Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Die Mittelstürmer Deutschlands

Vor vie­len Jah­ren, als Fuß­ball­mel­dun­gen nur sel­ten von Schlä­ge­rei­en, Nazi-Rufen und Bestechun­gen berich­te­ten, kann­te man dort den Mit­tel­stür­mer. Eine her­aus­ra­gen­de Fuß­ball­po­si­ti­on, von der aus man Tore erzie­len konn­te. Mit­tel­stür­mer waren popu­lär, beliebt und spiel­ten im Wort­sin­ne in der Fuß­ball­tak­tik eine gro­ße Rol­le. Mit­tel­mä­ßig hin­ge­gen war eher ein Nör­gel­wort, wäh­rend besorg­te Väter ihren Söh­nen als Rat mit­ga­ben, sich beim »Barras«, eben­falls ein Ver­gan­gen­heits­wort, immer hübsch in der Mit­te zu hal­ten. Nicht auffallen.

Wir sehen: Die Mit­te schwankt. Mal hat­te und hat sie einen posi­ti­ven, mal einen nega­ti­ven Ruf. Mal ist der Mit­tel­bür­ger ein Klein-, mal ein Groß­bür­ger. Ein Bür­ger aber bleibt er, der mit­ten im Vol­ke lebt.

Heut­zu­ta­ge näm­lich ist die Mit­te der Gesell­schaft eine poli­ti­sche Voka­bel. Die sich frü­her als rechts, kon­ser­va­tiv und bür­ger­lich bezeich­nen­de CDU hat jetzt die Mit­te für sich gepach­tet. Gemein­sam mit der FDP, die direkt nach dem Krieg Wer­te des Drit­ten Rei­ches zu bewah­ren gedach­te – es war nicht alles schlecht beim Adolf –, will die CDU folg­lich das Zen­trum der Par­tei­en­welt sein. In Thü­rin­gen bekam die­ses Zen­trum, also CDU und FDP gemein­sam, bei der jüng­sten Land­tags­wahl 26 Pro­zent der Wäh­ler­stim­men. Das ist zwar mehr als ein Vier­tel, aber eine gan­ze Men­ge weni­ger als die von der selbst­er­nann­ten Gesell­schafts­mit­te als links­ra­di­kal bezeich­ne­te LINKE errun­gen hat­te. Denn eigent­lich sind alle Bür­ger, nur die LIN­KEn sind Kommunisten.

Aber auch in ande­ren Bun­des­län­dern, im Bun­des­tag sowie­so, haben die den Mit­tel­stand neu­er­dings gepach­te­ten Zen­tral­par­tei­en kaum eine Chan­ce auf eine Regierungsmehrheit.

Um viel­leicht doch eine schnit­ti­ge Mit­te zu bekom­men, hat die CDU inzwi­schen die SPD und die Grü­nen als Par­tei­en der Volks­mit­te ent­deckt. Alle vier Par­tei­en zusam­men sprin­gen dann – manch­mal – flugs über die 50-Pro­zent-Mar­ke. Dabei galt die SPD frü­her als »Arbei­ter­par­tei«, von der sich CDU-Bür­ger abgrenz­ten. Mir war schon immer unklar, wes­halb in der SPD und gar deren Füh­rungs­grup­pe »Arbei­ter« domi­nie­ren soll­ten und nicht ganz nor­ma­le Bür­ger. In der DDR hat­te man immer­hin den Ter­mi­nus »Par­tei­ar­bei­ter« erfun­den, damit war es jeder­zeit mög­lich, die SED zur Arbei­ter­par­tei zu erklären.

Die Grü­nen gal­ten bis zum Auf­tau­chen der AfD aus der Men­ge alter, neu­er und ganz nagel­neu­er deut­scher Nazi-Käm­pen als ter­ro­ri­sti­sche Ver­bot­s­par­tei mit kom­mu­ni­sti­schen Anwand­lun­gen, die mit Turn­schu­hen die Demo­kra­tie unter­wan­dern woll­ten. Inzwi­schen darf und muss man sie eben­falls zur Mit­te der Gesell­schaft zäh­len, wenn man regie­ren will. »Schließt Euch an!« könn­te die CDU einen alten Schlacht­ruf kopieren.

Haupt­sa­che die LINKE, heut­zu­ta­ge auch kei­ne Arbei­ter­par­tei, bleibt drau­ßen. Schließ­lich hat die einen per­fi­den Ost­ge­ruch, ein unkla­res Ver­hält­nis zur NATO (obwohl sie eigent­lich ein kla­res haben müss­te) und behaup­tet zudem, Rus­sen sei­en euro­päi­sche Men­schen. Mit der AfD hin­ge­gen, die ja doch, wenn man etwas christ­li­che Mil­de wal­ten lässt, viel­leicht bür­ger­lich-kon­ser­va­ti­ve Wur­zeln hat, also kom­pa­ti­bel zur Uni­on aller Bür­ger sein müss­te, könn­te man eine star­ke und brei­te und bür­ger­lich-kon­ser­va­ti­ve Mit­te bil­den. Wenn die AfD nur nicht immer öffent­lich so mit den Flü­geln wackeln wür­de! Den­ken kann man ja in deren Denk­fa­bri­ken, denn die Gedan­ken sind frei auf allen Platt­for­men kom­men­der Mäch­te. Aber muss man in den Par­la­men­ten immer gleich Brand­ner-Reden halten?

Kurz: Die Mit­te der Gesell­schaft reicht von stramm rechts bis zur lin­ken Mit­te, wenn man das Wort »links« aus der lin­ken Mit­te strei­chen wür­de. Neh­men wir mal Berufs­be­zeich­nun­gen, die in unse­rer Gesell­schaft Zukunfts­chan­cen haben: Alten­pfle­ger, Bank­kauf­frau, Beton­bau­er, Bio­lo­gie­la­bo­ran­tin, Fach­in­for­ma­ti­ke­rin, Flug­lot­se, Indu­strie­kauf­mann, Mau­rer, Mecha­tro­ni­ke­rin, Poli­zei­voll­zugs­be­am­tin, Phy­sik­la­bo­rant, Tech­ni­sche System­pla­ne­rin, Ver­wal­tungs­fach­an­ge­stell­te … Alles Leu­te, die man zu Mit­läu­fern, viel­leicht auch Mit­tel­läu­fern machen könn­te. Und wenn sie dann von zacki­gen, männ­li­chen Mit­tel­stür­mern ange­führt wür­den – wir den­ken an Fried­rich Merz, Olaf Scholz, Chri­sti­an Lind­ner, Win­fried Kret­sch­mann und Tino Chru­pal­la – das ist ein Maler und Lackie­rer, passt also in die oben ange­führ­ten Berufs­be­zeich­nun­gen mit Zukunfts­chan­cen genau zwi­schen Indu­strie­kauf­mann und Mau­rer – wenn all die­se unse­re Mit­tel­stür­mer gemein­sam auf­lie­fen, könn­ten wir eine neue Losung kre­ieren: Kraft durch Mit­te! Die Mit­tel-Sturm­ab­tei­lung schießt uns zum Sieg!