Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Malerische Revolutionen?

Sie sitzt im Gras zwi­schen Stief­müt­ter­chen, dane­ben ein Vogel­bau­er. Sie heißt Isa­bel­le Lam­bert und war das belieb­te Modell der Male­rin Ber­t­he Mor­isot, die das Bild 1885 schuf. Ein Stroh­hut mit bun­tem Band zum Schutz gegen die Früh­lings­son­ne, die Haut zart getönt. Als Kon­trast: ihre schim­mern­de rote Blu­se, hoch­ge­schlos­sen. Der wei­ße Rock auf dem Grün aus­ge­brei­tet, die Hän­de ver­schränkt. Träu­me­risch sieht sie in die Wei­te – oder nach innen. Sie ist sieb­zehn. Alles leicht, locker, hell, unbe­schwert. Das jun­ge Mäd­chen ziert den Titel des Kata­logs zur Aus­stel­lung: »Impres­sio­nis­mus. Mei­ster­wer­ke aus der Samm­lung Ordrup­gaard« in der Ham­bur­ger Kunst­hal­le (bis zum 1. März 2020, Kata­log: Wien­and Ver­lag, 340 Sei­ten, 29 €).

Im letz­ten Raum der Aus­stel­lung das »Por­trät einer jun­gen Frau« – aber ganz anders. Gemalt hat es Paul Gau­gu­in 1896 auf Tahi­ti. Nein, kei­ne der nack­ten braun­häu­ti­gen Schön­hei­ten. Die­ses Mäd­chen ist erst neun Jah­re alt, heißt Jean­ne »Vaï­te« Gou­pil, die Toch­ter eines gut­si­tu­ier­ten Anwalts und Poli­ti­kers, Nach­bar des Malers. Der Vater hat­te Gau­gu­in als Zei­chen­leh­rer für sei­ne bei­den Töch­ter enga­giert. Auch Jean­ne sitzt, aber auf einem Stuhl, des­sen Leh­ne im Kolo­ni­al­stil bemalt ist. Ihr glat­tes dun­kel­brau­nes Haar nach hin­ten gekämmt, der Pony ragt – wie mit dem Line­al gezo­gen – ins kalk­wei­ße Gesicht. Der Mund, sehr rot und zusam­men­ge­presst. Ihre blau­en Augen sehen ins Lee­re. Auch ihr Kleid ist hoch­ge­schlos­sen, mit lan­gen bor­ten­ver­zier­ten Ärmeln. Der Stoff umhüllt sie wie ein Sack, nur an den Schul­tern: Flü­gel­vo­lants. Und erst die Far­be! Eigent­lich unde­fi­nier­bar. Das Braun ähnelt Aus­schei­dun­gen. Muss­te sie so etwas tra­gen? Oder ein Ein­fall des Malers? Die­se Far­be hat er auf die Fin­ger der einen Hand über­tra­gen – ein­fach drü­ber­ge­malt? Am Arm der Hen­kel einer bemal­ten Stroh­ta­sche. Jean­nes Gesicht drückt Trau­er und Ein­sam­keit aus – was steckt dahin­ter? Von einer Mut­ter ist nie die Rede. Ursprüng­lich soll­te ihr Vater por­trä­tiert wer­den. Sie sitzt da, starr wie eine Pup­pe. Der Hin­ter­grund sprüht vor Far­be, viel­leicht ein Wand­tep­pich – kei­ne Natur. Grel­les Rosa im unte­ren Bereich, eine hell­blaue Blu­me. Eine geschwun­ge­ne Linie grenzt das Dun­kel­blau mit sti­li­sier­ten Pflan­zen davon ab. Alles abschreckend und unhar­mo­nisch. Das Gegen­teil von den – wie es Gau­gu­in wohl sah – unver­bil­de­ten, natür­li­chen Frau­en der Insel. Das Bild »Tahi­tia­ni­sche Frau« (1898) zeigt es und »Adam und Eva«(1902) mit grün­äu­gi­ger Rie­sen­schlan­ge. Gau­gu­in gehört nicht mehr zum Impres­sio­nis­mus, er wies ande­re Wege. Auf sei­nem rät­sel­haf­ten Gemäl­de »Die blau­en Bäu­me. Dei­ne Zeit wird kom­men, mei­ne Schö­ne« (1888) – an japa­ni­schen Farb­holz­schnit­ten ori­en­tiert – sind Men­schen nur Staf­fa­ge. In sei­ne Zeit mit van Gogh fällt das Bild »Die Wein­le­se. Mensch­li­ches Elend« (1888). Vorn in der Mit­te eine jun­ge Frau, die wie in Ver­zweif­lung ihre zu Fäu­sten geball­ten Hän­de an den Kopf legt. Ihr feu­er­ro­tes Haar kor­re­spon­diert mit der Far­be des Wein­bergs im Hin­ter­grund, wo zwei bre­to­nisch geklei­de­te Bäue­rin­nen gebückt arbei­ten. Eine Frau steht, dun­kel geklei­det, fast dro­hend am Bildrand.

Zurück zu den Impres­sio­ni­sten. 60 Gemäl­de wer­den als Leih­ga­ben der Samm­lung des däni­schen Ver­si­che­rungs­di­rek­tors Han­sen und sei­ner Frau gezeigt. Vie­le gro­ße Namen, aber meist klei­ne Bil­der. Ing­res und Del­a­croix, der mit »Geor­ge Sand« (1838). Es ist nur ein hal­bes Bild, Cho­pin wur­de abge­trennt, er hängt heu­te im Lou­vre. Hono­ré Dau­mier mit einem sei­ner 30 Gemäl­de über Don Qui­jo­te und San­cho Pan­za. Alles in erdi­gen Braun­tö­nen. Camil­le Corot mit einer Wind­müh­le, die nicht mehr funk­tio­niert und ande­ren Frei­licht­ma­le­rei­en. Die Schu­le von Bar­bi­zon, die nun Ölskiz­zen en plein air, in der frei­en Natur, bevor­zug­te, wur­de zum füh­ren­den Stil. Gust­ave Cour­bet, von ihm ist »Die List. Eine Epi­so­de von der Rot­wild­jagd« (1866) aus­ge­stellt, im Win­ter, wo die Jagd ver­bo­ten war. Sei­ne zwei Rehe wer­den gehetzt, ihre Bewe­gun­gen stim­men nicht ganz. Eines ver­sucht in den Huf­ab­drücken des ande­ren zu lau­fen, um den Jäger zu täu­schen – so die Legen­de. Der Kata­log erkennt »anar­chi­sches Auf­be­geh­ren und qual­vol­les Mar­ty­ri­um«. Cour­bet war Jäger. Dann Clau­de Monet, der »Maler des Was­sers«, hier nicht sei­ne See­ro­sen­tei­che, son­dern die »Water­loo-Bridge, trü­bes Wet­ter« (1903). Leb­haf­tes Trei­ben auf der Brücke, das Was­ser braun, unru­hig. Dahin­ter die Stadt Lon­don im Rauch und Nebel der Schorn­stei­ne, dun­stig. Das genau woll­te er, die All­tags­at­mo­sphä­re. Camil­le Pis­s­ar­ro mal­te Land­schaf­ten meist vom Fen­ster aus – auch Stadt­an­sich­ten aus Paris. Beson­ders impres­sio­ni­stisch anmu­tend: »Blü­hen­de Pflau­men­bäu­me in Éragny«, das Haus des Künst­lers (1894). Licht­durch­flu­tet wie ein Frühlingstag.

Edu­ard Manet ist mit sei­nem Gemäl­de der »Frau mit einer Kan­ne« (1858-60) – das sei­ne spä­te­re Frau zeigt – noch ganz den ita­lie­ni­schen Vor­bil­dern ver­pflich­tet. Eva Gon­za­les, die Schü­le­rin Manets, mal­te ihre Schwe­ster Jean­ne als »Die Gene­sen­de« (1877/​78). Alles weiß, ihre durch­schei­nen­den Gewän­der, das Bett. Nur ihr hoch­ge­steck­tes Haar, ein dunk­ler Fix­punkt. Pierre-Augu­ste Renoir schuf ein klei­nes Mei­ster­werk mit sei­ner »Frau auf einer Wie­se« (um 1868). Mit Som­mer­hut bedeckt, sitzt sie wie hin­ge­weht inmit­ten braungrü­ner Natur. Auf dem hel­len Kleid ein Spiel von Licht und Schat­ten. Lise Tréhot war spä­ter Gelieb­te des Malers und sein Modell. Edgar Degas‘ »Frau, ihr Haar fri­sie­rend« (1894) wirkt zart wie ein Pastell. Mit beson­de­rer Tech­nik wird die­ser Effekt in Öl erzielt. Ein wei­cher Grün­ton über­zieht das gesam­te Bild, schwar­ze Kon­tu­ren zeich­nen die Kör­per­for­men. Das bren­nend rote Haar als Kon­trast. Selbst­ver­ges­sen, mit fast geschlos­se­nen Augen, der Kopf leicht nach oben gerich­tet – etwas zu schön, alles stimmt.

Paul Cézan­nes »Baden­de Frau­en« (um 1895) dage­gen eher sche­men­haft. Wie auf einem Fries sit­zen, ste­hen, hocken die neun Frau­en neben- und hin­ter­ein­an­der, nackt, von bläu­li­chem Licht über­strahlt. Nicht ero­tisch – sti­li­siert, jeg­li­che Indi­vi­dua­li­tät fehlt ihnen. Sie könn­ten zu einem Wand­bild gehö­ren, was auf Fern­wir­kung ange­legt ist.

Das Bahn­bre­chen­de, die »male­ri­schen Revo­lu­tio­nen, die sich ab den 1860er-Jah­ren auf der Lein­wand ereig­ne­ten« (Wand­text), kommt in der Aus­stel­lung nur andeu­tungs­wei­se vor. Allen­falls als Über­gang zu etwas völ­lig Neu­em im neu­en Jahr­hun­dert kön­nen sie gese­hen werden.