Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Schatzkammer

Müde vom ziel­lo­sen Umher­strei­fen in der wirk­li­chen Welt, lan­de­te ich mit Anfang 20 beruf­lich in der Staats­bi­blio­thek »Unter den Lin­den«, einem der größ­ten Wis­sens­spei­cher der DDR. Nach einer kur­zen Pha­se in der Kopier­ab­tei­lung, wo ich Blut leck­te, ließ ich mich ins Maga­zin versetzen.

Bereits auf mei­nen ersten Gän­gen durch die Schatz­kam­mer blink­ten mir vie­le Dia­man­ten ent­ge­gen: das Deutsch­land­ar­chiv, die Schrif­ten der Grup­pe 47, Anton Acker­manns Vor­stel­lun­gen eines »deut­schen Wegs zum Sozia­lis­mus«, die im Neu­en Deutsch­land der spä­ten 1940er Jah­re nur einen Moment das Licht der Öffent­lich­keit erblicken durf­ten, Sar­tres exi­sten­zi­el­le Bücher, Ian Ker­s­haws Sta­lin­kri­tik – womit soll­te man anfan­gen?! Bei einem Aus­flug in die Zeit­schrif­ten­ab­tei­lung stieß ich auf Sieg­fried Jacob­sohns Schau­büh­ne. Eine Thea­ter­kri­tik Alfred Pol­gars, die ich – noch ste­hend – las, fes­sel­te mich durch ihre Schär­fe, ihren Witz, ihre Prä­gnanz. Ich blät­ter­te wei­ter, nahm einen Band der Weltbühne in die Hand, wie die Zeit­schrift seit April 1918 hieß: die­sel­be Qua­li­tät, der­sel­be hohe Anspruch an Genau­ig­keit und Unbe­stech­lich­keit. Selbst die Arti­kel zu Poli­tik und Wirt­schaft lasen sich span­nend wie ein Kri­mi. Wie hier schwie­rig­ste wirt­schaft­li­che Zusam­men­hän­ge, die inne­re Macht­struk­tur eines Systems auf­ge­deckt wur­den, das gegen Wie­der­auf­rü­stung und rech­te Bewe­gun­gen selt­sam scheu, gegen links dafür umso ent­schlos­se­ner vor­ging, war schon à l’honneur. Zwei Autoren sta­chen her­aus: Tuchol­sky und Ossietzky. Ihre Tex­te und ihr Mut bestechen bis heu­te. Schrei­ben­de wie Ossietzky und Tuchol­sky wer­den der Maß­stab bleiben.

Gern erin­ne­re ich mich an mei­ne Jah­re in der Staats­bi­blio­thek. Ich arbei­te­te nur vier Jah­re (bis 1986) dort, doch die Anre­gun­gen, die ich in die­ser Zeit erhielt, die lite­ra­ri­schen Begeg­nun­gen mit Tuchol­sky und Ossietzky gehör­ten mit zum prä­gend­sten, was es im Leben eines auf­ge­schlos­se­nen Her­an­wach­sen­den geben kann.

Biblio­the­ken suchen heu­te nach neu­en Kon­zep­ten: Unter dem Schlag­wort »Smart Libra­ry« sol­len Büche­rei­en »metro­po­li­ta­ne ›Pla­ce­ma­ker‹«, »Garan­ten für die Attrak­ti­vi­tät der Stadt«, »Ort der Frei­zeit­ge­stal­tung« mit »›Gaming‹-Angeboten« und noch vie­les mehr wer­den. Das Wort Buch kommt in den Visio­nen einer künf­ti­gen Biblio­theks­land­schaft weni­ger vor. – Bleibt zu hof­fen, dass künf­ti­ge Biblio­theks­mit­ar­bei­ter und -besu­cher in die­ser ver­wir­ren­den Viel­falt noch die wah­ren Schät­ze wie Schau­büh­ne und Weltbühne und ihre Nach­fol­ge-Zeit­schrif­ten vor­fin­den werden.

Vom 16. April bis 26. Okto­ber 2013 fuhr Uwe Meiß­ner über 12.500 Kilo­me­ter mit dem Fahr­rad von Ber­lin nach Wla­di­wo­stok. Von sei­nen Rei­se­e­tap­pen berich­te­te er damals in Ossietzky. Im Janu­ar 2017 erschien beim BS-Ver­lag das Buch zur Rei­se: »Wla­di­wo­stok – Mit dem Fahr­rad von Ber­lin bis ans öst­li­che Ende der west­li­chen Welt«, 279 Sei­ten, 12,90 €. Inzwi­schen ist es auch in rus­si­scher Spra­che im Anthea-Ver­lag her­aus­ge­kom­men (304 Sei­ten, 14,90 €).