Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Remords éternels

Es war eine fast alt­te­sta­men­ta­ri­sche Kla­ge, es waren pro­phe­ti­sche Wor­te, die Abbé André Pay­on, Pfar­rer der Gemein­den La-Cel­le-Saint-Avant, Dra­ché und Mail­lé, 1944/​45 als Augen­zeu­ge des Mas­sa­kers nie­der­schrieb, sei­nen exi­sten­ti­el­len Schrecken mit Wor­ten bändigend:

»Der klei­ne Markt­flecken Mail­lé, das sind Rui­nen, uner­klär­li­che Rui­nen. Sie wer­den nicht für immer trau­rig in den ver­han­ge­nen Novem­ber­him­mel ragen, die Men­schen wer­den das Dorf wie­der­auf­bau­en. Aber der Fried­hof dort oben im Westen, am Abhang des Hügels gele­gen, der sich hin­ter dem Rui­nen­feld erhebt, wird für alle Zei­ten Zeug­nis able­gen für die Bar­ba­rei der Deut­schen. Er wird wie­der und wie­der von dem Dra­ma des 25. August 1944 kün­den, als 124 Fran­zo­sen, wie bei einer Treib­jagd umstellt, in einem ent­setz­li­chen Blut­bad umka­men, als 52 von 60 Wohn­häu­sern, in denen viel­fach Lei­chen lagen, wie Fackeln brann­ten, als zu den Schrecken des Mords und der Feu­ers­brunst die Beschie­ßung durch ein Geschütz hin­zu­kam.« (»Mail­lé – Mar­ty­ri­um eines Dor­fes«, zitiert nach der Über­set­zung von Ingo Fell­rath, Tours 2008).

Heu­te, 75 Jah­re nach dem Ver­bre­chen, ist Mail­lé wie­der­auf­ge­baut. Und der Fried­hof des süd­lich von Paris nahe Tours und der regio­na­len Haupt­stadt Orlé­ans im Depar­te­ment Ind­re-et-Loire gele­ge­nen Dor­fes gibt immer noch Zeug­nis von deut­scher Schan­de: Waf­fen-SS oder auch Wehr­machts­ein­hei­ten, Über­le­ben­de berich­te­ten von »sehr jun­gen Män­nern«, hat­ten hier die 124 Men­schen im Alter von drei Mona­ten bis 89 Jah­ren umge­bracht. Blind­wü­tig, wie im Blut­rausch. Umstän­de und soge­nann­te Grün­de sind bis heu­te unge­klärt oder umstrit­ten. Abbé Pay­on legt Ver­gel­tung nahe, even­tu­ell für Taten, an denen nie­mand aus dem bäu­er­li­chen Ort betei­ligt war: Par­ti­sa­nen sol­len am Vor­abend in der Nähe einem deut­schen Auto auf­ge­lau­ert haben. Das Dorf muss­te es büßen.

Das Sym­bol für der­ar­ti­ge Kriegs­ver­bre­chen in Frank­reich ist aber Ora­dour sur Gla­ne, und so kam es, dass Mail­lé fast ver­ges­sen wur­de und bis heu­te unter zu gerin­ger Ach­tung der eige­nen Tra­gö­die im eige­nen Land und im Land der Täter lei­det. Nicht der Sozia­list Fran­çois Mit­ter­rand, son­dern der Kon­ser­va­ti­ve Nico­las Sar­ko­zy war der erste fran­zö­si­sche Staats­prä­si­dent, der des Mas­sa­kers gedach­te, nach 64 Jah­ren. Am 25. August 2008 weih­te er eine klei­ne Gedenk­stät­te ein und sprach von einem »mora­li­schen Feh­ler«, den Frank­reich began­gen habe, »indem es gegen­über dem Schmerz der Über­le­ben­den teil­nahms­los blieb«.

Ein wesent­li­cher Grund für die ver­dräng­te Erin­ne­rung in Frank­reich ist auch der Zeit­punkt des Mas­sa­kers. An eben die­sem 25. August 1944 wur­de Paris von dem deut­schen Kom­man­dan­ten Diet­rich von Chol­ti­tz an die Rési­stance und das fran­zö­si­sche Mili­tär über­ge­ben. Auf dem Eif­fel­turm und dem Arc de Triom­phe weh­te wie­der die Tri­ko­lo­re. Einen Tag spä­ter insze­nier­te sich der aus Alge­ri­en nach Frank­reich zurück­ge­kehr­te spä­te­re Regie­rungs­chef de Gaul­le mit einer Sie­ges­pa­ra­de über die Ave­nue des Champs-Ély­sées als Befrei­er. Paris, ganz Frank­reich fei­er­te. Der lan­des­wei­te Jubel über die Befrei­ung der Haupt­stadt über­flu­te­te die Trau­er in der Provinz.

Und in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land? 2008 hat sich Ober­staats­an­walt Ulrich Maaß, damals 62 Jah­re alt, des Falls ange­nom­men. Er lei­te­te in Dort­mund die »Schwer­punkt­staats­an­walt­schaft für NS-Ver­bre­chen«. Zusam­men mit zwei Kri­mi­na­li­sten rei­ste er nach Mail­lé, »zwecks in Augen­schein- und Beweis­auf­nah­me«, und »füll­te die histo­ri­sche Lee­re schon ein­mal mit sei­ner per­sön­li­chen Demut« (Der Tages­spie­gel, 11. August 2008). Zu einer Ankla­ge kam es nicht. Der Leut­nant der Reser­ve Gustav Schlü­ter, der den Befehl erteilt haben soll, war zwar 1952 wegen Bei­hil­fe zum Mord in Abwe­sen­heit zum Tode ver­ur­teilt wor­den, durf­te aber wei­ter unbe­hel­ligt in Ham­burg leben, wo er 1965 starb.

Im Gespräch mit dem Tages­spie­gel zog Maaß eine bit­te­re Bilanz: »Und dann … gibt es noch eine Beson­der­heit der NS-Täter. Anders als ande­re Kri­mi­nel­le bege­hen die mei­sten in der Bun­des­re­pu­blik nie wie­der ein Gewalt­de­likt. Nie wie­der geben sie Anlass, ihre Ver­gan­gen­heit zu über­prü­fen. Eigent­lich ist es ja unser gesell­schaft­li­ches Ziel, Kri­mi­nel­le wie­der zu reso­zia­li­sie­ren. Aber genau das ist hier das Pro­blem. Es ist her­vor­ra­gend gelun­gen.« Und die »sehr jun­gen Män­ner« mit den Geweh­ren sind inzwi­schen sehr alte Män­ner, wenn sie über­haupt den Krieg über­lebt haben.

25. August 2019. Aus Deutsch­land ist erst­mals eine klei­ne Dele­ga­ti­on zu der Gedenk­fei­er ange­reist, auf Ein­la­dung von Ber­nard Eli­au­me, dem Bür­ger­mei­ster von Mail­lé, der auch 2008 den deut­schen Ober­staats­an­walt emp­fan­gen und der das Vor­wort zu der Bro­schü­re des Abbé Pay­on geschrie­ben hat: Mit­glie­der des Ver­eins Gegen das Ver­ges­sen – Für Demo­kra­tie, der Inter­na­tio­na­len katho­li­schen Frie­dens­be­we­gung pax chri­sti und der Deutsch-Fran­zö­si­schen Gesell­schaft Cluny Ham­burg. Sie leg­ten Blu­men nie­der. Auch ein Ver­tre­ter der deut­schen Bot­schaft war gekommen.

Am Tag nach der Gedenk­fei­er mit Reden, Kirch­gang und der Toten­kla­ge mit dem Ver­le­sen der Namen aller 124 Opfer spra­chen Mit­glie­der der Dele­ga­ti­on mit »Zeit­zeu­gen«, mit Men­schen um die 80 Jah­re also, die als Kin­der über­lebt hat­ten, damals zwi­schen zwei und zehn Jah­ren alt, sowie mit Ange­hö­ri­gen aus der näch­sten Genera­ti­on: trä­nen­reich, berüh­rend, emo­tio­nal for­dernd, in gro­ßer Herz­lich­keit. Nicht weni­ge der Fran­zö­sin­nen und Fran­zo­sen hat­ten noch nie gegen­über Deut­schen von ihren Erleb­nis­sen und Erin­ne­run­gen gespro­chen. Und bis­her auch kei­ne offi­zi­el­le deut­sche Dele­ga­ti­on mit ihnen.

Die bei­den Teil­neh­mer aus Ham­burg, sie eme­ri­tier­te Histo­ri­ke­rin, er pen­sio­nier­ter Rich­ter, leg­ten einen Kranz nie­der. Auf der Schlei­fe stand, in Fran­zö­sisch und Deutsch:

A.F.A                                               Deutsch-Fran­zö­si­sche Gesellschaft

Cluny de Ham­bourg                     Cluny Hamburg

fon­dée en 1947                             1947 gegründet

Remords éter­nels                           Ewi­ge Scham