Skip to content
Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu

Ein philosophischer Roman

»Du, Hugo, müs­sen wir den Tag tat­säch­lich mit Phi­lo­so­phie begin­nen?«, fragt eine Frau ihren Mann. Ja, in die­sem Roman muss das sein: Eine Geschich­te, die fast nur Intri­gen, Erpres­sung, Sex inklu­si­ve Aus­schwei­fung, Ver­rat, Zügel­lo­sig­keit und Mord (und was es sonst noch gibt im Reper­toire mensch­li­cher Begier­den und Ver­feh­lun­gen) zum The­ma hat, wirkt mit der Würz­pa­ste »Bil­dungs­gut« doch gleich viel anspruchs­vol­ler. Doch ver­fei­nern die Würz­kräu­ter nur, einen gänz­lich ande­ren Geschmack ver­mö­gen sie nicht zu erzeu­gen. War­um auch? Ich habe mich gut und fes­selnd unter­hal­ten gefun­den bei der Lek­tü­re, zumal ich lan­ge Zug­fahr­ten zu absol­vie­ren hatte.

Die Haupt­fi­gur des Romans ist Tamás. Ihn ler­nen wir, wie alle ande­ren Figu­ren, nur mit einem Vor­na­men ken­nen. Ein Hotel­be­sit­zer ist aller­dings »Herr Vid«. Tamás ist Ein­wan­de­rer, der Klap­pen­text behaup­tet, in Kana­da. Das muss betont wer­den, denn das Land ist nicht ohne Wei­te­res zu erken­nen. Die Figu­ren tra­gen mehr oder weni­ger deutsch und in weni­gen Fäl­len unga­risch klin­gen­de Vor­na­men, das Geld heißt »Zeh­ner« oder »Zwan­zi­ger«, Tamás bemüht sich, die ihm frem­de Spra­che zu ler­nen – wel­che, das erfah­ren wir nicht. Auch nicht, was Tamás getrie­ben hat, sein Land und sei­ne Fami­lie, der Roman endet mit der Aus­sicht auf deren Nach­zug, zu ver­las­sen. Ein behaup­te­ter Frei­heits­drang wirkt nicht ganz überzeugend.

Ein­wan­de­rer, das haben vie­le Bücher behan­delt, fin­den eine kal­te Frem­de vor, Wider­stän­de, Miss­trau­en, Ableh­nung. Das wider­fährt auch Tamás. Aller­dings nimmt ihn Wal­ter, Jour­na­list und Kan­di­dat bei den Par­la­ments­wah­len, unter sei­ne Fit­ti­che, und Tamás gelingt es tat­säch­lich, Fuß zu fas­sen in der ver­dor­be­nen Gesell­schaft sei­ner neu­en Hei­mat. Wenn zunächst auch nur als aus­ge­beu­te­tes Fak­to­tum im Hotel des Herrn Vid. Sein Gön­ner ist da schon tot, es gibt vie­le bizar­re Tode im Roman, manch­mal hat man das Gefühl, als müs­se sich der Autor eini­ger sei­ner Erfin­dun­gen ent­le­di­gen, denn immer mehr Figu­ren drän­gen hin­ein in den Roman – und der Kaba­len und Orgi­en sind vie­le. Das führt dann auch zu Wie­der­ho­lun­gen von bereits Erzähl­tem. Doch auch von E.T.A. Hoff­mann wird kol­por­tiert, dass er in einem sei­ner Schau­er­ro­ma­ne die Über­sicht ver­lo­ren habe. »Erschau­dern« ist übri­gens neben »irgend­wie« und »aus­ge­spro­chen« eines der zu oft vor­kom­men­den Wörter.

Zen­tra­le der Böse­wich­te und Opfer ist eine Art Geheim­klub in der Stadt – ihren Namen erfährt man nicht. Die Geschich­ten der Mit­glie­der ste­hen denn auch im Mit­tel­punkt, weni­ger die von Tamás’. Der fri­stet nur ein spo­ra­di­sches Dasein im Buch, er erlebt auch kei­nen Soft-Por­no wie Schlacht­hof­ge­schäfts­füh­rer Zeno mit sei­ner Ange­stell­ten Wan­da – einer lei­den­schaft­li­chen Frau, einem Biest höch­sten Ein­fühl­ver­mö­gens. Der kommt nicht ein­mal hin­ein in die­sen sich für eli­tär hal­ten­den Zirkel.

Die phi­lo­so­phi­schen Exkur­se sind durch­aus geeig­net, die Gescheh­nis­se kom­men­tie­rend, begrün­dend und auch ver­tie­fend zu beglei­ten. Wie sonst soll­te man Ord­nung in eine chao­ti­sche Welt brin­gen? Zoltán Bös­zör­mé­nyi ver­steht sein Hand­werk als phi­lo­so­phi­scher Schrift­stel­ler, als Schil­de­rer des Ein­wan­de­rer­elends und als Ver­fas­ser einer rasan­ten, span­nungs­ge­la­de­nen Sto­ry, deren Aus­gang man unbe­dingt erfah­ren will. Die­ses Buch zwingt förm­lich zum Lesen, es reißt einen mit sich in den Unter­gangs­tanz einer frem­den Welt mit ganz ver­trau­ten Ver­hal­tens­wei­sen der Menschen.

Ein Wort noch zur Über­set­zung: Ein solch wuch­ti­ges Werk ins Deut­sche zu über­tra­gen, ist eine Mam­mut­auf­ga­be, die größ­ten Respekt ver­dient. Doch über­zeugt die sprach­li­che Gestal­tung nicht durch­ge­hend, es haben sich eine gan­ze Men­ge Unzu­läng­lich­kei­ten ein­ge­schli­chen; der Ver­lag soll­te vor einer wei­te­ren Auf­la­ge eine Kor­rek­tur veranlassen.

Zoltán Bös­zör­mé­nyi: Wei­cher Kör­per der Nacht. Roman. Aus dem Unga­ri­schen von Hans-Hen­ning Paetzke. 

Mit­tel­deut­scher Ver­lag, Hal­le 2022, 444 S., 25 €.