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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Das Hundertjahrjubiläumsmissverständnis

Nach Ende des Ersten Welt­kriegs ver­schwand die Habs­bur­ger Mon­ar­chie samt ihren Maje­stä­ten, und das war am 12. Novem­ber 1918. Die Pro­vi­so­ri­sche Natio­nal­ver­samm­lung beschloss ein­stim­mig das »Gesetz über die Staats- und Regie­rungs­form von Deutsch­öster­reich« und hob die Repu­blik Deutsch­öster­reich aus der Tau­fe. Das Gesetz bezeich­ne­te den neu­en Staat als demo­kra­ti­sche Repu­blik (Art. 1), die gemäß Art. 2 Bestand­teil der Deut­schen Repu­blik sein soll­te. Im Ver­trag von Saint-Ger­main wur­de 1919 der Staats­na­me Repu­blik Öster­reich vor­ge­schrie­ben und der laut der im Novem­ber 1918 beschlos­se­nen Ver­fas­sung vor­ge­se­he­ne Bei­tritt zur neu­en Deut­schen Repu­blik durch die Ver­pflich­tung zur Unab­hän­gig­keit verhindert.

Am 21. Okto­ber 1919 stimm­te die Kon­sti­tu­ie­ren­de Natio­nal­ver­samm­lung dem von den Sie­ger­mäch­ten gefor­der­ten Staats­na­men »Repu­blik Öster­reich« samt vol­ler Sou­ve­rä­ni­tät gegen­über der Wei­ma­rer Repu­blik zu. In die­sem Gesetz über die Staats­form wur­de auch fest­ge­legt, dass die »Repu­blik Öster­reich« kein Rechts­nach­fol­ger der Habs­bur­ger kai­ser­li­chen Mon­ar­chie ist. Schon da kann man also, beherrscht man die vier Grund­re­chen­ar­ten, fest­stel­len, dass im Jah­re 2018 nicht »100 Jah­re Repu­blik Öster­reich« gefei­ert wer­den konn­te. Die Sie­ger­mäch­te ver­bo­ten aber nicht nur den Namen »Deutsch-Öster­reich«, son­dern der in der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung ent­hal­te­ne Pas­sus, der den Anschluss der öster­rei­chi­schen an die deut­sche Repu­blik regeln soll­te, wur­de eben­so unter­sagt wie eine Zoll­uni­on zwi­schen Deutsch­land und Öster­reich, die Ende der 1920er Jah­re gegrün­det wer­den soll­te. In der Sit­zung am 30. Okto­ber 1919 einig­te sich die öster­rei­chi­sche Natio­nal­ver­samm­lung auf eine pro­vi­so­ri­sche Ver­fas­sung und wähl­te eine Regie­rung (Voll­zugs­aus­schuss). Der »Deutsch-öster­rei­chi­sche Staats­rat« bestand aus Mit­glie­dern der drei gro­ßen poli­ti­schen Frak­tio­nen – den Deutsch­na­tio­na­len Grup­pie­run­gen, der Christ­lich­so­zia­len Par­tei (CSP) und der Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Arbei­ter­par­tei (SDAP).

In allen öster­rei­chi­schen Medi­en und Behör­den fei­er­te man jedoch seit Beginn des Jah­res 2018 »100 Jah­re Repu­blik Öster­reich« (sie­he https://www.oesterreich100.at).

Will man die Geschich­te Öster­reichs nicht unter den Tep­pich keh­ren, soll­te man auch das, was von 1933 bis zum Ende des Welt­kriegs im Mai 1945 geschah, nicht unter »100 Jah­re Repu­blik Öster­reich« abfei­ern, es sei denn, die jet­zi­ge ÖVP/F­PÖ-Regie­rung, die erfolg­reich die 60-Stun­den-Woche ein­ge­führt hat, will Öster­reichs Geschich­te umschreiben.

Am 4. März 1933 kam es in Öster­reich zu einer par­la­men­ta­ri­schen Geschäfts­ord­nungs­kri­se, alle drei Natio­nal­rats­prä­si­den­ten tra­ten zurück. Der »christ­lich-sozia­le« Kanz­ler Engel­bert Doll­fuß nutz­te die Gunst der Stun­de zu einem Staats­streich. Er stell­te die »Selbst­aus­schal­tung des Par­la­ments« fest und ver­hin­der­te des­sen Wie­der­zu­sam­men­tre­ten. Bun­des­prä­si­dent Wil­helm Miklas, Mit­glied der glei­chen Par­tei wie Doll­fuß, blieb trotz Auf­for­de­rung untätig.

Bun­des­kanz­ler Doll­fuß regier­te nach der Aus­schal­tung des Par­la­ments auf der Basis des Kriegs­wirt­schaft­li­chen Ermäch­ti­gungs­ge­set­zes, das nach Ende des Ersten Welt­kriegs wei­ter­hin gül­tig geblie­ben war und ihm gro­ße Voll­mach­ten ver­lieh. Schon vor­her war das Gesetz ange­wen­det wor­den. Die Regie­run­gen von 1918 bis 1920 hat­ten es trotz Par­la­ment genutzt. Und 1932 gab es eine Ent­wick­lung, die heu­te in Euro­pa in eini­gen Staa­ten – und nicht nur dort – eine Fort­set­zung fin­det. Doll­fuß leg­te den Ver­fas­sungs­ge­richts­hof lahm, die sei­ner Regie­rung nahe­ste­hen­den Rich­ter tra­ten geschlos­sen zurück und ver­hin­der­ten so eine Kla­ge der Abge­ord­ne­ten. Vom 12. bis 15. Febru­ar 1934 schoss man mit Artil­le­rie auf Arbei­ter­häu­ser, ermor­de­te Wider­stän­di­ge. Trotz einer bewaff­ne­ten öster­rei­chi­schen Sozi­al­de­mo­kra­tie kam es zu einer Nie­der­la­ge, die vor allem durch die zöger­li­che Hal­tung der dama­li­gen Par­tei­spit­ze ermög­licht wur­de. Danach war Öster­reich kei­ne Repu­blik mehr. Mit den Febru­ar­kämp­fen (https://www.youtube.com/watch?v=lko5XbNOsg8) fand die Aus­schal­tung der Sozi­al­de­mo­kra­tie statt. Sie war im Jah­re 1889 in Hain­feld unter dem Namen Sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Arbei­ter­par­tei (SDAP) gegrün­det wor­den. Von 1918 bis 1934 hieß sie Sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Arbei­ter­par­tei Deutsch­öster­reichs, bis 1991 lau­te­te der Par­tei­na­me Sozia­li­sti­sche Par­tei Öster­reich, um dann zur Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei Öster­reichs zu wer­den, die auch unter Kanz­ler Krei­sky die rechts­na­tio­na­le FPÖ erst­mals regie­rungs­fä­hig machte.

Statt Hit­lers Haken­kreuz gab es ein »gefäl­li­ge­res« Krucken­kreuz, und ver­ne­belnd hieß es in Öster­reich nicht SA son­dern »Heim­wehr«, und in Wöl­lers­dorf in Nie­der­öster­reich gab es ein KZ, das man ver­nied­li­chend »Anhal­te­la­ger« nannte.

Doll­fuß wur­de am 25. Juli 1934 im Zuge des natio­nal­so­zia­li­sti­schen Juli­putsch­ver­suchs ermor­det, und Kurt Schu­sch­nigg war als Bun­des­kanz­ler sein Nach­fol­ger und damit Füh­rer des »Stän­de­staa­tes«, bis er unter dem poli­ti­schen und mili­tä­ri­schen Druck des NS-Regimes am 11. März 1938 sei­nen Rück­tritt erklär­te und den Weg für den »Anschluss« freimachte.

Oft wird von die­ser Zeit bis 1938, die mit dem Ein­marsch der deut­schen Wehr­macht in Öster­reich ein Ende fand, vom »Stän­de­staat« gespro­chen. Dabei wur­de dik­ta­to­risch regiert. Man ver­mied bis zum heu­ti­gen Tag, jenen Begriff zu ver­wen­den, der rich­tig war: Austrofaschismus.

Ange­sichts der Rede Adolf Hit­lers am 15. März 1938 auf dem Wie­ner Hel­den­platz – unter dem Sieg-Heil-Gebrüll Hun­dert­tau­sen­der, die alle nach 1945 von nix gewusst hat­ten –, bei der er erklär­te: »Die älte­ste Ost­mark des Deut­schen Vol­kes soll von jetzt ab das jüng­ste Boll­werk der deut­schen Nati­on wer­den … Ich kann somit in die­ser Stun­de dem deut­schen Volk die größ­te Voll­zugs­mel­dung mei­nes Lebens abstat­ten, als Füh­rer und Kanz­ler der deut­schen Nati­on und des Reichs mel­de ich vor der deut­schen Geschich­te nun­mehr den Ein­tritt mei­ner Hei­mat in das Deut­sche Reich«, fragt man sich: War das auch Bestand­teil jener »100 Jah­re Repu­blik Öster­reich«, die man im Jah­re 2018, zwölf Jah­re zu früh, feierte?

Nach 1945 regier­ten die Kom­mu­ni­sten mit, sie waren bis 1959 im Natio­nal­rat ver­tre­ten. Zu einem Ver­bot wie in der BRD kam es nie. Heu­te ist die KPÖ poli­tisch nur in der Stei­er­mark wahr­nehm­bar, vor allem in der Lan­des­haupt­stadt Graz. Als der ÖVP-Bun­des­kanz­ler Leo­pold Figl mit sei­nem »Öster­reich ist frei« die mit immer­wäh­ren­der Demo­kra­tie aus­ge­stat­te­te Repu­blik Öster­reich nach dem Zwei­ten Welt­krieg ver­kün­de­te, begann die Zeit der ÖVP-SPÖ-Koali­tio­nen samt Pro­porz und einer Opfer-Täter-Debat­te die bis zum heu­ti­gen Tage reicht, wie in der »Mozart­stadt« Salz­burg. Allein dort gibt es bei­spiels­wei­se 200 bela­ste­te Stra­ßen­na­men. War­um ist das nicht schon lan­ge bear­bei­tet? Das Mahn­mal zum Geden­ken an die Bücher­ver­bren­nung, es ist auf dem Resi­denz­platz in Salz­burg zu suchen, ähnelt mehr einem Jau­sen­ban­kerl als einem wür­di­gen Denk­mal für die ein­zi­ge offi­zi­ell statt­ge­fun­de­ne Bücher­ver­bren­nung auf öster­rei­chi­schem Boden.

Öster­reichs See­le ist ein wei­tes Feld. Aber kei­ne Aus­nah­me. In kei­nem Land der Welt ver­läuft die Geschich­te immer glatt, ohne Sprün­ge und unvor­her­ge­se­he­ne Wen­dun­gen. Men­schen ändern sich, Macht­an­sprü­che auch.

Alo­is Vogel schrieb im Jah­re 1995 das Gedicht »Zehn Fra­gen zu fünf­zig Jah­ren«, eine lau­tet: »Denkt einer dar­an, wie /​ 1933 die Demo­kra­tie starb?«

Das »Hun­dert­jah­rer­epu­bli­kö­ster­reich­ju­bi­lä­um« ist vor­bei. Zum Neu­jahr 2019 fie­del­ten, wie immer, die Wie­ner Phil­har­mo­ni­ker, den Donau­wal­zer, so blau­au­au­au­lau! War’s das? Oder fei­ern wir im Jah­re 2030 noch ein­mal 100 Jah­re Repu­blik Öster­reich? Auch in Bay­ern scheint ein Bil­dungs­not­stand aus­ge­bro­chen zu sein, denn dort fei­er­te man »100 Jah­re FREI­staat Bayern«!

Herr Kapell­mei­ster – Radetzkymarsch!