­die­nen Respekt und Dank.

Inter­na­tio­na­le Positionen

In die­sem Aus­stel­lungs­teil sind Arbei­ten von Künst­lern aus 25 Län­dern zu sehen. Nach 1945 befand sich die Kunst welt­weit im Auf­bruch. Neue Aus­drucks­for­men wur­den not­wen­dig, um die Schrecken des Krie­ges anschau­lich zu machen. Zahl­rei­che Künst­ler ver­deut­lich­ten in den ver­schie­den­sten Tech­ni­ken ihren Abscheu gegen den Krieg und sei­ne Schrecken. Im Sin­ne einer glo­ba­len Kunst, die sich dem Kampf um den Frie­den ver­schrieb, wur­den Ver­net­zung und Aus­tausch zwi­schen den Künst­lern not­wen­dig. Stau­nend bewun­dert man Wer­ke aus Euro­pa, den USA, aus Süd­ame­ri­ka, Asi­en oder Afri­ka. Da sind gra­phi­sche Arbei­ten von Geor­gio de Chi­ri­co, Max Ernst, John­ny Fried­län­der, Alber­to Gia­co­met­ti, Rena­to Guttuso, Hen­ry Moo­re und vie­len ande­ren zu sehen. Die per­sön­li­chen Kon­tak­te Gerd Gru­bers zu sol­chen Künst­lern oder deren Nach­kom­men haben es mög­lich gemacht, dass wir heu­te noch ihr huma­ni­sti­sches Anlie­gen nach­er­le­ben und ihre Aktua­li­tät erken­nen können.

Mit dem Beginn des Zwei­ten Welt­krie­ges kam der Trans­fer zwi­schen euro­päi­schen Künst­lern, zwi­schen ver­schie­de­nen Kunst­theo­rien und Kunst­strö­mun­gen zum Erlie­gen. Vie­le Kunst­schaf­fen­de waren von Berufs­ver­bo­ten betrof­fen, wur­den ver­haf­tet, leb­ten im Exil oder waren in den besetz­ten Län­dern durch deut­sche Besat­zung iso­liert. Jack­son Pol­lock erklär­te in einem Inter­view: »Mei­ner Mei­nung nach erfor­dern neue Bedürf­nis­se neue Tech­ni­ken … Mir scheint, dass der moder­ne Maler die­ses Zeit­al­ter, die Flug­zeu­ge, die Atom­bom­be, das Radio, nicht in den alten For­men der Renais­sance oder irgend­ei­ner ande­ren ver­gan­ge­nen Kul­tur aus­drücken kann. Jedes Zeit­al­ter ver­langt sei­ne eige­ne Technik.«

In Deutsch­land fan­den sich die Künst­ler nach dem Krieg in einem geteil­ten Land, man­che wur­den zwi­schen den Blöcken in der Zeit des Kal­ten Krie­ges zer­rie­ben. Im Osten Deutsch­lands brach­te die For­ma­lis­mus­dis­kus­si­on Ent­las­sun­gen aus dem Hoch­schul­dienst und Anfein­dun­gen mit sich. Im Westen domi­nier­te die abstrak­te Kunst. Ein Schieds­spruch zwi­schen Rea­lis­mus und Abstrak­ti­on erschien wie eine Ent­schei­dung zwi­schen den Ideo­lo­gien. Vie­le Künst­ler waren wäh­rend der Kriegs- und Nach­kriegs­zeit in Ver­ges­sen­heit gera­ten. Ein Selbst­bild­nis von Lea Grun­dig mit ihrem Mann Hans ist wohl vie­len bekannt. Lea Grun­dig beriet Gerd Gru­ber in sei­nem Bemü­hen, sol­che ver­ges­se­nen Künst­ler wie­der­zu­fin­den, zum Bei­spiel Alfred Ahner, Rudolf Berg­an­der, Max Lach­ner, Cle­ment Moreau, Erich Wege­ner und vie­le mehr. Joan Miros stark far­bi­ge abstrak­te Arbeit »Un cami com­par­tit« wie auch Wolf­gang Petrow­skys »Ewi­ge Traum­blu­me«, eine far­bi­ge Col­la­ge, zei­gen, dass auch in der Gegen­wart die Kunst neue Aus­drucks­for­men braucht. Radie­run­gen von Rena­to Guttuso, zum Bei­spiel »Der Par­ti­san«, von Hei­drun Hege­wald zu J. R. Bechers »Das Gerücht«, Arbei­ten von Pablo Picas­so, Max Ernst, David Alfa­ro Siquei­ros und vie­len ande­ren machen die­sen Aus­stel­lungs­teil zu einem Kom­pen­di­um der Moder­ne des 20. Jahr­hun­derts. Das ist auch in den ande­ren bei­den Abtei­lun­gen nicht anders.

Neu­es Bauhaus

Nur vier­zehn Jah­re waren dem von Wal­ter Gro­pi­us gegrün­de­ten Bau­haus beschie­den. 1933 wur­de es mit der Macht­er­grei­fung der Faschi­sten geschlos­sen. Die Ideen aber wur­den durch die »Bau­haus­bü­cher« welt­weit ver­brei­tet, auch durch die Leh­rer und Stu­den­ten des Bau­hau­ses, die emi­grie­ren konn­ten. Was­si­lij Kan­din­sky, einer der bekann­te­sten Bau­haus-Leh­rer, Ver­fech­ter der geo­me­tri­schen Struk­tu­ren, zeig­te in sei­nen Büchern, wie Linie und Punkt zur Flä­che ste­hen. Jun­ge Künst­ler grif­fen die Ideen begei­stert auf und ent­wickel­ten sie trotz aller Ver­bo­te wei­ter. Nach 1945 lie­ßen Ger­hard Marcks und Ger­hard Muche im west­li­chen Teil Deutsch­lands die Bau­haus-Ideen wie­der auf­le­ben, wäh­rend sich der Osten, gebremst durch die For­ma­lis­mus-Dis­kus­si­on, damit schwe­rer tat. Der indu­stri­el­le Woh­nungs­bau för­der­te jedoch die Wie­der­be­schäf­ti­gung mit der Moder­ne, vor allem im Möbel­bau – wie in Hel­lerau – und im Design. Vie­le Arbei­ten von Bau­haus-Schü­lern sind zu sehen. T. Lutz Fei­nin­gers Sieb­druck »o. T. « besticht durch die Ord­nung waa­ge­rech­ter und senk­rech­ter stark far­bi­ger Lini­en. Auch Max Olde­rocks Aqua­rell »Der Alte und die Doh­le« beein­druckt eben­so wie Zeich­nun­gen von Tilo Maatsch oder Theo Bal­den. Die­ses Erbe lebt weiter.

Pazi­fis­mus trifft Religion

Durch die Erleb­nis­se des Zwei­ten Welt­kriegs und die Bedro­hung mit nuklea­ren Waf­fen brach­te die zwei­te Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts eine zutiefst pazi­fi­sti­sche Kunst her­vor. Der Kal­te Krieg zwi­schen den NATO-Staa­ten und dem Ost­block, die Krie­ge in Korea und Viet­nam ver­lang­ten eine Kunst mit bild­ge­wal­ti­gen Mah­nun­gen. Eini­ge Künst­ler nut­zen dabei – ohne selbst reli­gi­ös zu sein – die Bot­schaf­ten der Bibel, zum Bei­spiel Fritz Cremer mit sei­ner Serie des Gekreu­zig­ten. Gemein­sam mit der »Stif­tung Christ­li­che Kunst in Wit­ten­berg« gelang Gerd Gru­ber ein über­zeu­gen­der Aus­stel­lungs­teil. Die Prä­sen­ta­ti­on der Wer­ke aus bei­den Samm­lun­gen zeigt eine Über­ein­stim­mung in sozia­len und poli­ti­schen Aus­sa­gen; sie ergän­zen ein­an­der. Zu sehen sind Arbei­ten von Pablo Picas­so, Marc Chagall, Oskar Kokosch­ka, Max Pech­stein, Otto Dix, Wolf­gang Mat­theu­er und ande­ren. Berüh­rend blickt Otto Pan­koks klei­nes Mäd­chen »Ehra« den Besu­cher erschrocken und fra­gend an. Bekannt ist auch sei­ne Gra­phik »Chri­stus zer­bricht das Gewehr«, heu­te genau­so aktu­ell wie zur Zeit sei­ner Entstehung.

Mensch­lich­keit darf nicht im Hass ertrinken

Die drei­tei­li­ge Aus­stel­lung ist nicht nur für die Stadt Wit­ten­berg ein Höhe­punkt. Es sind ihr vie­le Besu­cher zu wün­schen. Der Belie­big­keit im Schaf­fen vie­ler Künst­ler der Gegen­wart wird hier etwas ent­ge­gen­ge­stellt: eine Kunst, die einen Adres­sa­ten hat und wir­ken will. In sei­ner Eröff­nungs­re­de hat­te Gerd Gru­ber gesagt: »Noch heu­te erscheint es mir wie ein Wun­der, wenn ich dar­an den­ke, dass welt­be­rühm­te Künst­ler wie Rena­to Guttuso, Mari­no Mari­ni, Gia­co­mo Man­zú, die Bau­häus­ler Ger­hard Marcks und Georg Muche, Frans Masere­el, Jean Héli­on, Emi­lio Vedo­va, Vic­tor Vasa­re­ly und vie­le ande­re mir, damals einem jun­gen Men­schen, die Hand reich­ten und mich in mei­ner Samm­ler­tä­tig­keit unter­stütz­ten. … Es beäng­stigt mich, dass heu­te Natio­na­lis­mus, Ras­sis­mus, Aus­gren­zung und Vor­ver­ur­tei­lung von Men­schen wegen ihrer Her­kunft oder Reli­gi­on inter­na­tio­nal immer laut­stär­ker wer­den, dass Nazi-Sym­pa­thi­san­ten wie­der mar­schie­ren … Ich mei­ne, Mensch­lich­keit darf nicht im Hass ertrinken.«

»Kunst nach 1945. Die Samm­lung Gerd Gru­ber«, noch geöff­net bis zum 6. Janu­ar 2020. Wit­ten­berg, Altes Rat­haus, Markt 26; Cra­nach-Hof, Markt 4; Schloss Wit­ten­berg. Geöff­net Mo-So 10-17 Uhr