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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Literarische Erbschaften

Das lite­ra­ri­sche Erbe muss nie­mand antre­ten. Der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Die­ter Schil­ler jedoch ver­bin­det mit lite­ra­ri­schen Erb­schaf­ten Schö­nes und Nütz­li­ches. Schil­lers Auf­sät­ze ver­die­nen über den engen Kreis von Lite­ra­tur­hi­sto­ri­kern hin­aus das Inter­es­se einer brei­te­ren Öffent­lich­keit. Denn seit der Auf­lö­sung der Zweit­staat­lich­keit, der Kon­sti­tu­ie­rung eines ein­heit­li­chen deut­schen Staa­tes gewin­nen Fra­gen nach dem Geschichts­bild, nach den histo­ri­schen und kul­tu­rel­len Über­lie­fe­run­gen an poli­ti­scher Rele­vanz. In kon­trä­ren Sich­ten und Wer­tun­gen über geschicht­li­che Vor­gän­ge und Tra­di­tio­nen spie­geln sich poli­ti­sche Ent­schei­dungs­fra­gen. Obwohl Schil­lers Sicht die des Lite­ra­tur­hi­sto­ri­kers ist, sich sei­ne Arbei­ten durch histo­risch kon­kre­te Rekon­struk­ti­on aus­zeich­nen, bezieht sich der Hori­zont sei­ner Fra­ge­stel­lun­gen auf aktu­el­le poli­ti­sche und gesell­schaft­li­che Fra­gen. Das Beson­de­re der Unter­su­chun­gen liegt unter ande­rem dar­in, dass er Thea­ter­pra­xis und Film ein­be­zieht und so dem mul­ti­me­dia­len Umgang mit lite­ra­ri­schen Tra­di­tio­nen Rech­nung trägt. Ein wei­te­rer Vor­zug sei­ner Arbei­ten besteht in einer Sicht, die neben Autor und lite­ra­ri­schem Umfeld auch den Leser und ver­mit­teln­de Insti­tu­tio­nen im Auge behält.

In der Fül­le des Mate­ri­als zeich­nen sich ver­schie­de­ne Schwer­punk­te ab: Ein­mal ist es der Umgang mit dem klas­si­schen Erbe im geschicht­li­chen Wan­del der DDR-Jahr­zehn­te. An Gestal­ten klas­si­scher Lite­ra­tur in Stücken von Les­sing, Goe­the, Schil­ler bezeugt er den dif­fe­ren­zier­ten Umgang der Thea­ter mit lite­ra­ri­scher Über­lie­fe­rung. Her­vor­he­bens­wert ist sein Bei­trag zur Pro­blem­ge­schich­te der Faust­mo­ti­vik, der er vom mit­tel­al­ter­li­chen Stoff, über Les­sing, Sturm und Drang, bis zu Goe­the nach­geht, mit Aus­blicken in die Neu­zeit bei Gor­ki und Tho­mas Mann. Ein Funk­essay zu Höl­der­lins Frie­dens­dich­tung rekon­stru­iert das Umfeld der Ent­ste­hungs­ge­schich­te, pole­misch gegen Miss­deu­tun­gen gerich­tet. Für die 1980er Jah­re kon­sta­tiert Schil­ler eine zuneh­men­de Dif­fe­renz zwi­schen kul­tur­po­li­ti­schen Vor­ga­ben, lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­chen Ergeb­nis­sen und dem leben­di­gen Tra­di­ti­ons­be­zug von Schrift­stel­lern. Ein wei­te­rer Schwer­punkt bezieht sich auf Lite­ra­tur­dis­kus­sio­nen im anti­fa­schi­sti­schen Exil der drei­ßi­ger Jah­re. Hier wur­den im huma­ni­sti­schen Erbe Anknüp­fungs­punk­te für ein erneu­er­tes Deutsch­land nach der Nie­der­schla­gung des Faschis­mus gesucht. Hei­ne wird zur Leit­fi­gur, »Huma­ni­stisch im deut­schen Sin­ne« brei­tet Vari­an­ten anti­fa­schi­sti­scher Grimm-Lek­tü­re aus, es wird wider­stän­di­ge Hal­tung von Intel­lek­tu­el­len apo­stro­phiert, und Bezü­ge für ein erneu­er­tes Deutsch­land­bild wer­den erkenn­bar. In »Anti­fa­schis­mus und Klas­sik­bild« rekon­stru­iert Schil­ler Kon­sens und Wider­sprü­che im Dis­kurs der Exil-Schrift­stel­ler, womit er auf die Brei­te mög­li­cher Tra­di­ti­ons­be­zü­ge ver­weist, sehr ver­schie­de­ne Zugän­ge bestä­tigt und alter­na­ti­ve Aus­schlüs­se als Sack­gas­se cha­rak­te­ri­siert. Beson­de­res Gewicht besitzt im Umfeld die­ser Fra­gen der Bei­trag »Erb­schaft die­ser Zeit«, in dem der Ver­fas­ser die Dis­kus­sio­nen um Ernst Blochs Schrift rekon­stru­iert, die der mit sei­nen Mos­kau­er Kon­tra­hen­ten in den Jah­ren 1935/​36 führ­te. Auch hier geht es um Erbe und Geschichts­bild, vor allem um eine Ver­stän­di­gung über den Cha­rak­ter des Faschis­mus und die Fra­ge, wie sich der mas­sen­haf­te Zulauf zu die­ser Bewe­gung erklä­ren lässt. In Blochs Vor­stel­lun­gen von Ungleich­zei­tig­keit im Bewusst­sein ver­schie­de­ner Klas­sen und Schich­ten lie­gen pro­duk­ti­ve Erklä­rungs­an­sät­ze für die mit mani­pu­la­ti­ver Emo­tio­na­li­tät ope­rie­ren­de nazi­sti­sche Bewe­gung. Wie hier füh­ren auch die ande­ren seit 1990 ent­stan­de­nen Bei­trä­ge frü­he­re Fra­ge­stel­lun­gen wei­ter, aber es zeigt sich auch eine ver­stärk­te Kon­zen­tra­ti­on auf The­men von aktu­el­lem Inter­es­se. So mit »Über­le­gun­gen zum Frank­reich­bild bei Wal­ter Ben­ja­min« und vor allem mit dem Bei­trag über Arnold Zweig, der in »Die Alpen oder Euro­pa« eine »Selbst­ver­stän­di­gung über Geschich­te und Zukunft Euro­pas« vor­nimmt. Die­se Schrift beschäf­tig­te Zweig seit Ende der drei­ßi­ger Jah­re, er such­te sie 1945 ver­geb­lich zu ver­öf­fent­li­chen. Erst seit 1997 liegt sie gedruckt vor. Schil­ler rekon­stru­iert die Ent­ste­hungs­ge­schich­te vor dem Hin­ter­grund der Kriegs­jah­re und ver­folgt, wie Zweig am Modell der schwei­ze­ri­schen Demo­kra­tie Züge für ein Euro­pa der Nach­kriegs­zeit ent­wirft. Damit soll­te die ver­häng­nis­vol­le Geschich­te zwei­er Krie­ge unwie­der­hol­bar gemacht wer­den. Wis­sen­schafts­ge­schicht­li­chen Stel­len­wert bean­sprucht der Bei­trag »Der abwe­sen­de Leh­rer«, der Georg Lukács´ Ein­fluss auf die Anfän­ge mar­xi­sti­scher Lite­ra­tur­kri­tik in SBZ und frü­her DDR nach­zeich­net. In »Tuchol­sky und der ›Jahr­hun­dert­kerl Hei­ne‹« stellt Schil­ler die viel­fäl­ti­gen Anre­gun­gen dar, die Tucho durch Hei­ne erfah­ren hat und die er in Publi­zi­stik und Dich­tung ver­ar­bei­te­te. »Der Träu­mer und die Poli­tik«, anläss­lich von Lou­is Fürn­bergs 50. Todes­tag geschrie­ben, gibt eine umfas­sen­de Wür­di­gung der wider­spruchs­vol­len Gestalt des sozia­li­sti­schen Dich­ters, in des­sen dich­te­ri­schen Hin­ter­las­sen­schaf­ten man­ches ver­dien­te, dem Ver­ges­sen ent­ris­sen zu werden.

Die­ter Schil­ler: »Lite­ra­ri­sche Erb­schaf­ten. Vor­trä­ge, Reden und Betrach­tun­gen. (1972-2013)«. Edi­ti­on Schwarz­druck, 355 Sei­ten, 28 €

Dr. Ursu­la Rein­hold, 1938 in Ber­lin gebo­ren, arbei­te­te von 1973 bis 1991 als wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin an der Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten der DDR. Von 1991 bis 1996 hat­te sie einen Lehr­auf­trag an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin. Seit 2002 sind sechs Bücher von Ursu­la Rein­hold im tra­fo-Ver­lag erschienen.