Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Kleine Berlinale-Bilanz

Anders als ihre Kon­kur­ren­ten Can­nes und Vene­dig ver­steht sich die Ber­li­na­le als poli­ti­sches und Publi­kums­fe­sti­val (489.791 Tickets wur­den 2018 ver­kauft) und droh­te dabei auch in ihrem 69. Jahr­gang fast aus allen Näh­ten zu plat­zen. Von Dis­kus­sio­nen bis zum »Kuli­na­ri­schen Kino«, vor Jah­ren von Festi­val­di­rek­tor Die­ter Kosslick ein­ge­führt, der dies­mal in sei­nem letz­ten Amts­jahr, dem 18., immer wie­der als Star­gast gefei­ert wur­de. Täg­lich 200 Gäste lock­te die Kom­bi­na­ti­on von Star­koch-Menü mit einem pas­sen­den Film. Spar­sa­mer ver­lief die Ber­li­na­le-Grün­dung in Tita­nia-Palast zu Kal­ten-Kriegs-Zei­ten 1951.

Im aktu­el­len Jahr­gang nah­men 400 Fil­me teil, von denen 37 Pro­zent von Frau­en stamm­ten – eine Fol­ge der im ver­gan­ge­nen Jahr lei­den­schaft­lich geführ­ten Me-Too-Debatten.

Zum ersten Mal gelang­ten gleich drei deut­sche Fil­me in den Wett­be­werb. Kon­trast­rei­cher konn­ten sie nicht sein. Aktu­ell und zwei­mal Pro­ble­me allein­er­zie­hen­der jun­ger Müt­ter. Ange­la Scha­n­elec erlang­te mit ihrem Film »Ich war zuhau­se, aber« als Ver­tre­te­rin der Ber­li­ner Schu­le end­lich die ver­dien­te Aner­ken­nung, die sie bis­her im Aus­land mehr genoss als hier­zu­lan­de, wo sie an der Deut­schen Film- und Fern­seh­aka­de­mie Ber­lin (DFFB) stu­dier­te. Gleich erfolg­reich war mit ihrem Erst­ling »System­spren­ger« (Fach­aus­druck für Kin­der, die radi­kal jede Regel bre­chen) Nora Fing­scheidt. Sie erhielt den nach dem Ber­li­na­le-Grün­der Alfred Bau­er genann­ten Preis. Gäbe es eine Aus­zeich­nung für den eklig­sten Film, hät­te sie sich Fatih Akin für sein auf dem Kri­mi­nal­ro­man von Heinz Strunk basie­ren­des Por­trät eines Mas­sen­mör­ders, »Der Gol­de­ne Hand­schuh«, ver­dient. Der Titel zitiert eine ver­kom­me­ne Ham­bur­ger Kaschem­me, aus der der Seri­en­mör­der sei­ne weib­li­chen Opfer abschlepp­te, um sie in sei­ner Dach­ge­schoss­woh­nung zu erschla­gen und zu zerstückeln.

Anders als die­ser authen­ti­sche Fall aus den 1970er Jah­ren wag­te sich Fran­çois Ozon in »Grâce à Dieu« an ein ganz aktu­el­les The­ma: die Miss­brauchs­skan­da­le der katho­li­schen Kir­che. Die woll­te sei­nen Film auch ver­bie­ten las­sen, aber sie­ben Ange­klag­te ste­hen in Lyon zur­zeit vor Gericht.

Leich­ter konn­te eine neue chi­ne­si­sche Behör­de die vor­ge­se­he­ne Ber­li­na­le-Auf­füh­rung eines Films ver­hin­dern, weil es dar­in um das unge­lieb­te The­ma von Maos Kul­tur­re­vo­lu­ti­on ging.

Immer­hin schaff­te es der chi­ne­si­sche Bei­trag »Di jiu tian chang« von Wang Xiaoshuai in den Wett­be­werb, in dem das frei­lich nicht mehr ganz so heik­le The­ma der Ein-Kind-Poli­tik kei­ne klei­ne Rol­le spielt. Auch eine Betriebs­ver­samm­lung mit der Ankün­di­gung von Mas­sen­ent­las­sun­gen fehlt nicht. Frau und Mann die­ses mehr als drei­stün­di­gen Fami­li­en­dra­mas konn­ten je einen Sil­ber­bär als beste Dar­stel­ler mit nach Hau­se nehmen.

Unver­ständ­lich dage­gen der Gol­de­ne Bär für Nadav Lapid und sei­nen Film »Syn­ony­mes«. Ein jun­ger Israe­li in Paris auf der Suche nach einer neu­en Iden­ti­tät als fran­zö­si­scher Staats­bür­ger. Unan­ge­neh­mes spart der Film aus. Das lie­fer­te gera­de wäh­rend der Ber­li­na­le Frank­reichs Innen­mi­ni­ster Chri­sto­phe Casta­ner nach: Sein Mini­ste­ri­um hat im ver­gan­ge­nen Jahr 541 anti­se­mi­ti­sche Über­grif­fe regi­striert. Das ent­spricht einem Anstieg von 74 Pro­zent im Ver­gleich zum Vor­jahr. Anti­se­mi­tis­mus brei­tet sich aus wie ein Gift.