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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Das Rote Wien

Vom frü­hen Gärt­ner­glück der Sied­lungs­be­we­gung bis hin zu pro­le­ta­ri­schen Wohn­pa­lä­sten, dem Karl-Marx-Hof und dem Karl-Seitz-Hof, spannt sich ein mäch­ti­ger Bogen der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Geschich­te Wiens. Bei frei­em Ein­tritt kön­nen Besu­cher im Muse­um auf Abruf unweit des Wie­ner Rat­hau­ses in der Aus­stel­lung »Das Rote Wien 1919–1934. Ideen – Debat­ten – Pra­xis« die­ser Geschich­te nach­spü­ren. Das »Rote Wien« gilt bis heu­te sozi­al­po­li­tisch als Vor­bild. Es ging 1934 unter, da kämpf­te die Sozi­al­de­mo­kra­tie – ver­schwie­gen wer­den die Kom­mu­ni­sten – an zwei Fron­ten: gegen den Austro­fa­schis­mus, der zur Errich­tung des Stän­de­staa­tes führ­te, und gegen die NSDAP, deren Anzie­hungs­kraft die Sozi­al­de­mo­kra­ten lan­ge unter­schätz­ten. Die Land­tags- und Gemein­de­rats­wahl in Wien am 24. April 1932 waren die letz­ten Wah­len im Bun­des­land Wien in der ersten Öster­rei­chi­schen Repu­blik. Mit 66 Man­da­ten erreich­te die Sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Arbei­ter­par­tei Deutsch­öster­reichs (SDAP) in dem auf 100 Man­da­te redu­zier­ten Gemein­de­rat die abso­lu­te Mehr­heit. Die Christ­lich­so­zia­le Par­tei kam mit 19 Man­da­ten auf den zwei­ten Platz. Die NSDAP erziel­te 15 Man­da­te. Für die KPÖ stimm­ten 21.813 Wie­ner; die Kom­mu­ni­sten blie­ben aber ohne Mandat.

Mit dem Wahl­sieg der Wie­ner Sozi­al­de­mo­kra­tie bei den Gemein­de­rats­wah­len im Mai 1919 begann eine ein­zig­ar­ti­ge Ära: die Sozi­al­de­mo­kra­ten regier­ten mit abso­lu­ter Mehr­heit die Stadt. Heu­te besteht die Lan­des­re­gie­rung in Wien aus Mit­glie­dern der SPÖ, der Grü­nen, der FPÖ und der ÖVP.

Die Kern­zeit des »Roten Wien« liegt zwi­schen 1919 und 1934, und ihr wid­met sich die Aus­stel­lung. Da es im Aus­weich­quar­tier des Muse­ums auf Abruf (MUSA) wenig Aus­stel­lungs­flä­che gibt, beschrän­ken sich die Kura­to­ren – Elke Wikidal, Wer­ner Micha­el Schwarz und Georg Spi­ta­ler – auf eini­ge zen­tra­le The­men: den kom­mu­na­len Woh­nungs­bau, die Bil­dung, die Frau­en­po­li­tik, das Kunst­ver­ständ­nis und die Emigration.

Erst in den 1970ern began­nen sich die For­schung und auch die Muse­en für das »Rote Wien« zu inter­es­sie­ren. Vor allem Histo­ri­ker aus den USA, deren Eltern zwi­schen 1934 und 1938 geflüch­tet waren, schrie­ben Bücher über die­se Jah­re. Die eige­ne Bio­gra­fie weck­te das Inter­es­se an Wien. Sieg­fried Mat­ti, Wolf­gang Madert­ha­ner, Hele­ne Mai­mann, Alfred Pfo­ser und wei­te­re began­nen, sich kri­tisch mit dem The­ma aus­ein­an­der­zu­set­zen, Georg Spi­ta­ler: »Sie unter­such­ten die Ver­gan­gen­heit im Hin­blick auf die Gegen­wart, die war bestimmt von der Ära Krei­sky. Die Kri­tik bezog sich auf bestimm­te Aspek­te, deren Wur­zeln sie im Roten Wien sahen: Etwa den vor­herr­schen­den Pater­na­lis­mus oder die Ten­denz, dass alles ›von oben‹ bestimmt wird und mit Zwang ver­bun­den ist.«

Bis heu­te ist der kom­mu­na­le Woh­nungs­bau Wiens ein Vor­bild. »In Deutsch­land und anders­wo in Euro­pa [weist man] immer wie­der auf das Vor­bild des Roten Wien zum The­ma kom­mu­na­ler Woh­nungs­bau hin«, so Elke Wikidal.

Die Aus­stel­lung ist kein Ver­such der Selbst­prä­sen­ta­ti­on von Wien. Kura­tor Spi­ta­ler: »Wir haben uns auf die Suche nach pri­va­ten Erin­ne­run­gen gemacht, das war gar nicht so leicht, etwas zu fin­den. Auf jedem zwei­ten Dach­bo­den fin­den sich irgend­wel­che Nazi-Devo­tio­na­li­en. Aber kei­ne Relik­te des Roten Wien, und wenn dann bei Emi­gran­ten.« Dazu zählt die Skulp­tur des Bild­hau­ers Anton Hanak. Sie stammt aus dem Nach­lass von Juli­us Tand­ler. Der Wohl­fahrtstadt­rat des »Roten Wien« starb 1936 in Mos­kau, sei­ne Wit­we konn­te in die USA flie­hen und eini­ge Din­ge mit­neh­men, dar­un­ter auch die von Hanak gefer­tig­te Skulp­tur »Eine Mut­ter mit zwei Kin­dern«. Sie berei­chert die Ausstellung.

Im Vor­wort zum Kata­log schreibt Kul­tur­wis­sen­schaft­ler Mat­ti Bunzl: »Beim Roten Wien ist es anders. Sein Gegen­ent­wurf zu jahr­hun­der­te­lang gewach­sen Macht­struk­tu­ren war zu mar­kant, poli­tisch wie ästhe­tisch, um es als rei­nen Aus­bund der Stadt­ge­schich­te zu ver­ste­hen. Sei­ne Gebäu­de sind for­mal kennt­lich, glei­cher­ma­ßen archi­tek­to­ni­sches wie ideo­lo­gi­sches Pro­gramm.« Das kön­ne in der Aus­stel­lung nach­ge­zeich­net wer­den, fährt Bunzl fort. Aber »wirk­lich nach­voll­zie­hen kann man es […] nur in situ: in den Gemein­de­bau­ten mit moder­nen Ansät­zen zu Ver­sor­gung und Hygie­ne, in den Schwimm­bä­dern für die kör­per­li­che Ertüch­ti­gung des ›Neu­en Men­schen‹ und den Büche­rei­en, die aus unter­drück­ten Arbei­tern und Arbei­ter­rin­nen stol­ze Kul­tur­men­schen machen soll­ten.« Also: Auf nach Wien!

Bis 19. Janu­ar 2020: »Das Rote Wien 1919–1934« im Muse­um auf Abruf, Fel­d­er­stra­ße, 1010 Wien, täg­lich geöff­net. Der umfang­rei­che Kata­log zur Aus­stel­lung kostet 39 Euro (470 Sei­ten, Birk­häu­ser Ver­lag GmbH. Basel, Post­fach 44, 4009 Basel, SCHWEIZ).