Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Theodor Fontane – ein gebildeter Antisemit

Das Theo­dor-Fon­ta­ne-Jubi­lä­ums­jahr 2019 neigt sich mit dem 30. Dezem­ber, dem 200. Geburts­tag des Jubi­lars, dem Ende zu. Viel Rüh­men­des konn­te man in die­sem Jahr zu sei­nen Roma­nen und Gedich­ten erfah­ren, und sei­ne Beschrei­bung der Mark Bran­den­burg wur­de für heu­ti­ge Wan­de­rer tou­ri­stik­taug­lich angepriesen.

Dazu kam in die­sem Jahr noch ein The­ma, das bis heu­te kaum und im letz­ten Fon­ta­ne-Jubi­lä­ums­jahr 1998 mit sei­nem 100. Todes­tag am 20. Sep­tem­ber nur eini­gen Fach­ge­lehr­ten aus der Ger­ma­ni­sten­bran­che bekannt war, näm­lich Fon­ta­nes stän­dig wie­der­keh­ren­der Antisemitismus.

Damals, 1998, erschien von Micha­el Flei­scher unter dem Titel »Kom­men Sie, Cohn« eine »glän­zen­de Stu­die«, so der Anti­se­mi­tis­mus­for­scher Wolf­gang Benz, in der erst­mals aus den etwa 6000 erhal­te­nen Brie­fen Fon­ta­nes ein Bild ent­steht, das den Ver­fas­ser als typi­sches Bei­spiel eines »bür­ger­li­chen Anti­se­mi­ten des 19. Jahr­hun­derts« (Klap­pen­text im oben genann­ten Buch) in die lan­ge Geschich­te der Juden­feind­schaft ein­reiht. Die­se Geschich­te beginnt, als die ersten Chri­sten sich aus der Syn­ago­gen­ge­mein­schaft lösten und die Juden fort­an als »Got­tes­fein­de« beschimpf­ten, die »den Teu­fel zum Vater« hät­ten, wie es im Johan­nes­evan­ge­li­um 8 Vers 44 heißt. Die­ses Wort, das dem Juden Jesus als Fake in den Mund gelegt wur­de, hat­te im »christ­li­chen Abend­land« Lang­zeit­wir­kung, von Ver­leum­dung bis zur Aus­rot­tung des Juden­tums. Nur sel­ten gab es in die­ser Geschich­te kur­ze libe­ra­le Pha­sen, in denen die jüdi­schen Bevöl­ke­rungs­tei­le, zum Bei­spiel in Preu­ßen durch das Eman­zi­pa­ti­ons­edikt von 1812, zu »Staats­bür­gern«, aller­dings mit min­de­ren Rech­ten, erklärt wur­den. Der Kampf gegen die­se neu­en »Ein­län­der« wur­de dann aller­dings für das Bür­ger­tum zu einem Bekennt­nis ihrer »natio­na­len Gesin­nung«. Und in die­sen Kampf reih­te sich auch der preu­ßi­sche Dich­ter Theo­dor Fon­ta­ne ein, lebens­lang. Flei­scher kommt zu der begrün­de­ten Annah­me, dass »der jun­ge Fon­ta­ne die in sei­ner Umge­bung all­ge­mein ver­brei­te­ten Vor­ur­tei­le gegen Juden, sei­en sie reli­giö­ser oder sozia­ler Art, auf­ge­nom­men hat«. In den 1870er Jah­ren, als man in einer tief­grei­fen­den Wirt­schafts­kri­se nach den Ver­ur­sa­chern such­te, wur­den »die Juden« als »Sün­den­böcke« dafür ver­ant­wort­lich gemacht. Ins­be­son­de­re die Schrift des Jour­na­li­sten Wil­helm Marr, »Der Sieg des Juden­t­h­ums über das Ger­ma­nent­hum«, die 1879 zwölf Auf­la­gen erreich­te, rief das Bür­ger­tum zum Kampf gegen das Juden­tum auf, wofür erst­mals der Aus­druck »Anti­se­mi­tis­mus« gebraucht wur­de, ursprüng­lich eine Ehren­be­zeich­nung für die, die sich als Anti­se­mi­ten in einer »anti­se­mi­ti­schen Liga« zusam­men­fan­den (s. Tobi­as Jaecker: »Juden­eman­zi­pa­ti­on und Anti­se­mi­tis­mus im 19. Jahr­hun­dert«, 2002). Der Gedan­ke, dass das Juden­tum im »Deut­schen Kai­ser­reich kei­nen Platz« habe, weil das »im Prin­zip ein ›christ­li­cher‹ Staat« sei, »fand in allen Krei­sen der Bevöl­ke­rung begei­ster­te Zustim­mung«, auch bei Fon­ta­ne, ver­stärkt noch dadurch, dass er von zwei Pro­mi­nen­ten ver­brei­tet wur­de, von dem luthe­ri­schen Hof­pre­di­ger Adolf Sto­ecker in sei­nen het­ze­ri­schen Kan­zel­pre­dig­ten und von dem ange­se­he­nen Histo­ri­ker Hein­rich von Treit­sch­ke mit sei­nem Auf­satz »Unse­re Aus­sich­ten«. Eine Aus­sa­ge dar­aus wur­de damals viel genannt und soll­te spä­ter eine noch grö­ße­re Kar­rie­re machen, das ver­kürz­te, grif­fig gemach­te Luther­wort »Die Juden sind unser Unglück«, das ab 1927 auf der Vor­der­sei­te der NS-Hetz­schrift Der Stür­mer stets zu lesen war.

Fon­ta­ne kam in jener Zeit mit dem Pro­fes­sor von Treit­sch­ke in Ver­bin­dung. Der hat­te sich zu Fon­ta­nes erstem Roman »Vor dem Sturm« (1878) »als Zeug­nis natio­na­ler Gesin­nung« begei­stert geäu­ßert, was Fon­ta­ne hoch erfreu­te. Nach einem Besuch bei dem Pro­fes­sor im Früh­jahr 1880 war er fort­an von des­sen »aka­de­misch« begrün­de­tem Anti­se­mi­tis­mus über­zeugt, weil der »gebil­de­te Men­schen fort­rei­ßen« kön­ne, anders als die »volks­red­ne­ri­sche und unfei­ne Art« des »Agi­ta­tors Sto­ecker«. Ins­ge­samt war er sich aber mit bei­den in Bezug auf die Juden dar­in einig, dass er ihnen wegen »ihres gren­zen­lo­sen Über­muts eine ern­ste Nie­der­la­ge nicht bloß gön­ne, son­dern wün­sche. Und das steht mir fest, wenn sie sie jetzt nicht erlei­den und sich auch nicht ändern, so bricht in Zei­ten, die wir … frei­lich nicht mehr erle­ben wer­den, eine schwe­re Heim­su­chung über sie herein.«

Durch die in den Jah­ren 1879 und 1880 erzeug­te Pogrom­stim­mung, die in die Geschichts­bü­cher als »Anti­se­mi­tis­mus­streit« ein­ge­gan­gen ist, kam es im Preu­ßi­schen Abge­ord­ne­ten­haus im Novem­ber 1880 zu einer Bera­tung dar­über, ob die recht­li­che Stel­lung der Juden nicht ein­ge­schränkt wer­den müs­se, zum Bei­spiel durch ihren Aus­schluss von Staats­äm­tern. Nach einer Ableh­nung des Ansin­nens schrieb der dar­über tief ent­täusch­te Fon­ta­ne an den Bot­schafts­se­kre­tär in Paris (der spä­ter enger Ver­trau­ter von Kai­ser Wil­helm II. wer­den soll­te), Phil­ipp zu Eulen­burg: »Was das Staats­mi­ni­ste­ri­um gestern (Sonn­abend) gelei­stet hat, ist mir denn doch zu wenig. Ich lie­be die Juden, … aber regiert will ich nicht von Juden sein.« Dass es ein­mal dazu kom­men könn­te, fürch­te­te Fon­ta­ne in den wei­te­ren 1880er Jah­ren, wenn er an den preu­ßi­schen Thron­fol­ger Fried­rich Wil­helm dach­te, der durch sei­ne Frau von einem eng­li­schen »Libe­ra­lis­mus« geprägt war, wodurch den Juden noch mehr Rech­te gege­ben wer­den könn­ten. Als die­ser neue Herr­scher dann sehr bald nach sei­nem Regie­rungs­an­tritt (1888) starb, notier­te Fon­ta­ne in sein Tage­buch: »Nach 99 Tagen starb Fried­rich III., und alles atme­te auf, als das Kran­ken- und Wei­ber­re­gi­ment ein Ende nahm und der jugend­li­che Kai­ser Wil­helm II. die Zügel in die Hand nahm. Es war hohe Zeit.« Und in einem Knit­tel­vers dazu dich­te­te er: »Wil­helm II. nun Kai­ser ist,/ Der uns uns­re Juden frißt.« Der Reim, der das Auf­at­men der bür­ger­li­chen Mehr­heit in Preu­ßen, der Anti­se­mi­ten, wie­der­gibt, wur­de von Fon­ta­ne nicht ver­öf­fent­licht, wie er auch sonst sei­nem Anti­se­mi­tis­mus fast nur in sei­nen Tage­bü­chern und Brie­fen, in Dis­kus­si­ons­run­den oder in zufäl­li­gen Begeg­nun­gen frei­en Lauf ließ; zum Bei­spiel in den Orten, in denen er sei­ne all­jähr­li­chen Kuren machte.

Mehr­mals war er in dem mon­dä­nen Nord­see­bad Nor­der­ney, wo er auch jüdi­sche Kur­gä­ste traf. Über sie berich­tet er in einem Brief 1882: »Fatal waren die Juden; ihre fre­chen, unschö­nen Gau­ner­ge­sich­ter (denn in Gau­ne­rei liegt ihre gan­ze Grö­ße) drän­gen sich einem über­all auf. Wer in Rawicz oder Mese­ritz ein Jahr lang … Men­schen betro­gen oder wenn nicht betro­gen, ekli­ge Geschäf­te besorgt hat, hat kei­nen Anspruch dar­auf, sich in Nor­der­ney unter Prin­zes­sin­nen und Com­tessen mit her­um­zu­zie­ren.« In einem ande­ren Brief fasst er sei­ne Ein­drücke von Nor­der­ney so zusam­men: »Hier war es, mit Aus­nah­me der Juden, sehr schön« und, so erläu­tert er es ein­mal sei­nem Sohn Theo­dor, »unter­halt­li­cher als Lan­ge­oog.« Hier konn­te er sich näm­lich auch ganz unge­zwun­gen mit jüdi­schen Kur­gä­sten unter­hal­ten und von ihnen die­ses und jenes erfah­ren, was ihn aller­dings nicht von sei­nen Vor­ur­tei­len gegen­über »den Juden« abbrach­te. Über eine jüdisch-pol­ni­sche Fami­lie berich­te­te er: »Die jüdisch-pol­ni­schen Leu­te ver­füg­ten über einen rei­zen­den Spra­chen­fond (auch wohl noch über ande­re Fonds).« Ein Jahr spä­ter lern­te er in der schle­si­schen Som­mer­fri­sche den Amts­ge­richts­rat Georg Fried­la­en­der ken­nen, mit dem er dann jah­re­lang freund­schaft­lich ver­bun­den blieb. Fried­la­en­der stamm­te aus einer alten jüdi­schen Fami­lie, war aber selbst zum Chri­sten­tum über­ge­tre­ten, also »assi­mi­liert«. Trotz­dem: Kurz vor sei­nem Tode, im Mai 1898, schreibt Fon­ta­ne über sei­nen lang­jäh­ri­gen, viel­leicht besten Freund im Alter: »Er ist klug und gescheidt und mit einem ehr­lich ver­dien­ten eiser­nen Kreuz. Und doch Stock­ju­de, s o sehr, dass sei­ne fei­ne und lie­bens­wür­di­ge Frau blu­ti­ge Trä­nen weint, bloß weil ihr Mann die jüdi­sche Gesin­nung nicht los­wer­den kann.« Gera­de die­se Aus­sa­ge macht deut­lich, was Micha­el Flei­scher so zusam­men­fasst: »Man kann dar­an erken­nen, dass Fon­ta­nes Urtei­le über Juden nicht auf­grund nega­ti­ver Erfah­run­gen ent­stan­den sind, son­dern auf schon vor­ge­präg­tem Vor­ur­teil der gesam­ten Juden­schaft gegen­über beruhen.«

Und die­ses Gift des »vor­ge­präg­ten Vor­ur­teils«, das von einem »gebil­de­ten Bür­ger­tum« mit ihren christ­li­chen Pre­di­gern, Gelehr­ten und eben auch Dich­tern durch die Jahr­hun­der­te wei­ter­ge­ge­ben und mit Ras­sis­mus, Natio­na­lis­mus, Ver­ach­tung von Min­der­hei­ten ange­rei­chert wur­de, wirk­te wei­ter, wie die Mensch­heit erfah­ren muss­te, im 20. Jahr­hun­dert und danach bis in unse­re Tage.

Die Fon­ta­ne-Zita­te im Text sind dem Buch von Micha­el Flei­scher »Kom­men Sie, Cohn. Fon­ta­ne und die ›Juden­fra­ge‹«, 1998, entnommen.