Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Ossietzky und die Einheitsfront

»Noch ist die Zusam­men­fas­sung aller anti­fa­schi­sti­schen Kräf­te vor­han­den. Noch! Repu­bli­ka­ner, Sozia­li­sten, Kom­mu­ni­sten, in den gro­ßen Par­tei­en Orga­ni­sier­te und Ver­spreng­te – lan­ge wer­det ihr nicht mehr die Chan­ce haben, eure Ent­schlüs­se in Frei­heit zu fas­sen und nicht vor der Spit­ze der Bajonette!«

Was soll die­ser Text aus der Weltbühne vom 1. Dezem­ber 1931 – heu­te? 2019 ist doch nicht 1931. Das ist selbst­ver­ständ­lich erst ein­mal nicht zu leugnen.

Aber die­se Mah­nung Carl von Ossietz­kys ist für die Bun­des­re­pu­blik und Euro­pa aktu­el­ler denn je. Die Wei­ma­rer Justiz ver­ur­teil­te Carl von Ossietzky 1931 wegen »Sabo­ta­ge« und »Lan­des­ver­rat« zu 18 Mona­ten Gefäng­nis­haft. Die Nazis steck­ten ihn ins KZ. Dort ist er – wie tau­sen­de ande­re Kämp­fer gegen den Faschis­mus – schwer miss­han­delt wor­den. An den Nach­wir­kun­gen starb er.

Sein Leben, sein Schick­sal, sein poli­ti­sches Wir­ken und sei­ne auf­rüt­teln­den Schrif­ten im Kampf gegen Krieg und Faschis­mus sind ein­dring­li­che Mah­nung für uns Heu­ti­ge. Sei­ne drin­gen­den Appel­le fürs Zusam­men­ge­hen aller links-demo­kra­ti­schen Kräf­te, für Ein­heits­front und Akti­ons­ein­heit – das sind Weg­mar­kie­run­gen für das Zurück­drän­gen der Neo­fa­schi­sten heute.

Der pazi­fi­sti­sche Jour­na­list hat­te Anfang der 1930er Jah­re ein­dring­lich vor der her­auf­zie­hen­den Nazi­herr­schaft gewarnt. Die Nazi­h­or­den wuss­ten sehr wohl, was sie taten, als sie am 10. Mai 1933 auf dem Opern­platz in Ber­lin wut­ent­brannt raus­schrien: »Ver­schlin­ge, Flam­me, auch die Schrif­ten von Tuchol­sky und Ossietzky!«

Ossietzky und ande­re enga­gier­te Weltbühne-Autoren konn­ten die Macht­über­nah­me durch die Nazis nicht ver­hin­dern. Aber sie haben als Links­in­tel­lek­tu­el­le, beseelt von der Idee einer »demo­kra­tisch-sozia­len Repu­blik«, vehe­ment vor dem Weg ins faschi­sti­sche »Drit­te Reich« gewarnt. Sie hat­ten gehofft, mit ihren flam­men­den, die Faschi­sten ent­lar­ven­den Streit­schrif­ten das Zusam­men­ge­hen von Sozi­al­de­mo­kra­ten, Kom­mu­ni­sten und Gewerk­schaf­tern zu einem »Links­block repu­bli­ka­ni­scher Soli­da­ri­tät«, einem Bünd­nis aller irgend­wie links ori­en­tier­ten Kräf­te beför­dern zu können.

Es steht nicht an, in der histo­ri­schen Rück­schau ledig­lich resi­gnie­rend zu kon­sta­tie­ren: »Es hat nichts genützt!« Es ist abwe­gig, Ossietzky und sei­ne Mit­strei­ter ein­fach als »erfolg­lo­se Illu­sio­ni­sten« abzu­qua­li­fi­zie­ren. Genau­er: Es ist schlicht und ein­fach nur schänd­lich und dif­fa­mie­rend, den Kämp­fern für Ein­heits­front und Akti­ons­ein­heit gegen den faschi­sti­schen Ungeist »Gefühls­du­se­lig­keit der Volks­frontro­man­tik« zu beschei­ni­gen (so anma­ßend der Histo­ri­ker Hans-Ulrich Weh­ler, 1931–2014).

Und: Es ist heu­te aller­höch­ste Zeit, wie­der ein­dring­lich an Ossietz­kys Ein­heits­front-Mah­nun­gen zu erin­nern. Ange­sichts des Unver­mö­gens der nun­mehr welt­weit herr­schen­den Mäch­te, die sich zuspit­zen­den öko­no­mi­schen, sozia­len und poli­ti­schen Pro­zes­se zu steu­ern, erhö­hen sich erneut dra­ma­tisch die Gefah­ren wei­te­rer kata­stro­pha­ler Entwicklungen.

Die die Bun­des­re­pu­blik Regie­ren­den und die dahin­ter agie­ren­den, heil­los zer­strit­te­nen Par­tei­en erwei­sen sich als unwil­lig, die fort­schrei­ten­den Pro­zes­se der Glo­ba­li­sie­rung, des Kli­ma­wan­dels und der Digi­ta­li­sie­rung zu bewäl­ti­gen. Par­tei­en­land­schaft und Wäh­ler­struk­tu­ren wer­den gehö­rig durch­ein­an­der­ge­wir­belt. Die bis­he­ri­gen soge­nann­ten Volks­par­tei­en zer­brö­seln in ihrem Geran­gel um Mit­glie­der und Wäh­ler in der »Mit­te« der Gesell­schaft. Die Ver­schie­bung der gesam­ten poli­ti­schen Land­schaft schrei­tet nach rechts voran.

Das bis­her agie­ren­de Füh­rungs­per­so­nal der SPD hat in der von der CDU/​CSU beherrsch­ten Gro­Ko alle Mög­lich­kei­ten ver­spielt, unzu­frie­de­ne und auf Ver­än­de­rung aus­ge­rich­te­te Bevöl­ke­rungs­schich­ten zu gewin­nen. Auch Die Lin­ke war bis­lang nicht in der Lage, aus der exi­sten­ti­el­len Kri­se der bür­ger­li­chen Par­tei­en tat­säch­lich wir­kungs­vol­len Kraft­zu­wachs zu erlan­gen. Das Behar­ren maß­ge­ben­der Funk­tio­nä­re auf ideo­lo­gi­scher Abgren­zung zu den ande­ren poli­ti­schen Akteu­ren und das öffent­li­che Aus­tra­gen stra­te­gi­scher Dif­fe­ren­zen ver­hin­dern bis­her das Zustan­de­kom­men hand­lungs­fä­hi­ger oppo­si­tio­nel­ler Bünd­nis­se. Inter­ne Strei­te­rei­en und unge­lö­ste Per­so­nal­pro­ble­me behin­dern das poli­ti­sche Agieren.

Aktu­ell gewin­nen die Grü­nen an Zuspruch. Haupt­pro­fi­teu­re sind aber letzt­lich allein die Rechts­ex­tre­mi­sten der AfD. Unter Miss­brauch wohl­tö­nen­der »volks­na­her« Losun­gen erobern die Neo­na­zis in rasan­tem Tem­po poli­ti­sche Räu­me – auf den Stra­ßen und bis hin­ein in die par­la­men­ta­ri­schen Struk­tu­ren auf allen Ebe­nen. Die aktu­el­len Wahl­er­geb­nis­se spie­geln wider: Immer mehr Wäh­ler fal­len auf die Ver­spre­chun­gen und Dro­hun­gen der Rechts­ex­tre­mi­sten und Neo­fa­schi­sten herein.

Die aus der Zeit des Kal­ten Krie­ges nach­wir­ken­den tra­di­tio­nel­len oppo­si­tio­nel­len Abgren­zungs­denk­mu­ster sind offen­sicht­lich nicht geeig­net, den wei­te­ren Vor­marsch der Neo­fa­schi­sten zu stoppen.

Dem Ver­mächt­nis Carl von Ossietz­kys fol­gend sind gemein­sa­me Stra­te­gien aller hand­lungs­fä­hi­gen demo­kra­ti­schen Akteu­re gegen einen wei­te­ren Rechts­ruck erfor­der­lich. Letzt­lich kann die Macht der vor sich hin düm­peln­den bür­ger­li­chen Par­tei­en nur durch das Zusam­men­ge­hen der ver­schie­de­nen demo­kra­ti­schen Kräf­te links von der CDU/​CSU gebro­chen wer­den. Und genau­so kann der wei­te­re Macht­zu­wachs der AfD nur durch das gemein­sa­me Vor­ge­hen aller Demo­kra­ten zurück­ge­drängt werden.

In den 1930er Jah­ren mahn­te Carl von Ossietzky: Es geht um das Zusam­men­ge­hen von SPD, KPD, SAP, von Gewerk­schaf­ten, Katho­li­ken und ande­ren Oppo­si­tio­nel­len. Sei­ne Appel­le stimm­ten über­ein mit der For­de­rung Geor­gi Dimitroffs: »Das erste, was gemacht wer­den muß, womit man begin­nen muß, ist die Schaf­fung der Ein­heits­front, die Her­stel­lung der Akti­ons­ein­heit …« (Bericht an den VII. Welt­kon­gress der Kom­mu­ni­sti­schen Inter­na­tio­na­le, 2. August 1935).

Auch heu­te kann es nur hei­ßen: »Bloß nicht wei­ter so!« Es ist höch­ste Zeit für die Suche nach mach­ba­ren Alter­na­ti­ven fürs Zusam­men­ge­hen aller links-demo­kra­ti­schen oppo­si­tio­nel­len Akteu­re. Im Rin­gen um wei­te­re Stär­kung der Frie­dens­kräf­te, um Kli­ma­schutz, um öko­lo­gi­sche Wen­de und Nach­hal­tig­keit, um mehr sozia­le Gerech­tig­keit eröff­nen sich neue Räu­me für gemein­sa­mes poli­ti­sches Han­deln aller bis­her Benachteiligten.

»Rot-Rot-Grün«, »Rot-Grün-Rot« oder »Grün-Rot-Rot« – das sind nicht mehr ledig­lich anma­ßen­de oder gar welt­frem­de Gedan­ken­spie­le! Es geht dar­um, dass sich unter die­sen Stich­wor­ten Wäh­ler­grup­pie­run­gen zusam­men­fin­den, die aus dem Ver­sa­gen der bis­her Regie­ren­den und der Ohn­macht der Unzu­frie­de­nen und Resi­gnie­ren­den her­aus­füh­ren. Von unten her, aus­ge­hend von über­grei­fen­den gemein­sa­men Inter­es­sen brei­ter Bevöl­ke­rungs­schich­ten an einer öko­lo­gi­schen Wen­de kön­nen gestal­tungs­fä­hi­ge poli­ti­sche Kräf­te zusam­men­wach­sen, die die Abgren­zun­gen des bis­he­ri­gen Par­tei­en­gefü­ges über­schrei­ten. Es könn­ten Bünd­nis­se zustan­de kom­men, die die Vor­aus­set­zun­gen schaf­fen, tief­grei­fen­de Trans­for­ma­ti­ons­pro­zes­se in Gang zu setzen.

Auf die­sem Weg kön­nen sich Schritt für Schritt ganz real Mög­lich­kei­ten eröff­nen, schließ­lich »die System­fra­ge« zu stel­len. Also in einem gege­be­nen­falls län­ger wäh­ren­den Pro­zess die Eigen­tums- und Macht­ver­hält­nis­se im Inter­es­se demo­kra­ti­scher Bevöl­ke­rungs­mehr­hei­ten grund­le­gend zu verändern.

Dr. sc. jur. Ger­win Udke, Jahr­gang 1939, stu­dier­te Rechts­wis­sen­schaft und war dann wis­sen­schaft­li­cher Assi­stent und Dozent an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin. Spä­ter arbei­te­te er als Rechts­an­walt und Publizist.