Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Auf Fontanes märkischen Spuren

Im Som­mer 1859 begann der knapp 40-jäh­ri­ge Theo­dor Fon­ta­ne mit sei­nen Streif­zü­gen durch die Mark Bran­den­burg und nahm sie in den näch­sten drei­ßig Jah­ren immer wie­der auf. Daher kann man ihn wohl als ersten »Tou­ri­sti­ker« der Mark Bran­den­burg bezeich­nen. Sei­ne Schil­de­run­gen ver­öf­fent­lich­te er zwi­schen 1862 und 1889 in den fünf Bän­den sei­ner »Wan­de­run­gen durch die Mark Bran­den­burg«, die bis heu­te zu den ein­schlä­gi­gen Wer­ken rea­li­sti­scher Rei­se­li­te­ra­tur zäh­len. Damit setz­te der »mär­ki­sche Goe­the« der Land­schaft ein lite­ra­ri­sches Denkmal.

Die durch den Buch­ti­tel gepräg­te Vor­stel­lung, Fon­ta­ne wäre per Pedes mit Stock und Hut unter­wegs gewe­sen, stimmt nur zum Teil. Fon­ta­ne war kein pas­sio­nier­ter Wan­de­rer, viel­mehr nutz­te er meist eine Miet­kut­sche oder die Pfer­de­post, lie­bend gern auch die Eisen­bahn. Er inter­es­sier­te sich auch nicht für Schmet­ter­lin­ge oder Feld­blu­men am Weges­rand; in sei­nen Notiz­bü­chern hielt er histo­ri­sche Fak­ten zu Schlös­sern, Her­ren­häu­sern, Klö­stern, Kir­chen oder Park­an­la­gen fest, aber auch die Geschich­ten, die ihm orts­kun­di­ge Bewoh­ner erzählten.

Anläss­lich des dies­jäh­ri­gen Fon­ta­ne-Jubi­lä­ums besuch­ten Camil­lo Kup­ke, stell­ver­tre­ten­der Kul­tur-Res­sort­lei­ter der Mär­ki­schen Oder­zei­tung, und Uwe Stieh­ler, ehe­ma­li­ger MOZ-Kul­tur­re­dak­teur, 24 aus­ge­wähl­te Orte im Havel- und Oder­land, auf dem Bar­nim, in Pots­dam und Ber­lin, die Fon­ta­ne vor rund 150 Jah­ren auf­ge­sucht hat­te. Mit sei­nen »Wan­de­run­gen« im Rei­se­ge­päck waren sie auf der Suche, was aus Fon­ta­nes Zei­ten über­dau­ert und was sich ver­än­dert hat. Aller­dings meist mit dem Auto unter­wegs, aber dadurch nicht immer schnel­ler vor Ort als Fontane.

In Neu­har­den­berg am west­li­chen Rand des Oder­bruchs hat­te Fon­ta­ne das von Schin­kel umge­bau­te Schloss und sei­ne Kunst­samm­lun­gen bewun­dert; heu­te ist die Schloss­an­la­ge ein Zen­trum für Kunst und Kul­tur, Wis­sen­schaft und Wirt­schafts­ethik mit einem Hotel und zwei Restau­rants. Frei­en­wal­de (heu­te Bad Frei­en­wal­de) hat­te der schrift­stel­lern­de Apo­the­ker mehr­fach besucht – ein Kur­bad ohne Allü­ren. Mit dem histo­ri­schen Ambi­en­te und einer beson­de­ren Atmo­sphä­re wird der Besu­cher heu­te noch emp­fan­gen. Solch Glück fand das Autoren-Duo nicht über­all vor. In Jahns­fel­de bei­spiels­wei­se, wo Schloss und Park bei Fon­ta­nes Besuch gera­de eine umfang­rei­che Ver­schö­ne­rung hin­ter sich hat­ten, macht das Her­ren­haus heu­te einen »etwas erschöpf­ten Ein­druck«, und von dem von Pück­ler ange­leg­ten Schloss­park ist kaum noch etwas vor­han­den. In ihre Ein­drücke vor Ort las­sen Kup­ke und Stieh­ler auch immer wie­der die mär­ki­sche Geschich­te bis zur Gegen­wart ein­flie­ßen. So gab es 2015 in Rheins­berg kon­tro­ver­se Dis­kus­sio­nen, als das Schloss­ho­tel zur Flücht­lings­un­ter­kunft wur­de. Nach­dem das Gebäu­de Ende des Jah­res 2017 leer­ge­zo­gen wur­de, war­tet es wie­der auf eine tou­ri­sti­sche Nut­zung. Selbst­ver­ständ­lich stand auch Fon­ta­nes Hei­mat­stadt Neu­rup­pin auf dem Besuchs­pro­gramm, wo vie­les aus sei­ner Zeit über­dau­ert hat. Die Tex­te sind in der Buch­rei­he »Einst und Jetzt« erschie­nen und mit zahl­rei­chen histo­ri­schen Abbil­dun­gen und aktu­el­len Fotos illustriert.

In der Neu­erschei­nung »Wan­dern und Plau­dern« beschäf­ti­gen sich gleich drei­zehn zeit­ge­nös­si­sche Autorin­nen und Autoren mit Fon­ta­ne und sei­nen »Wan­de­run­gen durch die Mark Bran­den­burg«. Mit ihren bis­her unver­öf­fent­lich­ten Tex­ten zei­gen sie, wie inspi­rie­rend Fon­ta­nes mär­ki­sche Schil­de­run­gen heu­te noch sind. Wie ihr Vor­bild woll­ten sie ohne »Anspruch und Gelehr­sam­keit« die Schön­hei­ten der Mark Bran­den­burg aufspüren.

»In die Peda­le!« – Ker­stin Hen­sel unter­nimmt eine Fahr­rad-Tour in den Oder­bruch, wo sie Freun­de besucht, die hier seit vier­zig Jah­ren ihren Lebens­mit­tel­punkt haben. Unter­wegs begeg­nen ihr der Alte Fritz – in Bron­ze gegos­sen – und an der Oder noch Wun­den, die an die Schlacht um die See­lower Höhen im April 1945 erin­nern. Flo­ri­an Wer­ner dage­gen ver­folgt Fon­ta­nes Spu­ren im Spree­wald, zuerst in Leh­de, wo der Dich­ter »ein in die Gegen­wart pro­ji­zier­tes Urbild von Vene­dig zu erken­nen mein­te«. In Lei­pe wird der »ner­vi­ge Fon­ta­nepil­ger« von einem Ein­hei­mi­schen zunächst ziem­lich fro­stig emp­fan­gen, doch dann wird er doch ins Haus gebe­ten. Kath­rin Schmidt sucht Rheins­berg auf, wo sie gemein­sam mit »olle Fon­ta­ne« durch die Stra­ßen schlen­dert. Bei »Aal mit Brat­kar­tof­feln, ein klei­ner Salat dazu« kommt die Fra­ge auf: War­um lan­den sei­ne Wer­ke heu­te in kosten­lo­sen Tausch­re­ga­len in Super­märk­ten und auf Markt­plät­zen? Wäh­rend Micha­el Wil­den­hain den gro­ßen mär­ki­schen Chro­ni­sten im Havel­land ver­folgt, unter­nimmt Son­ka Hecker im Char­lot­ten­bur­ger Schloss­gar­ten einen Fon­ta­ne-Spa­zier­gang, und Gabri­el­le Alio­th ist extra aus Luzern ange­reist, um die Mär­ki­sche Schweiz, die klei­ne Schwe­ster ihrer Hei­mat, ken­nen­zu­ler­nen. Abschlie­ßend ist der bos­nia­ki­sche Schrift­stel­ler Saša Sta­nišić, der seit 1992 in Deutsch­land lebt, weni­ger Fon­ta­ne, son­dern einem Gerücht auf der Spur, das vor Jah­ren in Schö­ne­mark kur­sier­te: Ein Ham­bur­ger Inve­stor woll­te hier etwas Gro­ßes auf die Bei­ne stel­len – einen Kon­sum­tem­pel aus­ge­rech­net im nord­west­lich­sten Zip­fel von Bran­den­burg. Arbeits­plät­ze, Tou­ris­mus und Per­spek­ti­ven für die jun­gen Leu­te …, doch dann wur­de bei Tem­plin das »Fon­ta­ne-Cen­ter« errichtet.

Die rei­sen­den Geschich­ten­er­zäh­ler der bei­den Neu­erschei­nun­gen nähern sich wie Fon­ta­ne auf sehr per­sön­li­che Wei­se der Land­schaft, Geschich­te und den Bewoh­nern der Mark, mit einem Gespür für deren Eigen­hei­ten. Neben Neu­gier­de und der »Lie­be zu Land und Leu­ten« haben sie einen Sinn für das Nicht-Spek­ta­ku­lä­re sowie Geschichts­kennt­nis­se im Gepäck. Natür­lich wol­len sie den Leser auch zu eige­nen Erkun­dungs­fahr­ten anre­gen – so ganz nach Fon­ta­nes Mot­to: »Immer in Bewe­gung und am lieb­sten ohne vor­ge­schrie­be­ne Marsch­rou­te, ganz nach Lust und Laune.«

Frank Man­gels­dorf (Hg.): »Fon­ta­nes Hei­mat - einst und jetzt«, Ver­lag für Ber­lin-Bran­den­burg, 88 Sei­ten, 16,99 €; Gise­la Holf­ter (Hg.)/Godela Weiss-Sus­sex (Hg.): »Wan­dern und Plau­dern mit Fon­ta­ne – Lite­ra­ri­sche Begeg­nun­gen mit der Mark Bran­den­burg heu­te«, Quin­tus-Ver­lag, 192 Sei­ten, 19,90 €