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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Besetzt

Irgend­wo in Deutsch­land steht ein Inten­dant vor gleich meh­re­ren Beset­zungs­pro­ble­men. Die Redak­teu­rin Freya Wedel von der »Frei­en Wel­le« tele­fo­niert mit dem Inten­dan­ten Dr. Roger Range-Felskirch.
Freie Wel­le: Hal­lo, hier Freya Wedel von der »Frei­en Welle«.
Inten­dant: Grü­ße Sie, Frau Wedel.
Freie Wel­le: Les­sings »Nathan« steht als »Expe­ri­ment« auf Ihrem Spiel­plan, weil die Titel­rol­le mit einem jüdi­schen Schau­spie­ler besetzt wer­den soll. Neu ist das doch nicht.
Inten­dant: Doch, weil expli­zit aus­ge­schrie­ben, ist es ein Novum, da auch die Ver­wand­ten und das übri­ge Per­so­nal im »Nathan« ent­spre­chend besetzt wer­den, wobei die Toch­ter Nathans eigent­lich christ­li­cher Her­kunft ist, ein Pro­blem, das wir noch nicht end­gül­tig gelöst haben. Authen­ti­zi­tät und Iden­ti­tät sind uns wichtig.
Freie Wel­le: Und wie beset­zen Sie die Rol­le des Sultans?
Inten­dant: Der Sul­tan wird mus­li­misch besetzt, aller­dings darf das kein ver­kapp­ter Sala­fist sein. Wir haben noch meh­re­re Vor­spre­chen und recher­chie­ren da.
Freie Wel­le: Für die Rol­len der Chri­sten gibt es kei­ne beson­de­ren Auflagen?
Inten­dant: Sofern die Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen unter­ein­an­der aus­kom­men und nicht der AfD nahe­ste­hen, nein.
Freie Wel­le: Und die Regie?
Inten­dant: Ja, die Spiel­lei­tung ist bei Stücken von Autoren gene­rell weib­lich, was ok ist. Bei Autorin­nen ent­schei­den die Dar­stel­le­rin­nen, ob eine Frau oder ein Mann insze­nie­ren soll. Das ist auch immer für das Publi­kum interessant.
Freie Wel­le: Aber was ist mit der Nähe zur Par­tei »Die Lin­ke«, die einer ihrer Regis­seu­rin­nen nach­ge­sagt wird?
Inten­dant: Wir haben lei­der nur zwei, aber soll­te sich der Ver­dachts­fall erhär­ten, kann dies­mal auch ein Mann für die Spiel­lei­tung ein­sprin­gen, aller­dings wür­den wir eine quee­re Lösung vorziehen.
Freie Wel­le: War­um kann es kei­ne Afri­ka­ne­rin oder Afro­ame­ri­ka­ne­rin sein?
Inten­dant: Dazu gibt es beim »Nathan« kei­nen plau­si­blen Ansatz. Eine Afro­ame­ri­ka­ne­rin ist aller­dings spä­ter für den Mey­er­beer vorgesehen.
Freie Wel­le: Eine Oper?
Inten­dant: Ja, »Die Afri­ka­ne­rin«. Der postu­me Titel ist nicht von Mey­er­beer, die Oper soll­te eigent­lich »Vasco da Gama« hei­ßen. Er hat­te da doch schon ein gutes Gespür.
Freie Wel­le: Es geht Ihnen um Authen­ti­zi­tät und Iden­ti­tät. Wer­den Sie die Tier-Rol­len in den Stücken der Spiel­zeit auch mit Tie­ren besetzen?
Inten­dant: Nein, wo den­ken Sie hin? Der Esel bei Shake­speare wird natür­lich nicht mit einem Esel besetzt, das lässt schon der Tier­schutz gar nicht zu.
Freie Wel­le: Aber Pferde!
Inten­dant: (zögert) Pfer­de? Ja, die schon, das kommt immer auf die Büh­nen­grö­ße an.
Freie Wel­le: Und Vögel?
Inten­dant: Aber nein, »Die Vögel« von Ari­sto­pha­nes wer­den mit Halb­masken dargestellt.
Freie Wel­le: Soll­ten die Dar­stel­len­den da nicht doch schon Orni­tho­lo­gen sein.
Inten­dant: Nein, Wis­sen­schaft­ler sind auf der Büh­ne nicht vor­ge­se­hen. Dür­ren­matts »Die Phy­si­ker« – übri­gens ein immer noch sehr aktu­el­les Stück – wer­den von Schau­spie­lern dar­ge­stellt wer­den. Natür­lich wird bei der Beset­zung der Phy­si­ker auf die jewei­li­ge bio­gra­fi­sche Her­kunft geach­tet, wie schon jetzt beim »Nathan«.
Freie Wel­le: Wir dan­ken für das Gespräch.
Inten­dant: Bit­te, gern geschehen.
 
Postskriptum
Die Ber­li­ner Zei­tung ver­öf­fent­lich­te vor Jah­ren eine Kari­ka­tur von Bernd Zel­ler: »Pro­blem-Film­held Hit­ler«. Sie zeigt ein älte­res Ehe­paar im Foy­er eines Kinos, bei­de mit Pop­corn­tü­te und Pla­stik­halm­ge­tränk gut ver­sorgt. Über dem schon weit gelich­te­ten Haar des Man­nes schwebt die Sprech­bla­se: »Ich fin­de, über Nazis darf man sich nur lustig machen, wenn man selbst einer ist.«