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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Beschämende Wahrheit

Am 11. August wur­de in der Dem­mi­ner Kir­che St. Bar­tho­lo­ma­ei eine Aus­stel­lung über den Krieg des Deut­schen Rei­ches gegen die Sowjet­uni­on 1941 bis 1945 eröff­net. 200 Fotos und Zita­te sowje­ti­scher Kriegs­op­fer und deut­scher Sol­da­ten wer­den dort noch bis Mit­te Sep­tem­ber gezeigt, zusam­men­ge­stellt von der Friedensbibliothek/​Antikriegsmuseum Berlin.

Der Haupt­red­ner Jörg Mor­ré, Direk­tor des Deutsch-rus­si­schen Muse­ums Ber­lin-Karls­horst, mach­te unmiss­ver­ständ­lich klar: »Der Sowjet­uni­on ist der Krieg auf­ge­zwun­gen wor­den, ein Über­fall mit uner­bitt­li­cher Här­te.« Die­sen konn­te die Rote Armee abwen­den und mit einem Sieg been­den. »Das glück­li­che Ende eines auf­ge­zwun­ge­nen Ver­tei­di­gungs­krie­ges.« Mor­ré beton­te auch, dass Deutsch­land den Krieg als Ver­nich­tungs­krieg begon­nen und geführt hatte.

Das ent­sprach der Aus­stel­lung, die auch drei wich­ti­ge Befeh­le Hit­lers vom 22. Juni 1941 doku­men­tiert: den Kom­mis­sars­be­fehl zur Erschie­ßung kriegs­ge­fan­ge­ner Polit­kom­mis­sa­re, den Befehl zur unmensch­li­chen Behand­lung von Kriegs­ge­fan­ge­nen und den Befehl zur Kriegs­ge­richts­bar­keit, die selbst schwer­ste Kriegs­ver­bre­chen der deut­schen Sol­da­ten von Ver­fol­gung frei­stell­te. Der auch in der Aus­stel­lung doku­men­tier­te deut­sche Anspruch auf Ver­gel­tung war: 50 oder 100 zu ermor­den­de Zivi­li­sten im Gegen­zug für die Tötung eines deut­schen Sol­da­ten durch Partisanen.

Spä­te­stens seit der viel­dis­ku­tier­ten Aus­stel­lung über die »Ver­bre­chen der Wehr­macht« des Ham­bur­ger Insti­tu­tes für Sozi­al­for­schung besteht auch in Deutsch­land weit­ge­hen­der Kon­sens über den Cha­rak­ter des Krie­ges gegen die Sowjet­uni­on als Ver­nich­tungs­krieg zur Umset­zung des »Gene­ral­plans Ost«, der die Tötung und das Ver­hun­gern von 30 Mil­lio­nen Men­schen ein­kal­ku­lier­te. Von daher prä­sen­tiert die Aus­stel­lung nichts Neu­es, son­dern macht haupt­säch­lich die Bil­der des Grau­ens die­ses Krie­ges und die State­ments von Opfern und Tätern der jun­gen Genera­ti­on zugäng­lich. Eine älte­re Dem­minerin ließ wäh­rend des Vor­tra­ges von Mor­ré halb­laut wis­sen: »Das haben wir doch alles in der Schu­le gelernt.«

Einen ehe­ma­li­gen Regis­seur hin­ge­gen, der sich um Dem­min in den letz­ten Jah­ren beson­ders »küm­mert«, erreg­te die Aus­stel­lung den­noch auf beson­de­re Wei­se. Er hat nach dem Bei­tritt des 1990 neu­ge­grün­de­ten Lan­des Meck­len­burg-Vor­pom­mern zur BRD in Nos­sen­dorf bei Dem­min sei­ne alt-neue Hei­mat gefun­den und mischt sich nun immer wie­der in Dem­mi­ner Ange­le­gen­hei­ten ein.

Der Fil­me­ma­cher hat­te sich bei der Dem­mi­ner Zei­tung über die Aus­stel­lung beschwert und sich in der Aus­ga­be vom 9. August zitie­ren las­sen: »Die Kir­che soll­te kei­ne Posi­ti­on ergrei­fen. Die Kir­che muss frei blei­ben für alle.« Offen­sicht­lich bedeu­tet für ihn schon die Dar­stel­lung der Lei­den sowje­ti­scher Kriegs­op­fer und die Doku­men­ta­ti­on der Befeh­le der haupt­ver­ant­wort­li­chen deut­schen Täter eine unak­zep­ta­ble kirch­li­che Positionierung.

Oder hat er Angst, dass die Aus­stel­lung einer ande­ren Aus­stel­lung in der Dem­mi­ner Kir­che Kon­kur­renz machen könn­te? Gegen­wär­tig ste­hen dort auch ein hal­bes Dut­zend Model­le für eine Neu­ge­stal­tung des Markt­plat­zes von Dem­min. Der ehe­ma­li­ge Regis­seur hat­te den Stutt­gar­ter Archi­tek­tur­pro­fes­sor Alex­an­der Schwarz dafür gewin­nen kön­nen, sei­ne Archi­tek­tur­klas­se »in wis­sen­schaft­li­cher Frei­heit« (so der Begleit­text zur Aus­stel­lung) die Ent­wür­fe anfer­ti­gen zu las­sen, jeweils inklu­si­ve eines Archivs für Mate­ria­li­en zu sei­nen Fil­men. Er habe auch schon Ideen wie das Pro­gramm eines der­ar­ti­gen Archivs in den näch­sten zehn Jah­ren aus­se­hen könn­te. Glück­li­cher­wei­se wol­len sei­ne Ideen bei den Ver­ant­wort­li­chen der Stadt Dem­min und des Lan­des Meck­len­burg-Vor­pom­mern so recht nicht ankom­men. Und auch die Bür­ge­rIn­nen war­ten noch auf die ange­kün­dig­te Befra­gung, um mit­tei­len zu kön­nen, was sie von den Plä­nen hal­ten. Doch wäre nicht in Zei­ten der Digi­ta­li­sie­rung ein ein­fa­cher 64-Giga­bi­te-USB-Stick mit sei­nen Fil­men ein hin­rei­chen­des Archiv?

Der orts­frem­de Kri­ti­ker fragt sich aller­dings, ob die Dem­min­er­In­nen schon über eine ande­re gedenk­po­li­ti­sche Fra­ge debat­tiert haben: Soll als dau­er­haf­te Erin­ne­rung an die Aus­wir­kun­gen der Krie­ge allein die zwei­hun­dert­jäh­ri­ge Tra­di­ti­on der Nen­nung gefal­le­ner Sol­da­ten und Offi­zie­re aus Dem­min in der Kir­che fort­ge­führt wer­den? Zu fin­den sind dort die Namen all derer, die »für König und Vater­land« (in diver­sen Varia­tio­nen) in den Krie­gen 1813/​14, 1864, 1866, 1870/​71, 1914 bis 1918 und 1939 bis 1945 als akti­ve Kriegs­teil­neh­mer gestor­ben sind. Was ist hin­ge­gen mit den Opfern der Dem­mi­ner Kriegs­teil­neh­mer in Frank­reich 1870/​71, auf den Schlacht­fel­dern des Ersten Welt­krie­ges und in den im Zwei­ten Welt­krieg unter­wor­fe­nen und besetz­ten Län­dern? Und wie wird künf­tig der Opfer der Dem­mi­ner Ula­nen beim Ver­such der Aus­rot­tung der Nama und Here­ro in Nami­bia gedacht wer­den, des ersten und pro­to­ty­pi­schen Ver­nich­tungs­krie­ges des Deut­schen Reichs? 1904 waren aus Dem­min 78 Ula­nen und drei Unter­of­fi­zie­re im dama­li­gen Deutsch-Süd­west-Afri­ka, alle hat­ten sich frei­wil­lig gemeldet.

Wenn schon an die gefal­le­nen Dem­mi­ner Sol­da­ten der letz­ten 210 Jah­re in der Kir­che St. Bar­tho­lo­ma­ei erin­nert wird, soll­te man dann nicht auch ein Geden­ken an die unge­nann­ten Opfer die­ser Sol­da­ten und ihrer Kom­man­deu­re erwar­ten dürfen?

Nach­trag: »Das Geheim­nis der Ver­söh­nung ist Erin­ne­rung« lau­tet das Mot­to der der­zei­ti­gen Aus­stel­lung, ein Wort aus dem Tal­mud abwan­delnd. Wäre jedoch nicht zu fra­gen, ob es ange­sichts der deut­schen Gräu­el­ta­ten in der Sowjet­uni­on um Ver­söh­nung gehen kann? Oder zeugt nicht schon der Ver­zicht der Roten Armee auf eine Ver­gel­tung der deut­schen Unta­ten von einer nicht erwart­ba­ren Gene­ro­si­tät und damit unein­hol­ba­ren mora­li­schen Über­le­gen­heit? Mit dem Ver­zicht auf Ver­gel­tung mach­te die Sowjet­uni­on ein histo­ri­sches Ange­bot zur Aus­söh­nung, das von deut­scher Sei­te sel­ten gebüh­rend beant­wor­tet wur­de – und in den letz­ten Jah­ren der zuneh­men­den Aggres­si­vi­tät gegen­über Russ­land immer weni­ger gewür­digt wird. Ein ande­rer Drei­schritt könn­te das Not­wen­di­ge genau­er beschrei­ben: »An deut­sche Gräu­el­ta­ten erin­nern, auf anti­rus­si­sche Pro­pa­gan­da und Kriegs­vor­be­rei­tun­gen ver­zich­ten, Frie­den schlie­ßen und halten.«