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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Demokratie braucht den Streit

Der­zeit wird viel gestrit­ten. Gera­de in Zei­ten der Coro­na-Pan­de­mie pola­ri­siert sich die öffent­li­che Dis­kus­si­on. Sie wird lau­ter, rau­er, mit­un­ter vul­gär und uner­träg­lich. Auf der Strecke bleibt nicht nur der pro­duk­ti­ve, zivi­li­sier­te Streit, son­dern auch die Fähig­keit zum Kom­pro­miss, die unse­re Demo­kra­tie lebens­fä­hig und zukunfts­fä­hig macht.

Kei­ne Fra­ge: Es soll gestrit­ten wer­den. Zwei­fel, Auf­be­geh­ren, Wider­stand sind kei­ne Untu­gen­den in einer frei­en Gesell­schaft, son­dern deren Grund­la­ge. Streit ist kon­sti­tu­tiv für die Demo­kra­tie – auf allen Ebe­nen: pri­vat, kol­lek­tiv, insti­tu­tio­nell. Unse­re Demo­kra­tie lebt von der Kon­tro­ver­se. Nur durch stän­di­ge öffent­li­che Debat­te kön­nen wir erfolg­reich die unter­schied­li­chen Inter­es­sen aus­glei­chen. »Nur im Streit klä­ren wir, was uns als Gesell­schaft wich­tig ist, wel­che Wer­te wir grund­sätz­lich ver­tre­ten wol­len und wel­che poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen wir als Gesell­schaft zu tra­gen bereit sind. Am Ende steht der Kom­pro­miss. Er darf nicht der Anfangs­punkt einer streit­ba­ren Dis­kus­si­on sein, son­dern deren End­punkt«, meint Michel Fried­man. Der Jurist, Publi­zist und Phi­lo­soph hat ein kom­pak­tes, klu­ges Buch über das Strei­ten geschrie­ben, dass in die Zeit passt. Dar­in ver­webt er Gesell­schafts- und Kul­tur­kri­tik mit phi­lo­so­phi­schen Refle­xio­nen und per­sön­li­chen Erfah­run­gen. Fried­man gilt selbst als über­aus streit­ba­rer Mensch, der in sei­nen media­len Auf­trit­ten gekonnt Argu­men­te, Pole­mik und Selbst­in­sze­nie­rung ver­webt, um für sei­ne Posi­tio­nen öffent­lich­keits­wirk­sam ein­zu­ste­hen. Kurz­um: ein streit­ba­rer Ver­tre­ter demo­kra­ti­scher Streitkultur.

Wann aber kann ein pro­duk­ti­ver, ein erkennt­nis­rei­cher, guter Streit ent­ste­hen? »Das For­mu­lie­ren der eige­nen Posi­ti­on, der Hal­tung, der The­se, des Gedan­kens, das Deut­lich­ma­chen, wofür man steht, ist der erste Schritt eines pro­duk­ti­ven Streits. Wenn alle Betei­lig­ten den glei­chen Raum und die glei­che Auf­merk­sam­keit bekom­men, kann ein guter Streit begin­nen«, meint Fried­man. Und er ver­weist dar­auf, dass in den letz­ten Jahr­zehn­ten unse­re Wohl­stands-Demo­kra­tie oft davon geprägt war, Kon­flik­te zu ver­mei­den – und dort, wo sie auf­tra­ten, eher zu nivel­lie­ren und zu befrie­di­gen. Zuviel – vor allem zu leicht und schnell erreich­ter – Kon­sens begün­stigt den Oppor­tu­nis­mus, er belohnt Kri­tik­lo­sig­keit, er bedroht die Indi­vi­dua­li­sie­rung des Den­kens. Kon­for­mis­mus statt Plu­ra­lis­mus. Eine offe­ne Gesell­schaft aber lebt von Viel­falt, von Streit und Wider­streit. Streit ist Sauer­stoff für die Demo­kra­tie. Er ist gewis­ser­ma­ßen »system­re­le­vant«. Fried­man plä­diert dafür, den »Koope­ra­ti­ons­ge­dan­ken wie­der zu stär­ken, denn Streit schafft nicht nur sozia­le Bezie­hun­gen, selbst dort, wo zuvor kei­ne waren, ja, er ist selbst eine spe­zi­el­le Art einer sozia­len Bezie­hung«. Frei­lich: Demo­kra­tie ist nicht Gemein­schaft. Demo­kra­tie ist Gesell­schaft, also das Auf­ein­an­der­tref­fen und die Akzep­tanz unter­schied­li­cher Inter­es­sen, Sicht­wei­sen und Mei­nun­gen. Man möch­te gern, aber man kann (und muss!) nicht mit jedem strei­ten. Fana­ti­ker, Extre­mi­sten und Popu­li­sten hören ohne­hin nicht zu. Sie inter­es­sie­ren sich nicht für ande­re Mei­nun­gen. Sie bewe­gen sich lie­ber in ihren abge­schot­te­ten Echo­räu­men. Sie scheu­en den Dia­log. Sie sind Autisten.

Was tun in die­sen auf­ge­la­de­nen Zei­ten? Strei­ten mit kra­kee­len­den Quer­den­kern und gewalt­be­rei­ten Tele­gram-Trolls? Mit Eso­te­rik-Schwur­b­lern und selbst­er­nann­ten »Wider­stands-Kämp­fern«? Mit betag­ten Reichs­flag­gen-Trä­gern und Jung-Nazis? Damals wie heu­te liegt auf der Hand, wie die braun lackier­ten Scharf­ma­cher zu beur­tei­len sind und dass es sich ver­bie­tet, ihnen »berech­tig­te Sor­gen« zu atte­stie­ren. Damals wie heu­te stellt sich jedoch die Fra­ge, was zu tun sei mit der wach­sen­den Zahl von Leu­ten, die bei »Coro­na-Spa­zier­gän­gen« und Demos mit­lau­fen, wie­wohl sie sehen, wer vorn die Reden und die Fah­nen schwingt. »In mei­nem Welt­bild haf­ten Mit­läu­fer für das, was dort pas­siert, wo sie mit­lau­fen«, schreibt Niko­laus Blo­me in sei­ner SPIEGEL-Kolum­ne. Doch er plä­diert für Dif­fe­ren­zie­run­gen: »Wir soll­ten Het­zer und Mit­läu­fer nicht in einen Topf wer­fen. Das Recht jedes Ein­zel­nen auf Mei­nungs- und Demon­stra­ti­ons­frei­heit ist wie das Recht auf kör­per­li­che Unver­sehrt­heit (wor­um es den Impf­geg­nern geht) in unse­ren Grund­rech­ten ver­an­kert.« Was bleibt, ist mit­ein­an­der strei­ten. Was sonst?

Die öster­rei­chi­sche Autorin und Psych­ia­te­rin Hei­di Kast­ner macht hier eine Ein­schrän­kung: Sie ist der Ansicht, man muss nicht unbe­dingt die Müh­sal des Strei­tens auf sich neh­men, vor allem dann nicht, wenn kei­ner­lei Dia­log- und Kom­pro­miss-Bereit­schaft bei den Betei­lig­ten erkenn­bar ist. Dann, so Käst­ner in einem Inter­view mit der Süd­deut­schen Zei­tung, ver­zich­te man bes­ser dar­auf und benennt es als das, was es ist: »näm­lich eine zweck­be­frei­te und abseh­bar ergeb­nis­lo­se Kom­bi­na­ti­on zwei­er Mono­lo­ge, und spart sich Mühe, Ärger und Zeit, mit Men­schen zu dis­ku­tie­ren, die das Recht auf eine eige­ne Mei­nung mit dem Recht auf eige­ne Fak­ten ver­wech­seln«. Ich moch­te Hei­di Kast­ner hier unein­ge­schränkt zustimmen.

Auch Ste­phan Russ-Mohl, eme­ri­tier­ter Medi­en-Pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät in Luga­no, macht sich Sor­gen um die Schä­den, die durch die­se zuneh­men­de »Dis­kurs­un­fä­hig­keit« für das Gemein­we­sen und die Demo­kra­tie ent­ste­hen. Des­halb hat er ein sei­ten­star­kes Buch her­aus­ge­ge­ben. Erschie­nen in einer neu­en Schrif­ten­rei­he, die sich nichts Gerin­ge­res als »die Ret­tung des öffent­li­chen Dis­kur­ses« vor­ge­nom­men hat, plä­die­ren zwei Dut­zend Autorin­nen und Autoren mit durch­aus streit­ba­ren Posi­tio­nen und Argu­men­ten für mehr »Streit­lust und Streit­kunst« (so der Titel). Absicht des Her­aus­ge­bers ist es, der Gefahr der abhan­den gekom­me­nen Streit­lust wie­der etwas Auf­trieb zu geben, »im Ton ver­bind­lich, aber in der Sache hart und pro­blem­lö­sungs­ori­en­tiert«. Die­se auch dadurch leben­dig wer­den zu las­sen, in dem es selbst ein Spek­trum unter­schied­li­cher Posi­tio­nen und Argu­men­te reprä­sen­tiert, löst das Buch auf ange­neh­me Wei­se ein. Eine anre­gen­de und lesens­wer­te Lek­tü­re, ein not­wen­di­ges Plä­doy­er für den zivi­li­sier­ten, empa­thi­schen Streit. Denn mehr denn je gilt: Wir brau­chen nicht weni­ger, son­dern vor allem bes­se­ren Streit.

Michel Fried­man: »Strei­ten? Unbe­dingt! Ein per­sön­li­ches Plä­doy­er«, Duden Ver­lag, 64 S., 8 €.
Ste­phan Russ-Mohl (Hrsg.): »Streit­lust und Streit­kunst«, Hubert von Halem Ver­lag, 472 Sei­ten, 28 €.
Vom Autor erschien zuletzt: »WIDERSTREIT. Über Wahn, Macht und Wider­stand«, Nomen Ver­lag Frank­furt, 248 S., 20 €.