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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Drei Forderungen wegen deutscher Schuld

»Raub, Ter­ror und Mord kamen aus Deutsch­land, einem Land, das sich in eine gewis­sen­lo­se Dik­ta­tur ver­wan­delt hat­te. Deut­sche Sol­da­ten und Offi­zie­re exe­ku­tier­ten im besetz­ten Land, was deut­sche Ideo­lo­gen und Schreib­tisch­tä­ter in natio­na­li­sti­scher Hybris erson­nen hatten.«

Mit die­sen Wor­ten bekun­de­te am 7. März 2014 der dama­li­ge deut­sche Bun­des­prä­si­dent Joa­chim Gauck wäh­rend einer Gedenk­stun­de im grie­chi­schen Mär­ty-rer­dorf Lyn­giá­des »tie­fes Erschrecken und dop­pel­te Scham« über die Ver­bre­chen der deut­schen Besat­zungs­herr­schaft in Grie­chen­land wäh­rend des Zwei­ten Welt­krie­ges und bat »im Namen Deutsch­lands […] um Ver­zei­hung«. Der Bre­mer Histo­ri­ker Karl Heinz Roth, der die deut­sche Repa­ra­ti­ons­schuld gegen­über Grie­chen­land umfas­send doku­men­tiert hat (sie­he Ossietzky 7/​2017), sieht in die­sen Wor­ten »Kro­ko­dils­trä­nen«, »wohl­fei­le Akte der Erin­ne­rungs­kul­tur«, mit denen die deut­sche Poli­tik seit eini­gen Jah­ren ihr »Kon­zept des »Aus­sit­zens« der Repa­ra­ti­ons­for­de­run­gen aller grie­chi­schen Regie­run­gen seit 1945 abzu­fe­dern versuche.

Denn noch immer gilt die Erklä­rung, die im Jahr 2015 der für Euro­pa­fra­gen im Aus­wär­ti­gen Amt zustän­di­ge Staats­mi­ni­ster Micha­el Roth (SPD) abgab: Deutsch­land ste­he »zu sei­ner histo­ri­schen Schuld und auch zu sei­ner Ver­ant­wor­tung«, aber die Fra­ge deut­scher Repa­ra­tio­nen sei »poli­tisch und juri­stisch abgeschlossen«.

Dar­auf beharrt die Regie­rung Mer­kel auch aktu­ell und anschei­nend unbe­ein­druckt, seit die grie­chi­sche Regie­rung im Juni 2019 Ber­lin in einer diplo­ma­ti­schen Note erneut zu Ver­hand­lun­gen über Repa­ra­ti­ons­lei­stun­gen auf­ge­for­dert hat. Die grie­chi­sche Regie­rung in Athen – damals noch unter Mini­ster­prä­si­dent Alexis Tsi­pras – war dazu par­tei­über­grei­fend vom Par­la­ment in Athen gedrängt wor­den. Zuvor hat­te eine Exper­ten­kom­mis­si­on des grie­chi­schen Par­la­ments die Sum­me für die von der deut­schen Wehr­macht zwi­schen 1941 bis 1944/​45 ver­ur­sach­ten Schä­den auf 290 Mil­li­ar­den Euro ein­schließ­lich Zin­sen beziffert.

Als »beschä­mend« ver­ur­tei­len inzwi­schen zahl­rei­che deut­sche Bür­ge­rin­nen und Bür­ger die Hal­tung der Bun­des­re­gie­rung in einem bun­des­wei­ten Auf­ruf mit dem Titel »Deut­sche Kriegs­schuld und Ver­pflich­tun­gen gegen­über Grie­chen­land«. Zahl­rei­che pro­mi­nen­te Unter­zeich­ner aus Poli­tik, Wis­sen­schaft, Kul­tur und Kir­chen (sie­he www.respekt-fuer-griechenland.de//?p=2406) unter­stüt­zen den Auf­ruf (»Posi­ti­ons­pa­pier«), den der Ber­li­ner Soli­da­ri­täts­ver­ein »Respekt für Grie­chen­land« erar­bei­tet hat und der von der frü­he­ren Vize­prä­si­den­tin des Ber­li­ner Abge­ord­ne­ten­hau­ses Hil­de Schramm ver­ant­wor­tet wird. Sie wer­ben um Mit­ar­beit und Hil­fe bei ihrem Ver­such, in der tabui­sier­ten Ent­schä­di­gungs­fra­ge mit einer Kam­pa­gne zivil­ge­sell­schaft­li­chen Druck gegen die Hal­tung der Bun­des­re­gie­rung auf­zu­bau­en. Der Regie­rungs­an­sicht hal­ten sie ent­ge­gen, »die Ver­pflich­tun­gen aus der Kriegs­schuld« und der deut­schen »Ver­bre­chen gegen die Mensch­lich­keit« sei­en »kei­nes­wegs erle­digt«, viel­mehr wür­den die­se, da der Blick sich auf den NS-Besat­zungs­ter­ror wei­ter schär­fe, auch zukünf­tig »nicht erle­digt sein«.

Um ihr Anlie­gen poli­tisch gleit­fä­hig zu machen, erin­nern die Auf­ru­fer dar­an, dass die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land »über die Jah­re, immer unter­halb von Rechts­an­sprü­chen, mit ein­zel­nen Län­dern ›indi­rek­te‹ oder ›außer­ge­setz­li­che‹ Bei­trä­ge zur Wie­der­gut­ma­chung ver­ein­bart und für bestimm­te Ver­folg­ten­grup­pen Fonds oder Stif­tun­gen, die huma­ni­tär oder mora­lisch begrün­det wur­den, ein­ge­rich­tet« hat. Auch wenn dies nicht aus­rei­chend sei, stel­len sie in die­sem Sin­ne drei For­de­run­gen an den Bun­des­tag und an die Bun­des­re­gie­rung, die sie »für vor­dring­lich und zeit­nah erfüll­bar hal­ten«. Die For­de­run­gen lauten:

Erstens: Rück­zah­lung des Zwangs­kre­dits, den das Nazi-Regime wäh­rend der Besat­zungs­zeit von Grie­chen­land erpresst hat und des­sen Rest­schuld sich 1945 nach dem Rück­zug der deut­schen Trup­pen auf 476 Mil­lio­nen Reichs­mark belief. Respekt für Grie­chen­land bezif­fert den heu­ti­gen Wert der Zwangs­an­lei­he auf schät­zungs­wei­se sie­ben Mil­li­ar­den Euro, mit Zin­sen betra­ge er elf Mil­li­ar­den Euro. Um zu einer Klä­rung zu kom­men, sol­le die Bun­des­re­gie­rung der Regie­rung in Athen anbie­ten, gemein­sam den Ver­gleichs- und Schieds­ge­richts­hof inner­halb der Orga­ni­sa­ti­on für Sicher­heit und Zusam­men­ar­beit in Euro­pa (OSZE) anzu­ru­fen. Des­sen Zustän­dig­keit sei gegeben.

Zwei­tens: Rück­zah­lung des Löse­gelds, das der dama­li­ge Chef der deut­schen Wehr­machts­ver­wal­tung in Thes­sa­lo­ni­ki, der Kriegs­ver­bre­cher Max Mer­ten, von der jüdi­schen Gemein­de in Thes­sa­lo­ni­ki 1942 erpresst hat­te als Gegen­lei­stung für die vor­über­ge­hen­de Frei­las­sung von 7500 jüdi­schen Zwangs­ar­bei­tern, die er dann weni­ge Mona­te spä­ter mit mehr als 46.000 Juden aus Thes­sa­lo­ni­ki in das Ver­nich­tungs­la­ger Ausch­witz depor­tie­ren ließ (sie­he Ossietzky 14/​2017). Das gefor­der­te Löse­geld hat­te damals einen Wert von 38 Mil­lio­nen Reichsmark.

Drit­tens: Die Ein­rich­tung eines Fonds zur nach­hal­ti­gen Ent­wick­lung des länd­li­chen Raums in Grie­chen­land – unter beson­de­rer Berück­sich­ti­gung der von den Nazis zer­stör­ten »Mär­ty­rer­dör­fer«. Obwohl zahl­rei­che Bür­ger­mei­ster wäh­rend der 1950er Jah­re um Hil­fe gebe­ten hat­ten, habe die Bun­des­re­gie­rung bis­her kei­nes der mehr als 1000 von der Wehr­macht gebrand­schatz­ten grie­chi­schen Dör­fer unter­stützt und auch sonst jede Auf­bau­hil­fe verweigert.

Unter­des­sen hat Anfang Juli 2019 der wis­sen­schaft­li­che Dienst des Bun­des­ta­ges das Nein der Bun­des­re­gie­rung zu Ent­schä­di­gungs­zah­lun­gen an Grie­chen­land in Zwei­fel gezo­gen. Die deut­sche Wei­ge­rung sei völ­ker­recht­lich ver­tret­bar, aber »kei­nes­wegs zwin­gend«, heißt es in dem Sach­stands­be­richt, den die Frak­ti­on Die Lin­ke in Auf­trag gege­ben hat­te. Die Völ­ker­rechts­ex­per­ten des Bun­des­ta­ges regen eine Ent­schei­dung des Inter­na­tio­na­len Gerichts­hofs in Den Haag an, um für Rechts­klar­heit zu sorgen.

Wer die Kam­pa­gne unter­stüt­zen will, wen­det sich an: Respekt für Grie­chen­land e. V., c/​o Hil­de Schramm, Ring­stra­ße 83, 12203 Ber­lin. Infor­ma­tio­nen unter www.respekt-fuer-griechenland.de/?p=2520. Spen­den­kon­to (Ver­wen­dungs­zweck: »Kriegs­schuld«) IBAN: DE42 4306 0967 1175 7746 01, BIC: GENODEMI GLS.