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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Die Erbschaft

Neben der Tür in sei­ner win­zi­gen Woh­nung hing schon immer die­ser Holz­kopf. Die Woh­nung befand sich in der vier­ten Eta­ge eines jener Hoch­häu­ser, die die DDR in den sieb­zi­ger Jah­ren auf der Fischer­insel im Her­zen der Haupt­stadt errich­tet hat­te. Hin­sicht­lich ihrer Grö­ße traf Hein­rich Zil­les Satz hun­dert­pro­zen­tig zu: »Man kann einen Men­schen mit einer Woh­nung erschla­gen wie mit einer Axt.«

Der Aus­blick auf die Spree mit der Müh­len­damm­schleu­se und die alten Schif­fe am Histo­ri­schen Hafen am Mär­ki­schen Ufer ent­schä­dig­ten aller­dings ein wenig. Die Wän­de waren voll mit Bil­dern und Col­la­gen, die Herlt in sei­nem »Ate­lier« – dem win­zi­gen Schlaf­zim­mer – geschaf­fen hat­te. Die­ser Holz­kopf war die ein­zi­ge Pla­stik in der Woh­nung. Er habe sie mir zuge­dacht, sag­te sei­ne Lebens­ge­fähr­tin, und gab mir das kilo­schwe­re Stück, als sie die Woh­nung räumte.

Es zeig­te im Halb­re­li­ef einen bär­ti­gen Mann mit Schild und Schwert. Kra­gen und Kap­pe deu­te­ten auf einen Adli­gen und die Aus­füh­rung auf einen Ama­teur: Die Pro­por­tio­nen stimm­ten irgend­wie nicht, die Details waren dilet­tan­tisch aus­ge­ar­bei­tet. Ein tou­ri­sti­sches Sou­ve­nir, Mit­bring­sel aus dem Urlaub, Gast­ge­schenk gele­gent­lich einer Dienst­rei­se? Kei­ne Ahnung. Auf der unbe­ar­bei­te­ten Rück­sei­te des Hol­zes war ein Name ein­ge­ritzt: Walu­kie­wicz. War das ein Ort oder der Name des Künst­lers? Goog­le wuss­te nichts dazu, aber der Schrift­zug deu­te­te zumin­dest auf die Him­mels­rich­tung sei­ner Her­kunft. Ich erkun­dig­te mich bei mei­ner lang­jäh­ri­gen Drucke­rei in War­schau. Und sie­he da: Dort gab es, eini­ge kunst­sin­ni­ge Men­schen. Ja, das sei von Kazi­mierz Walu­kie­wicz aus Bydg­os­zsz, einem Auto­di­dak­ten, lie­ßen sie mich wis­sen. Er stam­me aus dem frü­he­ren pol­ni­schen Osten, aus Nowo­gró­dek, was heu­te in Bela­rus liegt, kämpf­te in der pol­ni­schen Hei­mat­ar­mee gegen faschi­sti­sche Okku­pan­ten wie gegen ukrai­ni­sche Natio­na­li­sten und stran­de­te 1947 in Brom­berg, was seit­her wie­der Bydg­os­zsz hei­ße. Dort habe er zunächst bei Skle­jki, einer Holz­fa­brik, gear­bei­tet, war dann beim Gum­mi­pro­du­zen­ten Sto­mil und schließ­lich bis zur Ren­te in der Zwei­rad­fa­brik Romet. Anfang der sech­zi­ger Jah­re, noch kei­ne vier­zig, habe er ange­fan­gen zu schnit­zen. Und da er krank am Her­zen war, arbei­te­te er mit dem wei­chen Holz der Lin­de. Vor­zugs­wei­se Per­sön­lich­kei­ten aus der pol­ni­schen Histo­rie habe er Gestalt ver­lie­hen wie jenem Edel­mann, den ich jetzt habe, der aber von ihnen nicht iden­ti­fi­ziert wer­den könnte.

Rich­tig berühmt gewor­den sei Walu­kie­wicz mit dem Bild­nis seines/​ihres Lands­man­nes, der als Papst Johan­nes Paul II. tätig war. Danach durf­te der Frei­zeit-Bild­hau­er in Paris, Mün­chen und sonst­wo aus­stel­len. Er erfreu­te sich der Auf­merk­sam­keit. 1993, so erfuhr ich wei­ter, sei Walu­kie­wicz mit 71 Jah­ren verstorben.

Woher, wie gesagt, Gün­ter Herlt die­sen Holz­kopf hat­te und ob ihm des­sen Schöp­fer bekannt gewe­sen ist, konn­te ich ihn nicht mehr fra­gen. Der ein­sti­ge Kor­re­spon­dent des DDR-Fern­se­hens in Bonn und in den acht­zi­ger Jah­ren Chef der Adlers­ho­fer TV-Rei­he »All­tag im Westen« ist nicht mehr – er ver­starb weni­ge Tage vor Weih­nach­ten mit 89. In den sech­zi­ger Jah­ren schrieb er Reden für Albert Nor­den, den Chef­ideo­lo­gen im Polit­bü­ro und Sohn eines Rab­bi­ners. Und Herlt schrieb wei­ter, ins­be­son­de­re nach dem Unter­gang der DDR. Wir kamen in den neun­zi­ger Jah­ren zusam­men, er publi­zier­te in fast jedem Jahr ein neu­es Buch. Herlt hat­te, wie das neu­deutsch heißt, eine gewal­ti­ge Fan­ba­se. Sie teil­te sei­nen Humor, sei­ne Über­zeu­gung, sei­ne begrün­de­te Distanz zu die­sem Staat, der nicht der sei­ne war.

Die­se Geschich­te von Walu­kie­wicz und dem Holz­kopf, falls sie ihm unbe­kannt gewe­sen ist, hät­te ihm gewiss gefal­len. Mit­te Janu­ar wur­de sei­ne Urne auf dem Doro­theen­städ­ti­schen Fried­hof in Ber­lin bei­gesetzt, vie­le Freun­de und Fern­seh­kol­le­gen waren gekom­men, der ein­sti­ge Nach­rich­ten­spre­cher Klaus Feld­mann hielt die Rede. Das heißt: Er trug sie vor. Den Text hat­te Gün­ter Herlt selbst geschrieben.