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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Bilanz einer Kanzlerschaft

Ange­la Mer­kel als Bun­des­kanz­le­rin ist ein erstaun­li­ches Phä­no­men – so emp­fin­den es vie­le im In- und Aus­land. Doch Mer­kel pola­ri­siert in zuneh­men­dem Maße – sie wird »geliebt«, wie etwa von dem Schrift­stel­ler Mar­tin Wal­ser, wird inter­na­tio­nal hoch geach­tet, aber auch hef­tig kri­ti­siert und von man­chen abgrund­tief gehasst, wie von Pegi­da- und AfD-Anhän­gern. Ihr bedäch­ti­ger, ver­mit­teln­der, unauf­dring­li­cher Regie­rungs­stil, den sie als Kanz­le­rin pflegt, lullt das Land immer wie­der ein, ver­deckt die enor­men Pro­ble­me, die sich längst auf­ge­türmt haben, was vie­le Men­schen zu Recht erzürnt. Mer­kel und die Gro­ße Koali­ti­on wer­den ein Land im Reform­stau hinterlassen.

Ste­phan Hebel, der Autor des vor­lie­gen­den Buches, ist kein Fan der CDU-Poli­ti­ke­rin. Er geht nüch­tern an sein The­ma her­an und lie­fert eine kri­ti­sche und lesens­wer­te Bilanz ihrer Kanz­ler­schaft. Als lang­jäh­ri­ger Leit­ar­tik­ler, Kom­men­ta­tor und poli­ti­scher Autor, unter ande­rem der Frank­fur­ter Rund­schau und des Deutsch­land­ra­di­os, hat er sich häu­fig mit der Poli­tik Mer­kels aus­ein­an­der­ge­setzt und her­um­schla­gen müs­sen. Und er hat ihr bereits zwei Bücher gewid­met – zuletzt: »Mut­ter Bla­ma­ge und die Brand­stif­ter. Das Ver­sa­gen der Ange­la Mer­kel – war­um Deutsch­land eine ech­te Alter­na­ti­ve braucht« (2017).

Inzwi­schen hat Mer­kel ihren Rück­zug aus der Poli­tik ange­kün­digt. Jetzt legt Mer­kel-Exper­te Ste­phan Hebel noch ein­mal bilan­zie­rend nach. Und er kommt zu der Ein­sicht, dass zwar nicht alles schlecht war an der Poli­tik der CDU-Kanz­le­rin und dass sie auch nicht für alle Übel der Nati­on ver­ant­wort­lich gemacht wer­den kann – doch, so Hebel, »sie war und ist eine Poli­ti­ke­rin, die es in 13 Jah­ren Kanz­ler­schaft auf ent­schei­den­den Poli­tik­fel­dern ver­säumt hat, den Zusam­men­halt der Gesell­schaft ent­schie­den zu stär­ken und die Lage der Men­schen im Land zu ver­bes­sern«. Ange­la Mer­kel hin­ter­las­se jeden­falls »vie­le – zu vie­le – Hypotheken«.

Es ist das Ver­dienst die­ses Buches, sol­che Hypo­the­ken in den unter­schied­li­chen Poli­tik­fel­dern knapp und kon­kret, mit Zah­len und Fak­ten unter­mau­ert, auf­zu­decken sowie den Erfol­gen, Defi­zi­ten und Desa­stern Mer­kel­scher Poli­tik nach­zu­spü­ren. Vor allem ange­sichts ihrer neo­li­be­ra­len Agen­da und der dar­aus resul­tie­ren­den »Sozi­al­po­li­tik«, kommt Hebel zu einer ernüch­tern­den Bilanz: »Trotz anhal­ten­den Wirt­schafts­booms hat die Spal­tung der Gesell­schaft zuge­nom­men«, die sozia­le Unge­rech­tig­keit ist gewach­sen, Mer­kels Neo­li­be­ra­lis­mus habe tie­fe Spu­ren im Leben der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger hin­ter­las­sen. Ihre Poli­tik sei mit­ver­ant­wort­lich dafür, dass sich die Unzu­frie­den­heit, die Angst vie­ler Men­schen vor sozia­lem Abstieg und kul­tu­rel­len Brü­chen in einer glo­ba­li­sier­ten und digi­ta­li­sier­ten Welt und einem gren­zen­lo­sen Kapi­ta­lis­mus wesent­lich ver­stärkt haben – Reak­tio­nen, die von rechts­po­pu­li­sti­schen und rechts­ra­di­ka­len Kräf­ten und Par­tei­en mit Erfolg instru­men­ta­li­siert und miss­braucht werden.

Ange­sichts die­ser ver­häng­nis­vol­len Ent­wick­lung setzt Ste­phan Hebel, wie vie­le mit ihm, auf einen gehö­ri­gen Poli­tik­wech­sel: auf ange­mes­se­ne, aber auch radi­ka­le poli­ti­sche Kon­se­quen­zen, die aus den Ver­än­de­run­gen und Ver­wer­fun­gen in die­ser Welt und die­ser Repu­blik end­lich gezo­gen wer­den müs­sen. Ein alter­na­tiv­lo­ses »Wei­ter so« kann und darf es nach der Ära Mer­kel jeden­falls nicht geben.

Ste­phan Hebel: »Mer­kel. Bilanz und Erbe einer Kanz­ler­schaft«, West­end Ver­lag, 128 Sei­ten, 14 €