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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Hacks will change your life

Was schon im März 2018 völ­lig klar war, steht auch jetzt, knapp ein Jahr spä­ter, außer allem Zwei­fel: Das Buch »Mar­xi­sti­sche Hin­sich­ten. Poli­ti­sche Schrif­ten 1955-2003« von Peter Hacks ist die wich­tig­ste und bedeu­tend­ste Neu­erschei­nung des ver­gan­ge­nen Jah­res im deutsch­spra­chi­gen Raum. Der Band ver­sam­melt Essays, Arti­kel, Brie­fe, Ana­ly­sen, Nota­te, Skiz­zen, Vor­wor­te und Kon­spek­te, die zum Teil aus dem Nach­lass sowie ver­voll­stän­di­gend aus diver­sen frü­he­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen zusam­men­ge­stellt sind. Die Her­aus­ga­be im Auf­trag der Peter-Hacks-Gesell­schaft Ber­lin hat der Goe­the-For­scher Heinz Hamm gelei­stet. Er hat den Band auch mit einer glän­zen­den Ein­füh­rung ver­se­hen. Und damit ist bereits gesagt, dass die Arbeit wis­sen­schaft­lich wie edi­to­risch kei­ner­lei Wün­sche offen­lässt – bis auf zwei.

Eine ähn­lich umfang­rei­che und gehalt­vol­le Neu­erschei­nung ori­gi­na­ler Hacks-Tex­te von sol­cher Rele­vanz kann es durch den 2003 erfolg­ten Tod des Dich­ters und Dra­ma­ti­kers nicht wie­der geben. Der ande­re Wunsch aller­dings dürf­te in der Zukunft erfüll­bar sein, denn Hamm konn­te bei sei­ner Aus­wahl der Nach­lass-Tex­te eben unmög­lich Voll­stän­dig­keit errei­chen, die­se hät­te den Umfang der Aus­ga­be gesprengt und for­dert eine geson­der­te publi­zi­sti­sche Aus­wer­tung des Hacks-Nach­las­ses. Auch wünscht man sehr, den äußerst bedeut­sa­men Brief­wech­sel mit Kurt Goss­wei­ler, der eine frü­he­re und längst ver­grif­fe­ne Aus­wahl poli­ti­scher Tex­te von Hacks kom­plet­tier­te, bald auch und wie­der in einer eige­nen Edi­ti­on haben zu kön­nen. Ach, scha­de ist auch, dass der schö­ne Brief an eine damals jun­ge Kom­mu­ni­stin fehlt, den Hacks 1990 auf die Fra­ge nach den Grün­den für den Unter­gang der DDR schrieb. Zum Trost wer­den die in den »Mar­xi­sti­schen Hin­sich­ten« aufgezählt.

Hacks‘ Bestands­auf­nah­me der Welt­zu­stän­de ist kei­nes­wegs, wie man es von sei­nen Gedich­ten, Kin­der­ge­schich­ten und der­glei­chen gewohnt ist, erhei­ternd, doch immer auf­schluss­reich und anre­gend, bis­wei­len ver­stö­rend, man­ches zu Wider­spruch, aber jeden­falls zu Nach­den­ken rei­zend. Sein schier unbe­stech­li­cher Blick, gna­den­los und durch­drin­gend, befasst sich nicht mit dem Design der Din­ge; deren mora­li­sche Betrach­tung und Wer­tung ist ihm zuwi­der, und er ent­larvt sie, wo immer er sie trifft, und zwar töd­lich. Hacks fes­selt wie gewohnt mit erhel­len­der Klar­heit, mit Witz und mit über­spru­deln­dem Wis­sen. Hacks konn­te nie anders: Alles geriet ihm zu Ästhe­tik, unter jeder Bedin­gung – und die ästhe­ti­schen Lek­tio­nen im Poli­ti­schen sind nicht das Neben­säch­li­che am Gan­zen, die Rea­lis­mus­fra­ge wird erör­tert, sie ist zen­tral für das Demo­kra­tie­ver­ständ­nis jewei­li­ger Gesell­schaf­ten. Kei­nes­wegs erschöpft sich das Inter­es­se mit­hin im blo­ßen Nach­ver­fol­gen der Ent­wick­lungs­ge­schich­te des poli­ti­schen Schrei­bens von Hacks, so span­nend der Bogen, den die­se Samm­lung schlägt, für das Lebens- und Werk­ver­ständ­nis sein mag. Viel­mehr sehen wir die Epo­che gespie­gelt, die Pro­ble­me des Real­so­zia­lis­mus in der Aus­ein­an­der­set­zung mit dem feind­li­chen Westen, die Kul­tur­po­li­tik inmit­ten öko­no­misch-poli­ti­scher Span­nun­gen, schließ­lich die Kon­ter­re­vo­lu­ti­on und die Restau­ra­ti­ons­pha­se danach – betrach­tet von hoher War­te aus, die die­sem Den­ker von sei­ner enor­men Geschichts­kennt­nis ermög­licht ist und von der aus er mit poli­ti­schem Scharf­sinn sei­ne Über­le­gun­gen vorträgt.

Ich den­ke, es gibt nur wenig Lite­ra­tur, die solch einen pro­duk­ti­ven Ein­blick in die deutsch-deut­sche Pro­ble­ma­tik eröff­net, das heißt zur Kon­fron­ta­ti­on der Welt­mäch­te for­mu­liert wur­de – und nicht bloß aus einer (an)klagenden Traum­per­spek­ti­ve her­aus. Den gän­gi­gen Erzäh­lun­gen, Legen­den und Mythen steht das alles frei­lich quer. Unse­re Gegen­warts­zeit und den Impuls zu sei­nen letz­ten theo­re­ti­schen Arbei­ten benennt Hacks in einem Vor­wort-Ent­wurf so: »Die Jah­re seit der Kon­ter­re­vo­lu­ti­on sind von solch quä­len­der | ersticken­der Lan­ge­wei­le, daß in ihnen jede Mög­lich­keit zu Kunst­pro­duk­ti­on abstarb, und ich zu dem ein­zi­gen Gegen­mit­tel grei­fen muß­te: die­se Lan­ge­wei­le zum Gegen­stand mei­nes wis­sen­schaft­li­chen Inter­es­ses zu machen. Zu den­ken übrig blieb allein die Fra­ge: War­um ist sie so lang­wei­lig?« (S. 445)

Sei­ne treff­li­chen Ant­wor­ten plan­te Hacks zuletzt in einem Pro­jekt mit dem Titel »Mar­xi­sti­sche Hin­sich­ten« syste­ma­tisch zusam­men­zu­fas­sen, sein Tod unter­brach die Vor­be­rei­tun­gen, und Heinz Hamm hat aus dem Nach­lass mit Weis­heit ent­spre­chend Wert­vol­les zu Tage gebracht. Die­se Erst­ver­öf­fent­li­chun­gen machen den zwei­ten Teil des Ban­des aus, wäh­rend der erste haupt­säch­lich aus ver­schie­de­nen Tex­ten gebil­det wird, von denen die mei­sten Hacks sei­ner­zeit aus unter­schied­li­chen Anläs­sen publi­ziert hat­te. Davon sei­en nur jene drei Tex­te erwähnt, die zu lesen ich heu­ti­gen Tags für schier unab­weis­lich hal­te: ins­be­son­de­re der Essay »Die Schwär­ze der Welt im Ein­gang des Tun­nels« (1990), der die gegen­wär­ti­ge Pha­se in ihren histo­ri­schen Zusam­men­hang stellt, sowie die nicht min­der hoch­ak­tu­el­le Pole­mik »Unter den Medi­en schwei­gen die Musen« (1989/​90) über die anti-kul­tu­rel­le Bar­ba­rei des bour­geoi­sen Roll­backs, das uns däm­mert und wohl einst mit dem Unter­gang der Anti­ke ver­gli­chen wer­den könn­te, falls es sol­ches Einst geben wird. Nicht zuletzt erwähnt sei das erst 2016 nach Ton­band­pro­to­kol­len rekon­stru­ier­te Gespräch »Ich bin an Frei­heit abso­lut unin­ter­es­siert«, das der öster­rei­chi­sche Thea­ter­mann Frank Tichy 1992 mit Hacks führ­te und wo die­ser den defi­ni­ti­ven Satz zur DDR äußert: »Der Staat ist nicht geschei­tert, der Staat ist durch eine Über­ein­kunft zwi­schen Mos­kau und Washing­ton abge­schafft wor­den.« (S. 278) Wem sol­ches drol­lig vor­kommt, möge wei­ter­le­sen und tiefer.

Wer noch irgend­et­was heu­te ver­ste­hen will von dem, was in der Welt geschieht, möch­te die­se Tex­te des unbe­irr­ten Hacks gele­sen haben. Der Band ist mit einem Lese­bänd­chen aus­ge­stat­tet – doch könn­te er min­de­stens 500 davon auf­wei­sen, um die bemer­kens­wer­te­sten Stel­len zu mar­kie­ren. Ich bedau­re Mit­men­schen, die das in jeder Hin­sicht mar­xi­sti­sche Buch nicht lesen (kön­nen und oder wol­len). Das Lese-Ver­gnü­gen und der gei­sti­ge Gewinn der Lek­tü­re wett­ei­fern miteinander.

Bei­des lässt sich indes bereits heu­te stei­gern, indem man die eben­falls im Eulen­spie­gel Ver­lag erschie­ne­nen »Gesprä­che mit Hacks 1963–2003«, die André Mül­ler sen. auf­ge­zeich­net hat, qua­si par­al­lel bezie­hungs­wei­se abwech­selnd als eine Art Äqui­va­lent dazu liest. Ein erstaun­li­ches Kon­vo­lut, mit dem der Freund die gemein­sa­men Erkun­dun­gen des Seins und Schaf­fens doku­men­tiert. Am Ende ver­steht man bei­läu­fig, was Hacks und Mül­ler sen. in ihrer Sicht etwa zu Shake­speares Werk mei­nen – und inwie­fern Staats­wis­sen Vor­aus­set­zung für Dra­ma ist bezie­hungs­wei­se Dra­ma die höch­ste poli­ti­sche Kunst. Es geht um Wesent­li­ches, aber es wird weder im Spe­ku­la­ti­ven oder Schreckens­ton illu­mi­niert noch modisch in zyni­scher Belie­big­keit ver­eist. Nicht der Kon­junk­tiv ist Weg des Gedan­kens, son­dern die dia­lek­ti­sche Ana­ly­se. Zwei Bücher, die mit ihrer Rea­li­täts­spie­ge­lung zusam­men­ge­hö­ren. Für jede wei­te­re Beschäf­ti­gung mit Hacks und der Welt jeden­falls geben sie die Ausgangsbasis.

Oben­drein ist übri­gens auch die von Hacks sel­ber getrof­fe­ne Aus­wahl »Hun­dert Gedich­te« im sel­ben Ver­lag jüngst neu erschie­nen – ange­mes­sen in einem Goldumschlag.

Das Fazit von Hacks klingt so: »Es gibt auch heu­te ›nur zwei Par­tei­en‹, die des Impe­ria­lis­mus und die des Sozia­lis­mus, (und der Satz wür­de auch an dem Tag nicht auf­hö­ren, wahr zu sein, an wel­chem Chi­na, Kuba, Viet­nam und Nord­ko­rea ins Meer gesprengt oder der Welt­bank unter­stellt wären).« Wer das ver­steht, ver­steht auch die unsterb­li­che Hei­ter­keit und Komik der Gedich­te und Kin­der­ge­schich­ten von Hacks. Und, wor­um es in unse­rer Zeit geht.

Heinz Hamm (Hrsg.), Peter Hacks: »Mar­xi­sti­sche Hin­sich­ten. Poli­ti­sche Schrif­ten 1955–2003«, 608 Sei­ten, 19,99 €; André Mül­ler sen., Peter Hacks: »Gesprä­che mit Peter Hacks 1963-2003«, 464 Sei­ten, 24,80 €; Peter Hacks: »Hun­dert Gedich­te«, 180 Sei­ten, 10 € – alle erschie­nen im Eulen­spie­gel Verlag