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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Nötige Nötigung

»Wir müs­sen schnell han­deln. Ich glau­be, was wir in den näch­sten drei bis vier Jah­ren tun, wird über die Zukunft der Mensch­heit ent­schei­den«, sag­te Sir David King, der ehe­ma­li­ge wis­sen­schaft­li­che Chef­be­ra­ter der bri­ti­schen Regie­rung im Bereich Kli­ma 2021, und die Kaba­ret­ti­stin Hazel Brug­ger ergänz­te jüngst scherz­haft zu die­sem The­ma: »Was braucht es, damit Deutsch­land das Tem­po­li­mit ein­führt? Eine Alien-Invasion?«

Ali­ens sind auf deut­schen Stra­ßen bis­her noch nicht gesich­tet wor­den, dafür aber immer häu­fi­ger Frau­en und Män­ner der »Letz­ten Genera­ti­on«, die sich ali­en­haft mit spek­ta­ku­lä­ren Aktio­nen in die media­le und gesell­schafts­po­li­ti­sche Debat­te um das The­ma Kli­ma­wan­del hin­ein­ka­ta­pul­tiert haben. Der Jour­na­list Jan Heidt­mann bringt die­ses gesell­schafts­po­li­ti­sche Phä­no­men in der Süd­deut­schen Zei­tung fol­gen­der­ma­ßen auf den Punkt: »Inner­halb eines Jah­res ist die ›Letz­te Genera­ti­on‹ mit ihren umstrit­te­nen Pro­te­sten zum Bür­ger­schreck gewor­den – und gewinnt gera­de dadurch immer mehr Zulauf.« Das stimmt, denn es ver­geht seit Wochen kaum ein Tag, an dem sich die »Letz­te Genera­ti­on« nicht medi­en­wirk­sam zu Wort mel­det: Mit Stra­ßen­blocka­den, Kar­tof­fel­brei und Sup­pe auf Kunst­ge­mäl­den, mit kle­ben­den Hän­den am Diri­gen­ten­pult in der Elb­phil­har­mo­nie, mit Wis­sen­schaft­lern und Stu­den­ten im baye­ri­schen Poli­zei­ge­wahr­sam, mit Gre­gor Gysi als Anwalt vor dem Amts­ge­richt Tier­gar­ten und immer häu­fi­ger als Talk­gä­ste bei Maisch­ber­ger, Will, Lanz und Co. Das ist beein­druckend und ganz offen­sicht­lich bit­ter nötig, auch wenn uns nicht vor weni­gen Tagen auch noch die letz­te UN-Kli­ma­kon­fe­renz im ägyp­ti­schen Scharm asch-Schaich wei­test­ge­hend ergeb­nis­los um die Ohren geflo­gen wäre.

Wor­um es der »Letz­ten Genera­ti­on« im Kern geht, ist nicht mehr erklä­rungs­be­dürf­tig, aber es hapert noch mit der rechts­staat­li­chen Akzep­tanz ihrer Aktio­nen zivi­len Unge­hor­sams, die sie mit fol­gen­der For­de­rung ver­knüp­fen: »Im Ange­sicht des Kli­ma­kol­laps brau­chen wir jetzt ein Tem­po­li­mit von 100 km/​h auf deut­schen Auto­bah­nen und ein dau­er­haf­tes 9-Euro-Ticket. Ein Tem­po­li­mit von 100 km/​h wür­de jähr­lich bis zu 5,4 Mil­lio­nen Ton­nen CO2 ein­spa­ren. Es ist sofort umsetz­bar und das nahe­zu kosten­los. Eine Mehr­heit für ein all­ge­mei­nes Tem­po­li­mit gibt es bereits, und wir brau­chen jede Treib­haus­gas-Ein­spa­rung, die wir krie­gen kön­nen. Ein Tem­po­li­mit kann sogar ganz direkt Men­schen­le­ben ret­ten, weil es zu weni­ger Ver­kehrs­to­ten kommt. Bezahl­ba­re Bah­nen sind in Zei­ten stei­gen­der Lebens­hal­tungs­ko­sten nur gerecht! Außer­dem wür­de ein dau­er­haf­tes 9-Euro-Ticket sogar noch mehr CO2 ein­spa­ren als ein Tempolimit.«

Bei der straf­recht­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung um die Pro­te­ste der »Jun­gen Genera­ti­on« geht es meist um den Nöti­gungs­pa­ra­gra­phen (§ 240 StGB), der den Kli­ma­ak­ti­vi­sten infol­ge ihrer Stra­ßen­blocka­den zur Last gelegt wird. Vor eini­gen Jahr­zehn­ten gab es mit dem Nato-Dop­pel­be­schluss und der ihm fol­gen­den Atom­waf­fen­sta­tio­nie­rung in Deutsch­land ein gesell­schafts­po­li­ti­sches Reiz­the­ma, was eben­falls tau­sen­de von (Friedens-)Aktivisten land­auf und land­ab in Gerichts­sä­le geführt hat. Auch damals wur­den Sitz­blocka­den vor Atom­waf­fen­la­gern als straf­ba­re Nöti­gung bewer­tet, es kam zu unzäh­li­gen Straf­ver­fah­ren, und etwa 200 Men­schen saßen ihre Stra­fe in bun­des­deut­schen Gefäng­nis­sen ab, weil sie sich im Recht fühl­ten und des­halb nicht bereit waren, die gegen sie ver­häng­ten Geld­stra­fen zu beglei­chen. Über meh­re­re Jah­re führ­ten Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt und Bun­des­ge­richts­hof einen hef­ti­gen Streit um die Mei­nungs­ho­heit zur Fra­ge der Straf­bar­keit von gewalt­frei­en Sitz­blocka­den, bis im Janu­ar 1995 das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die juri­sti­sche Not­brem­se zog und fol­gen­des ent­schied: »Die erwei­tern­de Aus­le­gung des Gewalt­be­griffs in § 240 Abs. 1 StGB im Zusam­men­hang mit Sitz­de­mon­stra­tio­nen ver­stößt gegen Art. 103 Abs. 2 GG« (BVerfGE 92, 1 – Sitz­blocka­den II). In der Fol­ge muss­ten tau­sen­de von Urtei­len auf­ge­ho­ben wer­den, die Ange­klag­ten erhiel­ten ihrer bezahl­ten Geld­stra­fen zurück, beka­men ihre Anwalts­ko­sten ersetzt, und die Inhaf­tier­ten beka­men 20 DM Haft­ent­schä­di­gung für einen Tag ver­büß­ter Ersatzfreiheitsstrafe.

Zuvor war ein erbit­ter­ter Kampf um die Recht­mä­ßig­keit von Sitz­blocka­den geführt wor­den, und in den juri­sti­schen Begrün­dun­gen kam es immer wie­der zu kaf­ka­esk anmu­ten­den Stil­blü­ten. So begrün­de­te das Land­rats­amt Reut­lin­gen die Recht­mä­ßig­keit einer Fest­nah­me von drei Sitz­blockie­rern vor dem ehe­ma­li­gen Atom­waf­fen­la­ger Gro­ßeng­stin­gen auf der Schwä­bi­schen Alb mit fol­gen­den Wor­ten: »Dadurch, dass Sie vor dem Tor 1 der Eber­hardt-Finck-Kaser­ne der Bun­des­wehr in Gro­ßeng­stin­gen eine Sitz­blocka­de durch­führ­ten, war die Funk­ti­ons­fä­hig­keit der Streit­kräf­te der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land gestört, da die erfor­der­li­che freie Zufahrt nicht mehr jeder­zeit gewähr­lei­stet war.«

Damals wie heu­te nerv­ten die Sitz­blocka­den, und damals wie heu­te waren sie bit­ter nötig, führ­ten sie doch letzt­lich zu einer drin­gend not­wen­di­gen Sen­si­bi­li­sie­rung für den eigent­li­chen Kon­flikt­ge­gen­stand. So funk­tio­niert Demo­kra­tie. Und das ist auch gut so!