Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Nach der Pandemie

Das lan­ge Tau­zie­hen um den Reco­very Fund (RRF), der bedürf­ti­gen EU-Län­dern 750 Mrd. Euro für den wirt­schaft­li­chen Auf- und den öko­lo­gi­schen Umbau nach der Pan­de­mie zur Ver­fü­gung stel­len soll, setzt sich fort.

Am 21. Juli 2020 hat­te Regie­rungs­chef Giu­sep­pe Con­te davon 209 Mrd. für das geplag­te Ita­li­en sichern kön­nen, und seit­dem hat die ita­lie­ni­sche Öffent­lich­keit die­sem Plan die mythi­sche Aura eines neu­en Mar­shall-Plans verliehen.

Was nicht ganz so laut gesagt wird, ist, dass sich die gro­ße Sum­me auf­teilt in etwa 60 Pro­zent Neu­ver­schul­dung (127 Mrd.) und cir­ca 40 Pro­zent (82 Mrd.) »ver­lo­re­nen« Zuschuss, der aber gar nicht »ver­lo­ren« ist, son­dern aus einem von den Mit­glied­staa­ten selbst zu fül­len­den EU-Fonds finan­ziert wer­den soll. Geschenkt wird auch in Euro­pa nichts. Ita­li­en ist bis­her denn auch das ein­zi­ge Land unter den soge­nann­ten Gro­ßen der EU, das die­sen Zuschuss in Anspruch neh­men will.

Die fol­gen­de ernüch­tern­de Rech­nung mach­ten am 12. Febru­ar die Öko­no­men Emi­lia­no Bran­cac­cio und Ric­car­do Real­fon­zo in der Finan­cial Times auf: Etwa die Hälf­te des Zuschus­ses (ca. 40 Mrd.) muss Ita­li­en selbst in den Topf ein­zah­len, aus dem dann die Reco­very-Gel­der ver­teilt wer­den, nicht mit­ge­rech­net sind wei­te­re 20 Mrd., die Ita­li­en in den näch­sten Jah­ren noch in den lau­fen­den EU-Haus­halt ein­zu­brin­gen hat. Damit redu­ziert sich de fac­to der Zuschuss auf 42 Mrd. – ver­teilt über sechs Jah­re – also auf jähr­lich ledig­lich 7 Mrd. Euro für alle Neu-Inve­sti­tio­nen, die den Um- und Neu­bau des ita­lie­ni­schen Kapi­ta­lis­mus beför­dern sol­len. Selbst wenn man die Zins­er­spar­nis gegen­über einer Finan­zie­rung auf dem Kapi­tal­markt dazu­zählt, bleibt es bei knapp 10 Mrd. pro Jahr. Kein wirk­lich gro­ßes Poten­ti­al. Gut ein Drit­tel soll dem Umwelt­schutz zugu­te­kom­men, was aller­dings mit der gleich­zei­ti­gen For­de­rung nach Fer­tig­stel­lung vie­ler schon begon­ne­ner und umstrit­te­ner Groß­pro­jek­te (Gran­di Ope­re) kol­li­diert, die bis­her gera­de von Umwelt­schüt­zern behin­dert wurden.

Bis zum 30. April muss der detail­lier­te Plan nun in Brüs­sel ein­ge­reicht wer­den, die neue Draghi-Regie­rung arbei­tet mit Hoch­druck an dem von der Con­te-Regie­rung kon­zi­pier­ten Ent­wurf, und alle 27 Staa­ten müs­sen den RRF bis Juni von ihren Par­la­men­ten rati­fi­zie­ren las­sen. Ange­sichts der aktu­el­len Impf­stoff-Span­nun­gen in der EU kei­ne risi­ko­lo­se Hür­de. Zunächst jedoch wird die­ser Plan, aus­ge­rich­tet auf die Next Genera­ti­on EU, also die bis­her arg ver­nach­läs­sig­te Jugend, durch eine Sam­mel-Kla­ge von 2.200 Deut­schen unter Füh­rung Bern­hard Luckes beim Ver­fas­sungs­ge­richt in Karls­ru­he behin­dert. Die­se rich­tet sich gegen den gesam­ten Haus­halts­plan der EU von 2021-2027 über ins­ge­samt 1.820 Mrd. Euro. Argu­men­tiert wird noch ein­mal mit der ver­meint­li­chen Grund­ge­setz-Wid­rig­keit einer gemein­sa­men Schul­den­auf­nah­me in der EU, gegen die AfD-Lucke schon vor Jah­ren anläss­lich der Geld­po­li­tik der EZB unter Mario Draghi ver­geb­lich geklagt hat­te. Finanz­mi­ni­ster Scholz gibt sich ent­spre­chend opti­mi­stisch, denn in Deutsch­land stün­de eine brei­te Mehr­heit der Par­tei­en hin­ter dem Pro­jekt eines »soli­da­ri­schen Euro­pas«. Euro­päi­sche Abhän­gig­kei­ten sei­en gera­de unter den Pan­de­mie­be­din­gun­gen deut­lich ins Bewusst­sein getre­ten, schließ­lich hän­gen ja die Lie­fer­ket­ten der deut­schen Indu­strie von einer brei­ten wirt­schaft­li­chen Zusam­men­ar­beit z. B. mit Nord­ita­li­en ab.

Die in Karls­ru­he aus­ste­hen­de Ent­schei­dung wird auch indi­rekt Draghis altes Pro­jekt aus sei­ner Frank­fur­ter Zeit beein­flus­sen, das einer brei­te­ren Schul­den­ver­tei­lung, letzt­lich im Blick auf eine Fis­kal­ein­heit der EU, nach US-Modell näher­kom­men möch­te. Die Rede ist offi­zi­ell von mög­li­chen safe assets, gemein­schaft­lich garan­tier­ten Staats­ti­teln, als Grund­la­ge für eine stär­ke­re wirt­schaft­li­che (und letzt­lich poli­ti­sche) Eini­gung Euro­pas. Nur durch eine sol­che Stär­kung kön­ne die EU lang­fri­stig auf dem Welt­markt bestehen, meint Draghi. Denn er weiß ja nur zu gut, dass sei­ne bis­he­ri­ge Geld­po­li­tik des Quan­ti­ta­ti­ve Easing zwar die Euro-Wäh­rung nach der Kri­se von 2008 sta­bi­li­siert hat, er kennt aber auch deren ver­hee­ren­de wirt­schaft­li­che Fol­gen, bei denen nur ein gerin­ger Teil der Euro­flut in neue Indu­strie-Inve­sti­tio­nen geflos­sen ist. Das hat­te gera­de in Ita­li­en nicht nur die Wirt­schaft, son­dern die gan­ze Gesell­schaft schon lan­ge vor Coro­na geschwächt und es ihr in der Pan­de­mie beson­ders schwer gemacht. Allein die in 2020 auf­ge­brach­ten Covid-19-Hil­fen, von denen nur 30 Pro­zent an die Men­schen gin­gen und 70 Pro­zent an die Indu­strie, haben die ita­lie­ni­sche Staats­schuld um mehr als 160 Mrd. wei­ter erhöht.

Alle Brüs­se­ler Dis­kus­sio­nen der letz­ten Mona­te haben ver­deut­licht, dass auch die Pfei­ler des Maas­tricht-Systems durch die Fol­gen die­ser Pan­de­mie ins Wan­ken gera­ten sind. Die Austeri­täts-Nor­men des ESM wer­den durch den noch zu ver­wirk­li­chen­den Reco­very Fund zwar außer Kraft gesetzt aber nur auf Zeit, bis Ende 2022, wie Ursu­la von der Ley­en immer wie­der betont. Danach sol­len wie­der die alten Mecha­nis­men grei­fen. Dage­gen wird von Draghi und Macron zumin­dest erwo­gen, die als Dog­ma behan­del­ten, aber seit lan­gem umstrit­te­nen Zah­len-Para­me­ter in Zukunft zu ver­än­dern. Denn in Fra­ge steht, ob nach 2022 über­haupt so wei­ter gemacht wer­den kann wie bisher.

Die sehr unter­schied­li­chen öko­no­mi­schen Inter­es­sen der in der EU ver­ein­ten Natio­nen füh­ren zum Wider­stand der Stär­ke­ren gegen die oben genann­ten Vor­stö­ße: Deutsch­land und sei­ne rigo­ri­sti­schen Mit­strei­ter fürch­ten, grund­le­gen­de Ver­än­de­run­gen könn­ten die EU-Büch­se der Pan­do­ra öff­nen – was aller­dings gera­de die Chan­ce für eine zukunfts­träch­ti­ge­re Neu­ord­nung bie­ten könn­te. Draghi sprach beim inter­na­tio­na­len think tank G 30, im Dezem­ber 2020, über die öko­no­mi­schen Fol­gen der Pan­de­mie vom »Ein­tritt in eine neue Ära, in der Ent­schei­dun­gen nötig sind, die unse­re Öko­no­mie grund­le­gend ver­än­dern könn­ten«. Fragt sich nur in wel­che Rich­tung. Soll die bis­he­ri­ge Aus­rich­tung ver­schärft wer­den, bei der allein Wirt­schafts­in­ter­es­sen im Fokus ste­hen, oder sol­len end­lich die Inter­es­sen der Mehr­heit der Bevöl­ke­rung bestim­mend werden?

In die­se Rich­tung bewegt sich der in Frank­reich von Tho­mas Piket­ty initi­ier­te Appell an die EZB, der von über 100 Wirt­schafts­wis­sen­schaft­lern unter­zeich­net wur­de und inzwi­schen in Euro­pa zir­ku­liert (in Deutsch­land von Attac und Rosa­Lux unter­stützt). Es ist ein offe­nes Geheim­nis, dass die durch die Pan­de­mie noch wei­ter erhöh­te EU-Staats­ver­schul­dung bei der EZB in Zukunft nicht zurück­ge­zahlt wer­den kann – die ent­spre­chen­den Staats­ti­tel sind also de fac­to wert­los. Der Appell for­dert die Zen­tral­bank dazu auf, zumin­dest die von den Staa­ten der EU zur Covid-19-Bekämp­fung auf­ge­nom­me­nen Schul­den ruhen zu las­sen oder schlicht zu strei­chen und die dadurch ein­ge­spar­ten Zin­sen in den drin­gen­den sozia­len und öko­lo­gi­schen Umbau Euro­pas zu stecken. Es geht dabei inzwi­schen um rund 2.500 Mil­li­ar­den Euro, die in nicht rück­zahl­ba­ren Titeln der Mit­glieds­staa­ten stecken und zu einem beträcht­li­chern Teil den Bür­gern Euro­pas direkt gehö­ren, Als kürz­lich der Prä­si­dent des EU-Par­la­ments, Davi­de Sas­so­li, einen Vor­schlag in sol­che Rich­tung mach­te, wur­de das von Ber­lin und Brüs­sel sofort wie­der abge­schmet­tert mit dem Hin­weis, so etwas wider­sprä­che den EU-Ver­trä­gen. Aber ein Schul­den­schnitt ist nir­gends expres­sis ver­bis ver­bo­ten – schließ­lich war auch Mario Draghis wun­der­sa­me Geld­ver­meh­rung nir­gends vor­ge­se­hen, die bis­her zumin­dest den Euro (und vor allem die Ban­ken) geret­tet hat, wor­über sich alle einig sind.

Immer­hin steht ein histo­ri­sches Bei­spiel im Raum und im Bewusst­sein vie­ler Euro­pä­er: das des gro­ßen Schul­den­schnitts in der jun­gen Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Der war 1953 poli­tisch wie öko­no­misch begrün­det, um die BRD in den atlan­ti­schen Auf­schwung ein­zu­be­zie­hen, und leg­te dann das Fun­da­ment für eben die öko­no­mi­sche Vor­macht­stel­lung, die Deutsch­land bis heu­te in Euro­pa inne­hat. Unter Füh­rung von Hit­lers Hel­fer Her­mann Josef Abs erlang­ten die West­deut­schen damals in Lon­don von den West­mäch­ten den Erlass von weit mehr als der Hälf­te ihrer immensen Aus­lands­schul­den aus bei­den Weltkriegen.

Die­ses Bei­spiel zeigt, wie ver­än­der­te Bedin­gun­gen neue Erfor­der­nis­se schaf­fen und selbst unab­än­der­lich Schei­nen­des in Fra­ge stel­len kön­nen. Immer­hin hat die Covid-19-Pan­de­mie die neo­li­be­ra­le Nar­ra­ti­on vom alles regeln­den Markt für eine Mehr­heit der Men­schen spür­bar zer­stört und lässt die bis­her ver­kün­de­te Unver­än­der­bar­keit von EU-Regeln als zuneh­mend obso­let erscheinen.

Mario Draghi hat mit zwei erklär­ten Vor­ha­ben die Regie­rung über­nom­men: Ita­li­en so schnell wie mög­lich zu imp­fen und dann durch den RRF die Wirt­schaft zu refor­mie­ren. Zur Beru­hi­gung der Ita­lie­ner ver­kün­de­te er kürz­lich, die neu­en EU-Maß­nah­men wür­den ihnen ja dies­mal etwas geben und nicht neh­men, aber ange­sichts der gro­ßen Ver­wer­fun­gen durch die Pan­de­mie (Ver­lust fast einer hal­ben Mil­li­on Arbeits­plät­ze, über­wie­gend von Frau­en, und Zunah­me der Armen um eine Mil­li­on Men­schen) wird sich zei­gen, ob nicht der Bevöl­ke­rung letzt­lich mehr Opfer (durch Schlie­ßung klei­ner Betrie­be und Geschäf­te mit vie­len neu­en Arbeits­lo­sen) abver­langt wer­den als durch die Spar­pro­gram­me der Ver­gan­gen­heit. Schon bis­her haben Frau­en, Kin­der und Alte wesent­lich mehr unter den Coro­na-Maß­nah­men gelit­ten als die Indu­strie, die fast unge­dros­selt wei­ter in Betrieb war und ist, und deren Pro­duk­ti­on im Janu­ar 2021 nur um 2,4 Pro­zent gerin­ger aus­fiel als im Janu­ar des Vor­jah­res. Damit sich der öko­lo­gi­sche Umbau Euro­pas mit einer neu­en Rol­le der Arbeit ver­bin­den lässt, auch um die Gesell­schaft zusam­men­zu­hal­ten, wer­den neue Rechts- und Ein­kom­mens­ga­ran­tien not­wen­dig. Aber die wird es ohne sozia­le Mobi­li­sie­rung von­sei­ten der Basis kaum geben.

Im kom­men­den Herbst, wenn sich her­aus­stel­len wird, dass das bis­he­ri­ge Volu­men des RRF nicht reicht, um nach­hal­ti­ge Ver­än­de­run­gen zu bewir­ken, wer­den die Mit­tel­meer-Län­der (Ita­li­en, Spa­ni­en, Por­tu­gal, Grie­chen­land und vor­aus­sicht­lich auch Frank­reich) wohl eine Auf­stockung des RRF for­dern. (vgl. La Repub­bli­ca, 26/​3/​21, S. 4) Ein wei­te­res Kräf­te­mes­sen mit den Rigo­ri­sten Nord­eu­ro­pas ist also vorprogrammiert.