Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Thüringer Landtagswahl mit Frosch

Wer die Ergeb­nis­se die­ser Wahl bewer­ten will, mag den Wahl­kampf zuvor betrach­ten. Ein Fern­seh­spot: Knar­ren­der Stie­fel­tritt ist zu hören. Eine Stim­me ver­kün­det im pas­send-teut­schen Ton, was alles schief­läuft im Land. Man sieht schließ­lich einen Glatz­kopf: den Stiefelträger.

Nein, es ist kein Spot der NPD, auch kein AfD-Mann spreizt sich hier im Cow­boy-Look. Es ist ein Fri­seur­ket­ten­be­sit­zer – aus dem Westen. Ein Herr Kem­me­rich, der die Thü­rin­ger Genos­sen­schafts­fri­seu­re ein­sack­te, Spit­zen­kan­di­dat der FDP. Ein Mann der angeb­lich bür­ger­li­chen Mit­te, die jetzt nach der Wahl regie­ren will. Unter der Füh­rung des CDU-Chefs Mike Mohring. Die­se bür­ger­li­che Mit­te hät­te 26 Sit­ze von 90. Mit der AfD bekä­me die­se bür­ger­lich-faschi­sti­sche Mit­te immer­hin eine knap­pe Mehr­heit von 48 Sit­zen. Die müss­te dann aller­dings in Björn Höcke den Füh­rer haben. Frü­her hieß der Thü­rin­gen-Füh­rer Fritz Sauckel.

Die AfD, wohl wis­send, dass sie kei­ne Direkt­kan­di­da­ten in Städ­ten wie Jena, Wei­mar, Erfurt durch­brin­gen wür­de, kon­zen­trier­te sich auf den Süd­osten. Nach Saal­feld, Rudol­stadt, Pößneck, Schleiz, in länd­li­che Knei­pen schick­te sie ihr west­deut­sches Füh­rungs­per­so­nal: Frau Wei­del, Herrn Meu­then, Herrn Gau­land. Man ver­kün­de­te, dass Deutsch­land nicht wei­ter zu einer Bana­nen­re­pu­blik wer­de – »das kön­nen nur noch wir auf­hal­ten« –, und wuss­te auch, hier wür­den tra­di­tio­nell Wah­len gefälscht. Nie­mals Brief­wahl! Ste­phan Brand­ner, west­deut­scher Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter aus Gera, schob das gut ein­stün­di­ge Zuspät­kom­men sei­ner Ber­li­ner Kol­le­gen auf den Stau und »die ver­fehl­te Infra­struk­tur­po­li­tik der Alt­par­tei­en«. Es wur­de gebrüllt: Rame­low sei west­deut­scher Gewerk­schaf­ter, das sei­en die Schlimm­sten. Und immer wie­der erscholl ein Ruf wie Don­ner­hall: »Holen wir uns unser Land zurück!«

Auf dem Markt zu Rudol­stadt war von der AfD ein »Fami­li­en­fest« ange­kün­digt. Es spra­chen die West­deut­schen Kal­bitz, Brand­ner, Höcke – natür­lich nicht vor Fami­li­en, Kin­dern gar, son­dern vor den Fäu­sten und gereck­ten Hän­den vie­ler aus­ge­wach­se­ner Män­ner. Klar, dass unter den 21 spä­ter gewähl­ten AfD-Abge­ord­ne­ten genau drei Frau­en Kaf­fee kochen dürfen.

Wäh­rend auf dem Markt Höcke zum Kampf gegen Moscheen und Flücht­lin­ge auf­rief, gegen das »Aus­plün­dern der Sozi­al­kas­sen«, gab es 200 Meter wei­ter ein »Fest der Demo­kra­tie«. Mit Lin­ken und Grü­nen, mit Chö­ren und SPD, mit dem Direkt­kan­di­da­ten der CDU, mit Thea­ter, vie­len Kin­dern, mit mehr Zulauf als bei den Brand­ner-Reden. Ei, könn­te man mei­nen, dann klappt es viel­leicht doch mit den Wahlprozenten?

Ich bewe­ge mich in einer Bla­se. Es klapp­te nicht. Viel­leicht aus sol­chen Grün­den: Die AfD stell­te einen Mann namens Frosch als Direkt­kan­di­dat im Schwarz­burg-Rudol­städ­ter Land auf. Der hat­te ein beträcht­li­ches Ver­mö­gen als Geschäfts­füh­rer einer Cos­wi­ger Fir­ma gemacht. Im Jahr 2015. Mit dem Ver­kauf von Con­tai­nern für Flücht­lings­un­ter­künf­te. An die Volks­ver­rä­ter­re­gie­rung von Frau Mer­kel. Einen sol­chen Coup gou­tie­ren 29 Pro­zent des wäh­len­den Vol­kes, wäh­rend Lin­ke (22,6) und SPD (12,9) mit ihren Direkt­kan­di­da­ten gemein­sam verlieren.

Frosch erschien weder zum Kul­tur­ge­spräch der Spit­zen­kan­di­da­ten des Wahl­krei­ses, noch ließ er sich anders­wo aus­hor­chen. Er ver­wei­ger­te Stel­lung­nah­men in der »System­pres­se«. Die wur­de durch ihn zur Lücken­pres­se – wei­ße Stel­len, wo er um Ansich­ten und Zie­le gebe­ten wor­den war. Wofür stand er? Weil man dies nicht wuss­te, hat sich ein gro­ßes Vier­tel der Wäh­ler viel­leicht für Wind­rä­der im Thü­rin­ger Wald ent­schie­den. Für die Ein­füh­rung der (human aus­ge­führ­ten) Todes­stra­fe. Für die Abschaf­fung des öffent­lich-recht­li­chen Rund­funks. Für die Ein­füh­rung des Sozia­lis­mus in einem Bun­des­land. Für eine erin­ne­rungs­po­li­ti­sche Wen­de um 180 Grad. Für die Schlie­ßung des hie­si­gen Thea­ters und die Bezu­schus­sung von Thea­ter­fahr­ten nach Bay­reuth und Mün­chen. Für das Ver­bot aller Nicht-Diesel-Fahrzeuge …

Die Frosch-Wäh­ler dach­ten sich offen­bar: Tut nichts, wenn er nichts sagt. Er steht für die AfD, heißt Frosch, und ein sol­cher wird ganz gewiss nichts tun, um einen rechts­na­tio­nal-völ­ki­schen Sumpf auszutrocknen.

Übri­gens waren nach den und neben die mas­sen­haf­ten Frosch-Pla­ka­te fast eben­so vie­le Pla­ka­te der MLPD gehängt wor­den. Der Ver­tre­ter die­ser Par­tei sprach mich auf dem Markt­platz an, bezeich­ne­te als erstes Rame­low als fin­ster­sten Par­tei­gän­ger des ent­fes­sel­ten Kapi­ta­lis­mus. Ich sag­te ihm vor­aus, dass sei­ne Par­tei aus Gel­sen­kir­chen in der Wäh­ler­gunst von 0,2 Pro­zent auf 0,1 Pro­zent fal­len wer­de. Man sieht, ich ver­ste­he nichts von Pro­gno­sen: Die MLPD sieg­te mit 0,3 Prozent.

Es war schon immer die Crux der Lin­ken, dass sie sich in vie­le Recht­ha­ber­par­tei­en auf­split­ter­ten. Natür­lich bekom­me ich für eine sol­che Mei­nung (sie­he »Lin­ke Recht­ha­be­rei« Ossietzky Nr. 5/​19) hier­orts Schel­te. Doch wenn man die Pro­zen­te jener klei­nen Par­tei­en – ich rech­ne auch die mir durch­aus sym­pa­thi­sche PARTEI hin­zu – zusam­men­zählt, wären das immer­hin gut 2 Pro­zent. Die hät­ten das Ergeb­nis ein wenig ver­schie­ben kön­nen. Ich nen­ne hier zur Erin­ne­rung die erziel­ten Stim­men­an­tei­le der Par­tei­en mit Man­da­ten bei den Landes-(Zweit-) Stim­men: LINKE 31 Pro­zent, AfD 23,4, CDU 21,8, SPD 8,2, Bünd­nis­grü­ne 5,2, FDP 5,0.

Ich lebe in Thü­rin­gen, wäh­le in Thü­rin­gen und begeh­re wider bes­se­res Wis­sen den­noch, an die­sem Ergeb­nis nicht schuld zu sein.