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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Goya geht zur Kur

Ein alter Mann mit wir­rem wei­ßem Haar, über ein Buch mit zer­fled­der­ten Sei­ten gebeugt. Er sieht gebannt auf das, was er liest. »Der Phi­lo­soph«, um 1764 von Jean-Hono­ré Fra­go­nard gemalt – nun in der Ham­bur­ger Kunst­hal­le in der Aus­stel­lung »Goya, Fra­go­nard, Tie­po­lo – Die Frei­heit der Male­rei« (bis 13. April 2020). Auch auf der Front­sei­te des Kata­logs (Hir­mer Ver­lag, 336 Sei­ten, 29 Euro) die­ses Bild, ganz in Braun­tö­nen gehal­ten, mit Licht­ein­fall von oben auf die Haar­krin­gel, die ein Eigen­le­ben zu füh­ren schei­nen, auf den Bart, die Hand über den Blät­tern – selbst sein Kra­gen sträubt sich. Ein Gemäl­de, das nicht den Kli­schees ent­spricht, die sich mit dem Namen Fra­go­nard ver­bin­den. Dem Maler von wild wogen­den Wel­len und Wei­bern mit nack­tem Fleisch – und von pit­to­res­ken Gar­ten­sze­nen mit necki­schen Spiel­chen. »Die Geburt der Venus« (1755), eine Ölskiz­ze Fra­go­nards, leicht und locker die Mal­wei­se, viel wei­ßes Fleisch im schäu­men­den Was­ser, alles rauscht, fließt, wuselt um sie her­um, die mit nai­vem Augen­auf­schlag und rosa Wan­gen schon Ver­füh­re­rin ist.

Älter als Fra­go­nard (1732 gebo­ren) war Gio­van­ni Bat­ti­sta Tie­po­lo, der 1696 in Vene­dig zur Welt kam. Sein älte­ster Sohn Gio­van­ni Dome­ni­co (1727 gebo­ren) wur­de auch Maler. Von bei­den Künst­lern Gemäl­de und Ölskiz­zen (oft als Vor­stu­di­en für Fres­ken), Feder­zeich­nun­gen und Radie­run­gen in Ham­burg. Gio­van­ni Bat­ti­sta lieb­te das Thea­tra­li­sche – »Die Ent­haup­tung Johan­nes des Täu­fers« (1733), eine Ölskiz­ze. Das Düste­re, Schwarz­graue des Ver­lie­ses über­zieht alle Far­ben, auch das gel­be Gewand der Salo­me, die auf den abge­schnit­te­nen Kopf des Johan­nes weist. Der kniet auf einer Mau­er. Alles in fah­len Grau­tö­nen, kein Trop­fen Blut fließt. Das Gemäl­de »Chri­stus in Geth­se­ma­ne« (nach 1753), im Besitz der Kunst­hal­le, lebt ganz aus dem Hell-Dun­kel-Kon­trast. Chri­stus, schla­fend, in einem blau­en Gewand. Ein Engel hält ihn und den Kelch. Unwirk­li­ches Licht fällt auf sie. Auch die Jün­ger schla­fen. Von rechts kom­men die Scher­gen und Sol­da­ten mit Fackeln.

Der Sohn, Gio­van­ni Dome­ni­co Tie­po­lo, taucht sein Bild »Chri­stus am Teich von Bethes­da« in hel­les Tages­licht. Vor einer Säu­le kau­ern Blin­de, Lah­me, Ver­krüp­pel­te am Boden. Neben ihnen Chri­stus, ste­hend, alles über­strah­lend. Eine Hand weist nach rechts, dahin, wo der geheil­te Gelähm­te nun mit sei­nem Bett­zeug auf dem Rücken nach Hau­se wankt. Ein Engel, der beim Wun­der hilf­reich zur Sei­te stand, er fliegt, einem dicken Kind gleich, direkt auf den Herrn zu, greift ihm an den Kopf oder Hei­li­gen­schein. Es scheint so, als sei der Engel von oben gewor­fen wor­den. Weil Chri­stus am Sab­bat die Arbeit des Hei­lens voll­zog? Ein irri­tie­ren­des Bild.

Pul­ci­nella-Dar­stel­lun­gen von Vater Bat­ti­sta. »Pul­ci­nellas Küche«, das gro­ße Ölbild: wei­ße Gestal­ten mit hohen Müt­zen. Was brau­en sie da im Frei­en zusam­men? Wohl nichts Gutes – die Feder­zeich­nung »Pul­ci­nella erleich­tert sich« lässt es ver­mu­ten. Zwei Gefähr­ten schau­en zu. Das Bild des Soh­nes »Der Tri­umph des Pul­ci­nella«, beim Kar­ne­val in Vene­dig ent­stan­den. Alle tra­gen Mas­ken und Kostü­me. Von Vater und Sohn Tie­po­lo sind Feder­zeich­nun­gen und Radie­run­gen unter dem Titel »Kari­ka­tu­ren« zusammengefasst.

Auch Goya schuf mit sei­nen Capri­chos Kari­ka­tu­ren, die anders als die sei­ner Maler­kol­le­gen, nicht komisch-iro­nisch, son­dern sozi­al­kri­tisch sind. Fran­cis­co José de Goya y Luci­en­tes (1746 gebo­ren) ist der Jüng­ste der Künst­ler. Aus­ge­stellt von ihm neun Ölbil­der und vie­le der Capri­chos- und der »Los Desastres de la Guerra«-Radierungen. Kri­tik am spa­ni­schen Bil­dungs­sy­stem übt er in dem dunk­len, die muf­fi­ge Atmo­sphä­re aus­drücken­den Ölbild »Ohne Fleiß kein Preis«(1785). Eine Schul­klas­se, der Leh­rer züch­tigt mit der Peit­sche einen Schü­ler, der ihm sein blo­ßes Hin­ter­teil dar­bie­tet. Vom Fen­ster fällt Licht dar­auf. Zwei Schü­ler haben die Pro­ze­dur schon hin­ter sich, ste­hen mit her­ab­ge­zo­ge­ner Hose und wei­nend in der Klas­se. Kor­re­spon­die­rend dazu die Radie­rung »Wenn er den Krug zer­bro­chen hat«. Wenn? Der Vater schlägt den Sohn auf den Nacken mit sei­nem Schuh. Am Boden Scherben.

Das gro­ße Gemäl­de »Die Tabak­zöll­ner« (1780) zeigt erst auf den zwei­ten Blick, wer hier die lieb­li­che Land­schaft bevöl­kert: kei­ne staats­treu­en Beam­ten, son­dern Män­ner, die mit Schmugg­lern und Räu­bern gemein­sa­me Sache machen. Ihre Klei­dung und die Waf­fen deu­ten es an. Dazu die Radie­rung »Bur­schen an die Arbeit«. Wäh­rend Fra­go­nards »Gesell­schaft im Frei­en« (1759) sich gesit­tet benimmt und nur spielt, ent­puppt sich Goyas »Die Land­par­tie« (1788) als ein wil­der Hau­fen ele­gan­ter betrun­ke­ner Ver­tre­ter von Spa­ni­ens Jeu­nesse dorée. Lee­re Fla­schen lie­gen her­um, einer über­gibt sich. Damen sind auch dabei. Die Kura­to­rin San­dra Pisot beim Rund­gang durch die Aus­stel­lung: »Fra­go­nard war über­haupt nicht gesell­schafts­kri­tisch – er woll­te sei­ne Bil­der ver­kau­fen.« Goya hin­ge­gen durf­te wegen der Inqui­si­ti­on nicht zu deut­lich wer­den mit sei­ner Kri­tik. So geben man­che Blät­ter der Capri­chos Rät­sel auf, wie Nr. 39: Ein Esel blät­tert in einem Buch. Titel: »Bis zu sei­nem Groß­va­ter« (1799). Was fin­det er? Nur Esel – der Stamm­baum, der die ade­li­ge Her­kunft bewei­sen soll­te. Hier direkt bezo­gen auf einen Staats­mi­ni­ster. Ob die Ver­er­bungs­for­scher der Nazis Goyas Blatt kannten?

Den Krieg in Spa­ni­en bil­den die »Los Desastres de la Guer­ra« ab. Goya erleb­te ihn in Sara­gos­sa. Das Blatt »Wel­cher Mut!« zeigt eine jun­ge Frau an der Kano­ne, sie steht auf Ermor­de­ten. 1822 war die Hoff­nung auf eine libe­ra­le Ver­fas­sung zer­fal­len, die Revol­te der Bür­ger blu­tig nie­der­ge­schla­gen. Goya floh 1824 ins Exil nach Bor­deaux, wo er schwer erkrankt starb. Im Kata­log, im Lebens­lauf Goyas ließ er sich dort nie­der »für einen Kur­auf­ent­halt«. Unter dem »Vor­wand« einer Kur wäre kor­rekt. Lei­der noch ein Feh­ler im Kata­log, an ande­rer Stel­le: Goya starb 1828 – nicht 1825. Das letz­te Blatt in der Aus­stel­lung drückt die Ent­täu­schung nach dem Auf­stand der Bür­ger aus. Eine Höh­le, in der Ver­we­sen­de lie­gen, hin­ten undeut­lich eine Waa­ge, vorn ein Toter mit einem Schild in der Hand, auf dem nur »Nada« steht. Aber das Blatt heißt: »Nichts, so sagt er«.