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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Auftrag und Realität

Durch medi­al ver­brei­te­te Feind­bil­der wer­den Stig­ma­ti­sie­rung, Aus­gren­zung, Sank­tio­nen, Schi­ka­nen, Gewalt und Will­kür geför­dert – nach innen wie nach außen. Die Rol­le, die die ARD-Tages­schau dabei spielt, spießt mit Iro­nie und Sar­kas­mus das Autoren­kol­lek­tiv Maren Mül­ler, Fried­helm Klink­ham­mer und Vol­ker Bräu­ti­gam in sei­nem Buch »Zwi­schen Feind­bild und Wet­ter­be­richt« auf – auch wel­che Metho­den und Mecha­nis­men der kri­ti­sier­ten Nach­rich­ten­sen­dung dabei eine Rol­le spielen.

Wis­sen muss man, das heu­te ein wesent­li­cher Teil der moder­nen Kriegs­füh­rung auf die mensch­li­che Psy­che abzielt, pri­mär Ein­stel­lun­gen ver­än­dert, nicht nur in Bezug auf geplan­te Inter­ven­tio­nen gegen ande­re Völ­ker, son­dern auch, um neue Feind­bil­der zu gene­rie­ren, die dem herr­schen­den System von Nut­zen sind. Die Mas­sen­pro­pa­gan­da arbei­tet dabei mit simp­len, aber kate­go­risch vor­ge­tra­ge­nen Behaup­tun­gen. Durch pene­tran­te Wie­der­ho­lung der Inhal­te und unter Zuhil­fe­nah­me pas­sen­der Schlüs­sel­wör­ter wie Dik­ta­tor, Schläch­ter, Macht­ha­ber, Irrer, Regime und so wei­ter bil­den sich eine ent­spre­chen­de Stim­mung und ein Effekt der psy­cho­lo­gi­schen Ansteckung. Ver­stärkt wird der Pro­zess durch das Bestre­ben vie­ler Men­schen, sich der Mas­se anzu­schlie­ßen – ein Mitläufereffekt.

Es ist das alte Herr­schafts­in­stru­ment Pres­se, das aus der Nähe zu eli­tä­ren und par­tei­po­li­ti­schen Inter­es­sen Pro­fit schlägt oder gar Teil davon ist. Medi­en berei­ten Mäch­ten den Boden, die zum Bei­spiel dar­auf ange­wie­sen sind, die öffent­li­che Mei­nung auf die »Not­wen­dig­keit« von Sank­tio­nen bis hin zu Kriegs­ein­sät­zen einzuschwören.

Eine geziel­te Pro­pa­gan­da mit­tels hand­fe­ster Lügen war immer die Grund­la­ge völ­ker­rechts­wid­ri­ger Krie­ge: gegen Viet­nam, Jugo­sla­wi­en, den Irak, Liby­en oder Syri­en. Zu jedem ein­zel­nen Fall gibt es eine Legen­de, die von Spin-Dok­to­ren oder Poli­ti­kern erdacht und von Mas­sen­me­di­en eil­fer­tig ver­brei­tet wur­de. Eini­ge längst wider­leg­te Kriegs­lü­gen haben sich bis heu­te »dank« ser­vi­ler Medi­en im kol­lek­ti­ven Gedächt­nis ein­ge­brannt, ande­re, zu offen­sicht­li­che, haben die Glaub­wür­dig­keit von Poli­tik und Medi­en wei­ter beschädigt.

Unver­ges­sen ist der »Ton­kin-Zwi­schen­fall«, der den Vor­wand für die Aus­wei­tung des Viet­nam­kriegs sowie die Luft­an­grif­fe und Flä­chen­bom­bar­de­ments der USA gegen die Demo­kra­ti­sche Repu­blik Viet­nam lie­fer­te. Das gede­mü­tig­te US-Mili­tär und die Eli­ten des Finanz­ka­pi­tals kamen nach dem ver­lo­re­nen Krieg zu dem Schluss, dass er vor allem durch die Bericht­erstat­tung in den Medi­en ver­lo­ren wur­de. Seit­dem wird jeder Krieg von einer aus­ge­klü­gel­ten Medi­en­st­ra­te­gie begleitet.

Erin­nern wir uns an den Ein­marsch der Ira­ker in Kuwait und die soge­nann­ten Brut­ka­sten­lü­ge. Erdacht von einer PR-Agen­tur und trä­nen­reich vor­ge­spielt von einer Jugend­li­chen, die vor dem infor­mel­len Men­schen­rechts­ko­mi­tee des US-Kon­gres­ses behaup­te­te, ira­ki­sche Sol­da­ten hät­ten bei der Inva­si­on Kuwaits im August 1990 Früh­ge­bo­re­ne getö­tet, indem sie die­se aus ihren Brut­kä­sten geris­sen hät­ten. Nach dem Ende des Krie­ges wur­de bekannt, dass besag­te Jugend­li­che die 15-jäh­ri­ge Toch­ter des kuwai­ti­schen Bot­schaf­ters in den USA war. Die PR-Agen­tur Hill & Knowl­ton hat­te sich den Vor­fall aus­ge­dacht, um die US-ame­ri­ka­ni­sche Öffent­lich­keit von der Not­wen­dig­keit eines Krie­ges gegen den Irak zu über­zeu­gen. Die Brut­ka­sten­lü­ge wur­de sei­ner­zeit von den mei­sten Mas­sen­me­di­en wei­ter­ver­brei­tet, lei­der auch von Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen wie Amnes­ty Inter­na­tio­nal. So wur­de die öffent­li­che Mei­nung in den USA zugun­sten des ersten US-Krie­ges gegen den Irak gedreht.

Ein ande­res Bei­spiel für Mani­pu­la­ti­on waren die angeb­li­chen Bele­ge über ira­ki­sche Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen, die US-Außen­mi­ni­ster Colin Powell 2003 dem UN-Sicher­heits­rat mit­tels eines in die Höhe gehal­te­nen klei­nen Reagenz­gla­ses ver­kauf­te. Jah­re spä­ter, aber zu spät für zig­tau­sen­de getö­te­te Ira­ker wur­de die Powell-Lüge als »Schand­fleck« in sei­ner Kar­rie­re bezeichnet.

Ein lesens­wer­ter Band, in dem die Autoren im Dschun­gel der Mani­pu­la­tio­nen auf­räu­men, die auch täg­lich um acht gesen­det werden.

Maren Müller/​Volker Bräutigam/​Friedhelm Klink­ham­mer: »Zwi­schen Feind­bild und Wet­ter­be­richt – Tages­schau & Co. – Auf­trag und Rea­li­tät«, Papy­Ros­sa, 253 Sei­ten, 19,80 €