Skip to content

Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Menu

Kriegspremier

»Wir haben die Blocka­de durch­bro­chen«, rief Boris John­son, der Wahl­sie­ger des 12. Dezem­ber, sei­nen jubeln­den Anhän­gern zu. Gemein­sam fei­er­ten sie den größ­ten Sieg der Kon­ser­va­ti­ven seit Mar­ga­ret That­chers Tri­umph 1983. Die gede­mü­tig­te bri­ti­sche Labour Par­ty muss in den Geschichts­bü­chern gar bis 1935 zurück­blät­tern, um ein ähn­lich depri­mie­ren­des Wahl­er­geb­nis zu fin­den. 368 von 650 Sit­zen ent­fal­len auf die Tories, die vor­her nahe­zu alle alten Anhän­ger von Came­ron oder May, die sich gewei­gert hat­ten, den »Get Brexit done!«-Kurs zu unter­stüt­zen, von den Vor­schlags­li­sten ihrer Par­tei ent­fernt hat­ten. Die Mehr­heit für John­son ist damit sta­bi­ler, als selbst in den kühn­sten Träu­men der Brexit-Befür­wor­ter ange­nom­men. Zwar dau­er­te es kei­ne 24 Stun­den, bis ins­be­son­de­re auf dem euro­päi­schen Kon­ti­nent schon wie­der dar­auf hin­ge­wie­sen wur­de, der Erd­rutsch­sieg sei dem Wahl­sy­stem geschul­det, und genau genom­men stün­den Mehr­hei­ten hin­ter Par­tei­en, die so einen kla­ren »Leave!«-Kurs abge­lehnt hät­ten. Aber es ist wie immer im bür­ger­li­chen Par­la­men­ta­ris­mus – ob in den USA, Japan, Deutsch­land oder Groß­bri­tan­ni­en: Es geht nicht um Flie­gen­bein­zäh­le­rei, son­dern um Poli­tik, nicht um Sta­ti­stik, son­dern um Macht.

Die hat jetzt Boris John­son, und damit sind auch alle Illu­sio­nen, die herr­schen­de Klas­se Groß­bri­tan­ni­ens wer­de ein zwei­tes Mal über den Brexit abstim­men las­sen, Schnee von gestern. Das Ver­ei­nig­te König­reich wird die vor allem von Deutsch­land gepräg­te Euro­päi­sche Uni­on verlassen.

Das ist nicht das Ergeb­nis von Durch­ein­an­der und Irr­we­gen. Hier in Ossietzky (Nr. 2/​2019) habe ich früh­zei­tig dar­auf hin­ge­wie­sen, dass in dem ver­meint­li­chen Cha­os auf der Insel für jeden, der sehen will, eine kla­re Linie erkenn­bar ist: Die herr­schen­de Klas­se der stärk­sten euro­päi­schen Mili­tär­macht west­lich von Russ­land hat sich der Ein­schät­zung ihrer Klas­sen­ka­me­ra­den in den USA ange­schlos­sen, dass es ihre gemein­sa­me histo­ri­sche Mis­si­on des 21. Jahr­hun­derts ist, die dro­hen­de Infra­ge­stel­lung ihrer Domi­nanz durch Chi­na, unter­stützt von einem vom Westen unab­hän­gi­gen Russ­land, um jeden Preis zu ver­hin­dern, bevor es zu spät ist – auch um den Preis eines gro­ßen Krie­ges willen.

John­sons Sieg lenkt nicht nur den Blick auf Mar­ga­ret That­cher und ihren Sieg, den sie im blu­ti­gen Wind­schat­ten des gewon­ne­nen Falk­land-Krie­ges und den dadurch aus­ge­lö­sten natio­na­len Tau­mel errun­gen hat­te. Er lenkt den Blick auch auf Win­s­ton Chur­chill, dem John­son, kaum zum Bür­ger­mei­ster von Lon­don gewählt, eine Bio­gra­phie gewid­met hat­te, von der die Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung am 14. Dezem­ber zutref­fend schreibt, dar­in wer­de »der bri­ti­sche Kriegs­pre­mier ver­herr­licht«. Ob in dem Buch oder in diver­sen Arti­keln und Reden: John­sons Bezugs­punkt ist Win­s­ton Chur­chill – und nicht in sei­ner Rol­le als Pre­mier­mi­ni­ster der 50er Jah­re, son­dern eben als Kriegspremier.

Das erste Etap­pen­ziel des hier in Ossietzky vor knapp einem Jahr ange­kün­dig­ten Weges ist erreicht: Mit Zustim­mung des bri­ti­schen Vol­kes wer­den die Ver­bin­dun­gen Groß­bri­tan­ni­ens zu Deutsch-Euro­pa gelockert. In einem zwei­ten Schritt wer­den die zu den Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka gestärkt wer­den – öko­no­misch, poli­tisch und vor allem mili­tä­risch. Poli­tisch rücken die stärk­ste Nati­on Nord­ame­ri­kas und die mili­tä­risch stärk­ste West­eu­ro­pas immer enger zusam­men. Gewin­nen dann noch – wie seit lan­gem bemüht – die Kräf­te Japans, die den Frie­dens­ar­ti­kel 9 aus der Ver­fas­sung kip­pen wol­len, die Ober­hand, ist mög­li­cher­wei­se die kri­ti­sche Mas­se erreicht, um dann dem aus Lon­do­ner Sicht seit Rapal­lo immer schwan­ken­den deut­sch­eu­ro­päi­schen Block die Fra­ge zu stel­len: »Zu wem hal­tet ihr – zu Russland/​China oder zu uns?« Bis dahin wird sich, um den Sieg zu sta­bi­li­sie­ren, John­son bemü­hen, Labour nicht wie­der ins Spiel kom­men zu las­sen: Er zeig­te sich demü­tig den­je­ni­gen gegen­über, die aus den vor­mals roten Indu­strie­ge­bie­ten Mit­tel­eng­lands von Labour zu den Tories über­ge­lau­fen sind – und beton­te, wel­che »Per­le« doch das kosten­lo­se natio­na­le Gesund­heits­sy­stem sei, das er ver­spre­che, zu pfle­gen und zu neu­em Glanz zu polie­ren. Patri­ar­chisch-sozi­al nach innen und waf­fen­be­reit nach außen – auch das war ein Rezept Win­s­ton Chur­chills. Der neue bri­ti­sche Kriegs­pre­mier Boris John­son wird ver­su­chen, es auf das 21. Jahr­hun­dert anzuwenden.