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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Kopp hoch, Cherie

Zuerst dach­te ich, da vorn auf der Büh­ne auf Kamp­na­gel in Ham­burg sitzt ein Mensch, der einen Robo­ter imi­tiert. Starr, die Hän­de beweg­ten sich wenig, nach einem bestimm­ten Muster. Ein Bein über das ande­re geschla­gen – den gan­zen Abend lang. Die Augen halb geschlos­sen. Kabel­stücke rag­ten aus sei­nem Hin­ter­kopf. Dann kamen Lau­te aus dem Mund: »hm, hm« und ein »Herz­lich Will­kom­men«. Das klang ziem­lich nor­mal, nur die Bewe­gun­gen des Mun­des, die der Lip­pen: falsch. Der ech­te Autor, Tho­mas Mel­le, tauch­te manch­mal im Video an der Wand auf, als Kind und in ande­ren Ent­wick­lungs­sta­di­en. Er wol­le den Anfang sei­nes letz­ten Buches vor­le­sen (»Die Welt im Rücken«). Nein, er erzähl­te was. Neben ihm ein Lap­top. Er ver­riet, dass Brie­fe nicht beant­wor­tet wer­den. Und immer wie­der Hin­wei­se auf sei­ne Bipo­la­ri­tät: manisch-depres­si­ve Stö­rung. Er stellt Fra­gen ans Publi­kum, kei­ner ant­wor­tet. Er (wer?) sagt, die Krank­heit kom­me ihm vor wie eine gro­ße Fäl­schung. Die Hand­be­we­gun­gen robo­ter­haft. Im Video Fra­gen nach der Iden­ti­tät, nun mit quä­ken­der Stim­me gespro­chen. »Irgend­et­was stimmt hier nicht« – ein oft wie­der­hol­ter Satz. Ein Schein­wer­fer, den er »Thea­ter­ma­schi­ne« nennt, hört auf sei­ne Befeh­le, führt sie aus. Was wäre, wenn die Men­schen so wie die­se Maschi­ne funk­tio­nie­ren wür­den – die Fra­ge von einem Robo­ter gestellt. Künst­li­che Hilfs­mit­tel, Pro­the­sen für Arm oder Bein oder für die Ohren, im Video vor­ge­stellt. Und nur von dort der ech­te Autor auf einem Lauf­band. Die­ser – viel­leicht ech­te – Mensch wird ver­mes­sen, sein Kopf von vie­len Hän­den bear­bei­tet mit Flüs­sig­kei­ten, Pla­stik, Gips. Her­aus kommt eine Büste, toten­weiß, auf dem Video. Der Robo­ter­mensch auf der Büh­ne bewegt die Arme und singt. Erklärt dann, dass psy­chisch Kran­ke sich oft als von Com­pu­tern beherrscht vor­kom­men und an ein­ge­pflanz­te Chips glau­ben. Das alles ist nicht neu. Eben­so der Hin­weis, dass Fir­men men­schen­ähn­li­che Robo­ter her­stel­len, die in Alters­hei­men ein­ge­setzt wer­den – nicht nur in Japan. Dort nen­nen For­scher die­se Men­schen­ähn­lich­keit »Uncan­ny Val­ley« (Unheim­li­ches Tal). So lau­tet auch der Titel des Stückes, das in Zusam­men-arbeit mit Rimi­ni Pro­to­koll (Regie Ste­fan Kae­gi) ent­stand. Er sei Dori­an Gray sagt der Autor. Und auch Gedich­te kön­nen von Com­pu­tern geschrie­ben wer­den. Fast alles ist mach­bar. »Wenn er (wer?) plötz­lich so macht …« Wie? Ein Fuß rebel­liert, dreht sich knar­rend um sich selbst. Am Ende kann er »immer den Stecker zie­hen«. Nach einer Stun­de ist Schluss, und der Robo­ter-Mensch wird durch Absperr­sei­le geschützt.

Nach­trag: Lyrik, vom Com­pu­ter erstellt oder von Men­schen geschaf­fen? Am 2. Juni 2010 erschien im Feuil­le­ton der Zeit das Ergeb­nis einer Befra­gung von zehn deut­schen jun­gen Autoren zu ihrer Mei­nung über älte­re Kol­le­gen wie Grass, Döblin, Bach­mann, Kaf­ka, Brecht, Frisch, Heming­way, Hand­ke und Celan. Vor­schlä­ge zur »Ent­schlackung des lite­ra­ri­schen Kanons«. Auf dem Foto eines Regals mit schö­nen alten Bän­den stand: »Weg damit!« Es inter­es­siert hier nur der damals 35-jäh­ri­ge Autor Tho­mas Mel­le, viel­leicht der Initia­tor der Idee. In sei­nem neu­en Roman beschreibt er, wie er sich sei­ner Biblio­thek ent­le­digt. Weg damit. Und irgend­wo, ganz neben­bei, schil­dert Mel­le, wie er die »wut­ent­brann­ten« Leser­brie­fe an die Zeit auf sein »Celan-Bashing« hin in den Land­wehr­ka­nal gewor­fen hat­te – in den Kanal, in den die Wei­ma­rer Repu­blik auch Rosa Luxem­burg entsorgte.

2010, viel­leicht steck­te er da ja in einer Kri­se, schrieb er: »Aus beru­fe­nem Frank­fur­ter Links­mund« wer­de es hei­ßen »anti­se­mi­tisch«, das wis­se er schon. In »sol­chen Kate­go­rien« den­ke er nicht, für ihn zäh­le nur der Text, nicht das »zumal funk­tio­na­li­sier­te Schick­sal«. Er nennt Celan einen »in der Opfer­rol­le sich ver­strickt haben­den Fremd­gän­ger«, den man »wie im Hand­um­dre­hen ent­lar­ven« kön­ne. Denkt er an die unbe­grün­de­ten Pla­gi­ats­vor­wür­fe von Clai­re Goll, Celan konn­te sie nie über­win­den und brach­te sich im Mai 1970 in Paris um. Für Mel­le muss »die gan­ze Todes­sup­pe« nun »ein­fach hur­tigst aus­ge­löf­felt« wer­den und »Schluss«. Er nann­te Celan in der Zeit einen »Todesch­ar­meur, der mit ver­schwir­bel­ter Orna­men­tik Geheim­nis­krä­me­rei im Lei­chen­tuch der Ver­wand­ten« betrei­be. Mel­le spricht ihn an als »du Lamm« und »du Opfer«. Und als einen, der sei­ne Frau »dau­ernd durch womög­lich geklau­te Goll-Meta­phern hin­ter­gly­phig« betrü­ge. Kurz, Celan arbei­te mit »kabal­li­sti­schen [!] Tricks, bis in den Wahn hin­ein«. Ein guter Anti­se­mit wei­gert sich, die ortho­do­xe Schreib­wei­se für die Kab­ba­la zu benut­zen, und bei der Zeit fand sich auch kein Kor­rek­tor. Haupt­sa­che, die­se »Ent­schlackungs­kur«, so jubel­te damals die Zeit, war »in hohem Maße ehr­lich und sehr befreiend.«

Da freu­te sich die Sezes­si­on, Götz Kubit­scheks Zen­tral­or­gan für die Nazi-Intel­lek­tu­el­len, über die Zeit: »Der Autor Tho­mas Mel­le … ver­ab­schie­de­te Paul Celan, den Dich­ter der ›Todes­fu­ge‹, die immer­hin zu einer Art Staats­dich­tung gewor­den ist. Die Über­schrift lau­tet: ›Die Mystik-Bla­se ist geplatzt‹.«

*

Drei Stun­den zuvor im Gän­ge­vier­tel Ham­burgs: die Grup­pe Ligna (Ole Frahm, Micha­el Hueners und Tor­sten Micha­el­sen) mit »Schafft zwei, drei, vie­le Gän­ge!«. Das Publi­kum, eine Grup­pe von 20 Leu­ten, aus­ge­stat­tet mit Kopf­hö­rern und einem klei­nen Gerät, das Anlei­tun­gen und Infor­ma­tio­nen gab, sich die­sen unbe­kann­ten Teil der Stadt zu erschlie­ßen – das, was übrig geblie­ben war von Abris­sen und Sanie­run­gen. Vor zehn Jah­ren hat­ten Künst­ler das Vier­tel besetzt. Die Geschich­te soll­te nicht total aus­ge­löscht wer­den. Wir gehen los, in die Nähe der Musik­hal­le – im Ohr die Stim­men des Gän­ge­vier­tels, »einer ganz eige­nen Kom­mu­ne«. Gelei­tet von drei Stim­men und einem Sprech­chor, der kom­men­tiert, Fra­gen stellt, Hin­wei­se gibt: »Die kom­mu­ni­sti­sche Par­tei tag­te hier – bis 1933. Zer­schla­gen und nie wie­der zusam­men­ge­setzt.« Manch­mal nennt der Chor flü­sternd die Namen der Gän­ge. Eine Stim­me spricht von einer Weg­schei­de: »Am Mon­tag, den 14. April 1945 kamen Häft­lin­ge mit Kar­ren, Kör­ben und Säcken hier ent­lang. Ange­trie­ben von Poli­zi­sten.« Eine ande­re Stim­me weist auf das nahe Unter­su­chungs­ge­fäng­nis und die Gerich­te hin. »Schau­en Sie.« Der Histo­ri­ker im Ohr: Ver­neh­mungs­pro­to­kol­le, Akten und Per­so­nal­un­ter­la­gen muss­ten ver­schwin­den – ins Kes­sel­haus des Gefäng­nis­ses. Die Gesta­po woll­te den Alli­ier­ten kei­ne sie bela­sten­den Bewei­se lie­fern. Schließ­lich wur­den die Papie­re mit Ben­zin über­gos­sen und ver­brannt, da, im Wall­gra­ben am Sievekingplatz.

Weg­schei­de: »Gehen Sie den Tri­umph­zug der Sie­ger oder den Weg der zer­stör­ten Erin­ne­rung? Oder gehen wir einen ande­ren Weg?« Chor: »Den Weg der Gespen­ster.« Der führt uns in die Pool­stra­ße, in den »schlech­te­sten Teil der Neu­stadt«, die Gän­ge krumm und schmal. »Schau­en Sie auf den Boden«, raunt es im Ohr. Hier wur­den die Pest­lei­chen ver­brannt. Bei der Tor­ein­fahrt »Auto Stern« geht es über einen Hof mit Werk­stät­ten zur Syn­ago­ge im Hin­ter­hof. Der Rest steht heu­te unter Denk­mal­schutz. 1842-44 sind hier ein Tem­pel und vier Wohn­häu­ser gebaut wor­den, eine Reform­syn­ago­ge. Eine ande­re in den Kohl-höfen exi­stiert nicht mehr. »Schau­en Sie auf die Stei­ne. Fas­sen Sie die Back­stei­ne der Apsis an. Schlie­ßen Sie die Augen.« Momen­te des Inne­hal­tens, der Stil­le. Nicht in der Pogrom­nacht 1938 wur­de die Syn­ago­ge zer­stört, erst spä­ter im Krieg. Es scheint, als sei es gera­de erst geschehen.

Irri­tiert ver­las­sen wir den Ort. Eine blut­ro­te Spur auf dem Boden führt wohin? Hier »hau­set die nied­rig­ste Volks-Clas­se und ärme­re Men­schen­gat­tung« befand ein Beob­ach­ter – mit­füh­lend? Das Ber­li­ner Tag­blatt von 1897 nennt alles hier einen »Schand­fleck Ham­burgs«. Die Grup­pe Ligna lässt uns nach­spie­len, was Zei­tun­gen schrei­ben: »Die Poli­zei muß durch eine leben­de Mau­er von Men­schen hin­durch, die nur unwil­lig Raum gibt.« Die Enge, kör­per­lich spür­bar gemacht. Der Völ­ki­sche Beob­ach­ter – sieht er dort Rat­ten? »Zur Nacht­zeit aber beginnt das Gewim­mel stär­ker zu wer­den, dann kommt alles her­aus aus den Ver­stecken.« Eine Stadt, »nicht aus Stei­nen, son­dern aus Fleisch und Kno­chen«, flü­stert der Chor. Die ande­ren, nicht die Bür­ger, meint das Ber­li­ner Tag­blatt, wenn es vom »rabia­ten Men­schen­schlag« schreibt, dem das Mes­ser »so lose wie mög­lich in der Tasche sitzt«. Kommt uns heu­te schon wie­der bekannt vor, die­se Sprache.

Die Poli­zi­sten haben es schwer mit der Iden­ti­fi­zie­rung der Täter. Die vie­len klei­nen Fen­ster machen es schwer zu erken­nen, woher Stei­ne oder Unrat auf die Beam­ten gewor­fen wer­den. Da muss­te etwas gesche­hen. Die Nazis führ­ten die drit­te gro­ße Flä­chen­sa­nie­rung des Gän­ge­vier­tels durch. Wich­tig: Über­all, wo über­wie­gend KPD und SPD gewählt wur­de, soll­ten »Gesun­dungs­ge­bie­te« ent­ste­hen. NS-Ideo­lo­ge Gott­fried Feder: »Um die Brut­stät­ten des Mar­xis­mus zu zer­stö­ren«, ein NS-Sozio­lo­ge nennt sie »rot­ver­si­fft«.

Die neu­en Häu­ser, dort­hin zogen nur weni­ge der Bewoh­ner. Wir ver­sam­meln uns um das Hum­mel­denk­mal. Dann brei­ten wir die Arme aus, um zu erfah­ren, wie eng die Gän­ge waren. Die schma­len Fugen des Pfla­sters zei­gen es. Zita­te aus Fal­la­das Roman »Wer ein­mal aus dem Blech­napf fraß«. Das muss­te alles weg. Raz­zi­en, Räu­mung, Abriss. Aus dem roten Ham­burg soll­te eine Vor­zei­ge­stadt wer­den, die Füh­rer­stadt. Wil­li Bredels Roman »Die Prü­fung« schil­dert, wie die Angst um sich griff. Jeder konn­te unter Fol­ter zum Spit­zel wer­den – im Stadt­haus. Dahin führt unser Gang. Lei­der tei­len sich die Wege nun, und Ver­wir­rung macht sich breit. Alle Gän­ge füh­ren zum Stadt­haus, oder? Das war die Gesta­po-Zen­tra­le zwi­schen Neu­em Wall und Gro­ßen Blei­chen, heu­te Ham­burgs teu­er­ste Ein­kaufs­ge­gend. Gehen Sie über die Brücke, die zum Fleet­hof führt – der ist auch aus Back­stein – wie die Neu­bau­ten der Nazis. Die Kon­tor­häu­ser haben das Gän­ge­vier­tel der Alt­stadt ersetzt, alles schön ordentlich.

Wir kom­men auf einen Hof, »Stadt­hof« nennt ihn heu­te das Mar­ke­ting der Quan­tum AG, das Immo­bi­li­en­un­ter­neh­men, das alles saniert. Im Ohr die Stim­me: »Betre­ten Sie die Brücke des Stadt­hau­ses. Da unter den Fen­stern zum Alster­fleet, ver­läuft der Seuf­zer­gang.« Durch die Fen­ster dort sahen die Gefan­ge­nen den Alster­fleet. Der Raum wur­de von der Quan­tum AG als »Gedenk­ort Stadt­haus« bezeich­net – gezwun­ge­ner­ma­ßen. Denn, als die Fir­ma das gan­ze Gelän­de von der Stadt kau­fen woll­te, wur­de zur Bedin­gung gemacht, dass 700 Qua­drat­me­ter für einen Gedenk­ort bereit­zu­stel­len sei­en. Nur 50 Qua­drat­me­ter blie­ben übrig. Auf die Fen­ster, durch die man in den Kel­ler sehen kann, in dem die Häft­lin­ge der Gesta­po ein­ge­sperrt waren – den Gedenk­ort –, ließ der Inve­stor eine Schrift anbrin­gen: »Kopp hoch, Che­rie.« Um den »Bran­chen-Mix mit cle­ve­ren Food-Kon­zep­ten« nicht zu belasten.

Ein Gang durch die­se Stadt in der Stadt – jeder, der ihn mit­ver­folg­te, den Weg zurück in die Ver­gan­gen­heit und den Blick auf das, was die Gegen­wart aus­macht, wird die­sen Teil des Som­mer­fe­sti­vals nie vergessen.

Am Tag des Offe­nen Denk­mals, am 8. Sep­tem­ber, besteht die Mög­lich­keit, noch ein­mal dar­an teil­zu­neh­men: um 13, 15, 17 und 19 Uhr. Anmel­dung erfor­der­lich: Tele­fon 040-270 949 49.