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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Friedrich Wilhelm Wagner

Die Lyrik­rei­he »Poe­sie­al­bum« wur­de 1967 von dem Lyri­ker und Erzäh­ler Bernd Jent­zsch gegrün­det. Sie erschien monat­lich im Ver­lag Neu­es Leben Ber­lin und stell­te jeweils auf 32 Sei­ten inter­na­tio­na­le Dichter/​innen der Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart sowie jun­ge Poe­ten der DDR vor. Ergänzt wur­de jedes ein­zel­ne Heft durch eine dop­pel­sei­ti­ge Gra­fik. Und das zu einem Preis von 90 Pfen­ni­gen, der sich bis zur Wen­de nicht änder­te. In der DDR wur­den die schma­len Heft­chen zum begehr­ten Samm­ler­ob­jekt von lite­ra­tur­be­gei­ster­ten Lesern. So war man jeden Monat in fro­her Erwar­tung. Bis 1990 erschie­nen 275 Hef­te, dazu fünf­zehn Sonderhefte.

In den 1990er Jah­ren gab es dann eini­ge Ver­su­che, die Rei­he fort­zu­füh­ren; aber erst 2007 gelang es, das »Poe­sie­al­bum« durch den Mär­ki­schen Ver­lag Wil­helms­horst wie­der ins Leben zu rufen, zusam­men mit dem Rei­hen­be­grün­der Bernd Jent­zsch, der auch die ersten Aus­ga­ben betreu­te. Seit­dem erscheint die Lyrik­rei­he wie­der im zwei­mo­na­ti­gen Rhyth­mus, auch mit der längst lieb­ge­won­ne­nen Gra­fik. Neben Neu­ent­deckun­gen wer­den auch Lücken im Spek­trum der Lyri­ker auf­ge­ar­bei­tet, die zu DDR-Zei­ten aus poli­ti­schen Grün­den nicht auf­ge­nom­men wer­den konn­ten. Inzwi­schen sind unter dem neu­en Ver­le­ger Klaus-Peter Anders fast hun­dert neue Hef­te erschie­nen. Das neue »Poe­sie­al­bum 374« ist dem rhein­land-pfäl­zi­schen Schrift­stel­ler Fried­rich Wil­helm Wag­ner gewid­met, der zu den ver­ges­se­nen Ver­tre­tern des deut­schen lite­ra­ri­schen Expres­sio­nis­mus gehört. Bereits mit 19 Jah­ren ver­öf­fent­lich­te er sei­nen ersten und ein Jahr spä­ter sei­nen zwei­ten Gedicht­band. Danach publi­zier­te er Gedich­te und Pro­sa in zahl­rei­chen Zeit­schrif­ten. 1920 folg­ten sei­ne bei­den Gedicht­zy­klen »Irren­haus« und »Jung­frau­en plat­zen män­ner­toll«. Doch danach ver­stumm­te sei­ne lyri­sche Stimme.

Die bio­gra­fi­schen Doku­men­te sind spär­lich und begren­zen sich weit­ge­hend auf die Zeit­span­ne sei­nes Wir­kens von 1911 bis 1920. Wag­ner wur­de am 16. August 1892 in Hennweiler/​Hunsrück gebo­ren und stu­dier­te nach dem Abitur für zwei Seme­ster an der Phi­lo­so­phi­schen Fakul­tät der Uni­ver­si­tät Mün­chen. Doch dann ende­te sein gere­gel­tes Leben. Es folg­ten stän­dig wech­seln­de kur­ze Auf­ent­hal­te in Mün­chen, Paris, Zürich und Hei­del­berg. In Zürich hat­te er Anschluss an die Expres­sio­ni­sten und Dada­isten und trat dort im lite­ra­ri­schen Caba­ret »Pan­ta­gru­el« auf, einem Vor­läu­fer des legen­dä­ren Caba­rets »Vol­taire«. Die Fol­gen die­ser Odys­see waren eine Tuber­ku­lo­se­er­kran­kung und eine fort­dau­ern­de Mor­phi­um­sucht. Sei­ne letz­ten Gedich­te erschie­nen 1921. Über die Lebens­jah­re wäh­rend der 1920er Jah­re gibt es wenig ver­läss­li­che Daten. Schließ­lich starb Wag­ner am 22. Juni 1931 im Lun­gen­sa­na­to­ri­um Schöm­berg im Schwarzwald.

Die Aus­wahl der Gedich­te hat der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler und Schrift­stel­ler Wil­fried Ihrig zusam­men­ge­stellt, der vor zwei Jah­ren Wag­ners »Gesam­mel­te Wer­ke« her­aus­ge­bracht hat. Es sind meist knap­pe Gedich­te, die sich durch unge­wöhn­li­che, mit­un­ter beklem­men­de Bil­der aus­zeich­nen – wie in dem Gedicht­band »Irren­haus«: »Man hat uns aus der Welt /​ In das Dun­kel gestellt. /​ Man hat mit Stan­gen /​ Uns umgit­tert, /​ An denen unser Blick zer­split­tert.« Doch sind dies kei­nes­wegs Ver­se eines Gei­stes­kran­ken. Das Gro­tes­ke ist viel­mehr Aus­druck der Ein­sam­keit und Ver­zweif­lung. Sie sind aus tief­ster Not geschrie­ben von einem Men­schen, der hilf­los der Welt gegen­über­steht. Neben dem Über­druss an dem Bestehen­den wird gleich­zei­tig die Sehn­sucht nach Lie­be und Gebor­gen­heit aus­ge­drückt. Ergänzt wird die Neu­erschei­nung im Mit­tel­teil mit einer Gra­fik von Ale­xej von Jaw­len­sky (1864-1941), des­sen berühm­tes Gemäl­de »Schok­ko mit rotem Hut« auch das Cover ziert. Die Neu­ent­deckung eines expres­sio­ni­sti­schen Lyri­kers und eine will­kom­me­ne »Poesiealbum«-Bereicherung.

Fried­rich Wil­helm Wag­ner: Poe­sie­al­bum 374, Mär­ki­scher Ver­lag, Wil­helms­horst 2022. 32 S., 5,00 €.