Skip to content
Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu

Internationaler Frauentag: Tradition und Aktualität

Bei der II. Inter­na­tio­na­len Sozia­li­sti­schen Frau­en­kon­fe­renz am 26. und 27. August 1910 in Kopen­ha­gen brach­te Cla­ra Zet­kin gemein­sam mit Käte Duncker (1871–1953) und Ger­trud Han­na (1876–1944), damals Lei­te­rin des Frau­en­se­kre­ta­ri­ats bei der Gene­ral­kom­mis­si­on der Gewerk­schaf­ten Deutsch­lands, die Durch­füh­rung eines Frau­en­tags zur Abstim­mung, »der in erster Linie der Agi­ta­ti­on für das Frau­en­wahl­recht« die­nen soll­te. Der Antrag wur­de ein­stim­mig angenommen.

Am 19. März 1911 gin­gen unter dem Kampf­ruf »Her­aus mit dem Frau­en­wahl­recht« in Deutsch­land mehr als eine Mil­li­on Frau­en auf die Stra­ße und for­der­ten das Wahl­recht, sozia­le und poli­ti­sche Gleich­be­rech­ti­gung, die Ein­füh­rung des Acht-Stun­den-Arbeits­ta­ges, aus­rei­chen­den Mut­ter- und Kin­der­schutz, die Fest­set­zung von Min­dest­löh­nen und glei­chen Lohn bei glei­cher Arbeits­lei­stung für alle Frau­en. »Eine wuch­ti­ge, sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Kund­ge­bung für das Frau­en­wahl­recht«, so geht es aus einem Bericht des SPD-Par­tei­vor­stan­des her­vor. Die Gleich­heit berich­te­te eini­ge Tage spä­ter: »Zahl­rei­che Poli­zei­mann­schaf­ten in der Nach­bar­schaft der Ver­samm­lungs­lo­ka­le bewahr­ten revol­ver­ge­rü­stet die Stadt vor dem Umsturz der Frau­en.« In vie­len Orten des Rei­ches fan­den Ver­samm­lun­gen statt, auf denen Reso­lu­tio­nen zum Frau­en­stimm­recht beschlos­sen wur­den. Bür­ger­li­che Depe­schen­bü­ros schätz­ten die Zahl der Teil­neh­me­rin­nen auf 30.000 – »höchst­wahr­schein­lich gut über die Hälf­te zu nied­rig«, ver­mu­te­te Die Gleich­heit. Nicht nur in Deutsch­land, auch in Däne­mark, Öster­reich, der Schweiz und den USA betei­lig­ten sich Mil­lio­nen von Frau­en. 1912 schlos­sen sich die Frau­en in Frank­reich, den Nie­der­lan­den und Schwe­den an, 1913 auch die rus­si­schen Frauen.

Zunächst fand der Inter­na­tio­na­le Frau­en­tag an unter­schied­li­chen Tagen statt. Der 19. März wur­de gewählt, um an Ereig­nis­se wäh­rend der Revo­lu­ti­on von 1848 in Ber­lin zu erin­nern. Erst im Jahr 1921 wur­de bei einer gro­ßen sozia­li­sti­schen Frau­en­kon­fe­renz als festes Datum der 8. März fest­ge­legt. Damit soll­te an den Tex­til­ar­bei­te­rin­nen-Streik in Peters­burg erin­nert wer­den, der auf ande­re Sek­to­ren über­ge­grif­fen und eine gro­ße Demon­stra­ti­on aus­ge­löst hatte.

Der Beginn des Ersten Welt­kriegs führ­te zu einem tie­fen Riss inner­halb der Sozia­li­sti­schen Frau­en­be­we­gung. Inter­na­tio­na­le Zusam­men­schlüs­se waren nicht mehr mög­lich. Das akti­ve und pas­si­ve all­ge­mei­ne Wahl­recht konn­ten die Frau­en im Zuge der Revo­lu­ti­on von 1918 in Deutsch­land und in eini­gen ande­ren euro-päi­schen Län­dern nach lan­gem Kampf errin­gen, die sozia­le und poli­ti­sche Gleich­be­rech­ti­gung lässt noch heu­te vie­le Wün­sche offen, auch wenn sie in Deutsch­land seit 1919 »grund­sätz­lich« und seit 1949 zu den Grund­rech­ten gehört.

Der 8. März ist kein Mut­ter­tag und kein Gedenk­tag, son­dern soll­te auch heu­te, nach­dem er in Ber­lin zum Fei­er­tag gewor­den ist, wei­ter ein Inter­na­tio­na­ler Kampf­tag für die Rech­te der Frau­en, für eine huma­ne Gesell­schaft und für den Frie­den auf der Welt blei­ben. Der Inter­na­tio­na­le Frau­en­tag ist für Femi­ni­stin­nen ein Tag, an dem sie die Mega­pho­ne in der Hand hal­ten als ein Sym­bol für den stän­di­gen Auf­trag, die Unge­hö­rig­keit der sozia­len und geschlech­ter­spe­zi­fi­schen Ungleich­heit, die Ver­wei­ge­rung der sexu­el­len Selbst­be­stim­mung und die Gewalt gegen Frau­en* und Kin­der anzu­pran­gern und Hand­lungs­stra­te­gien einzufordern.

Der Inter­na­tio­na­le Frau­en­tag erleb­te im Lauf der Geschich­te Höhen und Nie­der­la­gen. Zunächst wur­de er von den Sozia­li­stin­nen als gro­ßes Ereig­nis gefei­ert, wäh­rend des Ersten Welt­kriegs – bereits ver­bo­ten – heim­lich began­gen, dann ver­ges­sen. Seit etli­chen Jah­ren wird wie­der auf der gan­zen Welt an die­sem Tag an die Soli­da­ri­tät der Femi­ni­stin­nen appel­liert. Auch in Ber­lin und in vie­len ande­ren Städ­ten tra­gen sie ihre Wut auf die Stra­ße und kämp­fen gegen den Rechts­ruck, gegen die Neo­li­be­ra­li­sie­rung, Pre­ka­ri­sie­rung und nach wie vor bestehen­de Ungleichbehandlung.

De fac­to ging die »Frau­en­fra­ge« wäh­rend der 108 Jah­re Inter­na­tio­na­ler Frau­en­tag nur lang­sam vor­an. Den­noch sind Frau­en nicht mehr zurück­zupfei­fen. Der Fort­schritt der letz­ten Jahr­zehn­te besteht dar­in, dass sich immer öfter Frau­en trau­en, öffent­lich gegen das unge­heu­re Unrecht der patri­ar­cha­len Ord­nung anzu­kämp­fen. Frau­en sind heu­te eben­so gut oder gar bes­ser aus­ge­bil­det als Män­ner, sie wol­len kei­ne Nied­rig­löh­ne, kei­ne Mini­jobs, kei­ne pre­kä­re und unge­schütz­te Arbeit und auch kei­ne Frei­wil­li­gen­dien­ste für Arbei­ten, die tarif­lich bezahlt wer­den müs­sen. Sie wol­len kei­ne demü­ti­gen­den Hartz-IV-Geset­ze, kei­nen Arbeits­zwang und kei­ne Sank­tio­nen, die sie in Abhän­gig­keit von ande­ren Per­so­nen brin­gen und auch kei­ne »Herd­prä­mi­en«. Sie for­dern exi­stenz­si­chern­de Min­dest­löh­ne, Ver­kür­zung der Arbeits­zeit im Bereich der Voll­erwerbs­ar­beit, die Umver­tei­lung aller (jetzt) bezahlt und (jetzt) unbe­zahlt gelei­ste­ten gesell­schaft­lich nütz­li­chen und exi­stenz­si­chern­den Arbei­ten auf alle Men­schen und Umver­tei­lung des Reich­tums. Gesell­schaft­lich nütz­li­che Arbei­ten, haben nichts mit Natur­zer­stö­rung, Rüstungs­pro­duk­ti­on und Kriegs­ein­sät­zen zu tun.

Für den Inter­na­tio­na­le Frau­en­tag 2019 wur­de von einer gro­ßen Anzahl von vor­wie­gend jun­gen Frau­en zum Frauen*Streik auf­ge­ru­fen. Sie stel­len sich in die Tra­di­ti­on des Frau­en­Streik­Ta­ges von 1994, zu dem nach der »Wie­der­her­stel­lung eines gro­ßen Deutsch­lands auf Kosten von Frau­en« von Frau­en aus Ost und West auf­ge­ru­fen wor­den war und bei dem sich mehr als eine Mil­li­on Frau­en bun­des­weit gegen Dis­kri­mi­nie­rung enga­gier­ten. Sie schlie­ßen auch an den gro­ßen Streik der spa­ni­schen Frau­en vom 8. März 2018 an. Bei bei­den Streiks wur­de sowohl Lohn- als auch Sor­ge­ar­beit nie­der­ge­legt. Die Spa­nie­rin­nen haben es geschafft, das Land teil­wei­se lahm­zu­le­gen. Frau­en* wer­den also kei­ne Ruhe geben, son­dern wei­ter­hin strei­ten. Denn die Ant­wort auf die »gan­ze Frau­en­fra­ge«, mit der die For­de­rung zum ersten Inter­na­tio­na­len Frau­en­tag ver­bun­den wer­den soll­te, steht auch heu­te noch aus. Eben­so wie das Ziel, das Cla­ra Zet­kin 1911 im Vor­feld zum Inter­na­tio­na­len Frau­en­tag for­mu­lier­te: »Sein Ziel ist Frau­en­recht als Men­schen­recht, als Recht der Per­sön­lich­keit, los­ge­löst von jedem sozia­len Besitz­ti­tel.« Die­ses Ziel sei »erst erreicht, wenn die poli­ti­sche Kne­be­lung des gesam­ten weib­li­chen Geschlechts […] ein Ende nimmt.« Um dar­auf hin­zu­ar­bei­ten, brauch­te es vor hun­dert Jah­ren und braucht es auch heu­te brei­te Bünd­nis­se von allen Men­schen, die mit den Ver­hält­nis­sen so, wie sie sind, nicht ein­ver­stan­den sind. Egal wo sie her­kom­men, wie sie aus­se­hen, wie sie zusam­men­le­ben und wo sie hin­ge­hen. Das hie­ße, dass wir wei­ter für eine von Gewalt, Aus­beu­tung, Unter­drückung und Krie­gen freie Gesell­schaft strei­ten wer­den, in der alle Men­schen selbst­be­stimmt leben, arbei­ten und mit­ge­stal­ten kön­nen. Dar­auf hin­zu­wei­sen, dass eine Demo­kra­tie, ihren Namen nicht ver­dient, solan­ge die sozia­le Ungleich­heit fort­be­steht und solan­ge die Eben­bür­tig­keit zwi­schen den ver­schie­de­nen Geschlech­tern nicht auch de fac­to in allen Berei­chen des mensch­li­chen Lebens und Arbei­tens erreicht ist, war und ist die Auf­ga­be femi­ni­sti­scher Politik.

Zum Frauen*Streik 8. März 2019: https://www.frauenstreik.org. Zum Wei­ter­le­sen: Gise­la Notz: »Der Inter­na­tio­na­le Frau­en­tag und die Gewerk­schaf­ten: Geschichte(n). Tra­di­ti­on und Aktua­li­tät«, Ber­lin, ver.di 2011. Auch im Inter­net: https://frauen.verdi.de/++file++52256c22890e9b5b05000163/download/Frauentagbroschuere_Web.pdf.

Gise­la Notz, Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rin und Histo­ri­ke­rin, lebt und arbei­tet in Ber­lin zu histo­ri­schen und aktu­el­ler Frau­en- und Geschlech­ter­the­men. Soeben ist von ihr erschie­nen: Gise­la Notz (Hg.): »Weg­be­rei­te­rin­nen. Berühm­te, bekann­te und zu Unrecht ver­ges­se­ne Frau­en aus der Geschich­te«, AGSPAK Bücher, 450 Sei­ten, 24 €.