Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Bei starken Frauen in der Wüste Lut

In vier Pick­up-Gelän­de­wa­gen brau­sen wir auf einer schnur­ge­ra­den Stra­ße nach Nor­den. Bald kön­nen wir die Dat­tel­pal­men des Dor­fes Shafi­a­bad nicht mehr sehen. In der Oase hat unse­re Grup­pe in einer tra­di­tio­nel­len Unter­kunft Quar­tier bezo­gen, einer klei­nen Pen­si­on mit acht Gästezimmern.

Neben dem Asphalt kral­len sich vom Wind gebeug­te Büsche auf nied­ri­gen brau­nen Sand­hü­geln fest. Bald fehlt jedes Grün. Dun­kel erhe­ben sich west­lich von uns die 4000 Meter hohen Gip­fel des kah­len Kuh­pay­eh-Gebir­ges, das unser Klein­bus am Mor­gen auf dem Weg zur Exkur­si­on in die Wüste »Dascht-e-Lut« auf 2400 Metern Höhe in einem Tun­nel gequert hat. »Lut« bedeu­tet auf Far­si in etwa »nack­te Erde ohne Was­ser und Vege­ta­ti­on«. Nach 20 Minu­ten Voll­gas brem­sen die Fah­rer, len­ken die Pick­ups von der Stra­ße vor­sich­tig in Rich­tung Osten. Staub­fah­nen zei­gen, wo die ein­zel­nen Wagen durch den Wüsten­sand kur­ven. Alle Fah­rer machen sich einen Spaß dar­aus, mit heu­len­dem Motor hohe Sand­dü­nen hin­auf­zudon­nern und auf der ande­ren Sei­te wie­der so hin­ab­zu­ja­gen, dass ich manch­mal fürch­te, unser Auto könn­te sich überschlagen.

Wir schei­nen auf ein ande­res Gebir­ge in der Fer­ne zuzu­steu­ern. Beim Näher­kom­men erweist es sich als eine Ansamm­lung locker grup­pier­ter Fel­sen­käm­me und -tür­me. Es sind rie­si­ge bizar­re Skulp­tu­ren in Braun­tö­nen, soge­nann­te Kaluts, die der Wind in Jahr­tau­sen­den aus dem wei­chen Gestein geschlif­fen und noch nicht zu Sand­kör­nern zer­brö­selt hat. In kei­ner ande­ren Wüste sol­len die­se Gebil­de so groß sein wie hier im Osten des Irans, wo die Lut sich auf knapp 200.000 Qua­drat­ki­lo­me­tern Flä­che dehnt. Sie könn­te ganz Bay­ern, Öster­reich und die Schweiz zusam­men bedecken.

In grau­er Vor­zeit war sie mal ein Bin­nen­meer, heu­te ist sie eine rie­si­ge Sen­ke, deren zen­tra­ler Teil 185 Meter tie­fer liegt als der Mee­res­spie­gel. Die NASA hat hier vom Welt­all aus mit Infra­rot­ra­dio­me­tern die hei­ße­sten Som­mer­tem­pe­ra­tu­ren auf unse­rem Glo­bus gemes­sen: 70,7 Grad Celsius!

Wir machen gera­de einen Pau­sen­stopp, trin­ken Tee, genie­ßen im küh­len­den Wind den Blick über die gran­dio­se Land­schaft, als mein Han­dy klin­gelt: Ein Anruf aus Han­no­ver mit­ten in der Wüste! Ich bin ver­blüfft. Die Ver­bin­dung ist ein­wand­frei, und ich den­ke: Die Mana­ger der deut­schen Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons-Kon­zer­ne soll­ten im Iran eine Fort­bil­dung zum The­ma Netz­ab­deckung absol­vie­ren, Funk­lö­cher gibt es hier anschei­nend nicht. Ein Ein­druck, den auch unser Rei­se­lei­ter bestä­tigt, der wäh­rend unse­rer 2500 Kilo­me­ter lan­gen Über­land­fahr­ten tele­fo­nisch und per E-Mail immer wie­der pro­blem­los Kon­takt zu ande­ren Rei­se­grup­pen und zu sei­nem Büro in Göt­tin­gen hält.

Auch sonst beein­druckt uns die ira­ni­sche Infra­struk­tur: Ein Netz gepfleg­ter Fern­stra­ßen über­zieht das Land, Strom und elek­tri­sches Licht haben wir hier im klein­sten Berg- oder Wüsten­dorf ange­trof­fen, eben­so Trink­was­ser-, Abwas­ser- und Gasleitungen.

Nach der Tee­pau­se fah­ren wir wie­der auf die Asphalt­stra­ße, aber nicht zu unse­rem Dorf, son­dern erneut in Rich­tung Nor­den – bis ein Sand­hü­gel den Weg sperrt. Unse­re Pick­ups über­rol­len ihn mühe­los, doch bald sieht der Asphalt über hun­der­te von Metern so aus, als habe unter ihm ein Erd­be­ben gewü­tet. Die Pick­ups umkur­ven auch die­se Stel­len, und wir trau­en unse­ren Augen nicht: Vor uns erstreckt sich ein rie­si­ger blau­er See, in dem die Stra­ße ver­sinkt. Kei­ne Fata Mor­ga­na, es sind Reste der Was­ser­mas­sen, die wäh­rend der Regen­fäl­le im Früh­jahr durch die Wüste gerauscht sind, die Stra­ße unter­spült und sich hier gestaut haben. Wo das Nass inzwi­schen ver­dun­stet ist, über­zieht eine wei­ße Salz­kru­ste den Sand.

Es ist Frei­tag, der Fei­er­tag der Mus­li­me: Bald sam­melt sich hin­ter uns ein hal­bes Dut­zend Autos ira­ni­scher Aus­flüg­ler, dar­un­ter vier Kran­ken­schwe­stern aus der drei Auto­stun­den ent­fern­ten Groß­stadt Ker­man, die uns von ihrer anstren­gen­den Arbeit erzäh­len. Unse­re Fah­rer stel­len Tisch und Cam­ping­stüh­le für ein Pick­nick auf.

Zurück in Shafi­a­bad machen wir einen Gang durch die stau­bi­ge Oase, die frü­her Teil einer Kamel­rou­te nach Paki­stan war. Wir spa­zie­ren um die restau­rier­ten hohen Lehm­mau­ern und -tür­me einer ehe­ma­li­gen Kara­wan­se­rei. In deren Ein­gangs­hal­le tref­fen wir auf drei Frau­en. Sie hocken auf Tep­pi­chen und sticken, bie­ten Kunst­hand­werk feil: Stoff­pup­pen, geweb­te (Tisch-)Decken, bun­te Stoff­ta­schen. Beklei­det mit schwar­zem Kopf­tuch, tail­lier­ter Blu­se und wei­ßen Snea­kers heißt uns eine zier­li­che jun­ge Frau will­kom­men, Fari­ba. Sie zeigt auf Ein­kaufs­ta­schen, die die Frau­en aus getrock­ne­ten Palm­we­deln gefloch­ten haben: So wie die­ses inein­an­der­grei­fen­de Flecht­werk hei­ße ihre Frau­en­grup­pe auf Far­si: »Goji­no«. Sie selbst habe die Grup­pe nach ihrer Schei­dung gegrün­det. Ziel der Frau­en sei es, unab­hän­gig von den Män­nern zu leben und nicht aus Geld­not in ihre Fami­li­en zurück­keh­ren zu müs­sen, wie das sonst bei Tren­nun­gen üblich sei. Wegen des Wider­stands der Män­ner sei es nicht leicht gewe­sen. Anfangs habe »Goji­no« nur sechs Frau­en gezählt, ein ein­zi­ger jun­ger Mann habe sie unter­stützt. Inzwi­schen aber arbei­te­ten 150 allein­ste­hen­de Frau­en aus dem Dorf und der Umge­bung in dem Ver­ein selbst­be­wusst und soli­da­risch zusammen.

Durch­ge­setzt haben sie, dass das alte Bade­haus restau­riert wur­de und »Goji­no« es als Ver­kaufs­ge­bäu­de nut­zen darf. In dem schmucken Zie­gel­bau sehen wir an einer Pinn­wand vie­le Fotos der Frau­en – wie sie unter Pal­men sit­zen und gemein­sam sticken oder wie sie schweiß­nass mit Schau­fel und Schub­kar­re Bewäs­se­rungs­ka­nä­le rei­ni­gen. »Inzwi­schen leben die Män­ner und wir Frau­en mit Respekt neben­ein­an­der«, berich­tet Fari­ba und strahlt, als wir beein­druckt Bei­fall klatschen.

Den spen­den wir am Abend auch unse­rer Wir­tin. Sie bemut­tert uns mit ihren bei­den Schwie­ger­töch­tern im gro­ßen Wohn­raum der Fami­lie, der mit Tep­pi­chen aus­ge­legt ist, auf denen in der Nacht Fami­li­en­mit­glie­der schla­fen. Hin­ter einem offe­nen Tre­sen befin­det sich rechts die moder­ne Küche, in der Ecke links dane­ben sind Tische für uns mit Fla­den­brot, Schafs­kä­se, Kräu­tern, gebra­te­nem Gemü­se, Joghurt und fri­schen Dat­teln gedeckt. Zu trin­ken gibt es Tee, Cola und ande­re Soft­drinks. Dut­zen­de bun­te Fähn­chen an den Wän­den zei­gen, dass hier Tou­ri­sten aus vie­len Län­dern Quar­tier neh­men. Die Idee, eine Pen­si­on zu eröff­nen, sei gebo­ren wor­den, berich­tet die Wir­tin, als vor eini­gen Jah­ren in der Nacht ein Mann am Tor ihres Farm­hau­ses klopf­te. Der Ira­ner chauf­fier­te zwei Euro­päe­rin­nen von der berühm­ten Lehm­stadt Bam im Süd­osten der Wüste zurück nach Ker­man im Westen, als sein Auto vor dem Dorf eine Pan­ne hat­te. Da war die Fami­lie – gast­freund­lich, wie die Ira­ner sind – auf den Tep­pi­chen für die Nacht zusam­men­ge­rückt. Das sprach sich rum: Wenig spä­ter klopf­ten Motor­rad­tou­ri­sten: Sie hät­ten gehört, hier gebe es Schlafquartiere.

Das ira­ni­sche Staats­fern­se­hen doku­men­tier­te den Umbau des Hau­ses zur Tou­ri­sten-Lodge in einem 20-minü­ti­gen Film. Die Wir­tin zeigt uns das Video auf einem brei­ten LED-Bild­schirm, der an der Wand im Wohn­raum hängt: Wir sehen, wie einer unse­rer Pick­up-Fah­rer, der Ehe­mann der Wir­tin, Fen­ster streicht, Wän­de mit Lehm ver­putzt, Tou­ri­sten durch die Kaluts fährt. Uns macht der Film vor allem eines deut­lich: Hirn und Boss des klei­nen Unter­neh­mens ist nicht der Ehe­mann, son­dern die­se star­ke Frau. Zwei Mona­te habe sie auf der Tou­ris­mus­schu­le in Ker­man gelernt, berich­tet sie und sin­niert: Um noch Eng­lisch zu ler­nen, sei sie wohl zu alt. »Im Film hat sie auch gesagt«, über­setzt Nie­mann, »sie sehe in den Gästen nicht Rei­sen­de, son­dern Mit­glie­der der Fami­lie.« Wir applaudieren!

Wie die ira­ni­schen Frau­en die Gesell­schaft ver­än­dern, beleuch­tet Char­lot­te Wie­de­mann in ihrem her­vor­ra­gen­den Buch: »Der neue Iran – eine Gesell­schaft tritt aus dem Schat­ten«, Mün­chen 2019, 285 Sei­ten, 11,90 €.

In einer der kom­men­den Aus­ga­ben: Ein Kom­mu­nist kehrt in den Iran zurück. Die Tei­le I und II der Rei­se­no­ti­zen von Rai­ner Buten­schön erschie­nen in Ossietzky 23/​2019 und 24/​2019.