Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Die Verwirrung der Verwirrungen

Der wohl älte­ste Bericht über die Bör­se erschien 1688 in spa­ni­scher Spra­che und trug den Titel: »Con­fu­sión de con­fu­sió­nes«. Die deut­sche Erst­über­set­zung von Otto Pringsheim lau­tet ent­spre­chend: »Die Ver­wir­rung der Ver­wir­run­gen«. Der Buch­ti­tel des Dich­ters und Spe­ku­lan­ten Joseph de la Vega (um 1650–1692), der an der Amster­da­mer Bör­se fünf­mal ein Ver­mö­gen gemacht und es eben­so oft ver­lo­ren haben soll, passt aus gegen­wär­ti­ger Sicht gleich­sam wie die Faust auf den Bre­x­it. Auch der Inhalt des Buches – er gibt in vier Dia­lo­gen Gesprä­che zwi­schen einem Kauf­mann, einem Aktio­när und einem Phi­lo­so­phen wie­der und schil­dert die Bör­sen­ver­hält­nis­se des spä­ten sieb­zehn­ten Jahr­hun­derts – dürf­te in der City of Lon­don, die­sem im histo­ri­schen Stadt­kern Lon­dons gele­ge­nen, eine gute Qua­drat­mei­le gro­ßen eigen­stän­di­gen »Finanz­staat im Staa­te«, bei so eini­gen der noch rund 200.000 Ban­ker durch­aus auf zustim­men­des Schmun­zeln sto­ßen. Mit Spie­lern und Spe­ku­lan­ten, die ver­su­chen, »eigen­mäch­tig über die Höhe ihres Ver­dien­stes zu ent­schei­den, und dazu Zir­kel gebil­det haben«, ken­nen sie sich bestens aus. Und tref­fen­der als de la Vega kön­nen sie gewiss nicht auf den Punkt brin­gen, was die Spe­ku­lan­ten im wich­tig­sten Finanz­zen­trum der Welt, wo rund 40 Pro­zent des welt­wei­ten Deri­va­te­han­dels abge­wickelt wer­den, trei­ben: »Das Laby­rinth von Kre­ta war nicht ver­wickel­ter als das Laby­rinth ihrer Plä­ne. Wäh­rend aus dem erste­ren ein The­seus mit dem Ari­ad­ne­fa­den her­aus­fand, konn­ten aus dem Laby­rinth der Bör­se vie­le nur mit dem Lebens­fa­den her­aus­kom­men: Kein Faden ist so fein als die Schli­che der Spe­ku­lan­ten[,] und kein Haar ist so dünn, daß sie es nicht in der Luft mit ihren Spitz­fin­dig­kei­ten zer­schnei­den.« (»Die Ver­wir­rung der Ver­wir­run­gen. Vier Dia­lo­ge über die Börse in Amster­dam«, ü̈bersetzt und ein­ge­lei­tet von Dr. Otto Pringsheim, Bres­lau 1909, S. 33)

Spe­ku­lie­ren müs­sen zahl­rei­che »Bank­ster« – so das eng­li­sche Wort­spiel mit Gang­ster – in die­sen brexi­sti­schen Tagen nicht nur dar­auf, in wel­che ande­re euro­päi­sche Bank­me­tro­po­le ihr Arbeits­platz wohl ver­legt wird, son­dern auch, wie hoch die zugleich abflie­ßen­den Finanz­mit­tel am Ende der Cha­os-Tage sein wer­den. So müs­sen Zei­tungs­be­rich­ten zufol­ge fast 10.000 Beschäf­tig­te Lon­don ver­las­sen und künf­tig in Frank­furt am Main arbei­ten. Die US-Ban­ken Gold­man Sachs, JP Mor­gan, Mor­gan Stan­ley und Citigroup haben bereits Bilanz­ak­ti­va in Höhe von 250 Mil­li­ar­den Euro nach Frank­furt trans­fe­riert, wäh­rend die Deut­sche Bank eine grö­ße­re Mit­tel- und Arbeits­platz­ver­le­gung gera­de plant. Die Schwei­zer Groß­bank UBS sie­delt ihre EU-Zen­tra­le nun in Frank­furt und nicht im Wind­schat­ten des Big Ben an, die Credit Suis­se ver­legt ihren Tra­ding Hub nach Madrid und eini­ge ande­re Akti­vi­tä­ten an den Main. Ende 2018 emp­fahl das Insti­tut übri­gens den reich­sten Kun­den, ihr Geld noch vor dem Bre­x­it aus Groß­bri­tan­ni­en zu schaf­fen. Ande­re Finanz­markt­ak­teu­re wie etwa die fran­zö­si­schen Geld­häu­ser BNP Pari­bas, Cré­dit Agri­co­le und Socié­té Géné­ra­le zie­hen mit diver­sen Abtei­lun­gen zurück ins hei­mi­sche Paris – die Bank of Ame­ri­ca ist mit von der Par­tie. Die bri­ti­sche Bank Bar­clays hat wie­der­um Ver­mö­gens­wer­te in Höhe von mehr als 165 Mil­li­ar­den Pfund Ster­ling an ihre iri­sche Nie­der­las­sung trans­fe­riert und wird nun wohl die größ­te iri­sche Bank. Und so wei­ter und so fort – was der lau­fen­de Abzug von Fach­kräf­ten und Ver­mö­gens­wer­ten für die City of Lon­don bedeu­tet, in der vor einem Jahr rund 250 aus­län­di­sche Ban­ken Nie­der­las­sun­gen betrie­ben haben und ein Drit­tel des glo­ba­len Devi­sen­han­dels abge­wickelt wur­de, lau­tet nüch­tern: gerin­ge­re Steu­er­ein­nah­men für die bri­ti­sche Regie­rung, weni­ger Arbeits­plät­ze, abge­schwäch­te Geschäf­te. Ganz zu schwei­gen von ande­ren Bran­chen und vor allem der Indu­strie, wo das Bre­x­it-Cha­os immer mehr Arbeits­plät­ze und Ver­dienst­chan­cen killt. Wie stark wird der Finanz­markt­sek­tor, der bis­lang sagen­haf­te 6,5 Pro­zent des bri­ti­schen Brut­to­in­lands­pro­duk­tes mach­te, in näch­ster Zukunft schrump­fen? Zumal die Bre­x­it-Lage immer unüber­sicht­li­cher erscheint. Dass das Ver­ei­nig­te König­reich die EU pünkt­lich am 29. März ver­las­sen wird, und das hat die Regie­rung von The­re­sa May bis­lang als sakro­sankt behaup­tet, glaubt inzwi­schen kaum ein Spe­ku­lant mehr. Denn das Par­la­ment hat den Aus­tritts­ver­trag immer noch nicht gebil­ligt und wird, wenn das am 12. März, dem näch­sten Abstim­mungs­ter­min, so bleibt, am 14. März mög­li­cher­wei­se eine Ver­schie­bung des Bre­x­it beschlie­ßen. Jeden­falls lehnt eine gro­ße Mehr­heit der Abge­ord­ne­ten quer durch alle Par­tei­en einen unge­re­gel­ten Bre­x­it ohne eine min­de­stens zwei­jäh­ri­ge Über­gangs­pha­se, dafür mit Zöl­len und Zoll­kon­trol­len, abso­lut ab. Eine chao­ti­sche Tren­nung von der EU wird es also höchst­wahr­schein­lich nicht geben. Ob der vom Par­la­ment jetzt mehr­heit­lich gewünsch­te exklu­si­ve Deal über Blei­be­rech­te für EU-Bür­ger in Groß­bri­tan­ni­en und Bri­ten in EU-Mit­glieds­staa­ten zustan­de kommt, ist die jüng­ste span­nen­de Fra­ge. Bis­lang lehnt die EU-Kom­mis­si­on einen außer­halb des ver­han­del­ten Aus­tritts­ab­kom­mens fun­gie­ren­den, spe­zi­el­len Blei­be­recht-Ver­trag ab. Nur am Ran­de: Ein gutes Drit­tel der Ange­stell­ten im Finanz­staat City of Lon­don stammt aus EU- und ande­ren Ländern.

Kurz­um: Für Spie­ler und Spe­ku­lan­ten sind mit der Ver­wir­rung der Ver­wir­run­gen um den Bre­x­it nach­ge­ra­de para­die­si­sche Zustän­de ein­ge­tre­ten. Viel­leicht fällt er ja sogar ins Was­ser. Für poli­ti­sche Wet­ten, die min­de­stens so pro­fi­ta­bel sein kön­nen wie die übli­chen mit­tels der Hebel­pro­duk­te Con­tracts for Dif­fe­rence (CFDs) auf Kurs­ent­wick­lun­gen von Akti­en oder Indi­zes, gibt es gegen­wär­tig kein Hal­ten mehr. Selbst der bri­ti­sche Sport­wet­ten­mo­loch Bet365 bie­tet Poli­tik­wet­ten an (als Spe­zi­al­wet­ten getarnt). Das Online-Glücks­spiel­un­ter­neh­men umgarnt welt­weit mehr als 35 Mil­lio­nen Kun­den und beschäf­tigt rund 4300 Mit­ar­bei­ter. Am Stamm­sitz in der rund 250.000 See­len zäh­len­den Stadt Sto­ke-on-Trent ist es der größ­te pri­va­te Arbeit­ge­ber. Che­fin Deni­se Coa­tes – sie hält etwas mehr als die Hälf­te der Antei­le an dem Fami­li­en­un­ter­neh­men – hat 2018 nicht gera­de schlecht ver­dient. Sie erhielt 220 Mil­lio­nen Pfund und dazu Divi­den­den in Höhe von 45 Mil­lio­nen Pfund – umge­rech­net ins­ge­samt fast 300 Mil­lio­nen Euro. Wohl­ge­merkt mit einem Geschäfts­mo­dell, das mög­lichst vie­le Spie­ler um ihre Exi­stenz bringt. Wäh­rend Denis Coa­tes, deren Vater den fir­men­ei­ge­nen Fuß­ball­club Sto­ke City betreut, wahr­lich im Geld schwimmt, müs­sen an die 40 Pro­zent der Haus­hal­te in Sto­ke mit weni­ger als 16.000 Pfund (gut 18.000 Euro) im Jahr über die Run­den kom­men, sind 3000 Bür­ge­rin­nen und Bür­ger von Lebens­mit­tel­ta­feln abhän­gig. Wel­che Fol­gen eine extre­me Austeri­täts­po­li­tik nach sich zieht, konn­te Joseph de la Vega 1688 nicht wis­sen – ver­wir­rend sind sie nicht, wie es scheint, eher lähmend.