Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu
Close
Skip to content

Linke Rechthaberei

Ich gehö­re zu jenen Men­schen, die ver­su­chen zu ver­fol­gen, was die Par­tei Die Lin­ke umtreibt – und was ver­schie­de­ne lin­ke Strö­mun­gen in der Gesell­schaft so alles tun und lassen.

Gele­gent­lich tau­chen neue Ideen auf, von Auf­stehn über Unteil­bar bis zu Abgren­zen, wobei Wort­bal­lun­gen wie »Die Leh­ren der Geschich­te«, »Ver­söhn­ler am Ran­de«, »Ideo­lo­gen, die nichts ver­stan­den haben« oder auch »Hel­fers­hel­fer des kapi­ta­li­sti­schen Systems« sich immer wie­der breit­ma­chen. Da gel­ten zum einen die »Gelb­we­sten« als abso­lut rich­ti­ge Reak­ti­on auf die Zumu­tun­gen des Mono­pol­ka­pi­tals, und da sind die­sel­ben ande­rer­seits vom Geist des Anti­se­mi­tis­mus durch­drun­gen. Und bei­de Sei­ten wis­sen immer ganz genau, war­um sie Recht haben und das Gelb ent­we­der Braun oder Rot ist.

Sowohl in Grund­satz­re­fe­ra­ten als auch in den Kom­men­ta­ren dazu tau­chen sie eben­falls gern auf: die Zurecht­wei­sun­gen wegen fal­schen Den­kens, wegen Abwei­chun­gen von der als rich­tig erkann­ten Linie, die Schel­te wegen einer fal­schen Geschichts­be­trach­tung und natür­lich Abrech­nun­gen mit Men­schen, die ein­fach nicht ein­se­hen wol­len, dass sie ver­fehl­te Argu­men­te nut­zen, die Logik des Geg­ners bedie­nen und ein völ­lig fal­sches Hei­mat­bild haben.

Um bei letz­te­rem zu blei­ben: Hei­mat ist reak­tio­när, heißt es, Hei­mat ist da, wo Clan­kri­mi­na­li­tät herrscht, der Hei­mat­be­griff ist von jeher ein­fach ver­ab­scheu­ens­wert. Denn ein rich­ti­ger, also par­tei­li­cher Den­ker, hat kei­ne Hei­mat. Schließ­lich haben alle Recht­ha­ber mal irgend­wo gele­sen: Kom­mu­ni­sten sind Tote auf Urlaub. Und wie­so soll man im Urlaubs­land eine Hei­mat haben?

Doch wenn man dann von der Hei­mat auf die Nicht­hei­mat Euro­pa kommt: Die rich­ti­gen Kri­ti­ker wis­sen, dass die EU grund­sätz­lich und immer nur den Inter­es­sen des Kapi­tals dient, wäh­rend die noch rich­ti­ge­ren Recht­ha­ber längst bewie­sen haben, dass die EU nur dann zum Guten, also Lin­ken geän­dert wer­den kann, wenn die Arbei­ter­klas­se end­lich die Macht ergrif­fen und alle Ver­söhn­ler und fal­schen Ideo­lo­gen hin­weg­ge­fegt hat und Euro­pa end­lich ein pro­le­ta­ri­scher Bund von sozi­al aus­ge­rich­te­ten Natio­nal­staa­ten … oder bin ich jetzt auf einer AfD-Schie­ne ausgerutscht?

Übri­gens ist es gleich, ob das Pro bezie­hungs­wei­se Kon­tra in der­lei angeb­lich lin­ken Debat­ten Gysi oder Wagen­knecht, Kip­ping oder Bartsch, Dağ­de­len oder Lötzsch, Lie­bich oder Rame­low oder über­haupt jedem, der als Lin­ker ein Regie­rungs­amt hat, gilt: Wer oben steht, womög­lich popu­lär ist, wer sich mit Humor in Debat­ten ein­mischt, kann gar kein rich­ti­ger lin­ker Den­ker sein, denn als Lin­ker ist man ver­bie­stert bis ver­bis­sen, hat abso­lut Recht und immer die Pflicht, auf alle fal­schen Mei­nun­gen sei­ne rich­ti­ge zu setzen.

Gewiss, ich tei­le hier nur mein all­ge­mei­nes Unbe­ha­gen mit, das sich an der Spra­che der Recht­ha­ber reibt. Ich geste­he, dass mir die Hei­mat­tü­me­lei eines Voll­horsts genau­so auf den Wecker geht, wie die Mei­nung der Hei­mat­fein­de, die die Bom­bar­die­rung Dres­dens als wert- und wür­de­voll emp­fin­den, weil damit ein fal­scher, in den faschi­sti­schen Abgrund geführt haben­der Hei­mat­be­griff schon 1945 aus­ra­diert wurde.

Wo kommt sie wohl her, die­se Recht­ha­be­rei unter Lin­ken? Steckt sie unter einer Decke mit denen, die die­ses Land radi­kal und zwar radi­ka­ler als man je zu den­ken wag­te, ver­än­dern wollen?

Man wird ja wohl noch sei­ne Argu­men­te aus­brei­ten dür­fen. Man wird ja wohl noch sei­ne Mei­nung haben kön­nen. Man wird ja wohl noch sagen dür­fen, dass der Genos­se, der Par­tei­freund eigent­lich ein Par­tei­feind ist, dass die Welt sich immer nach den schlag­kräf­ti­ge­ren Argu­men­ten bewegt, dass man fal­sche Mei­nun­gen mit Stumpf und Stiel aus­rot­ten muss, damit nie­mals mehr jemand wagt, einen lin­ken Recht­ha­ber auch nur scheel anzusehen …