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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Van Goghs Stillleben erstmals in Potsdam

Um es gleich vor­weg­zu­neh­men: Kei­ne der heu­te noch exi­stie­ren­den sechs Son­nen­blu­men-Vari­an­ten, die inner­halb eines hal­ben Jah­res in Süd­frank­reich ent­stan­den, sind unter den 27 Stillle­ben Vin­cent van Goghs, die jetzt im Bar­beri­ni-Muse­um Pots­dam gezeigt wer­den. Denn sie zäh­len zu den Iko­nen der Moder­ne und wer­den nicht mehr aus­ge­lie­hen. Aber erst­mals ist es dank des Kröl­ler-Mül­ler-Muse­ums im nie­der­län­di­schen Otter­lo, das nach dem Van Gogh Muse­um in Amster­dam die welt­weit größ­te Van-Gogh-Samm­lung besitzt, gelun­gen, eine Aus­stel­lung aus­schließ­lich mit Stillle­ben zu prä­sen­tie­ren, um den expe­ri­men­tel­len und weg­wei­sen­den Cha­rak­ter die­ses Gen­res im Werk van Goghs her­aus­zu­ar­bei­ten. Inner­halb von zehn Jah­ren war van Gogh zu einem Erneue­rer nicht nur der Land­schafts- und Figu­ren­ma­le­rei, son­dern auch des Stilllebens geworden.

Von den in den Nie­der­lan­den ent­stan­de­nen toni­gen Wer­ken mit ihren ver­ein­zel­ten Akzen­ten in Kom­ple­men­tär­far­ben ent­wickel­ten sich sei­ne Stillle­ben über die Pari­ser Blu­men­stillle­ben des Som­mers 1886, in denen sich Far­be und tona­le Male­rei ver­ein­ten, zu jenen farb­star­ken Arbei­ten mit küh­nen Kon­tra­sten, die er dann im Herbst 1887 mal­te. Die frü­hen Stillle­ben, für die van Gogh ein­fa­che und all­täg­li­che Gegen­stän­de aus länd­li­chem Milieu ver­wen­de­te, sind in einem dump­fi­gen, erdi­gen Grau­braun ohne alle Kon­tra­ste gehal­ten. Nur durch die Hebun­gen und Sen­kun­gen der­sel­ben Far­be und die ruhi­ge, schon mei­ster­haf­te Füh­rung des Pin­sels ent­steht Bewe­gung. Dem reiz­ba­ren und unge­dul­di­gen van Gogh ging es nicht um die prä­zi­se male­ri­sche Nach­ah­mung, son­dern um einen atmo­sphä­ri­schen Gesamt­ein­druck. »Vogel­ne­ster« (1885) haben eine sinn­bild­li­che Bedeu­tung, sym­bo­li­sie­ren Nach­kom­men­schaft und Geborgenheit.

Mit sei­nem Umzug nach Paris im Febru­ar 1886 gelang­te van Gogh zu einer hel­le­ren, rei­che­ren Palet­te und einem indi­vi­du­el­len Stil. In dem Stillle­ben »Vase mit Korn­blu­men und Mohn­blu­men« setz­te er auf einem Unter­grund von Erd­far­ben eine licht­blaue Vase, gefüllt mit Klatsch­mohn, Korn­blu­men, Mar­ge­ri­ten und einem Bund Nel­ken. Das leb­haf­te Rot des Klatsch­mohns steht im Kon­trast zum Blau des Hin­ter­grun­des und der Korn­blu­men. Es ist ein Gemäl­de des Expe­ri­men­tie­rens, wie weit man mit Farb­kon­tra­sten gehen kann. Van Gogh hat­te Charles Blancs Farb­theo­rie zur Kennt­nis genom­men, der­zu­fol­ge hel­le Kom­ple­men­tär­far­ben unver­mischt neben­ein­an­der­zu­set­zen sind. Den Effekt des »Vibrie­rens« hat er wohl hier mit der Far­be Blau errei­chen wol­len. Spä­ter soll­te er es bei sei­nen »Son­nen­blu­men« mit der Far­be Gelb ver­su­chen. Die­se lich­te Far­big­keit führ­te dazu, das Gemäl­de auf das Jahr 1887 zu datie­ren, als er stär­ker dem impres­sio­ni­sti­schen Milieu ver­bun­den war. Der tüp­feln­de Pin­sel­strich, der über­all den Hin­ter­grund durch­schim­mern lässt, könn­te auf den Ein­fluss Paul Signacs hindeuten.

Gegen­über den Blu­men­stillle­ben aus sei­nem ersten Som­mer in Paris zei­gen die Stillle­ben aus dem Früh­jahr 1887 einen ver­än­der­ten male­ri­schen Ansatz. Inspi­riert von japa­ni­schen Farb­holz­schnit­ten trug er in »Karaf­fe und Tel­ler mit Zitrus­früch­ten« (1887) anstatt des kräf­ti­gen Impa­sto des Vor­jah­res die Far­be nur dünn auf und wähl­te eine hel­le Palet­te. Unge­wöhn­lich der Hin­ter­grund – es könn­te sich um eine Tape­te oder einen Wand­tep­pich han­deln –, mit ver­ti­ka­len oran­ge­ro­ten Orna­ment­bän­dern setz­te van Gogh Kom­ple­men­tär­kon­tra­ste von Rot und Grün, Blau und Orange.

Im Febru­ar 1888 ging van Gogh ins süd­fran­zö­si­sche Arles und hoff­te, dass das Licht des Südens sei­ne Bil­der mit einer so star­ken chro­ma­ti­schen Inten­si­tät erfül­len wür­de, dass sie Ein­fluss auf See­le und Geist neh­men könn­ten. Anders als in Paris mal­te van Gogh zunächst nur weni­ge Blu­men­stillle­ben, dar­un­ter »Vase mit Zin­ni­en« (1888) – die Dich­te und unmit­tel­ba­re Nah­sicht der leuch­ten­den Blü­ten ver­lei­hen dem Strauß etwas Monu­men­ta­les, obwohl die ein­zel­nen Blü­ten klein und zier­lich sind. Dage­gen ist das »Stillle­ben mit einem Tel­ler Zwie­beln« (1889) ein ver­kapp­tes Selbst­por­trät. Es ent­stand in der Fol­ge schwe­rer Schick­sals­schlä­ge des Künst­lers. Sei­ne Hoff­nun­gen auf ein gemein­sa­mes »Ate­lier des Südens« mit Paul Gau­gu­in hat­ten sich zer­schla­gen, im Ver­lauf sei­ner Ner­ven­krank­heit schnitt er sich ein Stück sei­nes Ohres ab, wor­auf er eini­ge Wochen ins Spi­tal muss­te. Um dar­auf­hin wie­der zum Malen zu fin­den, schuf er die­ses Stillle­ben: Auf einem Tisch befin­den sich meh­re­re per­sön­li­che Gegen­stän­de van Goghs, die über sei­ne Befind­lich­keit nach der schwe­ren Kri­se erzäh­len. Die neue Trie­be anset­zen­den Zwie­beln sind ein Sinn­bild der Hoff­nung, Brief­um­schlag, Sie­gel­wachs, Ker­ze und Streich­höl­zer ver­wei­sen auf van Goghs Bru­der Theo – und das Gesund­heits­buch ist eine wei­te­re Anspie­lung auf van Goghs Wunsch, sein Leben wie frü­her fort­zu­set­zen, mit Tabak, Wein oder Absinth bei guter Gesund­heit und in brief­li­chem Kon­takt mit sei­nem Bru­der. Das ver­lo­re­ne schöp­fe­ri­sche Gleich­ge­wicht soll­te so wie­der­her­ge­stellt werden.

Zu monu­men­ta­len Bou­quets, wie jenen pro­ven­za­li­schen Rosen und Schwert­li­li­en, mit denen sich van Gogh von sei­nem Kli­nik­auf­ent­halt in Saint-Rémy ver­ab­schie­det hat­te, kam es dann in Auvers-sur-Oise, sei­ner letz­ten Lebens­sta­ti­on, nicht mehr. Hier ent­stan­den sei­ne »Blü­hen­den Kasta­ni­en­zwei­ge« (1890), die sich mit ihren wei­ßen Blü­ten­ris­pen vor leuch­tend blau­em Hin­ter­grund dem Betrach­ter ent­ge­gen­strecken und ein Gefühl von Vita­li­tät ver­mit­teln. Es ist das größ­te sei­ner spä­ten Stillle­ben und zugleich sein expres­siv­stes überhaupt.

Für van Gogh hat­ten die Stillle­ben die Kraft eines Sym­bols. Er konn­te ihnen Gefühl und Dra­ma­tik, Sin­nen­freu­de ver­lei­hen, aber auch an die Ver­gäng­lich­keit des Lebens mah­nen, ist doch die Far­ben- und Blü­ten­pracht der Blu­men nur von kur­zer Dau­er. Sie sind ein­drucks­vol­le Bei­spie­le für das Mit­ein­brin­gen des Per­sön­li­chen in die Male­rei. Das, was van Gogh sei­ne »schreck­li­che Klar­sich­tig­keit« nann­te, spie­gelt sich auch in sei­nen Stillle­ben wider und wirkt heu­te genau­so frisch wie damals.

»Van Gogh – Stillle­ben«. Muse­um Bar­beri­ni, Pots­dam, Alter Markt, Mi – Mo 10-19 Uhr, bis 2. Febru­ar 2020; Kata­log (Pre­stel) 29,95 €