Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Lust am Schauen

Aka­de­mie der bil­den­den Kün­ste in Wien 1945: Um Albert Paris Güters­loh grup­pie­ren sich die jun­gen Künst­ler Rudolf Haus­ner, Ernst Fuchs, Wolf­gang Hutter, Anton Lehm­den und Arik Brau­er. Alle außer Haus­ner (1914) um 1929 gebo­ren, eine sur­rea­li­sti­sche Grup­pe, die der Kunst­kri­ti­ker Johann Muschik »Wie­ner Schu­le des Phan­ta­sti­schen Rea­lis­mus« nann­te. Von den Schrecken des Welt­krie­ges gezeich­net, des­il­lu­sio­niert und skep­tisch gewor­den, wie­sen sie als quer­den­ken­de Künst­ler eine neue Über­frem­dung durch die sub­jekt­feind­li­che abstrak­te Kunst zurück, wichen also vom Main­stream ab. Da wird eine gewis­se Par­al­le­li­tät zur sinn­bild­rei­chen Kunst in der DDR sicht­bar, in deren dop­pel­ter Distan­zie­rung vom sta­li­ni­stisch über­form­ten Sozia­li­sti­schen Rea­lis­mus und von der abstrak­ten Kunst. Die Phan­ta­sti­schen Rea­li­sten lote­ten die Tie­fen­schich­ten der Indi­vi­dua­li­tät und der Mensch­heits­ge­schich­te aus, dran­gen in die Gedan­ken­welt der Psy­cho­ana­ly­se ein, stu­dier­ten außer der Kunst des Sur­rea­lis­mus die Wie­ner Tra­di­ti­on, den Sym­bo­lis­mus und den Jugend­stil, sowie die in Wien befind­li­chen Wer­ke Boschs, Brue­gels, der Donau­schu­le, der Manie­ri­sten. Ihr Weg zur Wahr­heit war das Phan­ta­sti­sche und die »Lust am Schau­en«, in der Sig­mund Freud ein eige­nes psy­cho­lo­gi­sches Phä­no­men sah.

Von Tim­na Brau­er, der Toch­ter des Künst­lers und Kura­to­rin der bis­her mit 150 Male­rei­en und Zeich­nun­gen größ­ten Per­so­nal­aus­stel­lung von Arik Brau­er für die Kunst­hal­le Erfurt, war zu hören, dass ihr die arm­se­li­ge Woh­nung in Paris, in der ihre Fami­lie von 1958 bis 1964 wohn­te, groß und weit vor­kam, weil es in ihr mul­ti­kul­tu­rell und mul­ti­lin­gu­al zuging. Als Stu­dent radel­te Erich Brau­er bis Nord­afri­ka, ent­deck­te für sich die ori­en­ta­li­sche Minia­tur­ma­le­rei, hei­ra­te­te in Tel Aviv die jeme­ni­ti­sche Nao­mi, hieß jetzt Arik. Mehr­spra­chig war schon die Kund­schaft sei­nes Vaters, ein Schuh­ma­cher­mei­ster in Wien, der als Sim­che Mosche Segal sei­ne bal­ti­sche Hei­mat als Kind ver­las­sen hat­te und sich Brau­er nann­te. Wegen des Anschlus­ses Öster­reichs floh er, aber kam in einem Nazi-Lager in Lett­land ums Leben, wäh­rend Erich in Wien ver­steckt überlebte.

Mit Nao­mi trat der auch tan­zen­de, schrei­ben­de Maler als Gesangs­duo auf und wur­de in Wien, der rich­ti­gen Stadt für Wadlbei­ßer, ein Begrün­der des poli­tisch enga­gier­ten Austro­pop und besang mit Hol­la­ra den Unter­gang (»Geburn Für Die Gru­abn«), jodel­te im Fege­feu­er. Gegen die hei­te­ren Melo­dien sto­ßen hef­tig die sar­ka­sti­schen Tex­te, ana­log zu sei­ner Male­rei, wo das Grau­si­ge in far­bi­gen Schön­hei­ten erstrahlt und Ver­frem­dung bewirkt.

In der Kunst­hal­le ent­steht im Video vor den Augen der Betrach­ter unter Brau­ers Hän­den, weni­ge Schrit­te vom Ori­gi­nal ent­fernt, sein Bild »Papa­ge­no«, 2019. Mit nas­ser, auf der Flä­che mit einem Tuch breit gerie­be­ner Far­be legt der Maler den dün­nen Grund an, lässt die Far­be anzie­hen, aber nicht trock­nen, damit die­ser sich mit den auf­ge­mal­ten Figu­ren ver­bin­det. Die mit dem Haar­pin­sel von oben nach unten auf­ge­tra­ge­ne zar­te Lasur­far­be ver­reibt er mit den Fin­gern und bil­det die Gren­zen der Figu­ren als einen wei­chen Über­gang. Man­che Moti­ve leuch­ten aus dem Farb­schlei­er und zwi­schen der mit Schwamm, Scha­ber, Pin­sel erzeug­ten Struk­tur her­aus, wer­den ver­tieft und zum Schil­lern gebracht. Im Feu­er­wind löst sich Adam in der Struk­tur des Him­mels und der Erde auf; und Moses wird ver­wan­delt als Teil der Erde dar­ge­stellt. In dem Ver­spon­nen­sein von Land­schaft und Figur drückt sich in emo­tio­na­ler Bild­haf­tig­keit aus, dass alles mit­ein­an­der zusammenhängt.

Die Bil­der erzäh­len von den zu lie­ben­den Frau­en und deren Lebens­müh­sal, wenn in dem auf dem Kopf getra­ge­nen Rei­sig­bün­del der Ehe­mann als zusätz­li­che Erschwer­nis liegt. Brau­er erfin­det für das »Fut­ter für alle«, 2014, ein Tisch­lein-deck-dich, und »Die letz­te Pfüt­ze«, 2016, vor Augen for­dert der Künst­ler »Was­ser­lei­tun­gen über den gan­zen Glo­bus«. Er bewun­dert, wie neu­es Leben auf Tot­holz wächst. Der abge­schlepp­te »Zau­bers­trunk« scheint tot, aber steckt noch vol­ler Leben, das in blau­li­la Blü­ten her­vor­bricht, die vom Bild­be­trach­ter zu sehen sind, nicht aber von den Schlep­pern. Wie eine Qual­le blüht glocken­för­mig der Atom­un­fall als eine Medu­sa Tscher­no­byl: »Die­se von uns gepflanz­te Blu­me ist gif­tig und blüht ewig«, heißt es bei Arik Brau­er. Dem schö­nen, im Mit­tel­deut­schen Ver­lag erschie­ne­nen Buch (172 Sei­ten, 25 €) mit Tex­ten von Tim­na Brau­er, Kai Uwe Schierz und Micha­el Nun­ges­ser sind auf­schluss­rei­che Künst­ler­kom­men­ta­re bei­gefügt. Für die Por­träts (Nao­mi, Fuchs, Hun­dert­was­ser) ent­schul­digt sich Brau­er wegen des »Abma­lens von der opti­schen Wirk­lich­keit«. Doch kei­ner wird einen »Stil­bruch« emp­fin­den, weil sie fan­ta­sie­voll gemalt und von sei­ner per­sön­li­chen Lie­be durch­drun­gen sind. Oft wer­den in sei­ner »Bot­schaft wich­ti­ge rea­li­sti­sche Element[e] in die Sphä­re des Mythi­schen rück­ge­bun­den«, wie der Muse­ums­di­rek­tor Kai Uwe Schierz for­mu­liert. Oft ins Alte Testa­ment oder in die grie­chi­sche Mytho­lo­gie. In dra­sti­schen, bei­na­he kari­kie­ren­den Blei­stift­zeich­nun­gen von 2010 zu Zeus und Euro­pa, Medu­sa oder Ura­nos und Kro­nos zeigt Brau­er beim Numi­no­sen den »aggres­siv-ero­ti­schen Aspekt« (A. B.). Auf fest­li­che Wei­se wür­digt Brau­er »Ika­rus auf Gold«, 2009, der mit brei­ten roten Flü­geln auf­fliegt und mit zer­flo­ge­nen blau­en abstürzt. Er ist ein Gedan­ke, der »der rin­nen­den Zeit […] ein gutes Stück [vor­aus­fliegt]«, so dich­te­te Arik Brau­er 1973.

Feu­er­wer­ke aus war­men Farb­tö­nen zün­det Arik Brau­er. Berückung und Erstar­ren bewirkt die Schön­heit der auf­glü­hen­den Far­ben und weich ver­flie­ßen­den For­men, die zu zer­fetz­ten Kör­pern und bren­nen­den Haa­ren gehö­ren und tief in die­ser ein­zig­ar­ti­gen Ver­bin­dung von Phan­ta­stisch-Alle­go­ri­schem mit dem Rea­len beeindrucken.

Den von deut­schen Faschi­sten erschla­ge­nen jüdi­schen Vätern setzt Brau­er ein Denk­mal im erschüt­ternd­sten Bild »Mein Vater im Win­ter«, 1987, wel­ches in einer wei­te­ren, der ersten Jubi­lä­ums­aus­stel­lung zum 90. Geburts­tag Arik Brau­ers zu sehen ist, im Jüdi­schen Muse­um Wien. Dass Arik Brau­er noch im Alter von 90 an sei­nen Bil­dern arbei­tet, erklärt sich wohl daher, dass er die Lust am Schaf­fen ver­spürt sowie zu Nao­mi die »Lie­be im Alter«, 2019, ein Ehe­paar wie Phi­le­mon und Bau­cis unter herbst­li­chen Bäumen.

Bis 27. Okto­ber, Kunst­hal­le Erfurt, Fisch­markt 7, 99084 Erfurt, Di–So 11–18, Do 11–22 Uhr