Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Den Schneeball nicht zur Lawine werden lassen

Wer über den Umgang des Staa­tes mit Nazis und Anti­na­zis schreibt, wird – auch bei star­ker Abhär­tung – immer wie­der über­rascht. So fand ich in den Akten eines Pro­zes­ses gegen einen Kom­mu­ni­sten, dem Ver­stoß gegen das KPD-Ver­bot vor­ge­wor­fen wur­de, den Vor­wurf, er habe sich das Grund­ge­setz gekauft! Das war in der Zeit, als der Bun­des­in­nen­mi­ni­ster sich gegen die Zumu­tung wehr­te, stets mit dem Grund­ge­setz unterm Arm her­um­lau­fen zu müs­sen. Da muss­te jeder posi­ti­ve Umgang mit der Ver­fas­sung ver­däch­tig erscheinen.

Ich könn­te sol­che Über­ra­schun­gen noch zahl­reich anfüh­ren. Nur noch die­se sei genannt: Es bestehe ein »Wel­pen­schutz« für neue nazi­sti­sche Kleinst­par­tei­en, sag­te Car­lo Weber, Ex-Ver­fas­sungs­schutz­chef von Bran­den­burg am 24. Okto­ber in n-tv. »Die Rech­te« und »Der III. Weg«, die Samm­lungs­be­we­gun­gen von ver­bo­te­nen und nicht ver­bo­te­nen rechts­ter­ro­ri­sti­schen »Kame­rad­schaf­ten«, wer­den als Par­tei­en aner­kannt und somit vom Staat geschützt. Da sie aber offen­bar noch kei­ne aus­ge­wach­se­nen Par­tei­en, son­dern nur Kleinst­par­tei­en sind, bekom­men sie »Wel­pen­schutz«. Und wenn sie dann kei­ne »Wel­pen«, son­dern Blut­hun­de sind, dann haben die Innen­mi­ni­ster nichts mehr damit zu tun. Dann ist es Sache des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes, und das lässt Neo­na­zis als Auf­mar­schie­ren­de und auch als Par­tei­en gewähren.

Über­ra­schend – im posi­ti­ven Sin­ne – war der Kri­mi »Baby­lon Ber­lin«, in dem die Rol­le eines Karl Zör­gie­bel zutref­fend geschil­dert wur­de. Zu Zör­gie­bel möch­te ich an einen Dis­put in Dort­mund erin­nern, der nie aus­dis­ku­tiert wur­de. Am 25. Janu­ar 2001 schrie­ben die Dort­mun­der Ruhr Nach­rich­ten, das Bünd­nis Dort­mund gegen Rechts habe den Dort­mun­der Poli­zei­prä­si­den­ten Hans Schul­ze mit Nazis ver­gli­chen, zumin­dest doch mit den Weg­be­rei­tern des Natio­nal­so­zia­lis­mus in Dort­mund. Das war eine glat­te Fäl­schung. Den­noch distan­zier­ten sich die ört­li­chen SPD- und DGB-Vor­sit­zen­den, fer­ner natür­lich die Poli­zei­ge­werk­schaft von dem Bünd­nis. Das Bünd­nis hat­te geschrie­ben: »In der jet­zi­gen Zeit gibt uns das Ver­hal­ten der Poli­zei Anlass, an die Zeit vor 1933 zu erin­nern, da schon ein­mal deut­sche Poli­zei­prä­si­den­ten den Nazis den Weg durch die Städ­te frei­mach­ten.« Damit war vor allem Karl Zör­gie­bel gemeint, der war kein Nazi, son­dern SPD-Mann, genau wie Hans Schul­ze. Zör­gie­bel hat­te in Ber­lin und Dort­mund auf anti­fa­schi­sti­sche Arbei­ter schie­ßen las­sen. Sei­ne töd­li­che Pra­xis war Gegen­stand einer Unter­su­chungs­kom­mis­si­on, der unter ande­rem Carl von Ossietzky und Alfred Döblin ange­hör­ten. Sein Nach­fol­ger ging nicht so weit, aber er bahn­te den Neo­na­zis eben­falls den Weg, ließ pro­te­stie­ren­de Kin­der, Jugend­li­che und Frau­en stun­den­lang ein­kes­seln. Sodann wur­den sie bis in die Nacht in Käfi­gen eingesperrt.

Das Ver­hält­nis der Poli­zei – eher posi­tiv gegen rechts und abwei­send gegen links – ist in vie­len Städ­ten ein Dau­er­the­ma. Eben­so neu­er­dings in der Kri­tik: die Justiz. Eine Poli­zei­mel­dung vom 21. Okto­ber aus Dort­mund ließ auf­hor­chen: »Wie bereits berich­tet, fand auch am heu­ti­gen Mon­tag (21.10.2019) ein rechts­ex­tre­mi­sti­scher Auf­zug in der Dort­mun­der Nord­stadt statt. Die Poli­zei hat­te erneut ein beson­de­res Augen­merk dar­auf gerich­tet, dass die Rechts­ex­tre­mi­sten bzw. deren Ver­samm­lung kei­nen direk­ten Bezug zu Orten bekom­men, an denen Mahn­ma­le und Gedenk­stät­ten an die Opfer natio­nal­so­zia­li­sti­scher und rechts­ex­tre­mer Gewalt erin­nern. Mit dem Ansin­nen, die anti­se­mi­ti­sche Paro­le ›Nie wie­der Isra­el‹ per ver­samm­lungs­recht­li­cher Auf­la­ge zu ver­bie­ten, konn­te sich die Dort­mun­der Poli­zei beim Ver­wal­tungs­ge­richt und beim Ober­ver­wal­tungs­ge­richt nicht durch­set­zen. Damit ist der Rechts­weg aus­ge­schöpft. Das muss so akzep­tiert wer­den. Die heu­ti­gen Ver­samm­lun­gen ver­lie­fen wei­test­ge­hend stö­rungs­frei.« (Quel­le: Polizeipressestelle)

Die Dort­mun­der Anti­fa­schi­stin­nen und Anti­fa­schi­sten mach­ten an jenem Mon­tag mit ihren Sprech­chö­ren klar: Sie wer­den das nicht akzep­tie­ren. Denn in die­sen Wochen – nach Hal­le! – darf die Nazi­sze­ne von Dort­mund in der Nord­stadt jede Woche unge­stört auf­mar­schie­ren. Die Losun­gen der Nazis bei ihren Auf­mär­schen sind die­se: »Isra­el ist unser Unglück« oder »Palä­sti­na hilf uns doch, Isra­el gibt es immer noch«. Sie rufen auch: »Wer Deutsch­land liebt, ist Anti­se­mit.« Die­se anti­se­mi­ti­sche Het­ze bleibt fol­gen­los, was Ermitt­lun­gen durch die Justiz anbe­langt. Sie bleibt nicht fol­gen­los, wenn wir an Hal­le denken.

Zustim­mung gab es für den Ver­such des Poli­zei­prä­si­den­ten, die Ver­wal­tungs­ge­rich­te in ihrem Eifer zugun­sten der Nazis zu brem­sen. Gefor­dert wird in Dort­mund auch, dass die Pro­zes­se gegen ein­zel­ne Nazis, die anti­se­mi­ti­sche Losun­gen brüll­ten, nicht auf die lan­ge Bank gescho­ben werden.

Das geht nun schon seit vie­len Mona­ten so: Neo­na­zis zie­hen durch die Innen­stadt und haben anti­se­mi­ti­sche Trans­pa­ren­te dabei. Der Innen­mi­ni­ster des Lan­des, Her­bert Reul (CDU), war im Sep­tem­ber 2018 bei einem Auf­marsch unweit ent­fernt, um Poli­zei­ak­ti­vi­tä­ten zu beglei­ten – gegen mus­li­mi­sche »Clans«. Da blieb kaum Poli­zei­kraft übrig für die Bekämp­fung der Nazis, die in zwei Marsch­blöcken je 100 Mann durch die Stadt­tei­le Dorst­feld und Mar­ten zogen. Hier, in ein­sti­gen Arbei­ter­vier­teln, in denen die Berg­ar­bei­ter­ge­werk­schaft gegrün­det wor­den ist, wird offen­bar im Jahr des Endes des Berg­baus der neue Auf­stieg des Faschis­mus geprobt. In Dort­mund betä­tigt sich ein faschi­sti­sches Labo­ra­to­ri­um, in dem stän­dig neue Ver­suchs­rei­hen auf­ge­legt wer­den – man schaue sich nur mal die hie­si­gen Nazi­me­di­en wie NS heu­te und den Auf­bau der angeb­li­chen Par­tei Die Rech­te an.

Bun­des­ju­stiz­mi­ni­ste­rin Chri­sti­ne Lam­brecht (SPD) kün­dig­te nach dem Anschlag von Hal­le »noch mehr« Akti­vi­tä­ten der Justiz gegen Rechts­ex­tre­mis­mus an. Doch was tat die Justiz bis­her? Men­schen, die auf Todes­li­sten der Rech­ten ste­hen, wer­den von Poli­zei und Justiz nicht gewarnt. Zu Zei­ten der RAF hin­gen die Steck­brie­fe an jeder Tank­stel­le, heu­te, zu Zei­ten des rech­ten Ter­ro­ris­mus wer­den 501 Haft­be­feh­le gegen Nazis nicht voll­streckt, die Ver­bre­cher lau­fen frei her­um, und kein Steck­brief for­dert die Bevöl­ke­rung zur Mit­hil­fe auf.

Die Bewe­gun­gen der Rechts­au­ßen in Dort­mund, das sie »ihre Stadt« nen­nen, sind besorg­nis­er­re­gend. Gleich­zei­tig schwin­det die Erin­ne­rung, so bei­spiels­wei­se an die Ein­ga­be der Indu­stri­el­len und Ban­kiers an Prä­si­dent Hin­den­burg, Hit­ler an die Macht zu brin­gen; sie wur­de Hin­den­burg am 19. Novem­ber 1932 über­reicht. Das war einen Monat nach dem Marsch der Nazis auf die Dort­mun­der Nord­stadt vom Okto­ber 1932. Das Stadt­ar­chiv beab­sich­tigt, den Raum 7 »Die Schwer­indu­strie setzt auf Hit­ler« in der Dort­mun­der Gedenk­stät­te Stein­wa­che abzu­schaf­fen. Und seit acht Jah­ren ist beschlos­sen, mit einer Tafel im Stadt­teil Eving in der soge­nann­ten Kir­dorf-Sied­lung über den Namens­ge­ber, den Hit­ler-Finan­zier und Berg­bau­in­du­stri­el­len Emil Kir­dorf, auf­zu­klä­ren. Doch die dafür vor­ge­se­he­ne Tafel lagert in einer Hal­le der Stadt­wer­ke. Nicht zu erfah­ren ist auch, wann die Dort­mun­der Justiz gedenkt, das Dort­mun­der Gesche­hen um die NSU-Mor­de auf­zu­klä­ren. Was geschieht, um die gehei­me Orga­ni­sa­ti­on Com­bat 18 – also: Kampf­grup­pe Adolf Hit­ler – und das Ter­ror­netz­werk Blood and Honour auf­zu­lö­sen? Was wird getan, um in Nord­rhein-West­fa­len faschi­sti­sche Bür­ger­weh­ren zu ver­bie­ten, die sich als neue SA durch die Städ­te bewegen?

 

Seit der Urteils­ver­kün­dung im NPD-Pro­zess vom 17. Janu­ar 2017 in Karls­ru­he, die zugun­sten der Nazis aus­fiel, kommt es mir so vor, als lie­ge nun ein Frei­brief für Nazis und ihre Orga­ni­sa­tio­nen vor. Es kommt zum Auf­schwung der gewalt­tä­ti­gen Rech­ten. Man den­ke nur an Chem­nitz, Kas­sel oder nun an Halle.

Statt wir­kungs­voll vor­zu­ge­hen, wird der Ver­fas­sungs­schutz aus­ge­baut, der gro­ße Mit­ver­ant­wor­tung an der Ent­wick­lung trägt. Der Ver­fas­sungs­schutz betreibt dreist Erin­ne­rungs­po­li­tik in Schu­len und Gedenk­stät­ten, indem er mit sei­nen Berich­ten die Grund­la­ge legt, dass kei­ne För­der­mit­tel an anti­fa­schi­sti­sche Initia­ti­ven flie­ßen, die ihm nicht gefal­len. Dass der Faschis­mus kei­ne Mei­nung, son­dern ein Ver­bre­chen ist – das darf in Nord­rhein-West­fa­lens Schu­len nicht gelehrt wer­den, wenn es nach den Schrif­ten geht, die die Lan­des­re­gie­rung in die Schu­len sen­det. Die­sel­be Lan­des­re­gie­rung setz­te ein neu­es Poli­zei­ge­setz durch, das wich­ti­ge Grund­rech­te der Bür­ger außer Kraft setzt und gefähr­li­che Waf­fen gegen Demon­stran­ten sowie den Aus­bau des Schnüf­fel­ap­pa­rats vorsieht.

Bun­des­wehr­of­fi­zie­re über­neh­men hohe Funk­tio­nen in der AfD. Die Reser­vi­sten­ver­ei­ni­gun­gen stel­len ein gefähr­li­ches, ver­bor­ge­nes Poten­ti­al für die mili­tä­ri­schen Ein­sät­ze im Inne­ren und die Unter­stüt­zung der Rech­ten bereit. Die Dort­mun­der Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Ulla Jel­pke (Die Lin­ke) berich­te­te kürz­lich vom gehei­men Zusam­men­spiel von Bun­des­wehr, Poli­zei, Geheim­dien­sten sowie Reser­vi­sten­trup­pen. Es gebe »unzäh­li­ge wei­te­re Bei­spie­le für die­sen brau­nen Sumpf aus Nazis und Geheim­dienst«, sag­te sie. »Ver­ges­sen wir nicht: Bis vor einem Jahr stand mit Hans-Georg Maaßen ein Mann an der Spit­ze des Inlands­ge­heim­dien­stes, der aus sei­ner Nähe zu AfD-Posi­tio­nen kei­nen Hehl macht. In Bun­des­wehr und Poli­zei wer­den mit schö­ner Regel­mä­ßig­keit rechts­ex­tre­me Vor­fäl­le ent­larvt – und sofort wie­der als ver­meint­li­che Ein­zel­fäl­le verharmlost.«

Wohin geht die Rechts­ent­wick­lung? Die AfD eilt von Auf­schwung zu Auf­schwung. Es meh­ren sich die Stim­men in der Mit­te, die Koali­tio­nen mit der AfD anstre­ben und die Rech­ten auf das Macht­ta­blett heben.

Zum Ernst der Lage und zur Not­wen­dig­keit brei­ter Bünd­nis­se gegen Rechts sei an Erich Käst­ner erin­nert. Er hielt 1958 in Ham­burg anläss­lich des 25. Jah­res­ta­ges der Bücher­ver­bren­nung eine Rede, in der es heißt: »Die Ereig­nis­se von 1933 bis 1945 hät­ten spä­te­stens 1928 bekämpft wer­den müs­sen. Spä­ter war es zu spät. Man darf nicht war­ten, bis der Frei­heits­kampf Lan­des­ver­rat genannt wird. Man darf nicht war­ten, bis aus dem Schnee­ball eine Lawi­ne gewor­den ist. Man muss den rol­len­den Schnee­ball zer­tre­ten. Die Lawi­ne hält kei­ner mehr auf. […] Dro­hen­de Dik­ta­tu­ren las­sen sich nur bekämp­fen, ehe sie die Macht über­nom­men haben.«