Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Der SUV-Fahrer im Schauspielhaus

Was wird blei­ben? Ver­mut­lich nichts. Es geht um das Stück nach dem Roman von Michel Houelle­becq »Sero­to­nin«. Wie­der war es das Ham­bur­ger Schau­spiel­haus, das sich – nach dem Erfolg der »Unter­wer­fung« – an eine Dra­ma­ti­sie­rung eines aktu­el­len Romans mach­te. Dra­ma? Eher nicht. Nach­er­zäh­lung. Der Regis­seur Falk Rich­ter insze­niert eng am Text ent­lang. Da ist der Prot­ago­nist Flo­rent-Clau­de, ein mit­tel­al­ter Mit­tel­schicht-Mann, der offen­bar nichts zu tun hat, als sich sei­ner zele­brier­ten Depres­si­on zu wid­men, sei­ner sti­li­sier­ten Selbst­be­spie­ge­lung. Die­ses Ich spal­tet der Regis­seur in vier Per­so­nen (Jan-Peter Kamp­wirth, Car­lo Lju­bek, Til­man Strauß, Samu­el Weiss), die oft gleich­zei­tig auf der Büh­ne agie­ren, auch mal unter­schied­lich erfolg­los zu ona­nie­ren ver­su­chen. War­um das? Eine neue Pil­le soll die Aus­schüt­tung des Glücks­hor­mons Sero­to­nin bewir­ken – aber die Neben­wir­kun­gen! Eine Ver­min­de­rung der Libido.

Das, was ihn in sei­nen Augen zum Mann macht, brin­gen ihm nur noch Schieß­übun­gen mit dem Gewehr. Er, »ein Herr und Mei­ster, das Uni­ver­sum war von einem gerech­ten Gott nach mei­nen Bedürf­nis­sen geschaf­fen wor­den«. Aber selbst das Schie­ßen will ihm nicht gehor­chen, er sieht sich als »Weich­ei, das oben­drein noch alt wur­de«. Ein Satz kreist in sei­nem Kopf: »Wer nicht den Mut hat zu töten, hat nicht den Mut zu leben.«

Selbst­mit­lei­dig betrach­tet er sein ver­flos­se­nes Leben. Frau­en sind grund­sätz­lich Schlam­pen – ein paar Namen fal­len ihm ein. War das Lie­be? Er denkt an »Knack­är­sche« und »Muschis«. Er sieht sich heim­lich ein Video sei­ner japa­ni­schen Freun­din an, wie sie Sex mit einem Dober­mann hat. Soll der Zuschau­er Mit­leid haben oder sich in Grau­sen abwen­den? Oder alles als gro­ße Iro­nie sehen? Der Flo­rent-Clau­de von Houelle­becq bemüht sich, das Bild des chau­vi­ni­sti­schen Bös­men­schen aus­zu­ma­len. Er raucht über­all, trinkt (kei­nen Wein), trennt nicht den Müll, fährt einen Mer­ce­des SUV G 350, defi­niert sich durch Mar­ken, gibt sich eli­tär – doch die auf­ge­bau­te Pan­zer­schicht bröckelt. Die Glücks­pil­len hel­fen nicht.

Die Frau­en im Stück: zwei Mäd­chen (San­dra Ger­ling, Jose­fi­ne Isra­el), sie ver­su­chen, ein Gegen­pol zu sein. Rechts und links aus den Logen rufen sie, neh­men Flo­rent-Clau­des Pro­vo­ka­tio­nen auf und rap­pen auf der Büh­ne: »Jetzt sind die Fot­zen wie­der da!« Oder, als Bild der folg­sa­men klei­nen Frau, ver­krie­chen sie sich im rosa Pup­pen­haus. Nur ein Fen­ster­chen gibt den Blick auf die Welt frei. Sie pro­te­stie­ren gegen die indu­stri­el­le Tier­ver­mark­tung, auf der Schrä­ge ste­hend wie auf einer Hüh­ner­lei­ter – die es schon gar nicht mehr gibt. Ihn, den Mann, lässt das kalt. Er erin­nert sich: Viel­leicht wäre ein Leben mit Camil­le mög­lich gewe­sen. Er spürt sie auf, ver­folgt sie mit sei­nem SUV bis vor ein ein­sa­mes Haus, wo sie mit ihrem Kind lebt. Das wür­de ihn stö­ren – ein zwei­ter Mann. Und so lau­ert er mit sei­nem Steyr Mann­li­cher und dem Mar­ken-Fern­glas dem klei­nen Jun­gen auf, den er am Fen­ster sit­zen sieht. Camil­le ist nicht da. Aber er schafft es nicht, den Jun­gen zu töten, obwohl das Kind ganz ver­tieft in sein Spiel ist. Er – ein Weich­ei eben.

Die Waf­fe bekam er von einem alten Stu­di­en­freund. Ein Adli­ger mit viel Land, aber wenig Erfolg mit den Milch­kü­hen. Schuld: die EU, Brüs­sel. Die­ser Freund, Ayme­rick, den auch noch sei­ne Frau ver­las­sen hat, ent­wickelt sich zu einem Auf­stän­di­schen. Im Video – heu­te unver­zicht­bar – lodern Feu­er, land­wirt­schaft­li­che Groß­ma­schi­nen bren­nen, auch auf der Büh­ne, alles vol­ler Rauch. Im Hin­ter­grund, ganz oben steht Ayme­rick wie ein Held und rich­tet die Waf­fe gegen sich selbst. Der Kampf der nor­man­ni­schen Bau­ern gegen den Zwang aus Brüs­sel: ver­lo­ren. Es sind nicht die Gelb­we­sten, auch wenn man­che Houelle­becq als Visio­när sehen. Wie in »Unter­wer­fung« der Isla­mis­mus, so ist es jetzt der Wider­stand gegen die EU, der dem Autor viel Sym­pa­thie von rechts einbringt.

Die Men­schen sind zu Tie­ren gewor­den, stecken in zot­ti­gen Fel­len – ein Rück­fall in die Stein­zeit? Ach nein, der mit­tel­al­te wei­ße Mann ist so ver­fet­tet, dass er – nackt – einem rosa Schwein gleicht, zum Schlach­ten aufgehängt.

Rau­chen im Hotel­zim­mer? Das geht gar nicht mehr. Flo­rent-Clau­de muss aus­zie­hen, sucht sich ein Hoch­haus-Appar­te­ment. Nahe dem Nichts, mit Selbst­mord im Kopf. Er will kein Erbe hin­ter­las­sen, Geld auf dem Kon­to – für wen? Er hät­te es spen­den kön­nen, aber wem? Den »Quer­schnitts­ge­lähm­ten, den Obdach­lo­sen, den Migran­ten, den Blin­den?« Er woll­te sei­ne »Koh­le« nicht »irgend­wel­chen Rumä­nen zuschu­stern«. Er hat­te, sagt er, »kei­ne Gut­her­zig­keit ent­wickelt«. Und so kam es wohl, dass er sich Gott zuwand­te, zwangs­läu­fig. Der Regis­seur nimmt den Schluss des Romans dank­bar auf – als Mah­nung oder Trost? Got­tes »über­schwäng­li­che Lie­be, die in unse­re Brust strömt, bis es uns den Atem ver­schlägt …« Er ver­ste­he, sagt der Selbst­mord-Kan­di­dat, den »Stand­punkt Chri­sti, sei­nen wie­der­keh­ren­den Ärger über die Ver­här­tung der Her­zen. Da sind all die Zei­chen, und sie erken­nen sie nicht«. Sie, sagt er. Und dann: »Muss ich wirk­lich noch mein Leben für die­se Erbärm­li­chen geben?« Und auch in Ham­burg fragt er – wer? »Muss man wirk­lich so deut­lich wer­den?« Die bei­den Mäd­chen ant­wor­ten von oben: »Offen­bar ja.«

Der Ham­bur­ger Pre­mie­ren-Bei­fall war ungeteilt.

Der Roman »Sero­to­nin« von Michel Houelle­becq ist in der Über­set­zung von Ste­phan Klei­ner im DuMont Buch­ver­lag erschie­nen (330 Sei­ten, 24 €).