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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Liedes Leid

»Kei­ne ande­re Zei­le eines Lie­des begei­ster­te die Arbei­ter um die Jahr­hun­dert­wen­de stär­ker als die Zei­le ›Mit uns zieht die neue Zeit‹; die Alten und Jun­gen mar­schier­ten unter ihr, die Ärm­sten und Aus­ge­mer­gelt­sten und die sich schon etwas von der Zivi­li­sa­ti­on erkämpft hat­ten; sie schie­nen sich alle jung.« Ber­tolt Brecht schrieb die­se Zei­len um 1938 in sei­nen Anmer­kun­gen zum »Leben des Gali­lei«. Er bewun­der­te »die uner­hör­te Ver­füh­rungs­kraft die­ser Wor­te« aus dem 1913 gedich­te­ten und bald ver­ton­ten Lied »Wann wir schrei­ten Seit’ an Seit’«. Ihre Unbe­stimmt­heit sei ihre Stär­ke. Denn: »Die neue Zeit, das war etwas und ist etwas, was alles betrifft, nichts unver­än­dert lässt, aber doch eben ihren Cha­rak­ter erst ent­fal­ten wird.«

Rasch wur­de aus dem ursprüng­li­chen Wan­der­lied ein poli­ti­sches Lied: der Sozi­al­de­mo­kra­ten, der Jugend­grup­pe »Die Fal­ken«, der Gewerk­schaf­ten, der Wan­der­vo­gel- und Natur­freun­de­be­we­gung, der Arbei­ter­ju­gend­be­we­gung ganz all­ge­mein. Aber schon Ende der 1920er Jah­re zeig­te sich, dass die von Brecht beschrie­be­ne »Unbe­stimmt­heit« nicht nur die Stär­ke, son­dern auch die Schwä­che des Tex­tes aus­macht. Vie­le Grup­pie­run­gen, wel­cher Ideo­lo­gie oder Welt­an­schau­ung auch immer, eig­ne­ten sich das Lied an und füll­ten die Begriff­lich­keit nach eige­nem Dafür­hal­ten. Katho­li­ken san­gen im Refrain »Chri­stus, Herr der Neu­en Zeit«, die KPD ließ Ernst Thäl­manns Geist mit­zie­hen, die SA nahm das Lied in ihre Lie­der­bü­cher auf: »Mit uns zieht das Drit­te Reich«.

Nach dem Zwei­ten Welt­krieg setz­te das Lied sei­ne Kar­rie­re fort, eini­ge Tak­te auch als Zeit­zei­chen im DDR-Rund­funk. Es steht in dem vom Zen­tral­rat der FDJ 1979 her­aus­ge­ge­be­nen Lie­der­buch, in der Nach­bar­schaft der »Inter­na­tio­na­len« sowie von »Brü­der, zur Son­ne, zur Frei­heit« und »Ban­die­ra ros­sa«, aller­dings ohne die vier­te Stro­phe (»Mann und Weib und Weib und Mann …«). Im sel­ben Jahr nah­men die San­ges- und Zwil­lings­brü­der Hein und Oss aus dem pfäl­zi­schen Pir­ma­sens das Lied in das von ihnen zusam­men­ge­stell­te »Lie­der­buch für Euro­pa« auf, in der ursprüng­li­chen Fas­sung, auch hier wie in dem FDJ-Lie­der­buch pro­mi­nent platz­iert im Umfeld von »Bet’ und Arbeit«, dem Bun­des­lied, von »Brü­der, zur Son­ne, zur Frei­heit« und »Vor­wärts, und nie ver­ges­sen«, dem Soli­da­ri­täts­lied von Brecht und Eis­ler. Her­aus­ge­ber des Gesang­bu­ches: der Vor­stand der SPD, Bonn. Hein und Oss hat­ten schon 1975 das Stück zusam­men mit zwölf ande­ren »Arbei­ter­lie­dern« auf ihrer gleich­na­mi­gen Schall­plat­te auf­ge­nom­men, die in der gewerk­schafts­na­hen »Bücher­gil­de« erschien.

Gesun­gen wur­de das Lied in der zwei­ten Hälf­te des zwan­zig­sten Jahr­hun­derts nicht nur bei Zusam­men­künf­ten oder Umzü­gen wie den »Oster­mär­schen«, son­dern regel­mä­ßig am Ende von Gewerk­schafts­ta­gen, beson­ders der IG Metall, und offi­zi­ell seit Jahr­zehn­ten, mit kur­zer Pau­se zwi­schen 1998 und 2003, als Schluss­lied auf den Bun­des­par­tei­ta­gen der SPD, zeit­wei­se in Kon­kur­renz zu »Brü­der, zur Son­ne, zur Frei­heit«. Jetzt hat die SPD damit Schluss gemacht. Aus und vorbei.

Im Dezem­ber 2021 erschien im Vor­wärts eine nur 17 Zei­len lan­ge ein­spal­ti­ge Mel­dung unter der Über­schrift »Nicht mehr die­ses Lied«. Dort steht zu lesen: »Auf Emp­feh­lung des SPD-Geschichts­fo­rums hat der Par­tei­vor­stand (…) ent­schie­den, dass das Lied nicht mehr gesun­gen wer­den soll. Das Geschichts­fo­rum emp­fiehlt, ein Lied zu suchen, ›das kei­ne pro­ble­ma­ti­sche Vor­ge­schich­te besitzt‹ und die ›Grund­hal­tung der SPD im 21. Jahr­hun­dert‹ trifft«. Aus­gangs­punkt des Beschlus­ses war ein ent­spre­chen­der Antrag der Jusos aus Hes­sen-Nord zum Juso-Bun­des­kon­gress im Dezem­ber 2018.

Nun hat aber nicht das Lied eine »pro­ble­ma­ti­sche Vor­ge­schich­te«, son­dern sein Ver­fas­ser, den wir bis­her noch nicht erwähnt haben. Hand aufs Herz, ken­nen Sie sei­nen Namen? In der Regel wird er zusam­men mit dem des Kom­po­ni­sten bei der Ver­öf­fent­li­chung ange­ge­ben: Text Her­mann Clau­di­us; Musik Micha­el Englert.

Her­mann Clau­di­us, Lyri­ker, Autor und Uren­kel von Mat­thi­as Clau­di­us (»Der Wands­be­ker Bote«, »Der Mond ist auf­ge­gan­gen«), wur­de am 19. Okto­ber 1878 in Lan­gen­fel­de bei Alto­na – heu­te ein quir­li­ger Ham­bur­ger Stadt­teil – als Sohn eines Bahn­mei­sters gebo­ren. Hier ist nicht der Platz, Bio­gra­fie und Wir­ken von Clau­di­us aus­zu­brei­ten oder kri­tisch zu hin­ter­fra­gen, des­halb sei­en nur die ihn in den Augen der Kri­ti­ker dis­kri­mi­nie­ren­den Punk­te genannt. Sie betref­fen vor allem die Rol­le des Lite­ra­ten im NS-Staat.

Am 26. Okto­ber 1933 erschien in deut­schen und etwas spä­ter auch in schwei­ze­ri­schen Zei­tun­gen eine »Treue­kund­ge­bung deut­scher Schrift­stel­ler«, die »durch ihre Unter­schrift dem Reichs­kanz­ler Adolf Hit­ler« ein »Treue­ge­löb­nis« ableg­ten. Einer von 88 war Her­mann Clau­di­us, der noch bis zum Ver­bot der Par­tei am 22. Juni 1933 Mit­glied der SPD gewe­sen war. 1939 erhält Hit­ler zum 50. Geburts­tag einen Band mit 100 Namen und Gedich­ten, mit dabei: Her­mann Clau­di­us, der als belieb­ter Poet vom »Amt Rosen­berg«, einer NS-Dienst­stel­le für Kul­tur- und Über­wa­chungs­po­li­tik, zur Betei­li­gung auf­ge­for­dert wor­den war.

Auf die­ser zwei­ma­li­gen Lob­hu­de­lei grün­det das Nazi-Image, das Clau­di­us nach dem Zwei­ten Welt­krieg nicht los­wur­de. Aber es ver­blass­te schon bald im all­ge­mei­nen Bewusst­sein. An dem Lied war der Miss­brauch sowie­so schad­los vor­bei­ge­gan­gen. Von sei­nem Ver­fas­ser hat­te sich der Text schon längst emanzipiert.

Auch die Sozi­al­de­mo­kra­ten fan­den schon bald wie­der zu Clau­di­us: »Wann wir schrei­ten Seit‘ an Seit‘« gehör­te zum Genera­tio­nen­ge­dächt­nis der Par­tei. Zum 95. Geburts­tag 1973 schick­te der Vor­stand der Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei Deutsch­lands »herz­li­che Grü­ße und Glück­wün­sche«. In dem Tele­gramm heißt es: »Ihr umfang­rei­ches dich­te­ri­sches Werk gehört zum besten lite­ra­ri­schen Besitz unse­res Vol­kes. Der Arbei­ter­ju­gend hat Ihr Schaf­fen vie­le gei­sti­ge Impul­se gege­ben.« Absen­der der Gra­tu­la­ti­on: Bun­des­kanz­ler Wil­ly Brandt, Finanz­mi­ni­ster Hel­mut Schmidt und NRW-Mini­ster­prä­si­dent Heinz Kühn, der sich bei der Gele­gen­heit – auf dem Tele­gramm steht’s zu lesen – zu sei­ner Beer­di­gung das Clau­di­us-Lied wünsch­te. Wunsch­ge­mäß wur­de es rund zwan­zig Jah­re spä­ter, 1992, bei der Trau­er­fei­er gespielt.

Zum 100. Geburts­tag von Clau­di­us ver­öf­fent­lich­te das Bul­le­tin der Bun­des­re­gie­rung am 26. Okto­ber 1978 die Glück­wün­sche des Bun­des­prä­si­den­ten Wal­ter Scheel. SPD-Par­tei­vor­sit­zen­der Wil­ly Brandt schick­te erneut ein Glück­wunsch­te­le­gramm: »Mei­ne Aner­ken­nung und mein Dank gel­ten dem Dich­ter der nie­der­deut­schen Hei­mat, vor allem aber dem Dich­ter der Deut­schen Arbei­ter­be­we­gung.« Und auch Bun­des­kanz­ler Hel­mut Schmidt war mit einer Gruß­adres­se dabei, sei­ne Loki ver­las die Bot­schaft in der Fei­er­stun­de im Fest­saal der Patrio­ti­schen Gesell­schaft Ham­burg. Peter Struck wünsch­te sich 2005 zu sei­ner Ver­ab­schie­dung als Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­ni­ster für den Gro­ßen Zap­fen­streich eben­falls »Wann wir schrei­ten Seit‘ an Seit‘«.

Her­mann Clau­di­us starb im Sep­tem­ber 1980. 40 Jah­re spä­ter zieht mit einem neu­en Vor­stand eine neue Zeit ein und mit ihr die »Grund­hal­tung der SPD im 21. Jahr­hun­dert«. Glück auf bei der Suche nach der Kopfgeburt.

Post­skrip­tum: Trotz des Stim­men­an­teils von 25,7 Pro­zent bei der Bun­des­tags­wahl, das sind gera­de mal ein Vier­tel der abge­ge­be­nen gül­ti­gen Stim­men, gelang der Über­ra­schungs­coup mit der Wahl von Olaf Scholz zum Bun­des­kanz­ler. Ein Erfolg, der dem neu­en Gene­ral­se­kre­tär Kevin Küh­nert wohl etwas zum Kopf gestie­gen war, als er am 31. Dezem­ber sei­ne Jah­res­bi­lanz 2021 voll­mun­dig mit den ersten bei­den Zei­len der drit­ten Stro­phe der »Inter­na­tio­na­len« gar­nier­te: »In Stadt und Land, ihr Arbeits­leu­te, wir sind die stärk­ste der Par­tei­en.« Von Ber­lin bis Mos­kau, von Hanoi bis Havan­na gesun­gen, dürf­te die­ses Lied eben­falls eine »pro­ble­ma­ti­sche Vor­ge­schich­te« besit­zen. Und Kevin dürf­te im Übri­gen mit sei­ner Ein­schät­zung ziem­lich allein zu Hau­se sein.

 Für eini­ge histo­ri­sche Anga­ben dien­te die Web­sei­te hermann-claudius.de als Quel­le, betreut von Dr. Gerd Kat­tha­ge, Aachen; die Anga­ben zur Treue­be­kun­dung deut­scher Schrift­stel­ler im Jahr 1933 ent­nahm ich den Mate­ria­li­en zu »Hein­rich Mann: Der Haß«, Fischer Taschen­buch 1987; Brechts Anmer­kun­gen zitier­te ich nach der Gro­ßen kom­men­tier­ten Ber­li­ner und Frank­fur­ter Aus­ga­be, Band 24, Schrif­ten 4, S. 235, Suhrkamp/​Aufbau 1991.