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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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US-Drehbuch für Venezuela?

»Viel­leicht nur Chan­ce von 1:10«, hat­te CIA-Chef Richard Helms die Wün­sche Prä­si­dent Nixons auf einem Zet­tel fest­ge­hal­ten, »doch Chi­le ret­ten! – Aus­ga­ben loh­nen sich – kei­ne Rück­sicht auf Risi­ko – kei­ne Betei­li­gung der Bot­schaft – 10 Mil­lio­nen Dol­lar zur Ver­fü­gung, wenn nötig mehr – Voll­zeit-Job für die besten Män­ner, die wir haben – Ablauf­plan – die Wirt­schaft auf­schrei­en las­sen – in 48 Stun­den Akti­ons­plan vor­le­gen.« (Ähn­lich­kei­ten in die­sem oder ande­ren Zita­ten mit aktu­el­len Vor­komm­nis­sen in Vene­zue­la erge­ben sich nicht etwa zufäl­lig, son­dern sind systembedingt.)

Die Run­de, die am 15. Sep­tem­ber 1970 – etwa fünf Wochen vor der Wahl Sal­va­dor Allen­des zum Prä­si­den­ten Chi­les – im Wei­ßen Haus sitzt, ist exklu­siv. US-Prä­si­dent Richard Nixon hat außer sei­nem Sicher­heits­be­ra­ter Hen­ry Kis­sin­ger nur noch Justiz­mi­ni­ster John Mit­chell und CIA-Direk­tor Helms zum Rap­port beordert.

Die Stich­wor­te, die der CIA-Chef wäh­rend der Bera­tung in sein Notiz­buch schreibt und die ein Unter­su­chungs­aus­schuss des US-Senats in sei­nem Abschluss­be­richt zitiert, sind eine bru­ta­le und auf­schluss­rei­che Anlei­tung für Ter­ro­ris­mus. Der Senats­aus­schuss tag­te 1975/​76 unter Vor­sitz des Demo­kra­ten Frank Church und des Repu­bli­ka­ners John Tower in Washington.

Bei sei­ner Ver­neh­mung durch den Aus­schuss am 15. Juli 1975 gab Helms zu: »Das war ein Befehl, der so ziem­lich alles ein­schloss […] Wenn ich jemals einen Mar­schall­stab im Tor­ni­ster aus dem Oval Office [des Wei­ßen Hau­ses] getra­gen habe, dann an jenem Tag.«

Einen Tag spä­ter trom­melt Helms den CIA-Pla­nungs­stab zusam­men. Im Pro­to­koll heißt es dazu: »Der Direk­tor teilt der Grup­pe die Ent­schei­dung Prä­si­dent Nixons mit, dass ein Allen­de-Regime für die Ver­ei­nig­ten Staa­ten nicht akzep­ta­bel sei. Der Prä­si­dent ver­lan­ge von der CIA, die Amts­ein­set­zung Allen­des zu ver­hin­dern oder aber, ihn wie­der zu stür­zen. Der Prä­si­dent stel­le dafür 10 Mil­lio­nen Dol­lar zur Ver­fü­gung.« Für den CIA-Putsch in Gua­te­ma­la hat­ten 1954 noch drei Mil­lio­nen Dol­lar gereicht.

In zwei auf­ein­an­der­fol­gen­den Tele­gram­men vom 21. Sep­tem­ber 1970 an den CIA-Chef in Sant­ia­go gibt die Geheim­dienst­zen­tra­le dann das Start­zei­chen, die Anord­nun­gen Nixons in die Tat umzu­set­zen. »Zweck der Akti­on, Allen­de an der Macht­über­nah­me zu hin­dern«, heißt es. »Par­la­men­ta­ri­sche Knif­fe schei­den aus. Mili­tä­ri­sche Lösung ist das Ziel.« Für die Bestechung chi­le­ni­scher Abge­ord­ne­ter sowie für pro­pa­gan­di­sti­sche und wirt­schaft­li­che Stör­maß­nah­men wer­den 250.000 Dol­lar bereitgestellt.

In einem Bericht an Kis­sin­ger weist der US-Bot­schaf­ter in Chi­le, Edward M. Kor­ry, am 21. Sep­tem­ber 1970 dar­auf hin, dass alle von den USA betrie­be­nen Putsch­plä­ne so lan­ge schei­tern wür­den, wie der für sei­ne Ver­fas­sungs­treue bekann­te Armee-Chef, Gene­ral René Schnei­der, amtie­re. Sei­ne »Neu­tra­li­sie­rung oder wenn nötig Abset­zung« sei­en unum­gäng­li­che Vor­aus­set­zun­gen für einen erfolg­rei­chen Militärputsch.

In den letz­ten Wochen vor dem 24. Okto­ber 1970, dem Tag sei­ner Ernen­nung durch das Par­la­ment, ver­sucht die CIA alles, um die Prä­si­dent­schaft Allen­des zu ver­hin­dern. Einer Akti­ons­grup­pe Chi­le unter Lei­tung des Vize-CIA-Direk­tors für ver­deck­te Ope­ra­tio­nen, Tho­mas Karam­es­si­nes, wer­den »die ope­ra­ti­ven Agen­ten mit der größ­ten Erfah­rung und der besten Aus­bil­dung« zugeteilt.

Die CIA-Zen­tra­le in Lang­ley bei Washing­ton über­mit­telt der CIA in Sant­ia­go de Chi­le im Okto­ber 1970 einen Auf­trag, der die gro­ßen Erfah­run­gen des US-Geheim­dien­stes beim Orga­ni­sie­ren von Staats­strei­chen wider­spie­gelt. Er wür­de in die Bei­spiel­samm­lung eines jeden Lehr­buchs über Staats­ter­ro­ris­mus gehö­ren und passt erschreckend genau auch auf das US-Vor­ge­hen heu­te in Venezuela:

»A) Infor­ma­tio­nen sam­meln über Offi­zie­re, die Nei­gung zu Putsch erken­nen lassen;

B) Putsch­kli­ma schaf­fen durch Pro­pa­gan­da, Des­in­for­ma­ti­on, Ter­ror­ak­tio­nen, die geeig­net sind, die Lin­ken zu pro­vo­zie­ren, und so einen Vor­wand für einen Staats­streich schaffen;

C) zum Putsch nei­gen­de Offi­zie­re infor­mie­ren, dass die US-Regie­rung ihnen vol­le Unter­stüt­zung bei Putsch zusi­chert bis an die Gren­ze einer direk­ten mili­tä­ri­schen Inter­ven­ti­on der USA

Mit Bil­li­gung des Pen­ta­gon wird der Mili­tär­at­ta­ché der US-Bot­schaft in Sant­ia­go mit den Kom­plott­vor­be­rei­tun­gen ein­schließ­lich der geplan­ten Ent­füh­rung Gene­ral Schnei­ders betraut. Er wen­det sich an Offi­zie­re der Mili­tär­aka­de­mie in Sant­ia­go und bespricht die Plä­ne zur Aus­schal­tung Schnei­ders mit den Gene­ra­len Viaux und Valen­zue­la. Als Beweis, dass es sich lohnt, bewil­ligt der CIA-Stütz­punkt Gene­ral Viaux 20.000 Dol­lar und eine Lebens­ver­si­che­rung in Höhe von 250.000 Dollar.

Trotz fie­ber­haf­ter Bemü­hun­gen blei­ben die Aus­sich­ten auf Erfolg trü­be. Die US-Söld­ner, so der Senat, waren »Gene­ra­le ohne eine Armee«. Ein letz­ter Ver­such der Ver­schwö­rer, Gene­ral Schnei­der zu Anti-Allen­de-Aktio­nen zu über­re­den, ist – wie der CIA-Stütz­punkt an sei­ne Zen­tra­le berich­tet – »ein kom­plet­tes Fias­ko«. Dem müs­sen auch die Putsch­pla­ner in Washing­ton Rech­nung tra­gen. Auf einer Bera­tung am 15. Okto­ber 1970 im Wei­ßen Haus kom­men Hen­ry Kis­sin­ger, US-Gene­ral Alex­an­der Haig und Karam­es­si­nes über­ein, sich auf kei­nen Fall auf einen »Mini-Putsch« ein­zu­las­sen, der mit Sicher­heit von der ver­fas­sungs­treu­en Armee­füh­rung nie­der­ge­schla­gen wer­den würde.

Am 19. Okto­ber tref­fen die Waf­fen auf diplo­ma­ti­schem Wege (!) aus Washing­ton ein. Der US-Mili­tär­at­ta­ché über­gibt sie am 22. Okto­ber nachts um zwei Uhr an die Ver­schwö­rer. Kurz nach acht Uhr über­fal­len die Put­schi­sten das Auto des Gene­rals und ver­wun­den ihn schwer. CIA-Direk­tor Helms kom­men­tier­te laut Senats­be­richt: »Es besteht Über­ein­stim­mung, dass ein maxi­ma­les Ergeb­nis erreicht wur­de und dass von nun an die Chi­le­nen selbst einen erfolg­rei­chen Putsch mana­gen kön­nen. Die Chi­le­nen wur­den bis zu einem Punkt geführt, wo eine mili­tä­ri­sche Lösung zumin­dest offen für sie ist.«

Einen Tag nach­dem das chi­le­ni­sche Par­la­ment am 24. Okto­ber 1970 Allen­de als neu­en Prä­si­den­ten Chi­les bestä­tigt, stirbt Gene­ral Schnei­der an sei­nen schwe­ren Ver­let­zun­gen. Der CIA-Plan, so stellt der US-Senats­aus­schuss fest, ging naht­los »in eine Lang­zeit­stra­te­gie für eine Ände­rung der Regie­rung in Chi­le« über – und war damit drei Jah­re spä­ter lei­der sehr erfolg­reich, mit ver­hee­ren­den Fol­gen für Chi­le und Mil­lio­nen sei­ner Menschen.

Wird jemals ein neu­er US-Senats­aus­schuss ent­hül­len, wer im Fal­le von Vene­zue­la im Wei­ßen Haus einen mög­li­chen Putsch plan­te? Doch das ist ja kein Geheim­nis, selbst­ver­ständ­lich auch nicht für die Bun­des­re­gie­rung, ihr Außen­mi­ni­ste­ri­um und die deut­schen Geheim­dien­ste. Das twit­tern schon die Spat­zen von den Dächern des Wei­ßen Hauses.

Dazu kommt: Seit den bru­ta­len US-Regime-Wech­seln im Iran 1953, in Gua­te­ma­la 1954 und Chi­le 1973, dem miss­glück­ten Ver­such gegen Kuba 1961 und dem Über­fall auf den Irak 2003 haben sich die Metho­den nur unwe­sent­lich geän­dert und sind – auch im viel­fach gesi­cher­ten Archiv des neu­en BND-Gebäu­des in Ber­lin – gut dokumentiert.

Quel­len für die von Horst Schä­fer über­setz­ten Zita­te: Abschluss­be­richt des US-Senats »Alle­ged Ass­as­si­na­ti­on Plots Invol­ving For­eign Lea­ders – U.S. Govern­ment Prin­ting Office«, Washing­ton 1975, 349 Sei­ten sowie die in Zusam­men­hang damit ver­öf­fent­lich­ten CIA-Dokumente