Skip to content
Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu

Deutschlands größter künstlicher See

Drei Jahr­hun­der­te Berg­bau haben die Regi­on süd­lich von Hal­le nach­hal­tig geprägt. Mit­te des 19. Jahr­hun­derts eta­blier­te sich dann der indu­stri­el­le Braun­koh­len­berg­bau, vor allem zur Brenn­stoff­ge­win­nung für die Zucker­raf­fi­ne­rien. Im 20. Jahr­hun­dert kam zur Nut­zung als ein­fa­cher Ener­gie­trä­ger die stoff­li­che Ver­wer­tung der Braun­koh­le hin­zu. Auf­grund ihres hohen Bitu­men­ge­hal­tes wur­den in der che­mi­schen Indu­strie dar­aus Mine­ral­öle, Par­af­fi­ne, Tee­re und Teer­pro­duk­te gewonnen.

Die Lager­stät­te Gei­sel­tal west­lich von Mer­se­burg war eines der bekann­te­sten und größ­ten Braun­koh­len­vor­kom­men Deutsch­lands. Ins­ge­samt über 1,4 Mil­li­ar­den Ton­nen Koh­le wur­den aus den bis zu 120 Meter mäch­ti­gen Flö­zen geför­dert. Zu Spit­zen­zei­ten soll die För­der­men­ge sogar sie­ben Pro­zent der Welt­för­de­rung betra­gen haben. Der Braun­koh­len­ta­ge­bau gab vie­len Men­schen der Regi­on Arbeit und eine siche­re Lebens­grund­la­ge. Die trau­ri­ge Schat­ten­sei­te: Ins­ge­samt 16 Ort­schaf­ten muss­ten dafür weichen.

Mit der poli­ti­schen Wen­de 1989/​90 und der damit ver­bun­de­nen wirt­schaft­li­chen Neu­aus­rich­tung im Osten Deutsch­lands sank der Bedarf an Braun­koh­le, die außer­dem unter Umwelt­aspek­ten nicht mehr trag­bar war. Mit dem letz­ten Koh­len­zug am 30. Juni 1993 ende­te die Koh­le­för­de­rung in der Regi­on, und eini­ge Jah­re spä­ter begann die Rekul­ti­vie­rung des rie­si­gen Tage­baus und sei­nes Umfeldes.

Am 30. Juni 2003 erfolg­te der Start­schuss für die Flu­tung des Gei­sel­tal­sees. Seit die­sem Tag ström­te auf­be­rei­te­tes Saa­le­was­ser über eine mehr als 17 Kilo­me­ter lan­ge Lei­tung in den Tage­bau, 2,2 Kubik­me­ter pro Sekun­de. Von drei 14 Meter hohen Aus­sichts­tür­men rund um den ehe­ma­li­gen Tage­bau konn­ten Inter­es­sier­te den stän­dig stei­gen­den Was­ser­spie­gel beob­ach­ten. Am 29. August 2008 hat­te der Was­ser­stand die ein­heit­li­che Höhe von 90,30 Metern über Nor­mal­hö­hen­null erreicht, und der Gei­sel­tal­see hat­te damit sei­ne geplan­te Grö­ße erlangt. Mit einer Was­ser­flä­che von 1.842 Hekt­ar, einem Was­ser­in­halt von 423 Mil­lio­nen Kubik­me­tern und einer maxi­ma­len Tie­fe von 70 Metern war der Gei­sel­tal­see zum größ­ten künst­li­chen See in Deutsch­land gewor­den – der größ­te See im mit­tel­deut­schen Raum und der zwölft­größ­te See in Deutsch­land. Bis 2030 muss aller­dings noch Fremd­was­ser, soge­nann­tes Stüt­zungs­was­ser, zur Auf­fül­lung von Absen­kun­gen und als Ver­dun­stungs­aus­gleich zuge­pumpt werden.

Im August 2012 erfolg­te dann die erste Frei­ga­be einer Teil­flä­che, in den Jah­ren danach wei­te­re Frei­ga­ben für die tou­ri­sti­sche Nut­zung. Bereits am 29. Mai 2008 wur­de mit der »Mari­na Mücheln« der erste Frei­zeit­ha­fen mit einer Tou­ri­sten­in­for­ma­ti­on der Öffent­lich­keit über­ge­ben. Von hier kann man mit dem eige­nen oder gemie­te­ten Boot bezie­hungs­wei­se mit einem Fahr­gast­schiff star­ten. Inzwi­schen ist ein idea­les Revier für vie­le Was­ser­sport­ar­ten ent­stan­den mit Boots­häu­sern, Was­ser­lie­ge­plät­zen, Feri­en­häu­sern, Cam­ping­platz und gastro­no­mi­schen Ein­rich­tun­gen. In den Som­mer­mo­na­ten herrscht reger Bade­be­trieb im Strand­bad auf der Halb­in­sel Stöb­nitz. Ein Spiel­platz und zwei Beach­vol­ley­ball­plät­ze sor­gen außer­dem für Abwechs­lung bei den Badegästen.

Die Nach­bar­kom­mu­ne Braunsbe­dra woll­te eben­falls von dem mög­li­chen »Erfolgs­ku­chen« ein Stück abbe­kom­men und errich­te­te eine eige­ne Mari­na mit 165 Lie­ge­plät­zen. High­light der Anla­ge ist eine 190 Meter lan­ge See­brücke mit einer 45 mal 25 Meter gro­ßen Platt­form, die für ver­schie­de­ne Events genutzt wer­den kann. Mücheln und Braunsbe­dra … zwar will man sich nicht gegen­sei­tig Kon­kur­renz machen, aber erst die Zukunft wird zei­gen, ob zwei mari­ti­me Frei­zeit­an­ge­bo­te in unmit­tel­ba­rer Nach­bar­schaft wirt­schaft­lich erfolg­reich sind.

Es gibt viel­fäl­ti­ge Mög­lich­kei­ten, den Gei­sel­tal­see zu erkun­den. Beson­ders die gut aus­ge­bau­ten Rad- und Wan­der­we­ge (cir­ca 30 Kilo­me­ter lan­ger Rund­weg) sind ein Besu­cher­ma­gnet. Sie bie­ten akti­ve Frei­zeit­er­ho­lung zu jeder Jah­res­zeit. Wer es etwas gemüt­li­cher will, genießt mit dem Gei­sel­tal-Express, einer Klein­we­ge­bahn, in einer zwei­stün­di­gen Rund­fahrt die viel­fäl­ti­gen Aus­blicke auf den See und die umge­ben­de Natur. Dazu gibt es einen halb­stün­di­gen Stopp am Wein­berg »Gol­de­ner Stei­ger«. Nein, kein April­scherz. An einem Süd­hang des Gei­sel­tal­sees gelang tat­säch­lich ein unglaub­li­ches Rekul­ti­vie­rungs­pro­jekt: auf einer ehe­ma­li­gen Abraum­hal­de vom Berg­bau zum Wein­bau. Heu­te wird der klei­ne Wein­berg (nach EU-Vor­ga­ben darf nur eine Flä­che von 3 Hekt­ar auf­ge­rebt wer­den) mit der Strauß­wirt­schaft und einer gro­ßen Gäste­ter­ras­se jedoch nicht mehr belä­chelt. Mit­un­ter sind Vor­anmel­dun­gen ange­bracht. Ober­halb des Wein­bergs befin­det sich eine Pil­ger­klau­se, denn der Wein­berg liegt direkt am Jacobs­weg. Sie wur­de mit Unter­stüt­zung der Bau­haus-Uni Wei­mar errichtet.

Namens­ge­ber für das Gei­sel­tal ist die Gei­sel, die im Müchel­ner Orts­teil St. Micheln ent­springt und nach 25 Kilo­me­tern bei Mer­se­burg in die Saa­le mün­det. Frü­her war die Gei­sel das Lebens­band der gan­zen Regi­on. Ent­lang ihres Lau­fes reih­ten sich zahl­rei­che Dör­fer wie an einer Per­len­schnur. Welt­weit bekannt gewor­den ist das Gei­sel­tal durch fos­si­le Fun­de, die bei der Koh­le­för­de­rung ans Tages­licht kamen – unter ande­rem das ver­stei­ner­te und voll­stän­dig erhal­te­ne Ske­lett eines Urpferd­chens (Pro­pa­laeo­the­ri­um issela­num), das 1933 eine archäo­lo­gi­sche Sen­sa­ti­on war. Die Fund­stücke sind in Hal­le im Gei­sel­tal­mu­se­um oder im Lan­des­mu­se­um für Vor­ge­schich­te aus­ge­stellt. Vor zehn Jah­ren konn­ten Wis­sen­schaft­ler sogar den Spei­se­plan des Urpferd­chens ent­rät­seln. Im Muse­um hat­te man ein nicht inven­ta­ri­sier­tes Glas­röhr­chen mit Magen­in­halt ent­deckt. Mit Hil­fe moder­ner Ana­ly­se­me­tho­den stell­te sich her­aus: Auch der klei­ne Vor­fahr unse­rer heu­ti­gen Vier­bei­ner war ein Vegetarier.

Einen Besuch lohnt auch Mücheln mit sei­ner histo­ri­schen Alt­stadt am süd­west­li­chen Ufer des Gei­sel­tal­sees. Immer­hin erhielt die Klein­stadt schon 1350 das Stadt­recht. Das ehe­ma­li­ge Acker­bür­ger­städt­chen konn­te es sich bereits 1571 lei­sten, ein statt­li­ches Rat­haus zu bau­en, das bis heu­te mit sei­ner Renais­sance­fas­sa­de ein Schmuck­stück am Markt­platz ist. Hier befin­det sich das Hei­mat­mu­se­um, das neben der Stadt­ge­schich­te auch die 300-jäh­ri­ge Ent­wick­lung des Braun­koh­len­berg­baus dokumentiert.