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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Die Privatisierungswelle brechen

Eine am 15. Janu­ar im Lon­do­ner Eco­no­mist refe­rier­te Unter­su­chung der drei Öko­no­men Katar­zy­na Szar­zec, Akos Dom­bi und Pio­tr Matu­s­zak zählt für den Zeit­raum von 2007 bis 2016 für 30 von ihnen unter­such­ten euro­päi­schen Län­dern ins­ge­samt 1.160 Pri­va­ti­sie­rung von vor­her staat­lich betrie­be­nen oder beherrsch­ten Unter­neh­men – bei nur 60 Ver­staat­li­chun­gen. Die OECD bezif­fert für das Ende des Jah­res 2020 den Wert von öffent­li­chen Betei­li­gun­gen an Unter­neh­men auf rund 11 Bil­lio­nen Dol­lar; das ent­sprä­che einem Anteil an allen von der OECD erfass­ten Eigen­tums­ti­teln an Unter­neh­men von 10 Pro­zent. Nur drei Jah­re vor­her, 2017, waren es noch 14 Pro­zent. Von 1990 bis 2016 haben Staa­ten rund um die Welt Ver­mö­gens­an­tei­le von ins­ge­samt rund 3,6 Bil­lio­nen Dol­lar verkauft.

Das sind die sta­ti­sti­schen Eck­wer­te der seit dem Sieg der frei­en Markt­wirt­schaft über den sozia­li­sti­schen Anlauf in Ost­eu­ro­pa 1990 bis heu­te rol­len­den Pri­va­ti­sie­rungs­wel­le. Ver­kauft wur­de in den Hoch­bur­gen des Kapi­tals so ziem­lich alles, was sich pro­fit­träch­tig von einem gemein­wirt­schaft­lich erzeug­ten Gut in eine Ware ver­wan­deln ließ: Kran­ken­häu­ser, Schie­nen­net­ze, Was­ser­wer­ke, Strom­net­ze, Gas­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men, Schu­len und Hoch­schu­len, Alters­ver­sor­gungs­sy­ste­me und Kindergärten.

Vor den Fol­gen gewarnt haben damals – oft mit mat­ter Stim­me ange­sichts der epo­cha­len Nie­der­la­ge von 1989/​90 – nicht nur Sozia­li­sten aller Schat­tie­run­gen. Auch die sich sonst meist aus poli­ti­schen Gra­ben­kämp­fen her­aus­hal­ten­den Rech­nungs­hö­fe in Bund und meh­re­ren Län­dern haben von Anfang an Was­ser in den Wein der Pri­va­ti­sie­rungs­eu­pho­ri­ker gegos­sen. Letzt­lich, so wand­ten sie ange­sichts der Schön­rech­ne­rei­en bei den Debat­ten um »Öffent­lich-Pri­va­te Part­ner­schaf­ten« (ÖPP) ein, wer­de pri­va­tes Kapi­tal immer nur dann inve­stiert, wenn unter dem Strich nach Jahr­zehn­ten Gewin­ne win­ken wür­den. Die­se Gewin­ne aber müss­ten dann von den Ver­brau­chern zusätz­lich zu den Her­stel­lungs­ko­sten des pri­va­ti­sier­ten Gutes begli­chen wer­den – ent­we­der durch höhe­re Prei­se oder durch schlech­te­re Lei­stung oder durch beides.

Gekom­men ist es genau so: Aus den gleich zu Beginn der Pri­va­ti­sie­rungs­wel­le ver­kauf­ten und seit­dem nicht stän­dig gepfleg­ten, son­dern nur im äußer­sten Not­fall geflick­ten Roh­ren des Ver­ei­nig­ten Königs­rei­ches läuft von der Graf­schaft Kent bis zu den High­lands das Was­ser. In Deutsch­land, wo die Ver­sor­gung mit Gas, Was­ser und Strom über Jahr­zehn­te eine gün­sti­ge und unauf­ge­reg­te Selbst­ver­ständ­lich­keit war, ban­gen jetzt zehn­tau­sen­de von Kun­den, deren Ver­sor­ger durch die Schwan­kun­gen auf dem Ener­gie­markt aus der Kur­ve geflo­gen sind und nun von den Stadt­wer­ken – aller­dings eben zu Markt­prei­sen – »auf­ge­fan­gen« wer­den müs­sen, den näch­sten Rech­nun­gen ent­ge­gen. Vor allem aber: Ob sie es wuss­ten oder nicht, sind die nach tau­sen­den zäh­len­den Toten der Covid-19-Pan­de­mie im neu­en Wil­den Westen auch Opfer des seit den 90er Jah­ren pri­va­ti­sier­ten, per­so­nell aus­ge­dünn­ten, dem Gewinn­stre­ben unter­wor­fe­nen und aus­ge­blu­te­ten Gesundheitswesens.

Die Herr­schen­den von Washing­ton über Lon­don bis Ber­lin dürf­ten längst ahnen, dass die gro­ße Pri­va­ti­sie­rungs­wel­le, die den Rei­chen seit 1990 so vie­le Mil­li­ar­den Dol­lar, Pfund und Euros zusätz­lich in die Kas­sen gespült hat, an der Erkennt­nis der Mil­lio­nen Men­schen in ihren Län­dern bre­chen könn­te, dass dies ein Irr­weg war. Das ist der Grund dafür, dass hier­zu­lan­de die Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung und das Han­dels­blatt nicht müde wer­den, die neue Regie­rung vor zu viel Regu­lie­rung oder gar vor Ver­staat­li­chun­gen zu war­nen, und der Eco­no­mist sei­ner Aus­ga­be vom 15. Janu­ar einen »Spe­cial Report« zum Ver­hält­nis von Wirt­schaft und Staat bei­gefügt hat, der mit dem genau­so blöd­sin­ni­gen wie beschwö­ren­den Satz endet: »Trotz aller Unvoll­kom­men­hei­ten bleibt der libe­ra­le Kapi­ta­lis­mus eine ent­schei­den­de Kraft des Guten.«

Die Lin­ke ist in West­eu­ro­pa und den Ver­ei­nig­ten Staa­ten noch nicht wie­der so erstarkt, dass sie in der Lage wäre, das alte Lied wie­der­auf­le­ben zu las­sen, in dem es heißt: »Hoch vom Dach, da pfeift die Doh­le – brecht die Macht der Mono­po­le«. Aber ange­sichts der offen­kun­dig von der Gegen­sei­te selbst erkann­ten Bilanz der Pri­va­ti­sie­rungs­wel­le der letz­ten drei Jahr­zehn­te wäre es an der Zeit und läge es im Bereich unse­rer Mög­lich­kei­ten, wenig­stens die­se Wel­le zu bre­chen – als Start viel­leicht mit der For­de­rung nach Ver­ge­sell­schaf­tung der Ener­gie­un­ter­neh­men und des Gesundheitswesens.