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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Polnische Schicksalssommer (II)

Som­mer 1939: Der »Fall Weiß« ist lan­ge fer­tig aus­ge­ar­bei­tet und unter­zeich­net. Die Wehr­macht steht auf dem Sprung. Den Krieg woll­te sich mitt­ler­wei­le Hit­ler nicht mehr neh­men las­sen, noch ein­mal eine Verhandlungs-»Lösung« wie mit dem Münch­ner Dik­tat soll­te ihm nicht mehr dazwi­schen­kom­men. Für Mos­kau war die Lage erst recht schwie­rig. Aus Lon­don und Paris gab es Signa­le, etwas gegen eine mög­li­che Aggres­si­on Deutsch­lands auf Polen zu unter­neh­men. In Mün­chen noch aus­ge­schlos­sen soll­te nun Mos­kau in die Ver­ant­wor­tung genom­men wer­den. Aber wie schon in der Kri­se 1938 hieß, die Unter­stüt­zung Mos­kaus ein­zu­for­dern, die Fra­ge zu klä­ren, wie sowje­ti­sche Trup­pen gegen den Aggres­sor antre­ten könn­ten. Eine gemein­sa­me Gren­ze gab es nicht. Polen (und even­tu­ell Rumä­ni­en) müsste(n) den Durch­marsch gestat­ten. Die halb­her­zig und von unte­ren bri­ti­schen und fran­zö­si­schen Char­gen mit der Mos­kau­er Mili­tär­füh­rung und dem Außen­mi­ni­ster geführ­ten Ver­hand­lun­gen mit dem Westen steck­ten im August 1939, als die Kri­se um Polen sich zuspitz­te, in einer Sackgasse.

Preis der Schaukelpolitik

Die pol­ni­sche Füh­rung hat­te mehr Angst vor einer sowje­ti­schen Ein­fluss­nah­me als vor den Deut­schen, sie fürch­te­te um ihre Fabri­ken und Güter, die bei einer mög­li­chen sozia­len Umwäl­zung ihnen abhan­den­kom­men könn­ten. Die Schau­kel­po­li­tik des letz­ten Jahr­zehnts hat­te Polen in eine Sack­gas­se geführt, und sei­ne west­li­chen Alli­ier­ten wuss­ten erst recht nicht, was sie woll­ten: tat­säch­lich einen Krieg mit aller Kon­se­quenz gegen Deutsch­land oder doch abwar­ten, dass sich das Gewit­ter gegen den sowjet­kom­mu­ni­sti­schen Feind entlädt.

Aus heu­ti­ger Sicht ist der Sin­nes­wan­del in Mos­kau im August 1939 nicht so über­ra­schend wie er es für die Zeit­ge­nos­sen war. Nach Mün­chen, erst recht nach der Beset­zung Prags im März 1939, der Preis­ga­be der ČSR, war für Sta­lin und sei­ne Mit­strei­ter offen­sicht­lich: Auf den Westen ist kein Ver­lass. Der wird die faschi­sti­sche Aggres­si­on nicht auf­hal­ten und woll­te es auch nicht. Wenn Polen wie schon 1938 in der »Sude­ten­kri­se« (also gegen­über der ČSR) nicht ein­mal mit­spiel­te, wenn sei­ne eige­ne Exi­stenz auf der Kip­pe stand, was soll­te sich Mos­kau um sei­ne heh­ren, auch anti­fa­schi­sti­schen Idea­le küm­mern. Und Nazi-Deutsch­land woll­te sei­nen Krieg, sorg­te sich aber um einen sol­chen an zwei Fron­ten mit hohem Risi­ko­po­ten­ti­al. Es wur­den Füh­ler in Rich­tung Mos­kau aus­ge­streckt, und dort waren sie will­kom­men. Was folg­te, waren Ent­schei­dun­gen im Tages­takt. Die Mili­tär­ver­hand­lun­gen der Sowjet­uni­on mit Groß­bri­tan­ni­en und Frank­reich blie­ben ergeb­nis­los, Deutsch­land bot ein Ver­trags­werk an, und in Win­des­ei­le war Außen­mi­ni­ster Rib­ben­trop in Mos­kau und unter­zeich­ne­te mit sei­nem Amts­kol­le­gen einen Nicht­an­griffs­ver­trag, weni­ge Wochen spä­ter gar einen Freund­schafts­ver­trag. Ein Krieg im Osten war so für Deutsch­land ohne beson­de­re Gefahr mög­lich, was der Westen tun wür­de, blieb offen. Für Mos­kau schien die Kriegs­ge­fahr gebannt, zumin­dest auf Zeit.

Pro­ble­ma­tisch, poli­tisch wie mora­lisch, völ­ker­recht­lich sowie­so, war das, was nicht ver­öf­fent­licht wur­de. Gehei­me Zusatz­pro­to­kol­le, die Ein­fluss­sphä­ren zwi­schen bei­den Mäch­ten absteck­ten und noch vor Kriegs­be­ginn auch Polen im Fal­le einer abseh­ba­ren Nie­der­la­ge tei­len wür­de, die ins­be­son­de­re auch die bal­ti­schen Repu­bli­ken Mos­kaus Inter­es­sen­sphä­re zuschlu­gen. Maka­bre Ent­schei­dun­gen über die Köp­fe der betrof­fe­nen Völ­ker hin­weg, aber damals – sie­he Prags Schick­sal – Usus im Han­deln der Groß­mäch­te. Sozia­li­sti­sche Poli­tik hät­te anders aus­se­hen müs­sen. Ganz davon abge­se­hen, dass es Mos­kau mit der »Freund­schaft« recht ernst mein­te, was jüdi­sche und kom­mu­ni­sti­sche Emi­gran­ten am eige­nen Leib zu spü­ren kamen, als sie der Gesta­po über­stellt wur­den. Des­ori­en­tie­rung und Des­il­lu­sio­nie­rung nicht nur vie­ler Kom­mu­ni­sten war die Fol­ge die­ser Vertragspolitik.

Polens Eli­te, Adel und Bour­geoi­sie hat­ten sich klas­sen­mä­ßig »rich­tig« gegen ein Zusam­men­wir­ken mit Mos­kau ent­schie­den. Ihre wan­kel­mü­ti­ge Poli­tik zwi­schen Deutsch­land und den West­mäch­ten hat­te das Land aber in die Iso­la­ti­on gebracht. Die spä­te und – wie sich her­aus­stell­te – halb­her­zi­ge Garan­tie Lon­dons und Paris‹ vom März 1939 half im Sep­tem­ber 1939 nicht. Die »Ver­bün­de­ten« erklär­ten zwar Ber­lin den Krieg, aber fak­tisch begann das, was spä­ter als »komi­scher Krieg« (drô­le de guer­re), »Schein­krieg« (pho­ney war) oder »selt­sa­mer Krieg« (stran­na­ja woj­na) in die Geschichts­bü­cher Ein­gang fand. Die deut­sche Bezeich­nung »Sitz­krieg« ergibt zwar einen mili­tä­ri­schen Sinn, weil die Wehr­macht in aller Ruhe ihre Offen­si­ve im Westen vor­be­rei­ten konn­te. Sie ver­deckt aber bewusst die poli­ti­sche Wei­ge­rung Lon­dons und Paris‹, ernst­haft Krieg gegen den Aggres­sor zu füh­ren. Sie woll­ten immer noch Appease­ment, Beschwich­ti­gung und eine Wen­dung Hit­lers gegen die Sowjet­uni­on. Im Westen kam es zu kei­nen ernst­haf­ten Kampf­hand­lun­gen, die ver­spro­che­ne Ent­la­stungs­of­fen­si­ve für Polen Mit­te Sep­tem­ber fiel aus. Die pol­ni­schen Trup­pen wur­den trotz hart­näcki­gem Wider­stand geschla­gen. Und die Sowjet­uni­on nahm zur Kennt­nis, dass Polen geschla­gen war, sei­ne Füh­rung drauf und dran war, das Land zu ver­las­sen, und sei­ne Ver­bün­de­ten es im Stich lie­ßen. Sowje­ti­sche Pan­zer nah­men Ost­po­len und stell­ten so, wie Mos­kau es ver­stand, ins­be­son­de­re West­belo­rus­s­land und die West­ukrai­ne unter ihren Schutz. Hun­dert­tau­sen­de pol­ni­sche Sol­da­ten und Offi­zie­re gerie­ten in sowje­ti­sche Gefan­gen­schaft. Ihr Schick­sal war unter­schied­lich. Tau­sen­de Offi­zie­re und Beam­te wur­den 1940 als »Klas­sen­fein­de« erschos­sen. Katyn ist das Sym­bol die­ser Ver­bre­chen, die in der Sowjet­uni­on im Wider­spruch zu bekann­ten Infor­ma­tio­nen unglück­se­li­ger­wei­se auch lan­ge nach Sta­lins Tod bis hin zu Gor­bat­schows Zei­ten ver­schwie­gen und geleug­net wur­den eben­so wie die gehei­men Abspra­chen mit Nazi­deutsch­land. Kei­ne Poli­tik der Ehr­lich­keit, kein Weg, Ver­trau­en aufzubauen.

Kal­ku­la­tio­nen und Fehlkalkulationen

Mili­tä­risch war die Ent­schei­dung Mos­kaus eigent­lich sinn­voll. Der Kriegs­be­ginn gegen Deutsch­land – auch von Sta­lin zwin­gend erwar­tet (aber erst ein, zwei Jah­re spä­ter) ver­zö­ger­te sich, die sowje­ti­sche Auf­rü­stung konn­te fort­schrei­ten, die Grenz­be­fe­sti­gun­gen soll­ten sich zwar als nutz­los erwei­sen, die gut 400 Kilo­me­ter mehr bis nach Lenin­grad und Mos­kau waren aber über­le­bens­not­wen­dig. Allein das Miss­trau­en Sta­lins gegen sei­ne Geheim­dienst­in­for­ma­ti­on und der Glau­be, nur er wis­se, wann Hit­ler kom­men wer­de, begün­stig­ten das Ver­häng­nis von 1941.

Und doch: Im Sep­tem­ber 1939 begann in Ost­po­len eine sozia­le Revo­lu­ti­on, began­nen sowje­ti­sche Funk­tio­nä­re, aber eben auch ein­hei­mi­sche Sym­pa­thi­san­ten mit der sozia­li­sti­schen Umge­stal­tung zugun­sten der Arbei­ter, der klei­nen Bau­ern. Im Resul­tat war die­ser Pro­zess wider­sprüch­lich: Die Sowjet­uni­on des Jah­res 1939 brach­te nicht die Okto­ber­re­vo­lu­ti­on mit ihrer Mas­sen­be­we­gung, ihren Basis­pro­zes­sen, son­dern die sta­li­ni­sti­sche Defor­ma­ti­on, die gera­de in den »Gro­ßen Säu­be­run­gen« ihren schreck­lich­sten Aus­druck gefun­den hat­te. Aber was heu­te ver­schwie­gen und ver­ges­sen wird: In Polen gab es damals, noch mehr im Wider­stand gegen die faschi­sti­sche Okku­pa­ti­on, erst recht beim Wie­der­auf­bau Hun­dert­tau­sen­de, ja Mil­lio­nen, die sich für die Idea­le der Arbei­ter­be­we­gung, der sozia­li­sti­schen Revo­lu­ti­on enga­gier­ten. Kom­mu­ni­sten und Sozia­li­sten kämpf­ten in der Armi­ja Ludo­wa (AL), enga­gier­ten sich für das Lub­li­ner Komi­tee (PKWN, eine Woche vor dem War­schau­er Auf­stand gegrün­det!), die von Mos­kau geför­der­te Gegen­re­gie­rung, wur­den Mit­glie­der der Pol­ni­schen Ver­ei­nig­ten Arbei­ter­par­tei, schaff­ten 1956 selbst eine anti­sta­li­ni­sti­sche Wen­de. Und doch war es eine Lin­ke, die nie der Geschich­te ent­rin­nen konn­te. Die pol­ni­schen Kom­mu­ni­sten ver­lo­ren in den 1930er Jah­ren ihre Par­tei auf Sta­lins Geheiß und vie­le von ihnen im sowje­ti­schen Exil, das sie vor den pol­ni­schen Repres­sio­nen schüt­zen soll­te, ihr Leben. Der Sozia­lis­mus­ver­such in Polen ver­lief oft dra­ma­tisch, Feh­ler wur­den zu Hauf gemacht, und die Abkehr von den ein­sti­gen Zie­len setz­te in den 1970er Jah­ren suk­zes­siv ein. Eine anti­kom­mu­ni­sti­sche, wenn auch zunächst sozi­al ori­en­tier­te Mas­sen­be­we­gung in Gestalt der Soli­dar­ność lei­te­te den Zusam­men­bruch Polens als sozia­li­sti­schen Staat, schließ­lich des euro­päi­schen Ost­blocks ein.

Schwie­ri­ges Erinnern

Zurück zum Jahr 1939. Die deut­sche Wehr­macht konn­te sich erst­mals ernst­haft in einem gro­ßen Krieg bewei­sen. Ihre moder­ne Tech­nik – neben­bei bemerkt kei­nes­wegs so ide­al, wie die Wochen­schau­en es glau­ben machen woll­ten –, die Füh­rungs­kunst ihrer Gene­ra­le bewähr­te sich. Polens Nie­der­la­ge war unver­meid­lich. Gleich­zei­tig brach damit das Zwi­schen­kriegs­po­len mit sei­nen poli­ti­schen und sozia­len Wider­sprü­chen, sei­ner Inkon­se­quenz und fal­schen Außen­po­li­tik zusam­men. Dar­an ändert nichts die Tat­sa­che, dass die eigent­lich maro­de und geschei­ter­te pol­ni­sche Füh­rung es ver­stand, sich im Exil zunächst neu zu for­mie­ren. Der Patrio­tis­mus der Polen sorg­te für neue pol­ni­sche Streit­kräf­te im Exil und vor allem für einen funk­tio­nie­ren­den poli­ti­schen, auch bil­dungs­po­li­ti­schen und schließ­lich mili­tä­ri­schen Unter­grund im besetz­ten Polen selbst. Die Armi­ja Kra­jo­wa (AK) wur­de zu einer ernst­zu­neh­men­den mili­tä­ri­schen Kraft. Sie war oft von Anti­kom­mu­nis­mus und Anti­se­mi­tis­mus durch­setzt, schaff­te es aber auch – ähn­lich wie die AL – den Deut­schen nen­nens­wer­te Ver­lu­ste bei­zu­brin­gen. Dass sie 1944, wie oben bereits ange­ris­sen, ver­such­te, das alte Polen gegen den Vor­marsch der Roten Armee und die in deren Gefol­ge sich eta­blie­ren­de lin­ke Regie­rung wie­der zu errich­ten, führ­te zu dem Befehl für den War­schau­er Auf­stand, der, so wie er ange­legt war, kei­ne Erfolgs­aus­sich­ten haben konn­te. Viel­mehr führ­te er zu Kon­flik­ten mit den Sowjets und der neu­en pol­ni­schen Regie­rung, die letzt­lich im vom Westen unter­stütz­ten Bür­ger- oder bes­ser Ban­den­krieg in den ersten Nach­kriegs­jah­ren ende­ten. Das ist inso­fern alles trau­rig, weil auch in der AK vie­le auf­rech­te Patrio­ten kämpf­ten, denen die poli­ti­schen Que­re­len um Macht­po­si­tio­nen für die alten Eli­ten eigent­lich egal waren. Die Lin­ke, also auch die pol­ni­sche Nach­kriegs­re­gie­rung, tat sich auch mit die­sen Wider­sprü­chen schwer.

Erin­ne­rung in Polen ist also ein schwie­rig Ding. Erst recht, wenn sie die eigent­li­che Her­aus­for­de­rung aus­blen­det. Den Krieg Nazi­deutsch­lands, die Zer­schla­gung des pol­ni­schen Staa­tes, die syste­ma­ti­sche Aus­rot­tung der pol­ni­schen Intel­li­genz, die Ver­nich­tung der­je­ni­gen pol­ni­schen Staats­bür­ger, die einen jüdi­schen Hin­ter­grund hat­ten. Die deut­schen Faschi­sten führ­ten vom ersten Tag des Krie­ges einen Krieg mit Kriegs­ver­bre­chen, einen Ver­nich­tungs­krieg. Ein­satz­grup­pen der SS, denen Sicher­heits­po­li­zei- und spä­te­stens ab 1941 auch Ord­nungs­po­li­zei-Ein­hei­ten ange­hör­ten, waren mör­de­risch zugan­ge, Wehr­machts­ver­bän­de tra­ten ihnen tat­kräf­tig und mor­dend zur Sei­te. Der Kampf des pol­ni­schen Wider­stan­des, egal, ob bür­ger­lich oder kom­mu­ni­stisch, und die Befrei­ung durch die Rote Armee haben Polen erst wie­der die Chan­ce zur Wie­der­ge­burt und zur Suche nach dem besten Ent­wick­lungs­weg für ihr Land geben kön­nen. Die­se Suche ist bis heu­te nicht abgeschlossen.

Ste­fan Bol­lin­gers neu­es Buch »1939. Wie Krie­ge gemacht wer­den« (cir­ca 180 Sei­ten, 14,90 €) erscheint dem­nächst im Ver­lag PapyRossa.