Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Einer aus der »Räuberbande«

Saman­tha Bee konn­te es nicht fas­sen. Vor dem Mil­lio­nen-Publi­kum ihrer erfolg­rei­chen poli­ti­schen Come­dy-Sen­dung »Full Fron­tal« des US-Fern­seh­sen­ders TBS empör­te sie sich Anfang Febru­ar, dass nur Tage zuvor aus­ge­rech­net Elliott Abrams aus der – wie sie sie nann­te – »Ban­de räu­be­ri­scher Neo­kon­ser­va­ti­ver« zum Son­der­be­auf­trag­ten der US-Regie­rung für Vene­zue­la ernannt wor­den war. (Über­set­zung hier und im Fol­gen­den: H. S.)

Ein wei­te­rer aus der erwähn­ten »Räu­ber­ban­de« kam gleich zu Beginn der Sen­dung zu Wort: Trumps Sicher­heits­be­ra­ter John Bol­ton, der sich, so Saman­tha Bee, »schon die Pfo­ten leckt bei dem Gedan­ken, dass wir an vene­zo­la­ni­sches Öl kom­men«. Gegen­über Fox-Busi­ness, ein zum Impe­ri­um des reak­tio­nä­ren Mil­li­ar­därs Rupert Mur­doch gehö­ren­der Fern­seh­sen­der, erklär­te er: »Uns inter­es­siert das Öl. Es ist für die Ver­ei­nig­ten Staa­ten öko­no­misch ein gro­ßer Unter­schied, wenn die ame­ri­ka­ni­schen Erd­öl-Gesell­schaf­ten wirk­lich in Vene­zue­la inve­stie­ren und pro­du­zie­ren können.«

Saman­tha Bee ist die bekann­te­ste Allein­un­ter­hal­te­rin des US-Fern­se­hens und wur­de fünf­mal für den Emmy vor­ge­schla­gen. Ein­mal gewann sie die­sen wich­tig­sten US-Fern­seh­preis. Die Zeit­schrift Time wähl­te sie 2017 zu einer der 100 ein­fluss­reich­sten Frau­en der Welt. Ihre Sen­dung zur dro­hen­den mili­tä­ri­schen Ein­mi­schung der USA, die noch bei You­Tube zu fin­den ist, trägt den alar­mie­ren­den Titel »IRAQ 2: Vene­zue­la. Elliott Abrams ›Bit­chin‹ Plan for Vene­zue­la« und for­dert nichts weni­ger als: »Wir soll­ten kei­ne Inva­si­on vor­be­rei­ten – bit­te kein wei­te­res Irak.«

Elliott Abrams war unter US-Prä­si­dent Ronald Rea­gan 1981 zum Lei­ter der Men­schen­rechts­ab­tei­lung des Außen­mi­ni­ste­ri­ums (Assi­stant Secreta­ry of Sta­te for Human Rights and Huma­ni­ta­ri­an Affairs) ernannt wor­den, was vom Außen­po­li­ti­schen Aus­schuss des Senats auch mit den Stim­men der Demo­kra­ten ein­stim­mig bestä­tigt wur­de. Zur glei­chen Zeit – Dezem­ber 1981 – ermor­de­te eine von den USA aus­ge­bil­de­te, aus­ge­rü­ste­te und bera­te­ne Spe­zi­al­ein­heit des Mili­tärs von El Sal­va­dor im dor­ti­gen Bür­ger­krieg mehr als 800 Zivi­li­sten, dar­un­ter hun­der­te Frau­en und Kinder.

Die­se unge­heu­er­li­che Gewalt­tat, das »Mas­sa­ker von El Mozo­te«, gilt laut UNO als eines der schlimm­sten Kriegs­ver­bre­chen in Mit­tel­ame­ri­ka. Nicht so für Elliott Abrams. Sei­ne erste Amts­hand­lung als ober­ster Men­schen­rechts-Chef des Außen­mi­ni­ste­ri­ums war, das Ver­bre­chen zu ver­tu­schen und vor dem US-Senat zu erklä­ren, es han­de­le sich nur um Pro­pa­gan­da der Regie­rungs­geg­ner in El Salvador.

Dann gehör­te der »Men­schen­rechts­ex­per­te« zu den För­de­rern der US-Ter­ror­po­li­tik in Gua­te­ma­la und unter­stütz­te am Kon­gress vor­bei die Con­tras in Nika­ra­gua, die Hun­der­te von Mas­sa­kern ver­üb­ten. Er war, wie Saman­tha Bee her­vor­hob, »in alles Schlim­me der 80er Jah­re ver­wickelt« und sei kein Men­schen­rechts-, son­dern ein »Men­schen-Unrechts-Bera­ter« gewesen.

Für sei­ne Betei­li­gung am Iran-Con­tra-Skan­dal – dem ille­ga­len Waf­fen­ver­kauf der Rea­gan-Regie­rung an Iran und der heim­li­chen Ver­wen­dung des Mil­lio­nen­er­lö­ses für die Unter­stüt­zung der Mord­po­li­tik der Con­tras – wur­de er, zusam­men mit ande­ren Mit­glie­dern der soge­nann­ten Con­tra-Ban­de, ver­ur­teilt. US-Prä­si­dent Geor­ge H. W. Bush sen. begna­dig­te ihn 1992 zusam­men mit fünf wei­te­ren Unter­stüt­zern der Terroristen.

2001 wur­de Elliott Abrams von Prä­si­dent Geor­ge W. Bush zum »Son­der­be­auf­trag­ten des Prä­si­den­ten für Demo­kra­tie, Men­schen­rech­te und Inter­na­tio­na­le Ope­ra­tio­nen« ernannt. Wie der Lon­do­ner Obser­ver berich­te­te, wuss­te er nicht nur über den Staats­streich gegen Vene­zue­las Prä­si­dent Hugo Cha­vez 2002 Bescheid, er habe ihn auch »abge­nickt«.

Bush ernann­te Abrams dann zum Direk­tor des Natio­na­len Sicher­heits­ra­tes für den Nahen Osten und Nord­afri­ka und beauf­trag­te ihn spä­ter mit der Durch­set­zung sei­ner Stra­te­gie zur »Ent­wick­lung der Demo­kra­tie im Aus­land«. Die eng­lisch­spra­chi­ge Wiki­pe­dia beschreibt Abrams als wich­tig­sten Archi­tek­ten des hun­dert­tau­sen­de Opfer for­dern­den Irak­krie­ges 2003. Ein in Saman­tha Bees Sen­dung ein­ge­blen­de­tes Foto zeigt ihn sei­ner dama­li­gen Bedeu­tung ent­spre­chend zwi­schen Vize­prä­si­dent Dick Che­ney und Außen­mi­ni­ste­rin Con­do­leez­za Rice.

Abrams, der ein ent­schie­de­ner Unter­stüt­zer von Isra­el und des­sen Sied­lungs­po­li­tik in den okku­pier­ten palä­sti­nen­si­schen Gebie­ten ist, kri­ti­sier­te spä­ter die Isra­el-Poli­tik von Prä­si­dent Barak Oba­ma und warf ihm vor, »Isra­els gewähl­te Regie­rung zu unterminieren«.

Trotz aller bela­sten­den Tat­sa­chen sei Abrams »immer noch ein aner­kann­tes Mit­glied der Washing­to­ner Gesell­schaft«, beklag­te Saman­tha Bee. Als Beweis spiel­te sie meh­re­re Fern­seh­stel­lung­nah­men zu sei­ner Ernen­nung als Son­der­be­auf­trag­ter der US-Regie­rung für Vene­zue­la ein, dar­un­ter den Kom­men­tar von CNN, der Abrams als jeman­den beschreibt, der »Demo­kra­tie in der Welt ver­brei­tet«. MSNBC nann­te ihn einen »erfah­re­nen Außenpolitikexperten«.

Und Bill Richard­son, gegen­wär­tig wohl einer der ein­fluss­reich­sten Poli­ti­ker der Demo­kra­ti­schen Par­tei, Ener­gie­mi­ni­ster und UN-Bot­schaf­ter unter Prä­si­dent Bill Clin­ton, Prä­si­dent­schafts­be­wer­ber der Demo­kra­ten bei den Vor­wah­len 2008, begrüß­te bei MSNBC die Beru­fung von Elliott Abrams als »gute« Ent­schei­dung. Sie zei­ge, dass jetzt »mode­ra­te außen­po­li­ti­sche Bera­ter der Bush-Regie­rung« ein­ge­setzt wür­den. Richard­son, Vor­sit­zen­der des Gou­ver­neurs­clubs, des zweit­höch­sten Par­tei­gre­mi­ums der Demo­kra­ten, soll­te unter Oba­ma Han­dels­mi­ni­ster wer­den. Doch auf­grund eines Ermitt­lungs­ver­fah­rens gegen ihn wegen Kor­rup­ti­on schei­ter­te das Vorhaben.

»Alles, was Abrams bis­her in Latein­ame­ri­ka unter­nom­men hat, könn­te man als Kriegs­ver­bre­chen anse­hen«, erklär­te Saman­tha Bee in ihrer Sen­dung. Für den frisch ernann­ten Son­der­be­auf­trag­ten der US-Regie­rung für Vene­zue­la wäre daher eher ein »Ver­fah­ren nach dem Vor­bild der Nürn­ber­ger Pro­zes­se pas­send«. Daher ver­lang­te der belieb­te Fern­seh-Star unter Anspie­lung auf den Sitz des Inter­na­tio­na­len Gerichts­hofs der UN und des Inter­na­tio­na­len Straf­ge­richts­hofs in den Nie­der­lan­den: »Schickt Elliott Abrams woan­ders hin. In die­sem Fall wäre Den Haag ganz gut …«