Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Synthese von Notwendigem und Schönem

Ein DDR-Kult­buch heu­te auf die Büh­ne zu über­tra­gen, das ist wahr­lich kein ein­fa­ches Unter­fan­gen. Das Deut­sche Thea­ter in Ber­lin hat in der Rei­he »30 Jah­re Mau­er­fall« das Thea­ter­stück »Fran­zis­ka Lin­ker­hand« nach dem Roman von Bri­git­te Rei­mann her­aus­ge­bracht. Die Insze­nie­rung unter der Regie von Danie­la Löff­ner geht ein Wag­nis ein: Sie will die Zeit und das Land, in dem Fran­zis­ka Lin­ker­hand sich ins Leben kämpft, dem Zuschau­er von heu­te nahe­brin­gen. Sie wirft dabei aber auch vie­le Fra­gen auf. Und so man­che der Fra­gen bleibt lei­der auch am Ende nach lan­gen Drei­drei­vier­tel­stun­den unbeantwortet.

Dem Thea­ter­be­su­cher, dem die zuwei­len ver­wir­ren­de Viel­schich­tig­keit der Insze­nie­rung Pro­ble­me berei­tet, sei emp­foh­len, noch­mals das Buch in die Hand zu neh­men. Die erste Auf­la­ge des gro­ßen Roman-Zeit­do­ku­ments über das dra­ma­ti­sche Lebens- und Berufs­schick­sal der jun­gen Archi­tek­tin Fran­zis­ka Lin­ker­hand in der DDR erschien 1974 – erst nach dem viel zu frü­hen Krebs­tod von Bri­git­te Rei­mann 1973. Für vie­le, ins­be­son­de­re jun­ge Frau­en, wur­de der Roman zu einem regel­rech­ten Lebens­buch. 1998 kam eine »unge­kürz­te Neu­aus­ga­be« her­aus, die spä­ter auf­ge­fun­de­ne Ergän­zun­gen ein­ord­ne­te und vor­ge­nom­me­ne Strei­chun­gen rück­gän­gig machte.

»Kühn, cou­ra­giert und kan­tig, … kämp­fe­risch, unbe­quem, groß­den­kend und selbst­be­haup­tend« wagt die jun­ge Archi­tek­tin Fran­zis­ka Anfang der 1960er Jah­re den Auf­bruch nach Neu­stadt (Syn­onym für Hoyers­wer­da). Einer gro­ßen Sache ver­pflich­tet, träumt die wahr­heits­su­chen­de, wirk­lich­keits­süch­ti­ge, lie­ben­de und zugleich lei­den­de jun­ge Frau von einer Archi­tek­tur mit mensch­li­chem Ant­litz. Vom Bau moder­ner Woh­nun­gen in einer men­schen­wür­di­gen neu­en sozia­li­sti­schen Stadt für die Kum­pel des Kom­bi­nats Schwar­ze Pum­pe. Aber sie trifft auf den schwie­ri­gen All­tag, auf die öko­no­mi­schen Zwän­ge im har­ten Rin­gen um die Lösung der DDR-Woh­nungs­fra­ge. Sie schwankt zwi­schen Enthu­si­as­mus, Zwei­feln, Rebel­li­on und erzwun­ge­ner Anpas­sung. Auf­op­fern­de Arbeit, Anteil­nah­me am Schick­sal der Kol­le­gen, Freun­din­nen, Erfül­lung und exi­sten­ti­el­le Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit ihren Gelieb­ten – eine durch und durch lie­bens­wer­te Frau im Wan­del in stür­mi­scher Zeit.

Kath­le­en Mor­ge­ney­er bewäl­tigt als Fran­zis­ka Lin­ker­hand die­se gro­ße Auf­ga­be mit Bra­vour. Sie ver­an­schau­licht ein­drucks­voll den Weg vom klei­nen Mäd­chen zur selbst­be­wusst Lie­ben­den und enga­giert arbei­ten­den und kämp­fen­den Archi­tek­tin. Das ist eine jun­ge Frau aus Fleisch und Blut, gelei­tet von tie­fen Gefüh­len, Mut und Selbst­ver­trau­en. Mit ihrem unzähm­ba­ren Glücks­an­spruch gerät sie in tie­fe Kon­flik­te mit der pro­fa­nen Realität.

Dabei bleibt nicht aus, dass die Fül­le der von der Regie in der Insze­nie­rung anein­an­der­ge­reih­ten Schick­sa­le und Ein­zel­ak­tio­nen man­che der Zuschauer/​innen über­for­dert. Zunächst inter­es­san­te Kame­ranah­auf­nah­men und groß­flä­chi­ge über­di­men­sio­na­le Video­pro­jek­tio­nen (Peter Stoltz) auf der offe­nen Büh­ne (Wolf­gang Men­ar­di) füh­ren im Ver­lauf des Abends lei­der dazu, dass sich Kern­aus­sa­gen des Stücks verzetteln.

Das gip­felt am Ende – um hier nur ein dra­sti­sches Bei­spiel zu benen­nen – in dem ellen­lan­gen bio­gra­fi­schen Mono­log des vom eige­nen Ver­sa­gen und schlim­men DDR-Schick­sals­schlä­gen zugleich gezeich­ne­ten Ben (Felix Goe­ser). Man meint, an die­ser Stel­le irgend­wie im fal­schen Stück gelan­det zu sein. Das end­lo­se Minu­ten über­le­bens­groß die Büh­nen­rück­wand aus­fül­len­de Video­por­trät und der ent­lar­vend ankla­gen­de Vor­trag des merk­wür­di­gen Herrn Tro­ja­no­wicz (von dem Fran­zis­ka will, dass er der erträum­te Ben ist) ver­schie­ben am Ende die gan­ze, in sich so über­zeu­gen­de Para­bel des Lin­ker­hand­schick­sals aus Bri­git­te Rei­manns Roman.

»30 Jah­re Mau­er­fall« soll­ten aus­rei­chen, um end­lich einen kla­ren, einen unver­stell­ten Blick auf die histo­ri­schen Abläu­fe in Deutsch­land zu gewin­nen. Fran­zis­ka Lin­ker­hand – das war eine jun­ge Frau im Osten Deutsch­lands, die an eine gro­ße Sache glaub­te, die mein­te, mit ihrem Ein­satz, mit ihrer Krea­ti­vi­tät und ihrem beruf­li­chen Kön­nen einen Bei­trag lei­sten zu kön­nen für eine gerech­te­re, für eine men­schen­wür­di­ge­re Ord­nung. Sie war/​ist lie­bens­wert auch in ihren Zwei­feln, in ihrem Schmerz, in ihrem Ver­sa­gen und in ihren geschei­ter­ten Lie­bes­be­zie­hun­gen. Sie hat tat­säch­lich »was bewegt«. Hat ande­re auf­ge­rüt­telt, zum Nach­den­ken und Bes­ser­ma­chen ange­stif­tet. Die Bilanz, die Fran­zis­ka zieht, lau­tet: »Es muß, es muß sie geben, die klu­ge Syn­the­se zwi­schen Heu­te und Mor­gen, zwi­schen tri­stem Block­bau und hei­ter leben­di­ger Stra­ße, zwi­schen dem Not­wen­di­gen und dem Schö­nen, und ich bin ihr auf der Spur, …« (in der Aus­ga­be vom Ver­lag Neu­es Leben, Ber­lin 1974, S. 582)

Die­ses Schick­sal und die Umstän­de, gegen die die Lin­ker­hand kämpf­te, sind mit dem Unter­gang der DDR nicht ein­fach »ver­gan­gen«. Sei­ner­zeit ging es um die Suche nach Wegen, in einer neu­en, auf­stre­ben­den Gesell­schaft allen arbei­ten­den Men­schen men­schen­wür­di­ges Woh­nen zu ermög­li­chen. Die­ses Rin­gen hat pracht­vol­le, schöp­fe­ri­sche Per­sön­lich­kei­ten geformt.

Und es drängt sich die Fra­ge auf: Kann die Auf­füh­rung eines sol­chen Büh­nen­stücks nach dem Roman »Fran­zis­ka Lin­ker­hand« heu­te so auf ver­dam­men­de Kri­tik bestimm­ter Zustän­de damals begrenzt wer­den? Ist sie nicht gera­de­zu ver­pflich­tet, den Blick des Zuschau­ers auch gezielt aufs Heu­te zu rich­ten? Aufs Heu­te, wo doch in einem ach so rei­chen Land tau­sen­de Men­schen obdach­los auf der Stra­ße dahin­ve­ge­tie­ren müs­sen. Wo es dar­um geht, allem Pro­fit­stre­ben zum Trotz auch für Men­schen, die nicht über Reich­tü­mer ver­fü­gen, über­haupt bezahl­ba­ren Wohn­raum zu schaf­fen? Zur Lösung die­ses exi­sten­ti­el­len Pro­blems sind doch ganz gewiss unter ande­rem und kei­nes­falls zuletzt auch heu­te Men­schen gefragt, die über Eigen­schaf­ten ver­fü­gen, wie sie sei­ner­zeit Bri­git­te Rei­mann ihrer Fran­zis­ka Lin­ker­hand zuge­schrie­ben hat. Men­schen, die ihr Kön­nen und ihr gan­zes Stre­ben dafür ein­set­zen, sozia­le, men­schen­wür­di­ge Zustän­de zu schaffen.

Näch­ste Auf­füh­run­gen: 27. Dezem­ber, 1. Janu­ar, 30. Janu­ar, jeweils 19 Uhr, Ber­lin, Deut­sches Theater