Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Freiheit für Julian Assange

Seit 25 Wochen schon sitzt der Wiki­Leaks-Grün­der Juli­an Assan­ge an die­sem 3. Okto­ber, an dem an den 130. Geburts­tag des Publi­zi­sten und Anti­fa­schi­sten Carl von Ossietzky zu erin­nern ist, im Lon­do­ner Hoch­si­cher­heits­ge­fäng­nis Bel­mar­sh. Dort sitzt er als poli­ti­scher Gefan­ge­ner 23 Stun­den am Tag in sei­ner klei­nen Zel­le, in Iso­la­ti­ons­haft wie ein Top­ter­ro­rist oder gemein­ge­fähr­li­cher Schwer­kri­mi­nel­ler. Es ist jetzt Halb­zeit im Knast für den gro­ßen Hel­den unse­rer Zeit, einen muti­gen Jour­na­li­sten, Publi­zi­sten und Kämp­fer für die Pres­se­frei­heit. Juli­an Assan­ge ver­büßt nach sei­ner Ver­schlep­pung aus der ecua­do­ria­ni­schen Bot­schaft am 11. April, wo er sie­ben Jah­re als poli­ti­scher Flücht­ling Schutz vor sei­nen Häschern gefun­den hat­te, eine 50-wöchi­ge Haft­stra­fe, weil er 2012 gegen Kau­ti­ons­auf­la­gen ver­stieß. Die Schnell­ver­ur­tei­lung zu der hohen Haft­stra­fe ist eine Far­ce und Vor­wand, einer Aus­lie­fe­rung an die USA den Weg zu bah­nen. Die Admi­ni­stra­ti­on von Prä­si­dent Donald Trump drängt mit Nach­druck auf eine Über­stel­lung des poli­ti­schen Gefan­ge­nen. In Washing­ton wird die Ver­öf­fent­li­chung von US-Kriegs­ver­bre­chen nicht ver­ges­sen und nicht ver­zie­hen. Juli­an Assan­ge soll unter Rück­griff auf ein 100 Jah­re altes Spio­na­ge­ge­setz aus­ge­schal­tet wer­den, wenn nicht auf dem elek­tri­schen Stuhl oder mit der Gift­sprit­ze, dann mit 175 Jah­ren Gefäng­nis ein­ge­sperrt bis zum Tod.

In einem welt­weit beach­te­ten Alarm­ruf hat der austra­li­sche Jour­na­list John Pil­ger auf die dra­ma­ti­sche Lage von Juli­an Assan­ge auf­merk­sam gemacht. Mehr als 11.000 Mal wur­de sein Tweet bei Twit­ter geteilt und wei­ter­ver­brei­tet. »Ver­gesst Juli­an Assan­ge nicht. Sonst ver­liert ihr ihn«, schrieb Pil­ger in sei­ner Kurz­bot­schaft nach einem Besuch im Hoch­si­cher­heits­knast am 7. August (eige­ne Über­set­zung; R. G.). »Ich habe ihn im Bel­mar­sh-Gefäng­nis gese­hen, und sein Gesund­heits­zu­stand hat sich ver­schlech­tert. Er wird schlim­mer behan­delt als ein Mör­der, er ist iso­liert, steht unter Ein­fluss von Medi­ka­men­ten, und man ent­hält ihm das Werk­zeug vor, mit dem er die fal­schen Ankla­gen in Ver­bin­dung mit der Aus­lie­fe­rung an die USA abweh­ren könn­te. Ich ban­ge um sein Leben. Ver­gesst ihn nicht.«

Uner­müd­lich macht sich John Pil­ger für Assan­ge stark, so bei­spiels­wei­se am 2. Sep­tem­ber auf einer Kund­ge­bung vor dem bri­ti­schen Innen­mi­ni­ste­ri­um. Zu der Pro­test­ak­ti­on im Zen­trum von Lon­don waren kurz­fri­stig rund 1000 Men­schen gekom­men. »Free Juli­an Assan­ge« for­der­te dort auch Pink-Floyd-Sän­ger Roger Waters, kämp­fe­risch und wütend ob des Unrechts. Bewe­gend sein Lied »Wish You Were Here« zu Ehren des Inhaftierten.

Die Ver­fol­gung und Iso­lie­rung von Juli­an Assan­ge erin­ne­re an den Umgang von Dik­ta­tu­ren mit poli­ti­schen Gefan­ge­nen, so Pil­ger. Es gebe nur einen Grund dafür: »Juli­an und Wiki­Leaks haben einen histo­ri­schen Dienst gelei­stet, als sie Mil­lio­nen Men­schen Fak­ten an die Hand gege­ben haben, war­um und wie ihre Regie­run­gen sie betrü­gen, heim­lich und oft ille­gal, war­um sie in Län­der ein­mar­schie­ren, war­um sie uns aus­spio­nie­ren.« (Über­set­zung: RT deutschhttps://www.youtube.com/watch?v=2wqWPAtCKoE) Bei sei­nem Besuch im Bel­mar­sh-Gefäng­nis habe er Juli­an Assan­ge gefragt, was er »drau­ßen« von ihm mit­tei­len sol­le. »Es geht nicht nur um mich«, habe Assan­ge gewarnt, »es geht um viel mehr. Es geht um uns alle. In Gefahr sind alle Jour­na­li­sten und alle Ver­le­ger, die ihren Job machen.« Man wol­le an dem Wiki­Leaks-Grün­der ein Exem­pel sta­tu­ie­ren, so John Pil­ger: »In dem Moment, in dem wir ver­stum­men, ist es vor­bei. Indem wir Juli­an Assan­ge ver­tei­di­gen, ver­tei­di­gen wir unse­re hei­lig­sten Rech­te. Sprecht jetzt oder wacht in eurem Schwei­gen auf, in einer neu­en Art von Tyrannei.«

»Juli­an Assan­ge hat kei­ne Ver­bre­chen began­gen, er hat Ver­bre­chen auf­ge­deckt«, erin­nert der Publi­zist Mathi­as Bröckers. Mit sei­nem Buch »Frei­heit für Juli­an Assan­ge. Don’t kill the mes­sen­ger« hat er ein flam­men­des Plä­doy­er ver­fasst, in dem er den Irr­sinn der Hetz­jagd auf den Punkt bringt. »Er hat nichts ande­res getan als jeder Jour­na­list oder Ver­le­ger, der sich nicht als Teil der inter­na­tio­na­len Ver­tei­di­gungs­in­du­strie ver­steht, son­dern sei­nen Job ernst nimmt. Er hat der Pro­pa­gan­da, den Ver­tu­schun­gen und Ver­brä­mun­gen der Krie­ge im Irak, in Afgha­ni­stan, im Jemen den Hor­ror der Wahr­heit ent­ge­gen­ge­setzt. Er hat nicht gelo­gen, betro­gen oder gestoh­len, son­dern infor­miert und auf­ge­klärt. […] Er ist kein Kri­mi­nel­ler, son­dern ein Auf­klä­rer, der nicht ins Gefäng­nis gehört, son­dern als Daten- und Whist­leb­lower-Beauf­trag­ter in die Regierung.«

Die Ver­fol­gung von Juli­an Assan­ge ist ein Prä­ze­denz­fall. Erst­mals soll von den USA ein Jour­na­list als Spi­on behan­delt und ihm der Pro­zess gemacht wer­den, weil er ihre Geheim­nis­se publi­ziert hat. »Wenn es den Ver­ei­nig­ten Staa­ten gelingt, Juli­an Assan­ge mit die­ser Ankla­ge aus­lie­fern zu las­sen und zu ver­ur­tei­len, kann kein Jour­na­list, kein Ver­lag und kein Sen­der, der irgend­et­was an die Öffent­lich­keit bringt, was die USA als ‚geheim‘ erach­ten, vor einem Zugriff des Impe­ri­ums sicher sein«, so Bröckers. Es müs­se alles getan wer­den, schreibt der taz-Jour­na­list wei­ter, »dass ihn nicht das­sel­be Schick­sal erreicht wie einst den ›Whist­leb­lower‹ Carl von Ossietzky […]«.

Sind nicht Juli­an Assan­ge und Chel­sea Man­ning – die seit mehr als einem hal­ben Jahr in US-Beu­ge­haft sitzt, weil sie sich wei­gert, einer geheim tagen­den Grand Jury bela­sten­de Bewei­se gegen den Wiki­Leaks-Grün­der an die Hand zu geben, und dafür auch noch 1000 US-Dol­lar Stra­fe pro Tag im Gefäng­nis zah­len soll – geeig­ne­te Anwär­ter für den Frie­dens­no­bel­preis im Jahr 2019?

In den Medi­en ist es besorg­nis­er­re­gend still gewor­den um Juli­an Assan­ge. Erhe­ben wir also unse­re Stim­me, kämp­fen wir für sei­ne Frei­heit. Welt­weit fin­den unter dem Mot­to »Candles4Assange« Pro­test­ak­tio­nen und Mahn­wa­chen statt, in Ber­lin jeden Mitt­woch von 19 bis 21 Uhr vor der US-Bot­schaft am Bran­den­bur­ger Tor.

Lese­tipp: Mathi­as Bröckers: »Frei­heit für Juli­an Assan­ge. Don’t kill the mes­sen­ger!«, mit einem Bei­trag von Cait­lin John­stone, Westend Ver­lag, 128 Sei­ten, 8 €